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SARS-CoV-2

Frankreich im Ausnahmezustand

Von Birgit Holzer

© Unsplash

25. März 2020

„Wir sind im Krieg!“ Sechsmal wiederholte Emmanuel Macron während seiner Fernsehansprache am Abend des 16. März angesichts der Corona-Pandemie seine martialischen Worte, um den Ernst der Lage zu beschreiben.

Schritt für Schritt verschärfen sich derzeit die gesundheitliche, die wirtschaftliche und auch die soziale Lage in Frankreich. Bis dahin hatte noch große Unbeschwertheit im Land vorgeherrscht: viele Menschen waren trotz gegensätzlicher Vorgaben der Regierung im Freien oder auf Märkten unterwegs gewesen. Dabei gelte es mit dem Coronavirus einen „unsichtbaren, nicht greifbaren Feind“ zu bekämpfen, warnte Macron und klang dabei wie ein Feldherr, der zu seiner Armee spricht. „Ich appelliere an alle politischen, wirtschaftlichen, sozialen und zivilgesellschaftlichen Akteure – an alle Franzosen – sich in diesen nationalen Zusammenhalt einzureihen, dank dem unser Land schon so viele Krisen überwunden hat.“

Kontrast zu Deutschland

Was für ein Kontrast zu den behutsamen Worten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel zwei Tage später ihrerseits in einer Fernsehansprache, der ersten dieser Art überhaupt, wählte. „Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge“, sagte sie unter anderem und warnte ebenfalls vor der außergewöhnlichen Gefahr, die von der Pandemie ausgeht. Dabei verzichtete sie nicht nur auf die eindringliche Sprache Macrons, sondern zunächst auch auf ebenso weitgehende Maßnahmen.

In Frankreich waren – wie in den meisten anderen europäischen Ländern – zum Zeitpunkt der Ansprache des Präsidenten bereits die Schulen, Kindertagesstätten, Universitäten, Restaurants, Museen, Einkaufszentren und andere öffentliche Plätze geschlossen. Nun verkündete er darüber hinaus eine massive Einschränkung der Bewegungsfreiheit und das gleich über mehrere Wochen.

Alle müssen nun außerhäusig eine Bescheinigung vorweisen können, in dem der Grund für den Ausgang (bis zu einem Radius von einem Kilometer; zwei Kilometer auf dem Land) steht. Erlaubt bleibt, das Notwendigste in Lebensmittelgeschäften einzukaufen (deren Kundschaft nur sukzessive in kleinen Gruppen Zugang bekommt, was zu Schlangen vor den Geschäften führt), alleine Sport zu treiben (Ausnahme: Fahrrad fahren), den Hund auszuführen, einen Arzt im Notfall und in Ausnahmefällen aufzusuchen, im Fall einer Trennung seine Kinder zu sehen, anderen zu helfen oder zu arbeiten, falls Homeoffice nicht möglich ist.

Supermärkte, Apotheken (Zugang nur einzeln sowie eingeschränkter Verkauf einzelner Arzneimittel wie Paracetamol) und Tankstellen bleiben vorerst geöffnet, eingeschränkt werden der Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel (SNCF: 15 % der bisherigen Fahrten in der Provinz, 30 % im Großraum Paris); die Post hat Öffnungszeiten und Leistungen reduziert (z. B. sind wegen der Infektionsgefahr keine Einschreibesendungen mit Rückschein möglich); Kundenkontakt zu Bank- und Versicherungsfilialen ist nur per E-Mail oder telefonisch möglich.

Globale Gesundheitskrise

Rund 100 000 Polizisten und Gendarmen im ganzen Land kontrollieren die Einhaltung der neuen Regeln – nicht nur in Paris sogar mit Hubschraubern und Drohnen. Bei Missachtung der Vorschriften wird eine Geldbuße von 135 Euro pro Person verhängt, im Wiederholungsfall 1500 Euro.

Die Nationalversammlung, infolge der Infizierung einiger Abgeordneter dezimiert, rief eine „Gesundheitskrise“ aus. Diese verleiht dem Premierminister außergewöhnliche Befugnisse, z. B. Einschränkungen der Personenfreizügigkeit oder der Versammlungs- und der Gewerbefreiheit. Reformprojekte wie die unpopuläre Rentenreform oder die geplanten Veränderungen der Arbeitslosenversicherung wurden vorerst ausgesetzt.

Alle französischen Städte trafen zusätzliche Maßnahmen wie abendliche Ausgangssperren oder die Schließung von Parks, Ufer- und Strand-Promenaden. Denn immer noch waren dort bis dahin viele sogar in Gruppen unterwegs.

