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Aufbruchsstimmung in Frankreich

Prinzip Hoffnung

Von Birgit Holzer

© Julie Collas

05. Juli 2021

Endlich wieder neue Projekte. Fünf Französinnen und Franzosen berichten über ihre Zeit in der Corona-Krise und ihre Pläne nach dem Ende des dritten Lockdowns im Sommer 2021.

Julie Collas, 45, Komödiantin, Paris

Ab März 2020 begann eine Katastrophe! Ich war früher Wirtschaftsanwältin, aber habe vor ein paar Jahren umgesattelt und eine englischsprachige One-Woman-Show in Paris aufgezogen: „Oh my God, she‘s Parisian!“ Damit war ich von den Ausgangsbeschränkungen doppelt betroffen, denn ich gehöre zum Kultursektor, hänge aber auch stark von Touristen ab, denn meine Show ist auf Englisch.

Die ersten zwei Monate habe ich noch viel über die sozialen Netzwerke kommuniziert und habe kleine Sketche zuhause gedreht. Aber als ich merkte, dass die Situation andauern würde, habe ich damit aufgehört, weil ich zu deprimiert war: Ich hatte gerade ein neues Stück fertig und es erst vier Mal auf die Bühne gebracht! Ab Mai, Juni 2020 konnte ich wieder spielen – bis zum nächsten Lockdown im Oktober. Da war die Verunsicherung wieder groß. Jetzt, im Juli 2021, sind die Ausgangsbeschränkungen zwar aufgehoben, aber für die privaten Theater, die keine staatlichen Subventionen erhalten, bleibt die Situation extrem schwierig. Es ist Sommer, die Leute haben Lust, draußen auf den Terrassen zu sitzen – und nicht in Kinos und Theatern.

Weil ich ein neues Ziel brauchte, habe ich eine Ausbildung zur Kosmetikerin angefangen. Das wollte ich lange schon, um eine zusätzliche berufliche Perspektive haben. Jetzt war die perfekte Gelegenheit dafür! Natürlich will ich das Spielen auf der Bühne auf keinen Fall aufgeben, das ist meine Leidenschaft und ich glaube daran. Aber momentan kann ich davon nicht leben, obwohl es großzügige Hilfen vom Staat gegeben hat. Also habe ich die Zeit genutzt und im Schnelldurchgang eine Reihe von Prüfungen absolviert, eine Art Selbstschutz. Noch bin ich mit meiner Ausbildung nicht fertig, weitere Prüfungen stehen an und vor allem muss ich ein Konzept ausarbeiten. Meine Idee ist, zunächst Räumlichkeiten zu mieten, aber wie im Theater muss man sich erst einen Namen machen, Erfahrungen sammeln. Und wenn alles nach Plan läuft, werde ich in der Zukunft tagsüber praktizieren und abends auf der Bühne stehen!

Aubin Rouchette, 25 Jahre, Limoges

Foto: privat

Aufbruchsstimmung empfinde ich im Sommer 2021 noch nicht so richtig. Dabei bin ich gerade mit meinem Studium der Interkulturellen Europastudien in Clermont-Ferrand und Regensburg fertig geworden. Beim ersten Lockdown war ich in Wien, wo ich ein Praktikum im Institut français machen sollte, das mir sehr am Herzen lag. Leider wurde es abgesagt, ich blieb aber noch bis Juli in Österreich – nicht gerade einfach, in dieser Situation in einer fremden Stadt zu sein. Zum Glück waren die Ausgangsbeschränkungen nicht so strikt wie in Frankreich. Nach etlichen Bewerbungen bekam ich zwei alternative Praktika: ein Pflichtpraktikum in Berlin, das komplett in Home Office stattfand, und ein freiwilliges Praktikum in Düsseldorf. Im Winter schrieb ich meine Abschlussarbeit und fühlte mich erneut sehr isoliert. Man konnte sich nicht mit Freunden und Lehrern treffen, es gab keine Abschlussfeiern.

