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Dreitagestour nach Paris

Vollgas statt Romantik

Von Antje Kahnt

Die Place de la Concorde im Mai 2021 – mit Regenbogen über der Orangerie, © Antje Kahnt

25. Mai 2021

Endlich wieder Paris! Die schrittweise Öffnung nach dem zweiten Corona-Lockdown macht das unter Auflagen auch für Deutsche möglich. Durchstarten heißt jetzt die Devise, zum Beispiel mit fünf (!) Museen an nur einem Wochenende.

Der ICE „Paris“ fährt nach knapp 4 Stunden Fahrzeit (ab Frankfurt a. M.) drei Minuten zu früh in der Gare de l’Est ein. Im Gepäck: der obligatorische negative PCR-Test, nicht älter als 72 Stunden (wurde bei der Ankunft nicht kontrolliert), und natürlich Masken für die Zugfahrt, Spaziergänge, Museen etc.

Der fürs Wochenende prophezeite Regen hat sich fürs erste verzogen. Pagnys Liberté de penser pfeifend geht es zu Fuß zum Hotel. „Liberté de rouler“ müsste es eigentlich angesichts der nun zahlreichen Zweiräder in der französischen Hauptstadt heißen. Seit meiner letzten Bike-Tour quer durch alle Arrondissements vor zwei Jahren haben sich die Radwege hier vervielfacht. Mit einem für 15 Euro pro Tag gemieteten VTT (Vélo Tout Terrain) beginnt wenig später mein erstes Paris-Abenteuer 2021 – im Sattel ohne Maskenpflicht und unschlagbar schnell.

Fast allein mit Mona Lisa

Die Straßen sind nach dem großen Regenguss am Vormittag noch leer, die seit wenigen Tagen geöffneten Terrassen der Cafés und Restaurants nur spärlich besetzt. Wenig los ist auch an der Pyramide, dem Eingangsbereich des Louvre. Für das nach einem halben Jahr Corona-Zwangspause erstmals wieder zugängliche Museum steht ein reduziertes Kontingent an Zeittickets zur Verfügung, ausschließlich auf Vorbestellung.

Mit dem VTT am Arc de Triomphe, © Antje Kahnt

Vor Leonardo da Vincis Meisterwerk Mona Lisa stehen daher so wenig Besucher wie selten; von Veroneses monumentaler Hochzeit zu Kana vis-à-vis nimmt wie üblich kaum jemand Notiz. Anders als gewohnt hört man keinerlei Gemurmel in den verschiedensten Sprachen; von weit her angereist dürfte kaum jemand sein.

Wegen fehlender Touristen leiden nicht nur weiterhin die Pariser Stadtführer, sondern ganz massiv auch Gastronomen und Kulturschaffende. Gemeinsam demonstrieren sie am Nachmittag gegen die Verschlechterung ihrer sozialen Absicherung. Sie ziehen am Louvre vorbei zur Rue de Rivoli, seit fast einem Jahr der breiteste Radweg der Stadt.

Mit einem Zeitticket in der Tasche radle ich hingegen zum Trocadero und dem Palais Galliera, dem Museum der Mode. Nach langjähriger Renovierung ist hier noch bis Juli die Ausstellung über Gabrielle „Coco“ Chanel zu sehen. Unter den Kolonnaden defilieren Models bei einer Fotosession, unbeeindruckt vom Wetter und dem Blick auf den Eiffelturm.

Schrittweise Rückkehr zur Normalität

In der frühen Abendsonne beleben sich die Straßen, am Trocadero gibt es nun doch einige Touristen, wiederum ausnahmslos einheimische. Nur eine Clique junger Leute spricht kein Französisch, Expats oder Erasmusstudenten, die hier einem Geburtstagskind zuprosten.

Auf den nahen Champs-Élysées zieht ein Straßenkünstler die Passanten in seinen Bann, andere bleiben lachend vor den Bronzefiguren von Philippe Gelucks Le Chat stehen. Die nahe gelegenen Tuilerien sind jetzt der perfekte Ort für ein abendliches Picknick. Der Parkwächter nimmt es mit den Schließzeiten nicht so genau und gestattet sogar ausnahmsweise, den Garten mit dem Rad zu durchqueren.

Philippe Gelucks Katzen auf den Champs-Élysées, © Antje Kahnt

Die Kais der Seine sind kurz vor der Ausgangssperre (ab 21 Uhr) noch belebt; der Vorplatz von Notre Dame hingegen wurde wegen der Bleibelastung erneut abgeriegelt. Die Abendsonne lässt die Westfassade der Kathedrale glänzen, am Langhaus – von der Zerstörung gezeichnet – sind Restaurierungsarbeiten sichtbar.

