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Deutschland und Frankreich 2020/21

Wirtschaftliche Erholung

Von Martin Vogler

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10. September 2021

Zu Beginn der Corona-Pandemie entschieden sich die französische und die deutsche Regierung für sehr unterschiedliche Rezepte, um deren wirtschaftliche Auswirkungen zu bekämpfen. Zuerst schien Deutschland alles besser zu machen. Doch nachdem sich die Lage etwas normalisierte, zeigt sich Überraschendes.

„Allzeithochs“ an den Börsen

Die ökonomische Entwicklung in beiden Ländern verläuft annähernd im Gleichklang. Und zwar klar wieder aufwärts. Die Börsen spiegeln das besonders deutlich wider. Nachdem die Kurse in beiden Ländern zeitgleich im März 2020 einbrachen, kennen sie seitdem, mit den üblichen Schwankungen, nur noch den Aufwärtstrend. Der deutsche Aktienindex (DAX) mit seinen 30 Unternehmen legte allein an dem Tag im November 2020, als es erstmals konkrete Hoffnungen auf einen Impfstoff gab, um rund fünf Prozent zu. Zu Jahresbeginn 2021 schienen die DAX-Anleger dann sogar immer übermütiger zu werden. Der Index erzeugte unzählige neue Höchststände, die Börsianer sprachlich nicht ganz korrekt Allzeithochs nennen. Die Börse tickte fast so, als habe es Corona gar nicht gegeben. Seit dem coronabedingten Einbruch im März 2020 haben sich die deutschen Kurse in rund eineinhalb Jahren fast verdoppelt.

In Frankreich ist die Entwicklung bei dem französischen Aktienindex Cotation Assistée en Continu (CAC), der die 40 umsatzstärksten Unternehmen umfasst, in der Corona-Phase ähnlich. Es dauerte mit rund zwölf Monaten lediglich etwas länger als in Deutschland, bis der Kurseinbruch vom März 2020 wieder aufgeholt war, was aber anders als in Deutschland noch lange keinen absoluten Höchststand bedeutete. Den schaffte Frankreich erst Ende des ersten Halbjahres 2021. Was daran liegt, dass der französische Aktienindex seit einem Höchststand im September 2000 mehr als zwei Jahrzehnte lang die damalige Marke nicht mehr erreicht hat. Schließlich schwächelt die französische Wirtschaft seit der Jahrtausendwende, wofür sie von den Anlegern entsprechend abgestraft wird. Ein Umstand, der mit Corona wenig zu tun hat, aber in der Corona-Phase der französischen Regierung ob der geringeren Substanz das Agieren erschwerte.

BIP und PIB

Ein Hauptproblem der französischen Wirtschaft ist der geringe Exportanteil. Ein Blick auf das Bruttoinlandsprodukt, Produit intérieur brut (PIB), 2020 macht das deutlich: Der Anteil der Waren am BIP, die in den Export gehen, betrug in Frankreich gerade mal 19,7 Prozent, während es beim „Exportweltmeister“ Deutschland 35,8 Prozent sind. Böse Zungen kommentieren das gerne so: „Deutschland exportiert Waren, Frankreich Arbeitsplätze“. Auch mit diesem geringen Exportanteil hängt zusammen, dass sich das wirtschaftlich schwächere Frankreich anfangs in der Corona-Krise schwerer als der Nachbar von der anderen Rheinseite tat.

Der anfängliche Einbruch fiel in Frankreich zudem heftiger aus, weil die französische Regierung mit härteren Maßnahmen – zum Beispiel Ausgangssperren – versuchte, die Epidemie im Land klein zu halten: Menschen, die zu Hause bleiben müssen, konsumieren weniger. Frankreich traf das heftig, weil die Wirtschaft dort besonders stark von Dienstleistungen abhängig ist. Die Industrieproduktion hingegen litt indes landesweit weniger unter Corona als etwa Gastronomie, Hotellerie oder Friseure. Doch der Anteil der sogenannten industriellen Bruttowertschöpfung am BIP ist (Stand 2019) in Frankreich mit 13,5 Prozent sehr gering. Zum Vergleich: In der Europäischen Union insgesamt lag 2019 der Wert bei knapp 20 Prozent, in Deutschland bei 24,3 Prozent. Wie dramatisch es bei der Industrieproduktion in Frankreich aussieht, zeigt auch, dass die Zahl der Arbeitsplätze sich dort seit 1980 auf nur noch 2,2 Millionen halbiert hat. Bitter für die französische Politik ist, dass die Regierung 2019 erste Erfolge dabei verbuchte, wieder mehr wettbewerbsfähige Industriearbeitsplätze zu schaffen. Corona ließ diese zarte Pflanze verkümmern.

