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Eurozone

Schreckgespenst Inflation

Von Martin Vogler

Der EZB-Turm in Frankfurt am Main, © Unsplash, Jannik Selz

18. September 2022

Angesicht einer im Durchschnitt der Eurozone fast zweistelligen Inflationsrate steigt die Angst vor einer rasanten Geldentwertung. Die einzelnen Staaten halten mit sehr unterschiedlichen Erfolgen dagegen. Im direkten Vergleich von Deutschland und Frankreich liegen die Franzosen derzeit vorne.  

In Frankreich beträgt die Teuerung im Sommer 2022 – je nach Berechnungsmethode variiert der Wert – bei rund sechs Prozent. In Deutschland sind es zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Punkte mehr – die baltischen Staaten müssen sich sogar mit einem zwanzigprozentigen Vermögensverlust arrangieren.

Solche Zahlen hätten noch vor kurzem ungläubige Reaktion erzeugt, zumal einige EU-Länder zwischen 2013 und 2020 sogar eine Deflation, also sinkende Preise, erlebt haben. Die signifikanten aktuellen Unterschiede zeigen, dass die nationalen Regierungen durchaus Einfluss auf die Inflationsentwicklung nehmen können, obwohl eigentlich die Europäische Zentralbank (EZB) für die Geldpolitik in Europa zuständig ist.

Zögerliche EZB

Die von der Französin Christine Lagarde geführte Behörde erschwerte allerdings lange die Inflationsbekämpfung, weil sie mehr als zehn Jahre den Leitzins, zu dem sich Banken bei der EZB Geld leihen können, nicht erhöhte. Er lag lange bei null Prozent; es gab also Geld im Übermaß und vor allem umsonst; hinzu kam zuletzt ein Verwahrgeld, das auf einen Teil der Einlagen von Banken und in der Folge ihren Kunden gezahlt werden musste.

Erst spät entschloss die EZB sich am 8. September 2022 zu einer für ihre Verhältnisse geradezu drastischen und bis dahin nie dagewesenen Steigerung: um 0,75 auf 1,25 Prozentpunkte. Kritiker werfen der EZB vor, sie habe ohne Rücksicht auf Verluste für die Menschen in Europa den Wert lange Zeit so niedrig gehalten, um stark verschuldeten Staaten zu helfen. Anders ausgedrückt: Ein fast insolventer Staat profitiert davon, keine Zinsen zahlen zu müssen; darüber hinaus verringert die Inflation die Höhe seiner Schulden.

Gratwanderung beim Leitzins

Grundsätzlich ist die Suche nach dem richtigen Leitzins immer eine Gratwanderung zwischen Inflationsbekämpfung und dem Ziel, der Wirtschaft billiges Geld für ihr Wachstum zur Verfügung zu stellen. Dass die EZB dabei nicht vorrangig an das Wohl der Bürger dachte, zeigt ein Blick in die von der EU-Geldpolitik unabhängige Schweiz: Die dortigen 3,5 Prozent Inflation bereiten den Eidgenossen schwere Sorgen, in der Eurozone wäre das aktuell ein traumhafter Wert.

Der nun steigende Euro-Leitzins macht die Menschen jedoch nur bedingt glücklich: Sparer bekommen zwar jetzt nominal wieder Zinsen, dennoch sinkt ihr Vermögen angesichts der hohen Inflationsrate rascher als zuvor. Und Bauherren haben dasselbe Problem wie Unternehmen: Viele können sich Kredite wegen der gestiegenen Zinsen nicht mehr leisten.

Die nationalen Regierungen müssen, anders als Christine Lagarde in ihrem imposanten Hochhaus am Frankfurter Mainufer, primär ihre Bürger und Wähler zufriedenstellen – und die fürchten, ihre Ersparnisse zu verlieren: Bei einer zehnprozentigen Inflationsrate hat sich der Wert einer Geldanlage bereits nach sieben Jahren mehr als halbiert. Folglich ist die Unzufriedenheit der Bevölkerung bei explodierenden und damit existenzgefährdenden Lebenshaltungskosten – vor allem bei Energie und Lebensmitteln – für Regierungen überaus bedrohlich.

Wutwinter befürchtet

Der französische Präsident Emmanuel Macron und seine Regierung befürchten einen Wutwinter mit Wiedererstarken der gewaltbereiten Gelbwestenbewegung – in Deutschland gibt es in einer ungewohnten Einigkeit linker und rechter Gruppierungen bereits Demonstrationen gegen die Preissteigerungen. Protestierende blenden bewusst oder unbewusst aus, dass – abgesehen von den Folgen der Corona-Politik – die Hauptursache der hohen Inflation in Moskau und nicht bei den Regierungen liegt; die EZB hat mit ihrer Zinspolitik auf die Entwicklung der Gaspreise so gut wie keinen Einfluss. Der gefährliche soziale Sprengstoff bei rasanter Geldentwertung besteht vor allem darin, dass sie besonders bedürftige Bevölkerungsgruppen betrifft, weil bei ihnen die Einsparmöglichkeiten etwa bei Grundnahrungsmitteln gering sind.

