Template: single.php

Studium im Lockdown

Allein zu Haus

Von Mariella Hutt

Die Corona-Krise stellt Studierende vor besondere Herausforderungen; Symbolbild, © Shyntartanya, Shutterstock

30. April 2021

Studierende in Deutschland und Frankreich können seit dem Sommersemester 2020 in der Regel nicht mehr an Präsenzkursen teilnehmen. Welche Auswirkungen das hat und inwiefern es dabei kulturelle Unterschiede gibt, erklärt Marjorie Berthomier, Generalsekretärin der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH).

Ausgangssperren statt Abfeiern und Maskenpflicht statt Mensapausen – für deutsche und französische Studierende hat das dritte Semester vor dem Bildschirm begonnen. „Alles, was das Studierendenleben ausmacht, bleibt den jungen Menschen momentan vorenthalten. Die Lage ist unheimlich schwierig, ungünstig und unangenehm. Viele haben ihren Nebenjob verloren, mussten zurück ins Kinderzimmer im Haus ihrer Eltern. Doch die Studierenden halten trotzdem durch, geben sich große Mühe den Herausforderungen des Studiums trotz der Krise gerecht zu werden – die sind alle wirklich sehr mutig“, so die Generalsekretärin der DFH, an der 6400 Studierende auf beiden Seiten des Rheins studieren.

Marjorie Berthomier, © Oliver Dietze

Trotzdem äußerten viele nun immer öfter den Wunsch, zu den gewohnten Präsenzkursen zurückzukehren. Denn mit Voranschreiten der Pandemie und dem Ausfall von Exkursionen und Projekten wird auch die Angst immer größer, die Corona-Jahrgänge könnten schlechtere Jobchancen haben. „,Werde ich eine Arbeit finden oder nicht?‘ Das ist eine Sorge, die viele gerade beschäftigt. Je länger die Pandemie dauert, desto stärker rücken diese Zweifel in den Vordergrund, sie erscheinen in einer solchen Krise besonders brisant. Und das bei Studierenden beider Nationalitäten“, sagt die Expertin. Auch, wenn sich das Verhalten der Deutschen und Franzosen in der Pandemie teilweise unterscheide, hätten die Studierenden dieselben Probleme. Die Regierungen versuchen deshalb, die zukünftigen Akademikerinnen und Akademiker zu unterstützen. Trotz gleicher Sorgen aber häufig mit unterschiedlichen Mitteln.

Finanzielle Hilfen

In Frankreich wurde die Plattform #1jeune1solution ins Leben gerufen, die jungen Erwachsenen unter anderem dabei helfen soll, einen Job oder ein Praktikum zu finden. 1jeune1solution ist Teil des Plans France Relance. Mit ihm sollen die ökonomischen und sozialen Folgen der Corona-Krise bis 2030 bewältigt werden. Die französische sowie die deutsche Regierung bieten außerdem finanzielle Hilfen an. In Frankreich werden unter anderem die Mieten für Studentenwohnheime und die Einschreibegebühren vorerst nicht erhoben. Außerdem werden Studentenwohnheime und die Centres regionaux des oeuvres universitaires et scolaires (Crous) mit Automaten für kostenlose Hygieneartikel ausgestattet, ab September sogar alle Universitäten im Land.

In Deutschland wurden u. a. das BAföG angepasst und der Zugang zu Leistungen vereinfacht. Die Studierenden können Überbrückungshilfen anfordern oder einen zinsfreien Studienkredit beantragen. „Wir wissen, dass es sehr wichtig für Studierende ist, dass es solche Angebote gibt. Jedes Zeichen der Wahrnehmung und der Anerkennung der Schwierigkeiten ist willkommen und wird gut angenommen“, erklärt Marjorie Berthomier.

Protestkultur in Frankreich und Deutschland

Doch das allein reiche nicht, so die Meinung vieler Studierender. In Frankreich gingen einige sogar auf die Straße, um für mehr Aufmerksamkeit der Regierung zu kämpfen. Im Januar kam es in Paris und Straßburg zu Protestmärschen mit Hunderten Studierender. Bilder, die es in Deutschlands Städten in diesem Ausmaß nicht zu sehen gab, obwohl auch dort viele mehr Bemühungen seitens der Politik fordern. Ein Grund dafür: Frankreichs Schulen waren im Vergleich zu Deutschland bisher über deutlich kürzere Zeiträume geschlossen.

