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Verkehrswende in Frankreichs Städten

Pkws non gratae

Martin Vogler

Die place Massena in Nizza, © Unsplash

30. Januar 2022

Frankreichs Städte führen einen erbarmungslosen Kampf gegen Autofahrer, indem sie Straßen begrünen und reichlich Bewegungsraum für Fahrradfahrer und Fußgänger schaffen.

Wenn Kraftfahrzeuge überhaupt noch fahren dürfen, werden sie durch komplizierte Einbahnstraßen und Tempo-30-Zonen ausgebremst. Auch schrumpft die Zahl der Parkmöglichkeiten in den Innenstädten rapide.

Mit derartigen Veränderungen macht aus deutscher Sicht vor allem die Hauptstadt Paris Schlagzeilen. Die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo treibt mit ihren starken grünen Tendenzen die Verkehrswende voran. Da sie 2022 Staatspräsidentin werden will, sucht sie mit spektakulären Aktionen die öffentliche Aufmerksamkeit. Doch wer sich genauer umschaut, der merkt rasch: Andere Städte gehen noch gnadenloser als die Hauptstadt gegen Autos vor. Oder positiv gesehen: Für Städter schaffen sie paradiesische Zustände in guter Luft.

Grenoble ist in Frankreich Vorreiter in Sachen Verkehr, © Unsplash

Bei der Frage, welche Provinzstadt – also alle Städte außer Paris – in ihrem Kampf gegen das Automobil besonders radikal vorgeht, scheint es dabei eine Art Überbietungswettbewerb zu geben. Denn überall sind Veränderungsprozesse im Gang, werden auf Parkplätzen Rasen gesät, Büsche und Bäume gepflanzt; Rad- und Fußwege sind immer öfter breiter als die Spuren für den Autoverkehr. Ständig entstehen noch weiter führende, neue Konzepte. Die Zahl der Städte, die über eine Umweltplakette vor allem ältere Fahrzeuge überhaupt nicht mehr hineinlassen, wächst permanent.

Radikales Umdenken

Bei der aktuellen Verkehrswende zeigt sich, dass die französische Gesellschaft in vielen Lebenssituationen immer wieder zu radikalen Lösungen neigt – wie auch schon beim Thema „Rauchen“: Früher waren Gäste aus dem Ausland meist – je nach eigenen Vorlieben – begeistert oder entsetzt, wenn sie in rauchgeschwängerte Bars, Cafés und Restaurants kamen. Männer, die permanent filterlose Zigaretten mit schwarzem Tabak im Mundwinkel hatten, galten fast als inoffizielles Wahrzeichen der Nation. Doch konsequenter als in Deutschland, wo es erst einmal unzählige Ausnahmeregelungen gab, wurde das Rauchen in Frankreich 2008 nicht nur in Restaurants, Hotels und öffentlichen Gebäuden, sondern auch am Arbeitsplatz rigoros verboten. Heute sind Raucher (und auch Raucherinnen) eine oft bemitleidete Gruppe, die beim Kneipenbesuch im Winterhalbjahr verzweifelt Außenterrassen mit Heizpilzen sucht.

2014: Verkehrschaos in Paris

Beim Verkehr lief es analog: Ältere erinnern sich, dass noch in den 1970er und 80er Jahren schiere Anarchie auf französischen Straßen herrschte; in den Städten, vor allem in Paris, herrschte das Chaos. Die eigentlich vorhandenen Tempolimits von 60 Stundenkilometern innerorts und 90 außerhalb waren für viele Autofahrer bestenfalls eine Empfehlung. Wer als Fußgänger einen Zebrastreifen überqueren wollte, musste sich sehr konsequent vor heranrasende Fahrzeuge wagen. Der Alkohol floss auch für Fahrer kräftig; Radar- oder sonstige Polizeikontrollen erlebte man selten; der technische Zustand der Autos wurde nur lax überprüft. Eine besondere Spezialität für risikofreudige Automobilisten in jenen Tagen: die dreispurigen Nationalstraßen, wo die Mittelspur in beiden Fahrtrichtungen zum Überholen zugelassen war. Wer da mit Lichthupe und starken Nerven auf der Mittelspur raste, verscheuchte – zumindest meistens – den ebenfalls überholbereiten Gegenverkehr.

