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Premières Dames

An der Seite des Präsidenten

Von Martin Vogler

Brigitte und Emmanuel Macron 2018, © Frederic Legrand – COMEO, Shutterstock

15. September 2020

Sie haben kein offizielles Amt, aber trotzdem enormen Einfluss, und sie stehen ständig im Rampenlicht. Glücklich mit ihrer Rolle wurden die – mehr als acht – Damen der bislang acht Präsidenten der Fünften Republik nur selten.

Auch wenn sie über ein eigenes Büro mit Personal verfügen, ist die Funktion der Partnerinnen nicht gesetzlich geregelt. Das hätte Charles de Gaulle, der erste Präsident der Fünften Französischen Republik, auch nicht gewollt, als er 1958  die Verfassung formulieren ließ. Die Rolle von Yvonne de Gaulle entsprach nämlich exakt dem Frauen- und Familienbild des konservativen Generals. Die Première Dame folgte ihrem Mann schlicht überall hin, auch in den Präsidentenpalast, den sie nicht besonders mochte: „Jeder fühlt sich im Élysée zu Hause, außer uns“, lautet ein von ihr überliefertes Zitat.

Gnadenlos unter Beobachtung

Ganz anders ist das Selbstverständnis der heutigen Präsidentengattin Brigitte Macron. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Élysée sollen sie sogar als „La Présidente“ titulieren, weil ihr Mann Emmanuel mehr auf ihren Rat als auf ihren höre. Offiziell hat sie bestenfalls repräsentative Aufgaben und engagiert sich karitativ. Nicht alle ihre Vorgängerinnen – männliche Partner gab in Frankreich bislang nicht – hatten das politische Gewicht einer Brigitte Macron. Aber fast allen gemeinsam ist, dass sie ihr offizielles Leben nicht unbedingt liebten. Denn sie stehen gnadenlos unter Beobachtung, werden rasch kritisiert, wenn sie sich zu aktuellen Fragen äußern, ernten andererseits aber auch oft Kritik, wenn sie es nicht tun. Auch ihr modisches Auftreten ist ein unendliches Thema in Frankreich. Den Kummer vieler Präsidentengattinnen drückte 1974 Anne-Aymone Giscard d’Estaing aus. Auf die Frage „Was wünschen Sie sich, nun da Sie Première Dame sind?“, antwortet sie trocken: „Es nicht mehr zu sein.“

Gemessen an der scharfen Beobachtung durch das französische Volk haben es die Partnerinnen deutscher Präsidenten deutlich leichter. Zwar schaffte Bettina Wulff es immer wieder in die Klatschpresse, aber daran hatte sie selbst gehörigen Anteil. Vor allem hält sich in Deutschland die Aufmerksamkeit – und auch die Neugier – bezüglich der Partnerinnen des Präsidenten und des Kanzlers beziehungsweise des Partners der Kanzlerin in Grenzen. Unvorstellbar erscheint hierzulande, dass über die Beziehung von Angela Merkel und ihrem Mann Joachim Sauer dermaßen schamlos öffentlich spekuliert würde, wie das bei Brigitte („Bibi“) und Emmanuel Macron oder bei Carla Bruni und Nicolas Sarkozy der Fall war und ist.

Die Statuen von Charles und Yvonne de Gaulle in Calais, © Huang Zheng, Shutterstock

Die Konservative: Yvonne de Gaulle

So gesehen hatte es Yvonne de Gaulle in den zehn Jahren der Präsidentschaft ihres Mannes ab 1959 einfacher. Sie war damals bereits 59, seit 39 Jahren mit Charles de Gaulle verheiratet und galt als treue Hüterin des Hauses, in dem sie zurückgezogen lebte. In einem der seltenen Portraits von ihr, die US-Wochenzeitschrift Saturday Evening Post veröffentlichte es, stand über Yvonne: „… ist so unbekannt, dass sie einen ganzen Tag in Paris Einkäufe machen kann, ohne erkannt zu werden.“ Politisch hatte sie zwar nie versucht, Entscheidungen ihres Mannes zu beeinflussen. Dennoch war sie bei Politikern als strenge Hüterin der Moral gefürchtet. Angeblich hat sie sogar mehrere leichtlebige Gaullisten zu Fall gebracht. Nur einmal versuchte sie selbst sichtbar Politik zu gestalten. Sie wollte ein Gesetz gegen Miniröcke initiieren. Bekanntlich ohne Erfolg.

Die Progressive: Claude Pompidou

Ansonsten hätte ihre Nachfolgerin Claude Pompidou ein modisches Problem gehabt. Denn die Juristin trug gerne kurze Röcke oder sogar Hosen, bevorzugt von Edel-Designern. Was zu ihrem Leben in progressiven Pariser Kreisen passte und dem Zeitgeist nach 1968 entsprach. Mit ihrem Mann Georges, Präsident von 1969 bis 1974, den sie als Lebenskünstler im Pariser Quartier Latin kennengelernt hatte, versuchte sie dem Bild eines modernen, trendigen Paares zu entsprechen, angeblich von den Kennedys inspiriert.

