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Tour de France 2020

Grande Boucle

Von Lennart Böhm

Der Slowene Tadej Pogačar, Gewinner der Tour de France 2020, © picture alliance / abaca

20. August 2020

Die pandemiebedingt später als traditionell ausgetragene Tour de France 2020 war voller Spannung und nicht nur wegen der Corona-Krise einzigartig. 

Die Tour startet in Nizza unter strengen Hygienevorschriften, mit strikten Regeln und Maßnahmen: u. a. werden die Fahrer vor der Tour und an Ruhetagen auf das Corona-Virus getestet. Sollte es mehr als ein positives Testergebnis pro Team geben, scheidet es aus (wozu es nicht kommt). Fans haben mindestens zwei Meter Abstand zu den Fahrern zu halten und sind angehalten, Masken zu tragen (wozu es nicht immer kommt). Pro Etappe sind im Start- und Zielbereich, sowie am Streckenrand nicht mehr als 5000 Zuschauer erlaubt – die aktuell offizielle Teilnehmergrenze für Veranstaltungen wird – nicht zuletzt im Hinblick auf das weltweite Publikum und die Entschlossenheit der französischen Regierung bei der Bekämpfung der Epidemie – penibel eingehalten.

Die Tour in Zeiten von Corona

Die erste Etappe – drei Rundkurse im Hinterland von Nizza mit Ankunft auf der Promenade des Anglais – ist wegen ihrer Stürze bemerkenswert. So scheidet der Deutsche John Degenkolb vom Team Lotto-Soudal schnell aus. Im Raum steht weiterhin die Frage, ob die Tour tatsächlich in Paris enden wird.

Mit dem ersten Ruhetag nach neun Etappen werden wie geplant weitere Corona-Tests durchgeführt. Positiv getestet wird neben einigen Team-Betreuern, für die die Ausschlussregeln nicht gelten, ausgerechnet der Direktor der Tour, Christian Prudhomme, der zuvor mit Premierminister Jean Castex (dessen Testergebnis negativ ist) im Auto unterwegs war.

Gleichzeitig steigen die Fallzahlen der Neuinfektionen in Frankreich exponentiell. Bei der Königsetappe auf den Col de la Loze bei Méribel machen sich dennoch viele Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Weg zum Gipfel. Die Corona-Maßnahmen verbieten es, oben an der Strecke zu stehen. Was zum Schutz der „inneren Blase” der Fahrer gedacht ist, führt zu dichtem Getümmel kurz vor der festgelegten Grenze; Masken tragen wiederum längst nicht alle.

Der Tag endet ohne den Vorjahressieger der Tour, Egan Bernal, der bis Ende Juli wegen des Lockdowns in seiner Heimat Kolumbien bleiben und den Peloton nach gesundheitlichen Problemen vorzeitig verlassen muss.

Wie ein Wespenschwarm

Mit dem Ausstieg Bernals fällt das Augenmerk auf den Slowenen Primož Roglič, dessen Team Jumbo-Visma schwarz-gelb wie ein Wespenschwarm das Fahrerfeld steuert und so die Rolle von Bernals Team Ineos ablöst. Mittlerweile hat der 21-jährige Tadej Pogačar Bernal das Trikot des besten Nachwuchsfahrers sowie das Bergtrikot übernommen. Pogačar vom UAE Team Emirates zeigt bei der Siegerehrung ein neues Accessoire: Seine Maske fürs Podium ist weiß wie immer für die Nachwuchswertung – und weiß mit roten Punkten für die Bergwertung.

Der Autor im Windkanal, © Ivan Toscanelli

Die Dominanz des Teams Jumbo-Visma lässt einen vorhersehbaren Ausgang vermuten – wäre nicht das einzige Zeitfahren dieser Tour erst auf der vorletzten Etappe. Schließlich schreibt die inoffizielle Regel vor, dass auf der letzten Etappe – der „Tour d’Honneur” – niemand mehr den Führenden attackiert, um ihm eine angemessene Zieleinfahrt auf den Champs-Élysées zu ermöglichen.

Im Einzelzeitfahren wird folglich der Sieger der Tour de France entschieden – 2020 mit einem Mal der lange Zeit hinter Primož Roglič zweitplatzierte Tadej Pogačar. Das Ziel des Zeitfahrens, La Planche des Belles Filles, liegt hinter einer Steigung von durchschnittlich 11%. Die nur 36 km kurze Strecke sorgt dafür, dass die meisten Fans an diesem Anstieg stehen und endgültig die Pandemie zu vergessen scheinen. Die „innere Blase“ ist passé. Bei der Siegerehrung dieser vorletzten Etappe trägt Tadej Pogačar eine – wie stets zum Wertungstrikot passende – gelbe Maske. Sportsgeist beweist der unterlegene Roglič, als er Pogačar zum Sieg der Etappe gratuliert. Eine würdevolle Geste.

Auf dem Siegerpodest

Die letzten Runden über die Champs-Élysées finden vor Ort nahezu ohne Publikum statt. Die Sieger müssen ihre Pokale diesmal selbst mit aufs Podium bringen; „Offizielle“ sind nicht zugegen. Das grüne Trikot für den Fahrer mit den meisten Punkten gewinnt der Ire Sam Bennett. Pogačars Eltern und sein Bruder dürfen immerhin nah am Podium jubeln; seine Mutter – die im slowenischen Ljubljana Französisch (sic!) unterrichtet – hält sich an das Abstandsgebot und gratuliert ihrem plötzlich weltberühmten Sohn mit einem „Fist Bump“ à la Barack Obama. Corona oblige.

Für das Siegerfoto stehen Tadej Pogačar, Primož Roglič und Richie Porte kurz ohne Maske auf dem Podium. Als sich abschließend alle Sieger der einzelnen Wertungen versammeln, „begleiten“ zwei Mannequin-Torsi Pogačar: Sie tragen für ihn das gepunktete Bergtrikot und das weiße Trikot der Nachwuchswertung.

Immer wieder Präsenz gezeigt haben bei der diesjährigen Tour auch die deutschen Fahrer – allen voran Lennard Kämna mit seinem grandiosen Etappensieg in Villard-de-Lans.

Sein Traum sei lediglich die Teilnahme an der Tour gewesen, sagt Tadej Pogačar nach seinem Sieg. Mit 21 Jahren ist er der jüngste Gewinner der „Großen Schleife“ Grande Boucle (wie die Tour auch genannt wird) seit Henri Cornet, der sie 19-jährig 1904 gewann, und der erste Slowene überhaupt.

Linktipp

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