Weniger Verkehrstote

Kein Wunder, dass in dieser Zeit die Zahl der Verkehrsunfälle extrem hoch war. Im traurigen Rekordjahr 1972 starben laut amtlicher Statistik 16.545 Menschen im Straßenverkehr, darunter rund die Hälfte in einem Auto und 20 Prozent Fußgänger. Aktuell sterben jährlich insgesamt rund 3000 Französinnen und Franzosen bei Verkehrsunfällen; 2019 verzeichnete das Land – vor Corona – den niedrigsten Stand überhaupt.

Die Verkehrssicherheit und das Verhalten im Straßenverkehr haben sich nämlich stark verändert, auch weil in Frankreich die Strafen und die Kontrolldichte mittlerweile ausgesprochen hoch sind. Reisende kennen die unzähligen automatischen Geschwindigkeits-Messstellen im Abstand von wenigen Kilometern, die durch mobile Kontrollen noch verstärkt werden. Und es wird künftig, weil Frankreich gerade die Geschwindigkeitskontrollen privatisiert, noch mehr davon geben. Auf den meisten Landstraßen gilt seit Sommer 2018 zudem nur noch eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h – an die sich die meisten halten, so wie an die Tempo-30-Vorschrift auf immer mehr innerstädtischen Straßen.

Beispiel Nizza

Auf dem Boulevard Gambetta in Nizza ist der oft nur spärlich genutzte Radweg auch optisch klarer Mittelpunkt. Die verbliebenen Fahrstreifen sind für den Individualverkehr tabu. © Martin Vogler

Wie schnell und markant verkehrstechnische Veränderungen sein können, wenn sie klug von der Stadt vorbereitet sind, zeigt sich in Nizza. Hier ist diesbezüglich schon sehr viel geschehen; bei den Vorhaben bis 2023 bezieht die Kommune die Bevölkerung zudem offensiv mit ein. So läuft derzeit eine öffentliche Befragung zur Neugestaltung der wichtigen, meernahen Ost-West-Achse rue de la Liberté inklusive place Grimaldi, rue de la Buffa und deren westlicher Fortsetzung rue Dante.

Bereits fertig sind in Nizza die meisten Umbautmaßnahmen direkt am Meer. Die weltbekannte promenade des Anglais hat in den vergangenen Jahren ihren Charakter sukzessive verändert. Es gibt hier zwar weiterhin Autoverkehr in beiden Richtungen, allerdings mit deutlich reduzierter Anzahl der Spuren. Parktaschen sind weitgehend zurückgebaut, stattdessen säumen nun viele Palmen den Boulevard – in denen sich perfekt Starenkästen verstecken lassen. Daneben wurde ein breiter Fahrradstreifen angelegt und die Fußgängerpromenade mit ihren typischen, blauen Stuhlreihen ausgedehnt.

Östlich der Innenstadt in Richtung Hafen, wo es früher bis zu vier Fahrspuren gab, existiert heute – bis auf wenige Meter, um ein Parkhaus erreichen zu können – nur noch eine Einbahnstraße vom Hafen in Richtung Westen. Das restliche Areal gehört nun Fußgängern, Joggern, Radfahrern und Skatern.

Westlich des Hafens von Nizza dürfen Autos nur ganz links fahren. Bis 2020 staute sich hier der Verkehr auf bis zu vier Fahrspuren. © Martin Vogler

Diese Neugestaltung rund um den Schlossberg wurde erst während der Pandemie-Zeit in Angriff genommen und abgeschlossen. Gleiches gilt für den boulevard Gambetta, der zuvor eine stets stark frequentierte Nord-Süd-Verbindung mit vier Fahrspuren war. Jetzt sieht man dort neben Fußgängern nur noch Zweiräder und Busse. Der große Boulevard ist kaum wiederzuerkennen. Gleiches gilt bereits seit Jahren für die vom Platz Massena ausgehende Haupteinkaufsstraße Nizzas, die avenue Jean Médecin. Seit sich seit 2007 die neue Straßenbahn mit ihren charakteristischen Klingeltönen durch die die Straße schiebt, wurden auch hier die Autos verbannt.

