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Tour de France 2021

Der Dominator

Par Lennart Böhm

Tadej Pogačar, 22, nach dem Sieg der Tour de France 2021, © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Christophe Ena

18 juillet 2021

Der Slowene Tadej Pogačar, 22, hat schon jetzt Radsport-Geschichte geschrieben. Mit dem Sieg der Tour de France 2021 ist er nicht nur der jüngste Zweifach-Champion des prestigeträchtigsten Radrennens der Welt in Folge, sondern erneut auch Gewinner des Bergtrikots und des Weißen Trikots des besten Jungprofis.

Gleich auf den 197 Kilometern der ersten Etappe nach dem Grand Départ in Brest knallt es. Etwa 45 Kilometer vor Landerneau hält eine unachtsame Zuschauerin einen Schritt zu weit ein Pappschild mit dem Spruch „Allez Omi et Opi“ in die Kamera auf die Straße, als sich das Peloton mit hoher Geschwindigkeit nähert. Der Deutsche Tony Martin vom niederländischen Team Jumbo-Visma stürzt und löst damit eine Kettenreaktion aus, die für mehrere Fahrer das vorzeitige Ende der Tour bedeuten.

Es sollte nicht der einzige Massensturz auf der ersten Etappe bleiben. Schnell entsteht der Eindruck einer Tour der Stürze („Tour des chutes“), aber noch ist alles offen.

Die große Schleife 2021

Vier Etappen führen durch die Bretagne und dann quer durch Frankreich in Richtung französische Alpen. Dort gibt es den ersten Härtetest am Berg. Über die Provence geht es anschließend nach Nîmes, Carcassonne und in die Pyrenäen. Die Königsetappe mit Bergankunft findet auf dem Col du Portet statt; die letzte Bergetappe führt über den Col du Tourmalet nach Luz Ardiden; die Schlussetappe, die Tour d’Honneur, führt von Chatou aus bis auf die Champs-Élysées.

Zunächst trägt der Franzose Julian Alaphilippe als schnellster Fahrer das gelbe Trikot, wird aber bereits am zweiten Tag von dem Niederländer Mathieu van der Poel abgelöst. Die Liste der Träger bleibt übersichtlich: van der Poel behält es bis zur siebten Etappe – bis der Vorjahressieger der Tour, Tadej Pogačar, es übernimmt und bis Paris nicht mehr ausziehen wird.

Die Bilderbuch-Landschaften der Großen Schleife („Grande Boucle“, wie die Tour de France auch genannt wird) machen der diesjährigen Tour mal wieder alle Ehre. Mit der rauen Bretagne zu Beginn zeigt Frankreich nur eines seiner vielen Gesichter. Die Alpen sind die erste Herausforderung für die Fahrer und entlassen das Peloton anschließend in die liebliche Provence: Dort zeigt sich der Mont Ventoux als harter Kontrast zu den idyllischen Lavendelfeldern. Die wilden Pyrenäen zeigen Frankreichs Grenze zur iberischen Halbinsel; die Hauptstadt selbst präsentiert sich bei Kaiserwetter als perfekte Kulisse der letzten, 21. Etappe.

Tour der Stürze

Die Befürchtung einer Tour der Stürze bewahrheitet sich leider. Die dritte Etappe führt nach Pontivy, in den Geburtsort des amtierenden Präsidenten der Union Cycliste Internationale (UCI), David Lappartient. Es entsteht der Eindruck, dass mehr Wert auf den Ort als auf Streckensicherheit gelegt wird. Engstellen in den entscheidenden Kilometern provozieren einen Sturz, der erneut das Team Jumbo-Visma trifft. Der letztjährige Beinahesieger Primož Roglič verletzt sich so sehr, dass er auf der achten Etappe aussteigen muss. Im Ziel in Pontivy kollidiert der Australier Caleb Ewan mit dem slowakischen Meister Peter Sagan, „verdient“ sich eine „eine hübsche Titanplatte“ („a lovely titanium plate“) – und scheidet aus.

Die Konsequenz der Ereignisse: ein Streik der Fahrer bei Redon. Das Peloton bleibt trotz eines scharfen Starts nach einem Kilometer stehen, um seinen Ärger über die Streckenführungen kundzutun. Der deutsche Rekordsprinter André Greipel, der als fünfter die Ziellinie auf den Champs-Élysées durchfährt, stoppt Streikbrecher – und kündigt noch während der Tour seinen Rücktritt an.