Georges und Claude Pompidou 1969 im Élysée, © Institut Georges Pompidou

Im ehrwürdigen Élysée-Palast standen plötzlich Designer-Möbel, das Paar umgab sich mit zeitgenössischer Kunst und fuhr zwischendurch im Sportwagen durch Saint-Tropez. Gleichzeitig gründete Claude soziale Stiftungen. Dennoch verbitterte „Madame Pompidour“ – so einer ihrer Spottnamen – zunehmend. Politisch wirklich Einfluss erreichte sie erst nach dem Krebstod ihres Mannes 1974. Gegen den Widerstand dessen Nachfolgers setzte sie durch, dass das Centre Pompidou fertiggestellt wurde. Der raffinerieähnliche Kunstpalast ist auch heute noch ein Touristenmagnet der Extraklasse – und macht den Namen Georges Pompidou gleichsam unsterblich.

Die Politische: Anne-Aymone Giscard d’Estaing

Ihrer Nachfolgerin Anne-Aymone Giscard d’Estaing gelang es, bereits während der Amtszeit ihres Mannes politischen Einfluss zu gewinnen. Sie sah es als ihre Aufgabe an, seine Public-Relations-Managerin zu sein, auch wenn sie sich im Élysée unwohl fühlte. Dem Volksempfinden nach tat sie das etwas allzu zu deutlich, als sie 1975 sogar an der traditionellen Neujahrsansprache des Präsidenten teilnahm.

Die Eigenwillige: Danielle Mitterrand

Ebenfalls selbstbewusst, aber nach eigenen Spielregeln, trat Danielle Mitterrand in Erscheinung. Ihr Mann François, Präsident von 1981 bis 1995, betonte stets, dass er die ehemalige Widerstandskämpferin weder als Wohltätigkeitsdame noch als Schmuckstück sehe. Die besonderen Spielregeln bestanden privat darin, dass beide Partner trotz gemeinsamer Ziele und drei Kindern teilweise getrennte Wege gingen, sie sich aber nie scheiden ließen. François Mitterrand hatte sogar 30 Jahre lang in Avignon eine „Zweitfamilie“ mit Anne Pingeot und der gemeinsamen, 1974 geborenen, Tochter Mazarine. Danielle wusste das, aber die meisten der Französinnen und Franzosen erfuhren erst viel später davon: Nicht zuletzt dank der Hilfe des Geheimdienstes gelang es Mitterand lange, sein Doppelleben geheim zu halten.

Danielle Mitterrand 2010, © Universitat de Barcelona – Campus Diagonal Nord

Währenddessen verfolgte Danielle sozialistische Ziele, indem sie Revolutionäre in anderen Ländern und ethnische Minderheiten unterstützte. Aus ihrer Abneigung gegen den Kapitalismus machte die Première Dame im Élysée-Palast, wo sie gekonnt die Gastgeberin spielte, nie ein Geheimnis. Gelegentlich sorgte das für Irritationen, etwa als sie den kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro in Paris herzlich in die Arme schloss. Ihr Mann hatte sie mal als „mein linkes Gewissen“ bezeichnet.

Die Bodenständige: Bernadette Chirac

Patrick de Carolis veröffentlichte 2001 eine Biografie von Bernadette Chirac, © Plon

Solch eine Titulierung wäre bei ihrer Nachfolgerin Bernadette Chirac absurd. Sie gab sich zurückhaltend, beeindruckte modisch mit ihrem Faible für Handtaschen. Die Franzosen mochten sie wegen ihrer Bodenständigkeit. So war es für die Chiracs – anders als etwa für Nicolas Sarkozy – geliebte Gewohnheit, im Fort de Brégançon am Mittelmeer, dem offiziellen Feriendomizil des Präsidenten, Urlaub zu machen. Dazu gehörte auch, Weihnachten die Mitternachtsmesse im verträumten Bormes-les-Mimosas zu besuchen, wo Fotografen stets für sympathische Berichterstattung in den Medien sorgten.

Anerkennung erntete die studierte Politikwissenschaftlerin Bernadette nicht nur als Frau von Jacques Chirac (Präsident von 1995 bis 2007), sondern auch, weil sie sich selbst politisch profilierte. In der kleinen Gemeinde Sarran im Südwesten der Republik war sie stellvertretende Bürgermeisterin und saß, auch als sie längst im Élysée lebte, im Conseil Général des Departements Corrèze, dem sie wie ihr Mann zeitlebens verbunden blieb.

Die Künstlerin: Carla Bruni

Nach 2007, mit der Wahl von Nicolas Sarkozy, wurde es glamourös im Präsidentenpalast. Im Wahlkampf hatte ihn noch seine zweite Frau Cécilia unterstützt. Doch kurz nach der Wahl wurde die Ehe geschieden. Bereits im Februar 2008 heiratete Nicolas Sarkozy Carla Bruni, Sängerin und ehemaliges Model. Legendär ist die Episode, wie sich die beiden bei einem Essen in Paris kennenlernten: Carla fragte den Präsidenten, ob er ein Auto habe – und wurde prompt mit der Präsidentenlimousine nach Hause gefahren.