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Das Bruttoinlandsprodukt in Frankreich brach zum Beginn der Corona-Probleme stark ein. Das zweite Quartal 2020 beendete man mit einem auch im europäischen Vergleich überproportionalen Minus von 13,2 Prozent. Deutschlands Minus betrug nur 9,7 Prozent. Doch im dritten Quartal geschah Überraschendes, als das BIP in Frankreich sogar stärker nach oben schoss als in Deutschland. Seit dem Jahreswechsel 2020 zu 2021 liegen beide Länder in etwa im Gleichklang. Auffällig: Trotz vor allem anfangs unterschiedlicher Instrumente zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie bewegen sich die Entwicklungen der meisten Indikatoren wie privater Konsum, Wirtschaftsentwicklung, Gastronomieumsatz oder auch die Preisentwicklung in beiden Ländern in ähnlichen Dimensionen. Die Arbeitslosenquote indes ist in Deutschland zumeist nur halb so hoch wie in Frankreich – das aber bereits seit Jahrzehnten.  Die Relation hat sich durch Corona nicht wesentlich verändert.

Staatliche Eingriffe diesseits und jenseits des Rheins

Beide Staaten schnürten enorme Hilfsprogramme für die besonders unter der Pandemie leidenden Branchen. Frankreich nahm für Kurzarbeitergeld, Kreditgarantien, Soforthilfen und Stundung von Abgaben allein bis Ende März 2021 rund 206 Milliarden Euro in die Hand. Das Bundeswirtschaftsministerium nennt für Deutschland geringere Zahlen: Bis Ende Mai 2021 ist von 106 Milliarden die Rede. Dazu kommen in Frankreich sogenannte Sektorprogramme, etwa zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit und der Nachhaltigkeit. Insgesamt dürfte Frankreich nach endgültiger Überwindung der Krise deutlich mehr als 300 Milliarden dafür ausgegeben haben.

Auch in Deutschland steigt die Summe. Wobei sich allein angesichts der vielen Begrifflichkeiten wie Soforthilfen, Überbrückungshilfen, Neustarthilfen, Sondermaßnahmen und dem überall enthaltenen Teil von Bürgschaften keine totale Transparenz einstellen wird. Und ob ein Programm vielleicht ohne Corona ähnlich auf den Weg gebracht worden wäre, kann niemand mit Sicherheit beantworten. Helfen jedenfalls sollen den EU-Staaten die in Politik und Wirtschaft umstrittenen Unterstützungszahlungen der Europäischen Union.

Bei der Kurzarbeit gab es anfangs deutliche Unterschiede: Frankreich war sehr großzügig, als Kurzarbeiter 100 Prozent ihres Nettolohns und Arbeitgeber ebenfalls volle Entschädigung erhielten. Später reduzierten sich diese Werte stufenweise auf ein ähnliches Niveau wie in Deutschland. Mit andauernder Pandemie steuerte Frankreich in einem anderen Teilbereich um: Nach deutschem Vorbild führte es ebenfalls ein Langzeit-Kurzarbeitergeld ein. Und in beiden Ländern konnten Unternehmen, die eigentlich Insolvenz hätten anmelden müssen, diese verzögern. Eine Maßnahme, die viele Experten mit Skepsis sehen, weil Aufschieben selten den bitteren Schritt einer Insolvenz verhindert.

Generell stellt sich die Frage, wie sinnvoll derart starke staatliche Eingriffe in die Wirtschaft sind. Denn die Regierungen halten marode Firmen nicht nur mit der Aussetzung des Insolvenzrechts am Leben, sondern unterstützen selbst Großunternehmen finanziell in bislang unvorstellbaren Dimensionen. Was das für die Staatsverschuldung in der Zukunft bedeutet, kann niemand wirklich beantworten. Fest steht, dass die eigentlich verbindlich verabredeten Maastricht-Regeln nicht mehr zu halten sind. Diese schreiben vor, dass sich die Staaten maximal mit 60 Prozent ihres Bruttosozialprodukts verschulden dürfen. Im Spätsommer 2021 lag Griechenland bei mehr als 200 Prozent. Belgien, Frankreich, Italien, Portugal, Spanien und Zypern bei mehr als 100 Prozent. Einen erhablichen Anteil daran haben die Corona-Hilfen.

Kritiker der massiven staatlichen Eingriffe in die Marktwirtschaft berufen sich in dieser Situation gerne auf den ehemaligen deutschen Wirtschaftsminister und Kanzler, Ludwig Erhard. Der würde sich im Grab umdrehen, war doch einer seiner wichtigsten Leitsätze: „Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung kann auf Dauer nur bestehen, wenn ein Höchstmaß an privater Initiative gewährleistet ist.“ Was für ihn sicher auch während einer Pandemie Gültigkeit hätte.

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