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Corona in Deutschland und Frankreich

Andere Länder, andere Sitten

Von Mariella Hutt

Sogenannte Corona-Partys finden auf beiden Seiten des Rheins statt. Symbolbild, © Michael Vano, Shutterstock

20. November 2020

Frankreich und Deutschland befinden sich in einer ernstzunehmenden Gesundheitskrise – und beide Länder gehen unterschiedlich damit um. Der Experte Prof. Peter Franklin erklärt, warum.

12. März, gegen 20:30 Uhr. Ich stehe mit meinen französischen Kommilitonen und Dozenten vor einem Laptop-Bildschirm im Gang unserer Straßburger Uni. Emmanuel Macron verkündet, dass alle Universitäten in Frankreich ab Montag geschlossen werden. Jubel bei meinen Kommilitonen, Seufzen bei meinen Dozenten – und ich, die einzige Deutsche, scheine wohl auch als Einzige überrascht von der Nachricht zu sein.

„So etwas wäre in Deutschland undenkbar“, sagt Prof. Peter Franklin über Macrons Ankündigung, alle Hochschuleinrichtungen schließen zu wollen. Prof. Franklin ist Experte für interkulturelles Management und interkulturelle Kommunikation an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz. Über Macrons Aussage muss er im ersten Moment ähnlich verwundert gewesen sein wie ich. Im März war er zu einer Tagung in Frankreich eingeladen, die Veranstaltung fand dann aber aufgrund der Corona-Krise nicht statt.

Prof. Peter Franklin

„Ich war baff als die Absage kam und der Kollege sich auf die Rede von Präsident Emmanuel Macron bezogen hat“, berichtet er. Denn in Deutschland wird eine solche Entscheidung nicht von der Kanzlerin verkündet, sondern sie liegt normalerweise bei den Hochschulen selbst. Grundsätzlich sind Fernsehansprachen von Kanzlern in Deutschland, abgesehen von den üblichen Neujahrsansprachen, ungewöhnlich. Angela Merkel hat in ihrer fast 15-jährigen Amtszeit in der Corona-Pandemie – einige Tage nach Macrons Rede – zum ersten Mal diese Kommunikationsform gewählt. „Sie war ernst, nüchtern, objektiv und trotzdem war die Rede irgendwie emotional. Sie hat viele Deutsche beeindruckt“, analysiert Prof. Franklin. Was die Deutschen überrascht, ist in der französischen Kultur normal. „In Frankreich ist Macht eher konzentriert, in Deutschland eher verteilt. Der Präsident ist in Frankreich sehr wichtig und hat einen großen Einfluss. Er ist mächtiger als Angela Merkel“, erklärt der Experte.

Regeln und Autorität

„Ich will die Zeit ohne Uni nutzen, um hier in Straßburg viel mit meinen Freunden zu unternehmen und die Ferien zu genießen“, meinte meine französische Mitbewohnerin nach der Ankündigung, dass die Unis geschlossen werden sollen. Und während meine Freunde in Deutschland gerade darüber diskutierten, ob es wohl eine gute Idee sei, sich am Wochenende überhaupt noch zu treffen, meinte mein Mitbewohner: „Unsere WG-Party am Samstag findet auf jeden Fall statt“.

Ich habe nicht verstanden, warum die Franzosen die aktuelle Lage so locker sahen, diese wiederum schmunzelten über die Deutschen, die sich so strikt an alle empfohlenen Vorgaben hielten. „Gerade am Anfang der Pandemie gab es viel Unsicherheit, diese musste unter Kontrolle gebracht werden“, so Prof. Franklin. Unterschiedliche Kulturen gingen dabei unterschiedlich vor, um die Bevölkerung dazu zu bringen, sich an die Maßnahmen zu halten. „Strukturen richten sich nach der Kultur. Es ergeben sich Strukturen und Maßnahmen aufgrund der kulturell beeinflussten Werte. Man setzt das in die Praxis um, was man als Wert hat“, erklärt er. Einer der deutschen sogenannten „zentralen Kulturstandards“ sei die Regelorientierung, dadurch werde die gefühlte Unsicherheit reduziert: „Es gibt viele Regeln, aber weniger Autorität“. In China setze die Regierung im Gegensatz dazu nur auf Autorität und „in Frankreich gibt es eine Kombination aus Autorität und Regeln, damit die Bevölkerung im Interesse der Gruppe agiert“, so Prof. Franklin.

Das französische Militär kontrolliert, ob die Ausgangssperre in Straßburg eingehalten wird. © JethroT, Shutterstock

Die Deutschen würden sich grundsätzlich an Regeln halten, „auch, wenn jetzt vieles nicht mehr ganz so ernst und unkritisch genommen wird, wie am Anfang der Pandemie“, betont er. Regeln hätten in Deutschland eine emotionale und verhaltenssteuernde Funktion. Quantitative Untersuchungen hätten gezeigt, dass Frankreich zwar im Gegensatz zu seinem Nachbarland ein höheres Bedürfnis hat Unsicherheit zu meiden und es dort deshalb unter anderem auch mehr Regeln als in Deutschland gibt: „Die Franzosen gehen mit Regeln aber lockerer um, da die gesellschaftliche Kontrolle fehlt. Es gibt eher die Kontrolle durch eine Autoritätsperson.“

Während in meiner WG einige Tage später also 30 Leute dicht gedrängt im Wohnzimmer miteinander tanzten, schlossen einige Meter weiter die Restaurants und Bars. Am nächsten Morgen war auch die Partystimmung in der WG verflogen. Es gab Gerüchte eines kompletten Lockdowns, die Grenzen sollten geschlossen werden. Ich packte meinen Koffer und fuhr nach Deutschland, meine Mitbewohnerin in Richtung Süden zu ihrer Familie und mein Mitbewohner blieb alleine in der Wohnung zurück.

