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Nonverbale Kommunikation

Die Kunst des Verneigens

Von Jörg-Manfred Unger

Einer von 7510 vietnamesischen Studierenden an deutschen Hochschulen im Wintersemester 2018/19, © Shutterstock

18. Mai 2020

Vor Corona: In Frankreich begrüßt man sich mit Küsschen auf die Wangen, in Deutschland gibt man sich die Hand. In vielen asiatischen Kulturen verneigt man sich weiterhin – auch in Schule und Universität.

Es handelt sich um ein leichtes Nachvornebeugen des Kopfes, ein kurzes Senken der Augenlider und höchstens um ein kurzes Anwinkeln, Neigen und ggf. Drehen des Oberkörpers aus dem Gehen heraus.

Das Verneigen ist in südostasiatischen Ländern wie Laos, Thailand und Vietnam auch an Schulen und Universitäten selbstverständlich und geschieht wie nebenbei: beim Betreten eines Raumes, zu Beginn eines Gespräches oder einfach im Vorübergehen.

Als Reaktion verneigen sich auch die Empfänger der Geste; in Schule und Universität also Lehrende, je nach Situation und Eile: mal angedeutet, mal ausgeprägt, mal hastig, mal entspannt. Begleitet wird das gegenseitige Verneigen mit einem Lächeln, das nur einen Bruchteil einer Sekunde dauert.

Ein Vorteil in Zeiten von Pandemien: diese Art von zwischenmenschlichem Kontakt ist weitgehend virenfrei.

Interkulturelle Missverständnisse

Unterschiedliche soziale Codes führen allerdings schnell zu Missverständnissen, etwa als ein vietnamesischer Student, neu an einer deutschen Universität, zum Semesterbeginn erstmals eines seiner Seminare besuchte.

Gegenüber dem Dozenten verneigte er sich am Ende der Veranstaltung im Vorbeigehen in der ihm vertrauten, in Hanoi täglich praktizierten Art und Weise, um seine Wertschätzung zu zeigen. Die Reaktion des Dozenten war wider Erwarten harsch: „Machen Sie so etwas bitte nie wieder bei mir!“ Irritiert und etwas peinlich berührt verließ der Student den Raum; er war sich keines Fehlers bewusst. Seine Kommilitoninnen und Kommilitonen hatten auf ihre Tische geklopft.

Denn „sich verneigen“ hat in Deutschland eine gänzlich andere Bedeutung als in Vietnam und beinhaltet Interpretationsspielräume, die mit erheblichen Risiken in Form von Fehldeutungen und Missverständnissen einhergehen und negative Zuordnungen enthalten können: etwa „einen Diener machen“, sich devot verhalten (müssen).

Kommunikation im interkulturellen Kontext ist vielschichtig und bedarf neben einem hohen Maß an Feingefühl auch das Wissen um eben diese potentiellen Interpretationsspielräume. Nonverbale Kommunikation ist dabei naturgemäß weit mehr betroffen als die gesprochene Sprache, die bekanntermaßen an sich schon anfällig für Missverständnisse ist.

Hut ab – Chapeau!

Die beschriebene Situation wird damit grotesk. Denn der junge Mann will mit seiner kurzen Verneigung ­­einfach sagen: „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Es war eine sehr gute und lehrreiche Sitzung!“ – nonverbal im Sinne von „Hut ab – Chapeau“.

Die kurze oder angedeutete Verneigung dem Gesprächspartner gegenüber ist im asiatischen Raum nämlich eben nicht Ausdruck eines devoten, von Unterwürfigkeit gekennzeichneten Verhaltens. Und es bedeutet auch nicht, dass sich die Person, die sich verneigt, als schwach oder verletzbar empfindet. Sie ist vielmehr unter positivem Vorzeichen zu interpretieren, als eine Geste der Aufmerksamkeit, ein Ausdruck eines Beachtens und der Wahrnehmung des Gegenübers. Im schulischen und akademischen Kontext handelt es sich um eine Geste der Wertschätzung und der Dankbarkeit.

Wollte der Dozent den Studenten gezielt vor den Kopf stoßen? Keineswegs! Er hat, sicherlich unbewusst, das Verneigen des Studenten als Ausdruck unterwürfigen Verhaltens verstanden. Und das erwartet ein deutscher Dozent natürlich auf keinen Fall, was er allerdings auch anders, freundlicher hätte formulieren und vor allem erklären können.

PS: Bises zwischen Lehrenden und Lernenden sind in Frankreich natürlich tabu, ein Handschlag ist in Deutschland unüblich.

Dr. Jörg-Manfred Unger ist Projektleiter von www.dokdoc.eu und Lehrbeauftragter für Französisch an der Universität Bonn.

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