Dass sie seit einem Jahr keinen Hörsaal mehr gesehen haben, die Schulen aber fast durchgehend geöffnet sind, können manche französische Studierende nur schwer verstehen. Marjorie Berthomier findet für die Kritik noch eine andere Erklärung: „Das hängt mit der Kultur der Demonstration zusammen. Sie ist in Frankreich unabhängig von der Pandemie stärker als im Nachbarland.“ Als Reaktion auf die Protestmärsche versprach Präsident Emmanuel Macron Ein-Euro-Mahlzeiten, kostenlose psychologische Unterstützung und das Recht auf einen Tag Präsenzlehre in der Woche.

Studierende demonstrieren am 21. Januar 2021 in Lyon für mehr Aufmerksamkeit in der Corona-Pandemie. © Franck Chapolard, Shutterstock

Ob die Unterstützung der beiden Regierungen ausreicht, bezweifelt sie dennoch. Das bisherige Angebot sei immer noch zu niedrig und das französische Recht auf Präsenzkurse sei in der Praxis nicht so einfach umzusetzen, unter anderem da sich viele während der Pandemie nicht am eigentlichen Studienort aufhalten. In Deutschland beschränken sich die Hilfen der Politik größtenteils auf finanzielle Mittel. Die Deutsch-Französische Hochschule hat deshalb, wie auch einige andere Universitäten, zusätzliche Schritte eingeleitet. Für ausländische Studierende wurden beispielsweise private Sprachkurse mit Dozierenden umgesetzt, einige konnten in Absprache als Präsenzveranstaltung ermöglicht werden. „Junge Leute kann man nicht lange einsperren“, weiß Marjorie Berthomier.

Risiko Studienabbruch

Die Hilfen – seien es die der Regierung oder auch private Initiativen von Hochschulen – scheinen sich zumindest teilweise ausgezahlt zu haben. „Trotz dieser Krise und den damit verbundenen enormen Herausforderungen haben wir sowohl bei den deutschen als auch bei den französischen Studierenden unserer Studiengänge wenige bis fast keine Studienabbrüche“, erklärt die Generalsekretärin der DFH. Diese Entwicklung bestätigt auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Trotz der Krise hätten die Studierenden im Sommersemester 2020 nicht häufiger über einen Studienabbruch nachgedacht als noch vor vier Jahren – auch wenn das Risiko dafür höher sei.

Eine Studie der französischen Regierung kann diesen Trend jedoch nicht bestätigen: Einer von sechs Studierenden hat laut der Befragung sein Studium während der Pandemie abgebrochen – das sei „alarmierend“. Einige französische Studierende sehen sich besonders durch den härteren und längeren Lockdown mit Ausgangssperren für Studienabbrüche gefährdet.Ein Ende der Situation ist auch an den Hochschulen nicht in Sicht. Wie es nach dem dritten Semester, das an der DFH auf beiden Seiten des Rheins als Online-Semester geplant ist, weitergehen wird, ist ungewiss. Für die Studierenden ist es laut Marjorie Berthomier wichtig, dass es wieder vermehrt Möglichkeiten für soziale Kontakte gibt, natürlich ohne ihre Gesundheit und die anderer in Gefahr zu bringen: „ Kollektive Präsenz ist für Studierende aller Nationalitäten essenziell!“

Studieren in der Corona-Krise

Jürgen Wurth, 24, studiert in Freiburg im Breisgau Mathematik, katholische Theologie und Theater auf Lehramt; die gleichaltrige Kathleen Eigemeier-Birot ist in Straßburg immatrikuliert, sie möchte Grundschullehrerin werden. Was sie vereint: Beide fühlen sich von der Politik ihres Landes im Stich gelassen. Im Interview erzählen sie von Vorlesungen im Pyjama und was sie aus der Krise fürs spätere Leben mitnehmen.

Zwischen Skype, Schlabberlook und Serverproblemen – wie ist das Uni-Leben vor dem Laptop wirklich?

© Jürgen Wurth

Jürgen Wurth: Generell hat sich der Tag für mich nach hinten verschoben, denn den Weg zur Uni kann ich mir jetzt natürlich sparen. Da meine Kamera bei den meisten Vorlesungen ausbleibt, spare ich mir auch die Zeit fürs Duschen, Frühstücken und Anziehen. Das passiert dann alles während oder nach den Veranstaltungen. Die meisten Dozierenden gehen wohl davon aus, dass Studierende jetzt exorbitant viel Zeit und Langeweile haben, die sie folglich mit Übungsaufgaben füllen. Da ist die Belastung schon viel größer geworden. Für mich ist es schwieriger, Motivation aufzubringen, und die belohnenden Wochenenden fallen weg. Das heißt, viel Selbstdisziplin ist gefragt.