Kurze Zeit später kam es in Frankreich dann zur kompletten Ausgangssperre. In Deutschland hingegen gab es lediglich lokale Beschränkungen, wie in Bayern oder der Stadt Freiburg. Meine französischen Freunde, die einige Tage und Wochen vorher noch über mich geschmunzelt hatten, folgten auf einmal strikt allen Regeln: Ausgangsbescheinigung ausfüllen, Maske aufsetzen beim Einkaufen und teilweise auch im öffentlichen Raum, Abstand halten, Hände gründlich waschen und keine Partys.

Ausgangsbeschränkungen in Bayern: Der Marienplatz in München war im März wie ausgestorben. © Rico Markus, Shutterstock

„Kulturen können sich ändern – langsam. Auch die sonst freiheitsliebenden Franzosen, die protestierenden Gelbwesten und die streikenden Arbeiter können sich plötzlich an Regeln halten. Sie haben eingesehen, dass das im Interesse der Gruppe jetzt sein muss. Die Regelungen und auch die Aussagen von Präsident Emmanuel Macron haben die Franzosen überzeugen können.“ Den Deutschen sei in der Krise bestätigt worden, wie wichtig für sie die „deutsche Ordnung“ sei, denn diese reduziere die gefühlte Unsicherheit. „Das deutsche Ausbildungswesen ist sehr technisch ausgerichtet, es wird sehr viel Wert wird auf Probleme erkennen, analysieren und lösen gelegt. Das sieht man auch im Umgang mit der Pandemie. Struktur und Prozessoptimierung gehören zu den Stärken der Deutschen“, so der Wissenschaftler über das Verhalten.

Krisenmanagement in anderen Ländern

Auch meine Freunde in Frankreich lobten den Umgang mit dem Virus im Nachbarland immer öfter: „Deutschland managt die Krise um einiges besser“, betonten sie. Denn während wir Deutschen neidisch auf das Krisenmanagement in Korea oder Taiwan schauten, schauten die Franzosen neidisch auf uns. Als ich im Mai in kleinen Gruppen mit Freunden die frühsommerliche Wärme draußen genießen konnte, verbrachten meine Kommilitonen ihr Leben an ihrem Schreibtisch und nutzen jede freie Sekunde für unser Uni-Projekt – weil sie sowieso nichts anderes zu tun hatten. Ich musste sie gar nicht sehen um zu wissen, dass sie mehr als neidisch auf mich waren.

„Man bewundert immer die Länder, in denen es besser klappt. In Deutschland hat das Krisenmanagement um einiges besser funktioniert, als in anderen Ländern“, erklärt der Experte die Stimmung unter Franzosen und fügt hinzu: „Wir sind halt das Nachbarland, das liegt für sie näher als der asiatische Raum“. Deutschland sei bisher relativ glimpflich durch die Krise gekommen. Grund dafür seien die Regelorientierung, die interne Kontrolle aber auch die medizinische Infrastruktur. Doch es gab trotzdem Länder in denen der Umgang mit der Krise noch besser funktioniert hat, etwa in Korea und Taiwan. Länder, die oft von der deutschen Bevölkerung bewundert wurden. Grund dafür: Es wurde früh eine Tracking-App eingeführt, von Anfang an viel getestet und es gab vergleichsweise wenig Infektionen.

Im Juli wurde das Tragen einer Maske im öffentlichen Raum lediglich empfohlen. Seit dem 29. August herrscht nicht nur in ganz Straßburg Maskenpflicht. © Lia Seisdici, Shutterstock

Lehren aus der Pandemie

Auch in Deutschland und Frankreich sank die Ansteckungsrate im Juni und Juli. Als die Grenzen wieder geöffnet wurden, ging ich zurück in meine französische WG. Schon gleich nach meiner Ankunft verkündeten meine Mitbewohner: „Heute Abend findet hier eine Party mit 20 bis 30 Personen statt“. Auch, wenn ich das persönlich nicht gut fand – wirklich schockiert war ich nicht. Denn auch in Deutschland war immer häufiger von sogenannten Corona-Partys zu hören: Ausufernde Feste, bei denen die Hygienevorschriften bewusst ignoriert werden.

„Da verhalten sich Deutsche und Franzosen gleich. Die Menschen haben gemerkt, dass sie soziale Kontakte, diese Partys brauchen, auch wenn sie oft nicht mit dem Infektionsgeschehen vereinbar sind. Sie wollen wieder ein bisschen Freiheit und sie brauchen einander. Soziale Kontakte sind wichtig“, analysiert Prof. Franklin. Das sei mittlerweile auch in der Politik angekommen „Gesellschaft und Kultur sind ein lernendes und dynamisches Gebilde. Sie lernen aus Erfahrungen, und passen Werte, Normen und Praktiken an“, resümiert er und hält einen kompletten Lockdown deshalb in beiden Ländern für nur schwer umsetzbar.

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