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La Réunion

Die Perle der Maskarenen

Par Ortwin Ziemer und Séverine Maillot

Auf dem Piton des Neiges © Ortwin Ziemer

20 août 2019

Die Insel La Réunion: Ein kleines Stück Paradies, ein Stecknadelkopf auf der Karte, ein gesegnetes Fleckchen Erde im Südwesten des Indischen Ozeans. Also ein touristisches Traumziel in den Tropen oder nicht mehr als ein vernachlässigter Geheimtipp?

Réunion liegt ca. 700 km östlich von Madagaskar und 200 km südwestlich des wesentlich bekannteren Mauritius, gerade noch nördlich des Südlichen Wendekreises. Die Maskareneninsel gehört als französisches Überseedepartement zur Europäischen Union und man bezahlt folglich mit dem Euro. Die letzten verfügbaren Zahlen des Fremdenverkehrsamtes IRT (Ile de la Réunion Tourisme) sprechen eine eindeutige Sprache: Zum zweiten Mal hintereinander hat Réunion, rund 840000 Einwohner und mit 2512 km2 etwa so groß wie das Saarland, im Jahr 2018 die Schwelle der halben Million auswärtiger Besucher überschritten – die ebenfalls rasch zunehmenden Kreuzfahrttouristen (derzeit ca. 50 000) nicht inbegriffen. Als ehrgeiziges Ziel soll in den nächsten Jahren die Marke von 600 000 Besuchern anvisiert werden.

Package Réunion-Mauritius

Damit ist man weit von den 1,4 Millionen Touristen entfernt, die pro Jahr ihren Tropenurlaub auf Mauritius verbringen, wodurch die zur gleichen Inselgruppe gehörende, seit 1968 unabhängige Nachbarinsel natürlich noch in einer ganz anderen Liga spielt, deutlich höhere Wachstumsraten verzeichnet und spätestens für das Jahr 2030 die 2-Millionen-Grenze durchbrechen will. Natürlich kann Réunion mit den endlosen Traumstränden und den Luxushotels seiner Schwesterinsel nicht rivalisieren. Und dennoch ist die Entwicklung dort für die Tourismusmacher auf Réunion nicht uninteressant, denn immer mehr Besucher – sowohl aus Europa, vor allem aber aus Fernost – buchen ihre Reise auf beide Inseln quasi im Doppelpack, da sie sehr Verschiedenartiges bieten und sich im Prinzip gut ergänzen: So möchten viele nach dem Badeurlaub auf Mauritius oft noch Besichtigungen mit kulturell-historischem Hintergrund, Bergwandern, sanften Tourismus oder auch Extremsportarten wie Canyoning, Rafting oder Paragliding auf Réunion dranhängen.

Whalewatching vor der Westküste, im Hintergrund die 2009 eröffnete neue Küstenautobahn „Route des Tamarins“ bei St-Paul, © Ortwin Ziemer

Insel der Kontraste

Zudem lockt Réunion auf relativ kleinem Raum mit einem unerreichten Mosaik verschiedenster, äußerst gegensätzlicher Landschaftstypen wie noch unberührtem Primärwald im Hochgebirge, mit an Südafrika erinnernder, im Licht der sinkenden Sonne goldgelb schimmernder Savanne in den Hochlagen der Westküste, der einer Mondlandschaft gleichenden Umgebung des noch aktiven Vulkans Piton de la Fournaise (2 632m), einem unvergesslichen Sonnenaufgang auf dem verkarsteten Gipfel des seit mehr als 12 000 Jahren schlummernden Vulkans Piton des Neiges (3 070 m), auch als Dach des Indischen Ozeans bezeichnet, von wo sich ein unvergleichlicher Rundblick über die ganze Insel bietet, bis hin zur eben doch auch vorhandenen Lagune und den Korallenriffs der West- und Südküste, seit 2007 ein offiziell eingerichtetes Meeres-Wasserschutzgebiet, um die maritime Artenvielfalt zu erhalten und nicht zuletzt dem auch auf Réunion deutlich spürbaren Korallensterben zumindest entgegenzuwirken.

Authentisches, pittoreskes Inselinneres

Die drei tief eingeschnittenen, zerklüfteten Talkessel des Inselinneren – Cilaos, Salazie und das nur per Hubschrauber oder zu Fuß zu erreichende Mafate – sind ehemalige, eingebrochene Vulkankrater: Zeugen einer bewegten erdgeschichtlichen Vergangenheit. Nicht zuletzt aufgrund der hohen Artenvielfalt und einem Anteil nur auf Réunion heimischer Pflanzenarten, der im Schnitt rekordverdächtige 46 % erreicht, ist das gesamte Inselinnere seit 2007 ein Nationalpark, zudem seit 2010 Weltnaturerbe der UNESCO.

Der Talkessel Mafate, vom Aussichtspunkt Piton Mäido (2 205m) aus gesehen: Wie in einem aufgeschlagenen Geologiebuch liegt dem Betrachter das Inselinnere zu Füßen, bewohnt, aber für Autos unzugänglich. Mafate war der madagassische Name eines sagenumwobenen Anführers entflohener Sklaven, die im 17. und 18. Jhd. von den Plantagen der Küstenregion ins Inselinnere flüchteten. © Ortwin Ziemer

Dieses atemberaubend schöne Wandergebiet mit seinem mehr als 900 km umfassenden Wegenetz, das vom Nationalen Forstamt trotz Personalengpässen in bemerkenswert guten Zustand gehalten wird, ist eine der touristischen Trumpfkarten Réunions, sicherlich die authentischste Art, die Insel zu entdecken und zugleich eine echte Herausforderung für eine nachhaltige Entwicklung, die diesen Namen verdient und sanften Tourismus und Umwelt- und Artenschutz wirkungsvoll vereint.

