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Französische Sommeruniversität

Frankreichs große Frauen

Marie-Claire Hoferer

Marthe Cohn, 2016, © picture alliance / dpa | /Ncy

29. September 2022

Immer ist in der Geschichte Frankreichs von großen Männern die Rede, den grands hommes – etwa von Napoléon Bonaparte oder Charles de Gaulle. Die Sommeruniversität des Frankreich-Zentrums der Universität Freiburg i. Br. machte 2022 hingegen die großen Frauen der Geschichte Frankreichs, die grandes femmes de l’histoire de France, zum Thema.

Große Frauen in der Kunst

Frauen haben in der französischen Kunst nicht nur immer wieder eine wichtige Rolle gespielt, sondern waren in vielen Bereichen männlichen Künstlern um Längen voraus. Ein gutes Beispiel hierfür ist Alice Guy-Blaché (1873–1968), die erste weibliche Regisseurin Frankreich. In der Geschichte des Films aber muss man sie suchen. Dabei drehte sie Mit La Fée aux Choux (Ausschnitt auf youtube) 1896 den ersten fiktionalen Film überhaupt. Ihre Arbeit prägt bis heute den französischen Film, ohne dass ihr Name fällt.

Auch Autorinnen von Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts sind in Frankreich nur schwer auffindbar. Um überhaupt reisen zu dürfen, mussten Frauen sich zu jeder Zeit verhüllen, oder sie durften nur an der Seite ihres Ehemannes reisen. So etwa berichtet die Frau des französischen Forschungsreisenden Louis de Freycinet, Rose de Freycinet (1794–1832), in ihrem Reisetagebuch (Erstveröffentlichung: 1927) in Briefform über ihre gemeinsame Weltumrundung und konnte sich damit einen Namen machen – der in Vergessenheit geraten ist. Einer der ersten Cellistinnen der Musikgeschichte, Lise Christiani (1927–1953), ermöglichten ihre Konzertreisen u. a. nach Deutschland, Österreich, Dänemark, Schweden darüber zu schreiben.

Beide Frauen konnten also im Gegensatz zu vielen anderen auf Reisen gehen, und ihre Erzählungen erlauben bis heute Einblicke in ihre eindrucksvollen Erfahrungen. Diese Abenteurerinnen sind Heldinnen: Sie haben nicht nur gesellschaftliche Grenzen ihrer Zeit überschritten, sondern können bis heute als Pionierinnen und Vorbilder angesehen werden.

… in der Politik

Die Frauenrechtlerin und Revolutionärin Olympe de Gouges (1748–1793) ist die Verfasserin der Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin von 1791. Im Sommer der Terrorherrschaft Robespierres wurde die Gegenerin der Jakobiner angeklagt und am 3. November 1793 hingerichtet; der Historiker Karl Heinz Burmeister schrieb: „…sie büßte (…) auch für ihren Einsatz für die Rechte der Frau.”

Die Politikerin und Holocaust-Überlebende Simone Veil (1927–2017) entkriminalisierte als französische Gesundheitsministerin (1974–1979) den Schwangerschaftsabbruch (loi Veil); sie war Mitglied des Europäischen Parlaments (und von 1979-1982 dessen Präsidentin), Sozialministerin (1993–1995), Mitglied des französischen Verfassungsrates (1998–2007) und ab 2008 der Académie française. Am 1. Juli 2018 wurde sie – vielfach preisgekrönt – als fünfte Frau ins Panthéon überführt – in Frankreich eine Ausnahme hinsichtlich der Würdigung der Verdienste von Frauen.  

… in der Geschichte

Erfolge und Heldentaten von Frauen werden stattdessen immer wieder in den geschichtlichen Hintergrund gerückt – dies gilt auch für die Zeit der Résistance. Viele Frauen haben sich zwischen 1942 und 1945 auf sozialer oder politischer Ebene unter Lebensgefahr für ihr Land eingesetzt.

Die meisten von ihnen sind in Vergessenheit geraten, zum Beispiel Marthe Cohn, auch bekannt als Chichinette, die 1920 in eine jüdisch-orthodoxe Familie geboren wurde. Die gelernte Krankenschwester floh während der deutschen Besatzung nach Südfrankreich; der französische Geheimdienst setzte sie aufgrund ihrer guten Deutschkenntnisse nach der Befreiung von Paris als (überaus erfolgreiche) Spionin unter dem Namen Martha Ulrich im Deutschen Reich ein (cf. Der Spiegel: Wie Marthe Cohn zur Weltkriegsspionin wurde). Über ihre Erlebnisse schrieb sie 2002 mit Wendy Holden das Buch Im Land des Feindes: Eine jüdische Spionin in Nazi-Deutschland; 2019 erschien ein Dokumentarfilm von Nicola Hens: Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde (Trailer auf youtube).

Streit um Inklusion

Eine Frage der diesjährigen Freiburger Sommeruniversität war folglich: Wie können wir unsere Gesellschaft in eine gerechtere und inklusivere Zukunft führen, in der Frauen einen gleichberechtigten Platz haben. Ein Thema, über das auch in den französischen Medien in letzter Zeit lautstark und sehr kontrovers diskutiert wurde – etwa ob die Frau eine aktive Rolle innerhalb der französischen Sprache einnehmen sollte (Stichwörter: langage épicène, écriture inclusive; cf. Gendersprache im Deutschen), z. B. durch die Nennung beider Geschlechter (Beispiel: citoyens et citoyennes).

Die Meinungen dazu könnten kaum weiter auseinanderliegen. So lehnen die Académie française in einem offenen Brief und die französische Regierung in einem Bulletin des Ministère de l’Éducation Nationale et de la Jeunesse die inklusive Schreibweise im Französischen explizit ab – und das, obwohl es sich hierbei keineswegs um eine Ausgrenzung des Maskulinums handelt, sondern um den Versuch, auf sprachlicher Ebene Gleichberechtigung von Frauen und Männern herzustellen. Schließlich ist Sprache der Grundstein für gesellschaftliches Zusammenleben und ein Medium, das eine Gesellschaft wie kein anderes prägt – und verändern kann.

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