Gleiche Rezepte

Die Rezepte sind in den meisten Städten gleich: Tempo 30 mit vielen ralentisseurs (Bremsschwellen), die mit Rücksicht auf Stoßdämpfer und tiefliegende Karosserieteile jeden zum langsamen Fahren zwingen, kaum mehr Parkraum auf den Straßen und Verwirrung durch Einbahnstraßen. Touristen kennen leidvoll das letztgenannte Phänomen – wenn ihr frisch aktualisiertes Navigationssystem den Weg zum Innenstadthotel in einer fremden Stadt wieder einmal nicht findet, weil gerade ein paar neue sens uniques geschaffen wurden.

Die bereits umgestaltete Nebenstraße rue Bottero vom Boulevard Gambetta aus in Richtung Westen gesehen, © Martin Vogler

In Küstenorten wird das Prinzip Einbahnstraßen auf Strandpromenaden, das am Atlantik seit Jahrzehnten vielerorts üblich ist, immer populärer. Wer beispielsweise in Cannes gerne die – natürlich verkehrsberuhigte – Croisette in Richtung Osten fährt und nach dem Palm-Beach-Casino und dem kleinen Cap am Moure-Rouge-Strand entlang weiterfahren möchte, wird gnadenlos ausgebremst. Der dortige Boulevard Eugène Gazagnaire ist jetzt ganz schmal und in Gegenrichtung eine Einbahnstraße. Der Vorteil: Dieser bislang eher vernachlässigte Strandabschnitt hat mit breiter Promenade, Fitnessgeräten und Gastronomie deutlich an Attraktivität gewonnen.

Ähnliches ist ein paar Kilometer östlich zwischen Golfe-Juan und Juan-les-Pins geplant. Hier verschwanden zwar bereits Parkplätze, doch noch gibt es auf der 2,7 Kilometer langen Ausfallstraße in beiden Richtungen eine Fahrspur für Autos. Die populäre route du bord de mer aber soll zur Einbahnstraße werden, was die Lokalzeitung Nice-Matin als „kleine Revolution“ bezeichnet. Der neue gewonnene Raum wird vor allem den vélocyclistes zu Gute kommen.

Angesichts der allerorten radikalen Verkehrsänderungen fällt ein Phänomen auf: Obwohl in französischen Städten Staus schon immer ein Problem waren, scheinen sie trotz der harten Eingriffe in den Straßenverkehr nicht zuzunehmen. Ein Erklärungsversuch am Beispiel von Nizza: Die Stadt bezieht ihre Bürgerinnen und Bürger mit ein und hat, bereits bevor Straßen gesperrt wurden, Veränderungen der Infrastruktur vorgenommen. Dazu zählen, wie übrigens auch in 28 anderen Städten, neue attraktive Straßenbahnen bzw. U-Bahnen. Und: Der Fantasie in der Stadt an der Engelsbucht scheinen kaum Grenzen gesetzt: Hier wird gerade ernsthaft darüber nachgedacht, eine nicht unumstrittene innerstädtische Kabinen-Seilbahn bis in den Nachbarort Saint-Laurent-du-Var zu bauen.

À bicyclette

Zumindest wenn man die Fahrradfreundlichkeit betrachtet, gilt Straßburg laut der Organisation „Citycle“ bereits seit vielen Jahren als „capitale française du vélo“ – als französische Fahrradhauptstadt. Die elsässische Metropole punktet mit „Fahrradautobahnen“, 600 Kilometern Radwegen und 6000 Leihrädern. Die grüne Bürgermeisterin ist darüber hinaus sehr weit mit ihren Plänen, die Autos komplett aus der Innenstadt zu verdrängen.

Bordeaux nimmt in Sachen Fahrradfreundlichkeit den zweiten Rang ein, noch vor Paris. Nantes und Grenoble haben es auf die weiteren Plätze geschafft. Grenoble zählt im Übrigen, neben Lille und Lyon, zu den Städten, die sehr konsequent auf fast allen innerstädtischen Straßen Tempo 30 anstreben beziehungsweise bereits durchgesetzt haben.

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