Deutscher Boom auf Réunion

Aus all diesen Gründen bildet der Tourismus mit dem Baugewerbe und der Landwirtschaft die wirtschaftliche Lunge Réunions und erfreut sich die Insel eben bei deutschen Touristen rasch steigender Beliebtheit. Schon zu Beginn der 2010er Jahre machten die deutschsprachigen Touristen mit rund 5000 Besuchern pro Jahr, von den Mutterlandsfranzosen abgesehen, die größte Touristengruppe aus einem EU-Land aus. Deutschland stellt also für Réunion einen Markt mit starkem Wachstumspotenzial dar, denn selbst wenn die Besucherzahlen aus dem Mutterland ebenfalls noch langsam steigen, dürfte letztere Zielgruppe doch fast ausgereizt sein. Daher ist Deutschland seit einigen Jahren eine bevorzugte Zielregion der Werbekampagnen des lokalen Fremdenverkehrsamtes, das sich zu diesem Zweck unter anderem der Dienste der auch in Deutschland populären französischen, aus Réunion stammenden Handballstars Daniel Narcisse und Jackson Richardson gesichert hatte.

Verbesserte Internetpräsenz auf Deutsch

Es unterhält zudem eine Außenstelle in Frankfurt, deren Internetauftritt in letzter Zeit deutlich verbessert wurde. Gab es anfangs zwar eine deutsche Homepage, die allerdings lediglich auf weiterführende Seiten in nur französischer Sprache verwies, findet der an Réunion interessierte Internetbenutzer inzwischen praktische, allgemeine, aber auch sehr detaillierte Informationen in deutscher Sprache zu den verschiedensten Themen, wie beispielsweise unter der Rubrik „Wissenswertes“ zur Geschichte der Insel, Klima und Geografie, Bevölkerung, Fauna und Flora, Geschichten und Sagen, aber auch eher Ausgefallenes wie die Besichtigung von einem Lavatunnel, der bei jüngsten Ausbrüchen des Piton de la Fournaise entstanden ist.

Eine ebenfalls noch nicht sehr lange verfügbare, interne Suchmaschine in der Menüleiste erleichtert unterdessen die persönliche Orientierung auf der Webseite erheblich, die zudem durch ausführliche Bildergalerien und Videos recht attraktiv illustriert ist. Die Rubrik „Ein Hauch Ausgefallenheit“ bezeugt zudem, dass man bemüht ist, die neuesten auf Réunion angebotenen touristischen Trends (beispielsweise Massage auf der Lagune, Segway-Touren im Urwald, umweltbewusstes Whalewatching) gerade auch deutschen Besuchern näher zu bringen und schmackhaft zu machen.

Das sog. Panther-Chamäleon (Furcifer pardalis) stammt zwar ursprünglich aus Madagaskar, wurde aber unter dem volkstümlichen Namen „Endormi“ (das Eingeschlafene) zu einem wahren Wappentier Réunions. Es gehört großes Glück dazu, es in der freien Natur anzutreffen. © Ortwin Ziemer

„Vanille-Inseln“

Jedes Jahr ist das IRT außerdem im März auf der größten deutschen Tourismusmesse, der ITB in Berlin, vertreten. Seit Beginn des Jahrzehnts hat sich die Zahl der deutschen Touristen glatt verdreifacht und betrug 2017 erstmals über 15 000, Tendenz weiter steigend. Damit lag der Anteil der deutschen Besucher auf Réunion im Vergleichszeitraum proportional mit rund 3% der Gesamtzahl sogar höher als auf Mauritius (2,4%), wenngleich natürlich nicht in absoluten Zahlen. Dies bestätigt auch die Marketingstrategie der sog. „Vanille-Inseln“ (Réunion, Mayotte, Seychellen, Mauritius, Komoren, Madagaskar), die versuchen, im Rahmen der regionalen Zusammenarbeit für Touristen attraktive gemeinsame (Sonder-) Angebote und Werbestrategien zu entwerfen.

Trotz Schattenseiten …

Natürlich ist auch beim Reiseziel Réunion längst nicht alles Gold, was glänzt. Dies beginnt bereits bei der Tatsache, dass es noch immer keine direkte Flugverbindung Deutschland-Réunion gibt und man also gezwungenermaßen über Paris oder Mauritius anreisen muss. Leider macht die Insel auch immer wieder auf negative Art Schlagzeilen, auch wenn nicht immer objektiv berichtet wird: so z. B. durch tödliche Haiangriffe auf Surfer außerhalb der Lagune, streunende Hunde, Autowracks im Straßengraben, wilde Müllkippen, einen gewissen Mangel an Hotelzimmern und fehlenden deutschen Sprachkenntnissen. Sicher ist aber: Réunion ist mehr als (nur) eine Reise wert …

Persönlicher Lektüretipp:

Birgit Weidt, Die Insel des ewigen Frühlings. Wie ich auf Réunion meine zweite Heimat fand, Malik National Geographic / Piper, München, 2013

Kein weiterer herkömmlicher Reiseführer über Réunion auf Deutsch, von denen es unterdessen doch so einige gibt, sondern eine Art Innenschau der Gesellschaft und Bevölkerung Réunions, ihrer Eigentümlichkeiten und Gewohnheiten, die die Autorin anhand eigener Erlebnisse sehr anschaulich und einfühlsam schildert. Für Leser, die wissen wollen, wie Réunion und seine herzlichen Menschen wirklich ticken.

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