Erfolgreiche Maßnahmen in Frankreich

In Frankreich hat die Regierung bereits früh versucht, die Unzufriedenheit in der Bevölkerung gering zu halten, nicht zuletzt, weil permanent Wahlkampf war. Schon im Herbst 2021 fror sie die Preise für Gas ein und deckelte die Preiserhöhung für Strom bei vier Prozent. Nach der Präsidentschaftswahl wurde diese Politik 2022 fortgesetzt: Die Benzinpreise wurden mehrmals durch Subventionen gesenkt – zuletzt am 1. September 2022. Seitdem bezahlen Franzosen rund 50 Cent pro Liter Benzin weniger als Deutsche. Macron tut fast alles, um die Kaufkraft, le pouvoir d’achat, zu erhalten – wozu auch ein Mietendeckel gehört. Sollte die Inflation trotz dieser Maßnahmen stark steigen, wird die Regierung versuchen, mit forcierten Lohnerhöhungen, direkten Transferzahlungen und steuerfreien Einnahmen gegenzusteuern.

© Adobe Stock

Deutschland ohne Fortüne

Deutschland fährt prinzipiell einen ähnlichen Kurs, bis September 2022 allerdings mit weniger Wucht und Fortüne. Ein anfangs mäßig wirksamer Tankrabatt lief Ende August aus, so dass die Spritpreise zum 1. September wieder stiegen; ein Neun-Euro-Monatsticket im bundesweiten Nahverkehr wurde im komplizierten Tarifdschungel von den meisten zwar überaus positiv aufgenommen. Allerdings führte es auch zu chaotisch überfüllten Zügen, Verspätungen und tiefen Einblicken in die marode Infrastruktur des öffentlichen Personennahverkehrs. Viele unternahmen Reisen, die sie ohne das Billigticket nicht gemacht hätten. Der erhoffte inflationsdämpfende Effekt stellte sich daher nur bedingt ein.  

Beim Versuch, die Kaufkraft durch Einmalzahlungen zu stärken, profitierten zunächst nur Erwerbstätige und Selbstständige von 300 Euro. Erst nach Protesten von Studenten und Rentnern besserte die Regierung für sie im Herbst mit einem dritten Entlastungspaket nach (und gewährte Rentnern ebenfalls 300 Euro; Studenten bekommen 200 Euro; auch Bezieher von Sozialleistungen werden nun berücksichtigt).

Wachsende Staatsverschuldung

Die staatlichen Eingriffe verschlingen enorme Summen, was in den folgenden Jahren zu Problemen führen dürfte. Zweistellige Milliardenbeträge für Entlastungspakete sind links und rechts des Rheins angesagt. Präsident Macrons Ziel, den Zuwachs der Staatsverschuldung 2022 auf fünf Prozent zu beschränken, gilt dadurch bereits heute als verfehlt. Sie ist mit rund 2900 Milliarden Euro höher als im notorischen Krisenland Italien. Deutschland steht zwar grundsätzlich besser da, wobei die Regierung auf der Ausgabenseite mit den Zahlen jongliert.

Hoffnungsschimmer

Viele Ökonomen bestreiten den Sinn staatlicher Eingriffe bei der Preisfindung, weil sie die Marktmechanismen aushebeln. Die reine Lehre der Marktwirtschaft geht davon aus, dass Güter teurer werden, wenn sie knapper sind. Bei Gas und Benzin müssten höhere Preise also dazu führen, dass der Verbrauch und somit auch mittelfristig die Preise wieder sinken – was politisch durchaus erwünscht ist. Wenn der Staat hingegen die Preise künstlich nach unten drückt, tritt dieser preisdämpfende Effekt nicht ein. Andererseits: Wenn der Staat nicht handelt, könnten sich immer mehr Bürger kurzfristig keine warme Wohnung mehr, die Fahrt zur Arbeit und sonstige Lebenshaltungskosten noch leisten.

Trotz pessimistischer Aussichten gibt es zwei Aspekte, die Hoffnung machen: Die momentane Inflation wird vor allem von Energie- und Lebensmittelpreisen befeuert. Wenn in diesen Segmenten eine gewisse Normalisierung eintritt, wird sich die Geldentwertung verlangsamen. Zudem wird sich im Frühjahr 2023 – ein Jahr nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine – zumindest ein statischer Effekt bemerkbar machen: Da sich die Inflationsrate immer auf den Wert des Vorjahresmonats bezieht, sieht ab dann die Steigerung geringer aus: Im April 2022 zum Beispiel waren die Preise in Deutschland gegenüber 2021 bereits um 7,8 Prozent gestiegen – ein Level, das die Basis für die künftigen Inflationszahlen bildet. Der Nachteil: Die Preise bleiben auf hohem Niveau, auch wenn sie nicht mehr so rasant steigen.

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