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Streifzüge

Sehnsuchtsort Par(ad)is

Von Antje Kahnt

Der Artesische Brunnen der Butte aux Cailles, © Antje Kahnt

02. Juli 2021

„Die Stadt der Glückseligkeit“ hat Stefan Zweig die französische Hauptstadt genannt. Dem „p’tit bonheur“ kann man in Paris an sehr ungewöhnlichen Orten begegnen.

Welche Frau hat den Mann an ihrer Seite während eines Einkaufsbummels jenseits von „Click und Collect“ nicht schon in ein Bällebad à la Ikea gewünscht, um in Ruhe shoppen zu können? Das Kaufhaus Bazar de l’Hôtel de ville, kurz BHV, kennt diesen geheimen Wunsch seiner Kundinnen offenbar gut: Für Männer gibt es im Basement eine „Spielwiese“ – die legendäre und in den Pariser Grands Magasins einzigartige Bricolage-Abteilung für Heimwerker: Bohrmaschinen und Akkuschrauber, Türgriffe, Schrauben, und Duschköpfe – alles was ein Männerherz begehrt.

Damen oben, Herren unten: auf dem Weg ins Heimwerker-Paradies des BHV, © Antje Kahnt

Auf dem Dach des Kaufhauses treffen sich Madame und Monsieur nach Ende der Geschäftszeiten wieder und genießen in der Bar Le Perchoir / Marais den Sonnenuntergang hinter dem Eiffelturm.

Über den Dächern von Paris

Paris steigt man aber am besten in Montmartre aufs Dach. Wem der Aufstieg zu Sacre-Cœur trotz Funiculaire zu beschwerlich oder zu touristisch ist, findet im Schatten des weithin sichtbaren Wahrzeichens eine Terrasse, die man bequem mit dem Aufzug erreicht. Sie gehört zum Terrass“ Hotel oberhalb des Friedhofs von Montmartre.

Nomen est omen: Blick vom Terrass“ Hôtel, © Antje Kahnt

Fürs Brunchen muss man übrigens kein Hotelgast sein. Abends wandelt sich die Dachetage zu einer der angesagtesten Bars der Stadt. Am ungezwungensten genießt man den Blick über das graublaue Meer der Zinkdächer jedoch am Nachmittag, bei einem Café Gourmand, bevor man sich aufmacht, die Reste des alten Dorfs Montmartre und Spuren von Künstlern wie Picasso, van Gogh, Toulouse-Lautrec oder Renoir zu entdecken. Das Modell Suzanne Valadon machte als Malerin hier selbst Karriere.

Mit allen Wassern

Romantisch wird es im Bois de Vincennes. Es gibt in der Hauptstadt kaum einen idyllischeren Ort als den Lac Daumesnil mit seinen schmucken Holzkähnen sowie Blick auf Daviouds Liebestempel auf der Île de Reuilly. Die weitläufige grüne Lunge im Pariser Osten verdankt Paris dem Gartenplaner des Zweiten Kaiserreichs, Adolphe Alphand.

Holzkähne auf dem Lac Daumesnil, © Ante Kahnt

Erfahrene Flaneure wissen, dass zwischen den Karyatiden der knapp hundert grünen Wallace-Fontainen von Paris unermüdlich Trinkwasser hervorsprudelt. An der Place Paul Verlaine im 13. Arrondissement gibt es jedoch einen von drei artesischen Brunnen, den nur Eingeweihte kennen. Sie fahren mit Kanistern vor und füllen sie mit Wasser aus 582 Metern Tiefe.

Auch das denkmalgeschützte Schwimmbad der Butte-aux-Cailles bezieht sein wohltemperiertes Wasser aus diesem Brunnen. Am Eingang steht für spontane Besucherinnen und Besucher ein Automat mit Schwimmutensilien bereit.

Das erste Badeschiff auf der Seine gab es bereits 1785 (das 1993 untergegangene, legendäre Deligny) – im 19. Jahrhundert kamen diese Badeanstalten dann richtig in Mode. Seit 2006 ankert „Joséphine Baker“ unterhalb des Austerlitz-Bahnhofs auf Höhe der Bibliothèque Nationale. Ganzjährig kann man dort in aufbereitetem Seine-Wasser seine Bahnen ziehen.

In der Parfümerie Marie Antoinette, © Antje Kahnt

Bei einem „Rendez-vous olfactif“ taucht man in der Parfümerie Marie Antoinette an der Place du Marché Sainte-Catherine in die Welt der Düfte ein. Maiglöckchenduft gibt es hier nicht nur am 1. Mai!

Mit allen Sinnen

„Delacroixs Palette“, die „Maske eines Pharaos“ oder den „Code Napoléon“ aus feinster Schokolade gibt es in der Chocolaterie  Joséphine Vannier nahe der Place des Vosges im Marais. Der Clou sind hier die Schuhe aus Schokolade: Die Kuvertüre gaukelt so täuschend echt Lack- und Krokodil-Leder vor, dass man sie eher anprobieren statt essen möchte.

Bei Joséphine Vannier spielt die Schuhgröße keine Rolle. © Antje Kahnt

Ein paar Schritte unterhalb von Montmartre erwartet das Musée de la Vie Romantique im früheren Atelier Ary Scheffers seine Besucherinnen und Besucher. Die Ausstellung widmet sich auch George Sand und Frédéric Chopin, die mit dem Maler befreundet waren: Der Garten des Museums mit seinem Salon de Thé befindet sich abseits der Straße in einem Hof – eine Oase der Ruhe inmitten des Großstadttrubels.

Zum Tee bei George Sand, © Antje Kahnt

Wie sich die Stadt in 2000 Jahren unter Königen und Kaisern und in fünf Republiken entwickelte, vermittelt „Paris-Story“ vis-à-vis der Opéra Garnier. Spektakuläre Luftaufnahmen, Kamerafahrten hinter sonst verschlossene Türen und Überblendungen sich veränderter Stadtgrundrisse machen die Entwicklung der (seit 987) französischen Hauptstadt zu einer spannenden Zeitreise – ganz bequem im Sessel.

Antje Kahnt, Glücksorte in Paris. Droste Verlag, Düsseldorf, 2020; Leseprobe

80 (!) – darunter viele kaum bekannte – Glücksorte in Paris: z. B. Rivoli 59, Pont Éphémère, Square Viviani, La Belle Hortense, Rue François Miron, Marché d’Aligre, Place Saint-Georges, Saint-Séverin de Paris, Chaussettes orphelines, Mouzaïa, Métro 14 u. v. a. m.

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