Tatsächlich tat sich die Regierung zunächst schwer damit, eine weitestgehende Ausgangssperre zu rechtfertigen, während sie auf Druck von Senatspräsident Gérard Larcher gleichzeitig die erste Runde der Kommunalwahlen am 15. März beibehalten und die Wähler dazu aufgerufen hatte, sich an die Urnen zu begeben – was zu der historisch hohen Enthaltungsquote von 55,25 Prozent führte sowie die Verschiebung des zweiten Wahlgangs in den Städten und Gemeinden, wo kein Bürgermeister die notwendige Mehrheit erhalten hatte, auf einen späteren, noch unbekannten Zeitpunkt.

Beispiele europäischer Solidarität

Nicht nur für diese inkonsequente Entscheidung erntete die Regierung Kritik. In den Krankenhäusern herrschte Mangel an Schutzmasken, die mittlerweile komplett vergriffen und erst in Wochen wieder lieferbar sein sollen. Die Notaufnahmen arbeiten oft bereits seit Jahren am Limit, sodass der Druck wuchs, insbesondere in den schwer betroffenen Gebieten wie der Region Grand Est, die an Deutschland und die Schweiz grenzt, sowie der Hauptstadtregion.

Nachdem es in den ersten Tagen der zunehmenden Epidemie im besonders betroffenen Ostfrankreich keine Hilfen aus den Nachbarländern gab, erklärten sich schließlich sowohl die Schweiz, als auch die deutschen Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland dazu bereit, in ihren Krankenhäusern Kapazitäten für französische Corona-Patienten zur Verfügung zu stellen. Auch die französische Armee kam zum Einsatz, z. B. um besonders schwer Erkrankte zu transportieren oder ein Feldkrankenhaus inklusive 30 Intensivbetten in der Nähe von Mulhouse einzurichten.

Am 24. März 2020 waren in Frankreich rund 22 300 Menschen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert, über 1100 starben daran. In den Pflegeheimen des Landes (EHPAD) rechnet man mit 100 000 Toten.

Applaus vom Balkon

Überall in Frankreich entstanden in der Corona-Krise wie in Italien nach kurzer Zeit neue Rituale. Neben „Partys“, bei denen Nachbarn zur gleichen Zeit die Musik aufdrehen und dazu tanzen, setzt sich vor allem die tägliche Hommage für das Krankenhauspersonal durch, das unter Gefährdung der eigenen Gesundheit und trotz höchst angespannter Arbeitsbedingungen unermüdlich im Einsatz ist: Jeden Abend um 20 Uhr wird an offenen Wohnungsfenstern und auf Balkonen geklatscht – ein berührender Moment in diesen Tagen allgemeinen Misstrauens und der Angst.

Das Krankenhauspersonal seinerseits bittet um die strikte Einhaltung der aktuellen Vorschriften, die teilweise immer noch nicht respektiert würden (Fußballspiele Jugendlicher, Ausflüge und Einkaufsfahrten mit dem Auto etc.).

Drohende Finanzkrise

Der französische Staatspräsident rechnet nach der Gesundheitskrise mit einer „nie dagewesenen Finanzkrise, einer echten Wirtschaftskrise“, wie er in einem Interview sagte. Der Wirtschaft versprach die Regierung bereits jetzt milliardenschwere Hilfen, vom Konkurs bedrohten Betrieben Bankkredite. Der Staat lässt die Menschen nicht im Stich, so die Botschaft Macrons. Und: „Wir werden siegen!“

27. März 2020

33 402 bekannte an Covid-19 Infizierte, 1995 Todesfälle in französischen Krankenhäusern

Nach fast zwei Wochen Ausgangssperre in Frankreich gibt Premierminister Édouard Philippe keine Entwarnung – ganz im Gegenteil. Sie müsse auf jeden Fall bis mindestens 15. April verlängert werden, sagt er am Freitag, 27. März. „Wir sind immer noch am Anfang der epidemischen Welle“, begründete Philippe die Entscheidung. Der am selben Tag veröffentlichten Bilanz zufolge war die Zahl der Infizierten in Frankreich erneut um 13 Prozent angestiegen; allein seit gestern starben 300 in französischen Krankenhäusern an der Seuche; erstmals befand sich unter den Todesopfern auch eine 16-Jährige.

Frankreich bereitet sich auf den Höhepunkt der Epidemie an diesem Wochenende vor, der Experten zufolge mindestens zwei bis drei Wochen andauern dürfte, bis die Zahlen sinken. Mehr und mehr Patienten werden aus Kliniken in den besonders betroffenen Regionen Grand Est und Île-de-France, denen die Überlastung droht, in Regionen gebracht, wo es noch Kapazitäten für die Behandlung gibt.

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