Nicolas Sarkozy und Carla Bruni 2008, © Entertainment Press, Shutterstock

Sie nutzte ihre Rolle als Première Dame keineswegs, um politischen Einfluss zu erlangen. Stattdessen beflügelte ihre neue Popularität ihre Karriere als Sängerin. Das Fort de Brégançon verschmähten die Sarkozys. Sie genossen lieber den Luxus im privaten Anwesen der Familie Bruni, das nur zehn Kilometer östlich auf dem Cap Nègre liegt.

Die Lebensgefährtinnen: Valérie Trierweiler und Julie Gayet

Valérie Trierweiler 2011, © Frederic Legrand – COMEO, Shutterstock

Sarkozys Nachfolger im Präsidentenamt, der Sozialist François Hollande, agierte nicht nur politisch häufig ungeschickt. Als er 2012 gewählt wurde, hatte er vier Kinder mit der Politikerin Ségolène Royal, ohne mit ihr verheiratet zu sein.

Ségolène Royal war langjährige Abgeordnete des Parti socialiste (PS), Ministerin für Umwelt und Energie in Regierungen während der Präsidentschaft François Hollandes und im Jahr ihrer Trennung, 2007, Präsidentschaftskandidatin. Sie verlor mit nur sechs Prozentpunkten Unterschied gegen Nicolas Sarkozy und trat 2012 erneut als Präsidentschaftskandidatin an, schied jedoch schon in der ersten Runde der offenen Vorwahlen mit nur sieben Prozent der Stimmen aus.

Julie Gayet 2018, © Oleg Nikishin, Shutterstock

Als Präsident hatte François Hollande von 2012 bis 2014 eine Liaison mit Valérie Trierweiler, die die Rolle der Première Dame übernehmen sollte („First Girlfriend“ nannte man sie in den Vereinigten Staaten). Doch die engagierte Journalistin wollte ihren Beruf nicht aufgeben, was vor allem bei politischen Themen zu Interessenskonflikten hätte führen können. 

Während der wenig diskreten Trennung begann Hollande ein Verhältnis mit der Schauspielerin und Filmproduzentin Julie Gayet. Spätestens als eine Zeitschrift Fotos veröffentlichte, wie der Präsident angeblich zu seinen heimlichen Stelldicheins auf dem Motorroller vorfuhr (die Wahl einer italienischen Vespa rief französische Produzenten wie Peugeot auf den Plan), war auch sein politischer Abstieg besiegelt. Hollande bekannte sich nur sehr zögerlich zu Gayet als offizieller Lebensgefährtin und repräsentierte Frankreich am Ende seiner Amtszeit meist allein.

Die Ratgeberin: Brigitte Macron

Mit Emmanuel Macron zog 2017 zwar nicht politisch, aber in Bezug auf die Première Dame mehr Ruhe im Palast ein. Das Vorhaben, Brigitte Macron mit klaren Kompetenzen und einem eigenen Etat auszustatten – was nicht gelang –, sorgte anfangs für Irritationen. Unbestritten ist jedoch ihre hilfreiche Ratgeberfunktion. Im Wahlkampf hatte sie bereits Termine koordiniert und Reden ihres Mannes redigiert. Am Altersunterschied von 25 Jahren arbeiteten sich so manche Medien ab. Mittlerweile, auch, weil es wenig Neues zu vermelden gibt, haben sie die Lust an dem Thema weitgehend verloren. Da hilft es auch nichts, immer wieder zu erzählen, dass Brigitte die Lehrerin Macrons gewesen sei. Die Französisch- und Lateinlehrerin am Lycée La Providence in Amiens hat den heutigen Staatspräsidenten nie unterrichtet. Er war ein Klassenkamerad ihrer Tochter Laurence und sie lernten sich in der Theater-AG des Jesuitengymnasiums kennen. 2006 wurde die dreifache Mutter geschieden, am 20. Oktober 2007 heirateten sie und Emmanuel Macron.

Die Präsidenten der 5. Republik und ihre Premières Dames

Charles de Gaulle, 1959–1969, Yvonne de Gaulle
Georges Pompidou, 1969–1974, Claude Pompidou
Valéry Giscard d’Estaing, 1974–1981, Anne-Aymone Giscard d‘Estaing
François Mitterrand, 1981–1995, Danielle Mitterrand
Jacques Chirac, 1995–2007, Bernadette Chirac
Nicolas Sarkozy, 2007–2012, Cécilia Sarkozy, Carla Bruni
François Hollande, 2012–2017, Valérie Trierweiler, Julie Gayet
Emmanuel Macron, seit 2017, Brigitte Macron

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