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Deutsch-Französische Kolumne

Virologen-Pandemie

Von Martin Graff

Didier Raoult auf dem Cover de l'hebdomadaire Valeurs, © S. Pech, Shutterstock

30. April 2021

Plötzlich waren sie da. Sie flattern quotidiennement via Bildschirm in unsere Stuben wie ein Schwarm unbekannter Vögel: die Virologen.

Sie tauchten in der Öffentlichkeit auf, als die Fußballspieler dank Covid-19 untertauchten, ce qui facilita la montée en puissance de leur popularité. Die Virologen: eine neue Gattung, en France comme en Allemagne.

Die Wissenschaft als Volkssport. En réalité nous ne comprenons pas grand-chose à leurs explications. Aber sie beruhigen uns. Sie haben als Spürnasen des Covid-19 quasi eine priesterliche Funktion übernommen, aber sie streiten sich wie fundamentalistische mit liberalen Bibelforschern.

Spannend finde ich die Kamera-Virologen. Sie kurven um unsere Lunge herum wie in einem Science-Fiction-Film. Das hat auch eine esoterische Dimension. Die Bilder erinnern mich an die Kristallwelten von Wattens bei Innsbruck, wo André Heller für Swarovski eine Höhle entwarf. Damals drehte ich Surfen im Jenseits für das ZDF.

Wir staunen über Covid-19. Dabei gibt es zahlreiche Filmproduktionen wie z. B. Virus, von Aashig Abu. Der Staat Kerola wird vom Virus Nipah heimgesucht. Also nichts Neues unter der Sonne. Sauf la différence entre film et réalité.

Hunderte von Virologen buhlen hüben wie drüben um Aufmerksamkeit. Virus-Imperator Christian Drosten ist in Frankreich bekannt. Virus-Imperator Didier Raoult vielleicht weniger in Deutschland. Mais il est la star indiscutable parmi les virologues tricolores : futur prix Nobel naturellement, parce qu’il est français.

Der Franzose aus Marseille raconte que le Covid-19 provoque moins de morts que les accidents de trottinette. Er nimmt die ganze Sache nicht so ernst, bald wird das Virus wegfliegen wie die Störche im Herbst. Gesundheitsminister Véran beschimpft ihn: „Tu t’es planté !“ Du hast Dich geirrt.  Macron hat ihn dennoch besucht. Mein Schulfreund Marc, Arzt in Marseille, a travaillé avec lui: „un génie“, sagt er.

Der zarte Drosten sieht mit dem schwarzen Haarschopf wie ein Franzose aus. Raoult, der Draufgänger, ähnelt mit seiner blonden Mähne et sa carrure d’haltérophile einem Germanen aus dem Bilderbuch. Beide haben eines gemeinsam. Sie finden, dass Kollegen, qui ne partagent pas leurs opinions „Quatsch“ reden. Und Covid-19 lacht sich weiter ins Fäustchen.

Aus Zungenknoten, Deutsch-Französische Kolumnen, Wellhöfer Verlag, Mannheim, 2020

Zungenknoten

L’Alsacien Martin Graff ist depuis des décennies medial im Deutsch-Französischen unterwegs; der Mannheimer Wellhöfer Verlag hat mit Zungenknoten eine Auswahl seiner zweisprachigen Kolumnen herausgegeben, die seit 2003 wöchentlich in der Tageszeitung Die Rheinpfalz auf der Seite Balkon über Grenzen veröffentlicht wurden – mit einer Vorgeschichte, die laut Nachwort en 1648, Louis XIV und warmen Croissants beginnt.

© Martin Graff

Bei den Kommentaren Martin Graffs zu deutsch-französischen Befindlichkeiten aller Art, überaus lesenswert, informativ und voller Anekdoten, handelt es sich um höchst vergnügliche Sprachakrobatik: mélange des langues dans la phrase, Sprachwechsel im Satz, so wie die Virologen-Pandemie. La surprise des virologues.

Die Corona-Krise (zusammengefasst unter Ein merkwürdiges Jahr – Une année improbable) und die (politischen) relations von chancelière Angela Merkel mit den französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac, Nikolas Sarkozy, François Hollande und Emmanuel Macron sind ebenso Themen wie Geschichte – Histoire (Ein Wunder. Un miracle franco-allemand u. a.), „Heimat“: Eine / Une utopie (So ein Käse! Le rôle du fromage en politique z. B.), Essen und Trinken (Oui, auch Pfälzer Wein schmeckt. Surprises etc.), Medien (etwa Die Stunden der Experten qui parlent dans le vent), Literatur (Forscher + chercheur = Forcheurs) u. v. a. m.

Jörg-Manfred Unger

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