Ich habe noch nicht das Gefühl, dass wir wirklich an einem Wendepunkt angelangt sind und dass sich die Dinge schlagartig verändern. Man hat eher gelernt, mit dem Virus zu leben. Aber ich freue mich über das Ende der Sperrstunde und dass ich meine Freunde in ganz Frankreich besuchen kann. Ich bin froh, dass etwas Neues kommt, denn ich fühle mich jetzt schon nicht mehr als Studentin. Bei der Jobsuche kann ich mir den Ort und den Bereich, in dem ich arbeiten möchte, aussuchen.

Ich möchte im Kulturbereich tätig werden, etwa bei der Organisation von Konzerten. Der Sektor hat sehr unter der Pandemie und den langen Schließungen gelitten; ich hoffe aber, dass er sich erholt und es bald wieder losgeht. Momentan ist mein Plan, ab September erneut nach Österreich zu gehen und mich dort auf Arbeitssuche zu begeben. Aus der Distanz ist es sehr schwierig, einen Job zu finden. Ich habe es bedauert, so viel Zeit in Wien verbracht zu haben, ohne wirklich viel daraus machen zu können. Und ich habe das Gefühl, dass ich mit Wien noch nicht fertig bin.

Ludovic de Preissac, 58 Jahre, Jazz-Pianist, Paris

Foto: privat

Für die meisten Musiker begann mit dem ersten Lockdown eine schwere Zeit, aber ich persönlich habe sie nicht als so dramatisch erlebt, denn ich habe ihn bei einem Musiker-Freund in Grenoble anstatt in meiner Pariser Wohnung verbracht. Wir waren in der Natur, in den Bergen und vor allem war alles vorhanden, was man braucht, um musizieren zu können – so etwa stand mir ein Flügel zur Verfügung. Ich habe mit meinem Freund gejammt und gemeinsam mit anderen Musikern haben wir auch Online-Sessions organisiert, die später zusammengeschnitten und in die sozialen Netzwerke gestellt wurden. Da ich in Grenoble war, war ich weit weg von den Pariser Bühnen, auf denen ich sonst immer gespielt habe. Auf diese Weise haben sie mir eigentlich nicht gefehlt. Auch in den beiden folgenden Lockdowns, in denen die Ausgangsbeschränkungen nicht mehr ganz so streng waren, bin ich oft verreist oder habe Musiker zu mir eingeladen, so dass ich nicht isoliert war.

Ich freue mich einfach, dass fast alles wieder möglich ist, was vorher mein Leben ausgemacht hat: Ich trete auf, spiele auf Musik-Festivals und reise. Nach dem Rückzug, vor allem während des ersten Lockdowns, tut das sehr gut. Ich habe die Zeit genutzt, um Videos aufzunehmen, in denen ich die Grundlagen des Jazz erklärte, denn normalerweise arbeite ich auch als Jazz-Lehrer in zwei Konservatorien, die mich weiter bezahlten – da hatte ich Glück.  Für viele meiner Bekannten, die Jazz-Bars oder Restaurants betreiben, Musiker oder Schauspieler sind, war das nicht ganz so einfach. Auch mein Ludovic de Preissac Trio habe ich wieder aktiviert, mit dem ich seit vielen Jahren unterwegs bin. Das Leben nimmt erneut seinen Gang und hierfür ist die Musik etwas ganz Wichtiges: Sie hilft, Bande zu knüpfen, bringt die Menschen zusammen. Was mir während der Lockdowns nicht gefallen hat, waren die vielen Verbote, ja die Kontrolle. Ich hoffe, dass wir diese Tendenz wieder hinter uns lassen und uns wieder freier fühlen können.

Barbara Kimmig, 58 Jahre, Besitzerin des Hotels Villa Rivoli in Nizza

Foto: privat

Die Ankündigung des ersten Lockdowns war natürlich ein Schock und der Anfang der Pandemie war hart. Ich habe mein Hotel im März 2020 drei Wochen geschlossen, dann aber wieder aufgemacht, denn für Geschäftsreisende durften Hotels geöffnet bleiben. Es war eine Gelegenheit zu lernen, eine Situation, die ich nicht ändern kann, anzunehmen, konsequent nach Lösungen zu suchen und diese auch zu finden. Vielleicht ist dieses Pragmatische auch meine deutsche Seite, denn ursprünglich komme ich aus dem Schwarzwald. Ich habe also meine Mitarbeiter außer einem Zimmermädchen und einer Praktikantin in Kurzarbeit geschickt und mich selbst an die Rezeption gesetzt. Damit hatte ich überhaupt kein Problem. Der französische Staat hat sehr großzügige Hilfen gegeben und die Kurzarbeit war sehr gut organisiert.

