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Frédéric Beigbeder

Schluss mit lustig

Von Lily Katharina Blass

Frédéric Beigbeder am 2. Juli 2021 in Nizza, © picture alliance / abaca | Urman Lionel/ABACA

19. Oktober 2021

Der Mann, der vor Lachen weinte (L’homme qui pleure de rire) von Frédéric Beigbeder ist Autofiktion wie Neununddreißigneunzig (99 francs, 2001): Wieder heißt der Ich-Erzähler Octave Parango, und wieder ist er das Alter Ego des Autors, der diesmal gegen Medien, Politik und gesellschaftliche Missstände austeilt.

Octave Parango, ein erfolgreicher Radiokolumnist, kommentiert einmal in der Woche die Lage der Nation – „blitzgescheit und amüsant, überdreht und bissig“ (Piper). Doch in Wahrheit ist Octave das Lachen vergangen: Er erträgt die ihm auferlegte Fröhlichkeit nicht mehr; sie steht seiner Meinung nach in krassem Widerspruch zu den Realitäten des Lebens.

In Der Mann, der vor Lachen weinte begleiten wir ihn, den alternden Hörfunkmoderator, der „in zwanzig Jahren vierundsiebzig“ wird (so der Romananfang) und soeben von seinem Sender France Publique entlassen wurde, nachdem er völlig übernächtigt, verkatert und (was viel schlimmer ist) unvorbereitet aufgetaucht war und seine Kolumne stammelnd vorgetragen hatte. (Beigbeder selbst war für den öffentlich-rechtlichen Sender France Inter tätig und kennt sich aus.) Er nimmt uns (inklusive Wegekarte) mit auf einen nächtlichen Streifzug durch Paris, der dieser Entlassung vorangegangen ist.

Beim Koksen erwischt

Was romantisch klingt, artet in Wahrheit in einen exzessiven Drogenkonsum aus (wieder kennt Beigbeder sich aus: Er wurde in Paris auf offener Straße beim Koksen erwischt); im selbstzerstörerischen Rausch teilt dieser „Big Lebowski von Paris“ dann verbal unentwegt und namentlich kaum verschlüsselt (cf. die „Warnung an den Leser“ im Vorspann) gegen all diejenigen aus, die er für das verantwortlich macht, was ihm in den letzten 20 Jahren gegen den Strich gegangen ist. Und das ist – so viel sei gesagt – einiges.

Beispielsweise ist es für ihn die alleinige Schuld der #MeToo-Debatte, dass er bei jungen Frauen keinen Erfolg mehr hat (kennt Beigbeder sich aus?). Und weil „Emmanuel Macron, sonnengebräunt, schlank und entspannt“, seinen Vorschlag, Cannabis zu legalisieren (um Frankreich zu retten), nicht ernstnimmt, werde das Land unaufhaltsam in der buchstäblich flammenden Wut der „Neonwesten“ untergehen.

Kurz: Es handelt sich um die Geschichte eines Mannes, der wie der Autor zu altern beginnt und der seiner schillernden Vergangenheit im Mittelpunkt der Öffentlichkeit nachtrauert. Dabei versucht dieser selbstgerechte „Salonkommunist“ (als den sich der Ich-Erzähler bezeichnet) mit allen Mitteln und nächtelang zugedröhnt, Teil der Pariser (Medien-) Nomenklatura zu bleiben.

Man möchte ihn schütteln, diesen in Selbstmitleid versinkenden, sich selbst zerstörenden Mann, der da tief in der Nacht von Club zu Club torkelt, ihn gleich darauf aber fest umarmen, weil in den meisten seiner Polemiken mehr als ein Fünkchen Wahrheit steckt, etwa wenn er von einer „Vergnügungsdemokratie“ spricht, in der das Staatsoberhaupt seine „eigene Karikatur ertragen muss“.

Zynischer Realismus

Beigbeders Roman ist geprägt von zynischem Realismus, so dass einem so manches Mal das Lachen im Halse stecken bleibt. Humor aber ist zur Freude der Leserschaft der ständige Begleiter des Protagonisten, der sich über dessen mitunter fragwürdige Funktion in der Gesellschaft allerdings den Kopf zerbricht – dabei hat er selbst nur allzu oft on air den satirischen Vorschlaghammer gegen wehrlose Opfer geschwungen.

Der „postdekadente“ (was immer das sein mag) Octave schleift uns schließlich mit beim Zurschaustellen seiner vermeintlichen Bildung – inklusive europäischer Literaturwissenschaft, französischer Politik sowie internationaler Filmgeschichte. So sind jedem der zwölf Kapitel (zur vollen Stunde von 19 bis 7 Uhr) Zitate bekannter Männer vorangestellt, von Baudelaire und Rimbaud über Marx und Nietzsche („Damit es Kunst gibt … ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch“) bis hin zu Karl Lagerfeld – ein permanentes Namedropping, das allerdings erst dann zu großartiger Unterhaltung wird, wenn sich die Interessen des Lesers zumindest teilweise mit denen des Erzählers decken.

Bittere Satire

Für das Schwelgen in Erinnerungen an bessere Tage, wie Octave es in dieser Nacht so häufig tut, eignet sich deren Verortung in der Kunst- und Kulturhochburg Paris in Zeiten der ausschreitenden Demonstrationen der Gelbwesten in idealer Weise. Während er zum Beispiel aus seinem Fenster auf die Champs-Élysées herabblickt, wo gerade Tränengaswolken emporsteigen und wo später das bei der Bourgeoisie beliebte Restaurant Fouquet’s in Flammen aufgehen wird (was leider keine Fiktion ist), denkt er daran, wie friedlich die junge Jean Seberg dort einst in Godards À bout de souffle (1960) auf und ab lief, um Zeitungen zu verkaufen.

Wer schon einmal in Paris war, ahnt, dass es ein Widerspruch ist, wenn auch bescheiden auf den Champs-Élysées zu wohnen und sich an einen anderen Ort zu wünschen. Eine vergangene Zeit zu ersehnen offenbart allerdings, dass sich hinter den verbitterten Gedanken und Beobachtungen Porträt und Satire einer oftmals grotesken Gegenwart verbergen – die den Protagonisten Beigbeders zu Zynismus veranlassen: Während die Gelbwesten Paris in Brand stecken, meint er beispielsweise lakonisch, das Klima erwärme sich, weil die Menschen seit der Entdeckung des Feuers „alles Mögliche verbrennen“.

Eloquente Obszönitäten

Octaves Fantasien und Schmähungen werden mit anhaltendem Drogenkonsum zunehmend obszön, nie jedoch verlieren sie an Eloquenz – ein Umstand, der in der deutschen Ausgabe nicht zuletzt der Übersetzung Claudia Marquardts zu verdanken ist.

Von dem grässlichen Emoji-Cover des Romans sollte man sich nicht abschrecken lassen: Es spiegelt Octaves in Ironie verpackten Weltschmerz hervorragend wider. Denn: „Die Feinde der Intelligenz werden gewonnen haben, wenn Romane diese kleinen, einfältig gestalteten Fratzen als Titel tragen.“ Der Spruch könnte von Michel Houellebecq stammen.

Frédéric Beigbeder, Der Mann, der vor Lachen weinte, Piper, München, 2021
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