Kathleen Eigemeier-Birot: Ich stehe 30 Minuten oder manchmal auch nur 15 Minuten vor meinem ersten Kurs auf, trinke einen Kaffee und logge mich in die Videokonferenz ein. Ich muss mich dafür noch nicht einmal anziehen, da wir nur unsere Mikros einschalten müssen, die Kamera bleibt aus. Normalerweise habe ich pro Tag vier Kurse, die jeweils zwei Stunden lang dauern. Es ist anstrengend, sich zu motivieren und dem Dozierenden zu folgen. Ich weiß, dass die Uni die Präsenz bei den Online-Kursen kontrolliert. Wenn ich nicht an den Kursen teilnehme, riskiere ich, dass ich mein Abschlusszeugnis nicht bekomme.

Viele Studierende kritisieren in der Pandemie die Politik – Sie hätten sich zu wenig um sie gekümmert. Wie siehst du das?

Jürgen Wurth: Ganz deutlich zeigt sich für mich, dass wir Studierende an letzter Stelle stehen, wenn es darum geht, an wen gedacht wird. Auf der einen Seite sind viele von uns im Vergleich zu anderen in privilegierten Situationen und es ist schon so, dass man uns mehr Eigenverantwortung im Lernen zutrauen kann. Auf der anderen Seite sehe ich die negativen Folgen, die nicht im Blick der Politiker sind. Viele haben mit psychischen Folgen zu kämpfen. Dabei fehlt es an psychologischer Unterstützung. Durch die Pandemie fallen auch Nebenjobs weg, die viele brauchen, um ihr Studium zu finanzieren. Ich wünsche mir, dass die Politik das sieht und entsprechend reagiert. Wir wollen auch wahrgenommen werden.

© Kathleen Eigemeier-Birot

Kathleen Eigemeier-Birot: Als Studentin hatte ich letztes Jahr wirklich den Eindruck, außen vor gelassen zu werden. Bis Online-Kurse auf den Weg gebracht wurden, hat es lange gedauert. Die Maßnahmen, zum Beispiel Ein-Euro-Mahlzeiten und kostenlose Hygieneprodukte, kamen erst 2021. Ich denke, dass  Studierende mit wenig finanziellen Mitteln, die ihren Job verloren haben und ihr Studium oder ihre Wohnung nicht mehr bezahlen konnten, keine andere Möglichkeit hatten, als ihr Studium abzubrechen. Auch das mit der psychologischen Unterstützung war schwierig, die Studierenden standen als Opfer der Krise nicht an erster Stelle auf der Prioritätenliste. Aber wie soll jemand mit 20 Jahren nicht in Depressionen verfallen, wenn man allein in einer 12-Quadratmeter-Wohnug lebt und keine sozialen Interaktionen hat?

Was nimmst du aus der Krise für die Zukunft mit?

Jürgen Wurth: Ich habe gelernt, dass wenn alles andere wegbricht, Freunde und Familie das Wichtigste sind. Ich nehme mit, dass digitale Treffen oftmals eine Alternative darstellen und dass sie produktiv sein können. Mir wurde aber auch bewusst, wie wichtig persönliche Kontakte sind und was für eine große Rolle das Studierendenleben spielt. Ein Studium besteht nun mal nicht nur aus Vorlesungen und Lernen. Persönliche Entwicklung, Selbstfindung und auch feiern gehören dazu und sind nicht unwichtig. Ich nehme auch mit, dass man Krisen bekämpfen kann, notfalls sehr radikal, wenn der politische Wille da ist. Das wünsche ich mir auch für andere Krisen.

Kathleen Eigemeier-Birot: In dieser Krise habe enorm viel über die französische Gesellschaft aber auch über mich gelernt. Wir brauchen ein Minimum an Interaktionen mit anderen Menschen. Leider nehme ich auch mit, dass sich die Franzosen häufig sehr egoistisch verhalten, wenn man ihnen Rechte verweigert. Aber abgesehen davon konnten wir Pflegepersonal unterstützen, fabelhafte Aktionen für Ältere ins Leben rufen und damit unseren Lebensstil radikal ändern können. Für die Zukunft nehme ich mit, dass alles, egal in welchem Moment, passieren kann. Vor noch etwas mehr als einem Jahr hätte ich mir niemals vorstellen können, so wie jetzt zu leben.

Schreiben Sie einen Kommentar

Mit * markierte Felder müssen ausgefüllt werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.