Der Autor im Team Strassacker bei der Tour Transalp 2015 in Trento/Italien, Foto: privat

Ein neuer „Kannibale“?

Beim Einzelzeitfahren auf der fünften Etappe zeigt Tadej Pogačar („Ich habe jeden Kilometer genossen!“) seine herausragende Stärke, gewinnt mit 19 Sekunden Vorsprung und kämpft sich in der Gesamtwertung vom sechsten auf den zweiten Platz hoch. Im letzten Jahr entschied er im Bergzeitfahren auf der vorletzten Etappe die Tour für sich. Der Gesamtsieg ist ihm dieses Jahr nach der gewonnenen Königsetappe sicher, die lebende Radsportlegende Eddy Merckx („Der Kannibale“ / „Le Cannibale”) prognostiziert ihm bis zu fünf Tour-de-France-Siege; schließlich ist er erst 22 Jahre alt und gewinnt somit die Nachwuchswertung gleich mit.

Seine überragenden Siege beflügeln auch Zweifel an seiner „Sauberkeit“, Stichwort „Doping“. Allerdings fährt er – bedingt durch die Stürze – diesmal fast ohne ernstzunehmende Konkurrenz; ein möglicher Konkurrent, der Kolumbianer Egan Bernal, der einen Monat vor dem Start der Tour den Giro d’Italia gewann, tritt gar nicht erst an.

„Der Kannibale“ Eddy Merckx bekommt mit seinen Rekorden nicht nur aus Slowenien Konkurrenz: Der Brite Mark Cavendish erreicht auf der 13. Etappe Merckx’ Rekord von 34 Etappensiegen – wobei es 2021 allerdings bleibt.

Nils Politt, der wie André Greipel aus Köln kommt, führt das Rennen mit weiteren Ausreißern lange an, startet zehn Kilometer vor dem Ziel in Nîmes eine Attacke – und fährt mit massivem Vorsprung einen Etappensieg ein, der in Erinnerung bleiben wird.

PS: Nachdem Corona-Hygieneregeln schon bei der Fußball-Europameisterschaft 2021 kaum beachtet wurden, sind sie – anders als im letzten Jahr –  auch bei der Tour diesmal deutlich weniger streng.

Linktipp
Zur 100. Tour de France

Tour de France 2020

Von Lennart Böhm

Die pandemiebedingt später als traditionell ausgetragene Tour de France 2020 war voller Spannung und nicht nur wegen der Corona-Krise einzigartig. 

Tadej Pogačar, Gewinner der Tour de France 2020, © picture alliance / abaca

Die Tour startet in Nizza unter strengen Hygienevorschriften, mit strikten Regeln und Maßnahmen: u. a. werden die Fahrer vor der Tour und an Ruhetagen auf das Corona-Virus getestet. Sollte es mehr als ein positives Testergebnis pro Team geben, scheidet es aus (wozu es nicht kommt). Fans haben mindestens zwei Meter Abstand zu den Fahrern zu halten und sind angehalten, Masken zu tragen (wozu es nicht immer kommt). Pro Etappe sind im Start- und Zielbereich, sowie am Streckenrand nicht mehr als 5000 Zuschauer erlaubt – die aktuell offizielle Teilnehmergrenze für Veranstaltungen wird – nicht zuletzt im Hinblick auf das weltweite Publikum und die Entschlossenheit der französischen Regierung bei der Bekämpfung der Epidemie – penibel eingehalten.

Die Tour in Zeiten von Corona

Die erste Etappe – drei Rundkurse im Hinterland von Nizza mit Ankunft auf der Promenade des Anglais – ist wegen ihrer Stürze bemerkenswert. So scheidet der Deutsche John Degenkolb vom Team Lotto-Soudal schnell aus. Im Raum steht weiterhin die Frage, ob die Tour tatsächlich in Paris enden wird.

Mit dem ersten Ruhetag nach neun Etappen werden wie geplant weitere Corona-Tests durchgeführt. Positiv getestet wird neben einigen Team-Betreuern, für die die Ausschlussregeln nicht gelten, ausgerechnet der Direktor der Tour, Christian Prudhomme, der zuvor mit Premierminister Jean Castex (dessen Testergebnis negativ ist) im Auto unterwegs war.