In einer Krisensituation muss man schnell reagieren, flexibel bleiben, und man darf keine Angst haben. Das versuche ich auch weiterhin – denn das Virus ist ja noch da. Ich versuche, positiv zu denken und Perspektiven aufzuzeigen, wie es weitergeht, für mich selbst, aber auch für meine Mitarbeiter.

Momentan, im Juli 2021, läuft es gut, die Gäste sind zurück. Vorher hatten wir viele deutsch- und englischsprachige Besucher, jetzt kommen etwas mehr Franzosen und viele buchen kurzfristig. Mein Eindruck war, dass der Gästekontakt während der ganzen Zeit ein anderer war – authentischer, weniger routiniert. Das möchte ich gerne beibehalten. Ich habe die Zeit mit wenig Gästen genutzt, um das Hotel auf Vordermann zu bringen, Malerarbeiten machen zu lassen, kleinere Reparaturen auszuführen usw. Auch bin ich im Kontakt mit manchen Stammgästen geblieben, die sich richtig sehnsüchtig gemeldet haben. Für ein kleines, persönlich geführtes Haus ist es ein Vorteil, die Gäste gut zu kennen. Und letztlich hat mir diese Phase Mut gemacht, zu dem zu stehen, was einem wirklich wichtig ist. Man hat sich zum Beispiel für bestimmte Dinge mehr Zeit genommen und man hatte auch mehr Zeit.

Michel Françoise, 59, Barmann, Maisons-Alfort bei Paris

Foto: Birgit Holzer

Es war eine nie gekannte Situation, alsab März 2020 plötzlich alle Restaurants, Cafés und Bars schließen mussten, darunter natürlich auch die Tapas-Bar Le Clin`s Factory, in der ich arbeite. Für mich persönlich begann damit aber ein neuer Job, nämlich der als Hausmann und Vollzeit-Papa. Denn bei meinem damals achtjährigen Sohn, dem mit Abstand jüngsten meiner drei Kinder, stand Home Schooling an, nachdem die Schulen über Wochen schließen mussten. Ich habe es sehr genossen, so viel Zeit mit ihm und meiner Familie zu verbringen, denn in meinem Beruf ist man außer in den Ferien sehr wenig zuhause: Man arbeitet an den Wochenenden, den Feiertagen, bis nachts. Zum ersten Mal in 35 Jahren hatte ich also eine wirkliche Auszeit. Natürlich habe ich die Arbeit und die Gäste vermisst. Aber was ich stattdessen bekam, hat so manches kompensiert.

Nun, im Juli 2021, stehe ich aber längst wieder jeden Tag hinter dem Tresen! Ich liebe meinen Job, aber ich möchte die Zeit zuhause mit meiner Familie nicht mehr missen, die mir die Pandemie unverhofft gebracht hat. Die Gäste sind noch nicht wieder so zahlreich zurück wie vor der Pandemie. Während die Terrasse meist gut besetzt ist, ist es für uns vor allem schwer, den Innenraum voll zu bekommen. Noch befinden sich die Leute lieber draußen, das liegt nicht nur an der Jahreszeit. Die Gewohnheiten haben sich geändert, alle sind vorsichtiger geworden. Es wird einfach Zeit brauchen, bis alles sich wieder einspielt, man muss geduldig sein und darf nicht den Kopf in den Sand stecken. Ich persönlich bin nicht beunruhigt oder schaue für mich auch nicht angstvoll in die Zukunft. Aber für die nachfolgenden Generationen sieht es anders aus, die werden noch einiges erleben, vor allem mit dem Klimawandel. Die Corona-Zeit war deshalb schon auch eine gute Gelegenheit, ein wenig zu sich und zur Ruhe zu kommen und sich allgemeinere Gedanken zu machen.

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