Gleichzeitig steigen die Fallzahlen der Neuinfektionen in Frankreich exponentiell. Bei der Königsetappe auf den Col de la Loze bei Méribel machen sich dennoch viele Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Weg zum Gipfel. Die Corona-Maßnahmen verbieten es, oben an der Strecke zu stehen. Was zum Schutz der „inneren Blase” der Fahrer gedacht ist, führt zu dichtem Getümmel kurz vor der festgelegten Grenze; Masken tragen wiederum längst nicht alle.

Der Tag endet ohne den Vorjahressieger der Tour, Egan Bernal, der bis Ende Juli wegen des Lockdowns in seiner Heimat Kolumbien bleiben und den Peloton nach gesundheitlichen Problemen vorzeitig verlassen muss.

Wie ein Wespenschwarm

Mit dem Ausstieg Bernals fällt das Augenmerk auf den Slowenen Primož Roglič, dessen Team Jumbo-Visma schwarz-gelb wie ein Wespenschwarm das Fahrerfeld steuert und so die Rolle von Bernals Team Ineos ablöst. Mittlerweile hat der 21-jährige Tadej Pogačar von Bernal das Trikot des besten Nachwuchsfahrers sowie das Bergtrikot übernommen. Pogačar vom UAE Team Emirates zeigt bei der Siegerehrung ein neues Accessoire: Seine Maske fürs Podium ist weiß wie immer für die Nachwuchswertung – und weiß mit roten Punkten für die Bergwertung.

Der Autor 2016 im Windkanal, © Ivan Toscanelli

Die Dominanz des Teams Jumbo-Visma lässt einen vorhersehbaren Ausgang vermuten – wäre nicht das einzige Zeitfahren dieser Tour erst auf der vorletzten Etappe. Schließlich schreibt die inoffizielle Regel vor, dass auf der letzten Etappe – der „Tour d’Honneur” – niemand mehr den Führenden attackiert, um ihm eine angemessene Zieleinfahrt auf den Champs-Élysées zu ermöglichen.

Im Einzelzeitfahren wird folglich der Sieger der Tour de France entschieden – 2020 mit einem Mal der lange Zeit hinter Primož Roglič zweitplatzierte Tadej Pogačar. Das Ziel des Zeitfahrens, La Planche des Belles Filles, liegt hinter einer Steigung von durchschnittlich 11 %. Die nur 36 km kurze Strecke sorgt dafür, dass die meisten Fans an diesem Anstieg stehen und endgültig die Pandemie zu vergessen scheinen. Die „innere Blase“ ist passé. Bei der Siegerehrung dieser vorletzten Etappe trägt Tadej Pogačar eine – wie stets zum Wertungstrikot passende – gelbe Maske. Sportsgeist beweist der unterlegene Roglič, als er Pogačar zum Sieg der Etappe gratuliert. Eine würdevolle Geste.

Auf dem Siegerpodest

Die letzten Runden über die Champs-Élysées finden vor Ort nahezu ohne Publikum statt. Die Sieger müssen ihre Pokale diesmal selbst mit aufs Podium bringen; „Offizielle“ sind nicht zugegen. Das grüne Trikot für den Fahrer mit den meisten Punkten gewinnt der Ire Sam Bennett. Pogačars Eltern und sein Bruder dürfen immerhin nah am Podium jubeln; seine Mutter – die im slowenischen Ljubljana Französisch (sic!) unterrichtet – hält sich an das Abstandsgebot und gratuliert ihrem plötzlich weltberühmten Sohn mit einem „Fist Bump“ à la Barack Obama. Corona oblige.

Für das Siegerfoto stehen Tadej Pogačar, Primož Roglič und Richie Porte kurz ohne Maske auf dem Podium. Als sich abschließend alle Sieger der einzelnen Wertungen versammeln, „begleiten“ zwei Mannequin-Torsi Pogačar: Sie tragen für ihn das gepunktete Bergtrikot und das weiße Trikot der Nachwuchswertung.

Immer wieder Präsenz gezeigt haben bei der diesjährigen Tour auch die deutschen Fahrer – allen voran Lennard Kämna mit seinem grandiosen Etappensieg in Villard-de-Lans.

Sein Traum sei lediglich die Teilnahme an der Tour gewesen, sagt Tadej Pogačar nach seinem Sieg. Mit 21 Jahren ist er der jüngste Gewinner der „Großen Schleife“ Grande Boucle seit Henri Cornet, der sie 19-jährig 1904 gewann, und der erste Slowene überhaupt.

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