Die vor Corona unter Over-tourism leidende Île St-Louis ist so romantisch wie schon lange nicht mehr, die Seineufer sind wieder der perfekte Platz für Liebespaare. Quer durchs Marais geht es für mich nun gen Nordosten zum Hotel. Wer möchte schon wegen der nicht eingehaltenen Sperrstunde 135 Euro Strafe zahlen?

In den vollbesetzten Einsatzfahrzeugen der Polizei kurz vor der Place de la République bewegt sich jedoch nichts. Auch scheinen die Uhren rund um den Platz langsamer zu gehen: Auf den Terrassen gibt es noch eine letzte Runde, auf den Bänken sind nur wenige Plätze frei und auch die Skater sind noch aktiv. Erst gegen 22.30 Uhr leeren sich die Straßen peu à peu.

Im 6. und 7. Arrondissement

Am Sonntagmorgen ist gegen neun außer ein paar Joggern und Hundebesitzern noch so gut wie niemand unterwegs: die Trottoirs und Straßen sind menschenleer.

Anders vor dem Musée d’Orsay: um Punkt zehn entsteht vor dem Haupteingang geradezu ein Pulk; über den Seiteneingang geht es schneller hinein. Trotz begrenzter Ticket-Kontingente ist es in der ehemaligen Bahnhofshalle unerwartet voll. Die Gastronomie ist im M‘O noch geschlossen, dafür lädt das Gartencafé des Musée Rodin zur Mittagsrast ein. Beim Verlassen des vielleicht schönsten Museums von Paris bilden die Wartenden ein Spalier. Am Nachmittag entsteht vor dem Eingang eine Schlange, Zeittickets gibt es hier nämlich nicht.

Schlange stehen vor dem Musée Rodin , © Antje Kahnt

Im Le Bon Marché, dem ältesten Kaufhaus der Welt brummt es derweil – ganz ohne Tests und Termine; auf den umliegenden Terrassen ist jeder Stuhl besetzt. Im Café de Flore und dem Les Deux Magots schwirren die Kellner mit ihren weißen Schürzen um die Tische; Jüngere haben dagegen wieder den Cour Saint-André-des-Arts in Beschlag genommen. Etliche  Kurzentschlossene versuchen– für Franzosen untypisch früh –  gegen 18 Uhr noch einen Platz fürs Abendessen zu ergattern – nach dem langen Lockdown offenbar ein wahrer Genuss.

Montmartre im Winterschlaf

Deutlich unaufgeregter geht es eine Stunde später am Montmartre zu. Seit kurzem sind die ersten Bahnen der Metro-Linie 4, der wichtigsten Nord-Süd-Verbindung der Stadt, fahrerlos unterwegs. Wie bei der Linie 14 und 1 werden die neuen, durchgehenden Züge ohne Einzel-Waggons ab 2022 ausschließlich von Computern gesteuert. Der Wechsel auf die Linie 12 kommt einer Zeitreise in die Vergangenheit gleich: Hier rumpeln noch die alten Wagen, deren Türen sich wie eh und je mit einer Drehbewegung bereits Sekunden vor dem Halt des Zuges öffnen lassen.

Auf der Rue Lamarck, im Schatten von Sacré-Cœur, haben etliche Bistros noch nicht wieder geöffnet. Für die Besitzer der Lokale ist die Situation wegen Corona noch immer sehr belastend. Wer seine Terrasse – wie im vergangenen Sommer mit einer Sondergenehmigung der Stadt – auf der Straße nicht ausweiten kann, hat kaum eine Chance auf Wirtschaftlichkeit; wegen des noch unbeständigen Wetters und sehr kurzfristiger Reservierungen bleibt jede Öffnung ohnehin ein Vabanque-Spiel.

Auf Montmartre, © Antje Kahnt

Auf dem Plateau vor der Basilika ist es geradezu unwirklich leer. Die hier allgegenwärtigen Polizisten achten auf die Einhaltung von Hygieneregeln und Sperrstunde und verleiden damit den wenigen Touristen offenbar die Aussicht über die Stadt. Am Boulevard de Clichy hingegen ist die Stimmung ausgelassen. Das rote Windmühlenrad des Moulin Rouge dreht sich unverdrossen, auch wenn das berühmte Cabaret seine Pforten erst im September wieder öffnen wird.

Seerosen zum Dessert

Am nächsten Morgen geht es in aller Herrgottsfrühe zur letzten Etappe. Im Hallenviertel werden über den Läden der Marktstraße Rue Montorgueil die Markisen heruntergelassen und die Bistro-Terrassen geschrubbt. Am Arc du Carrousel sind ein paar Jogger in Richtung Tuilerien unterwegs.

Um 9 Uhr öffnet hier das Impressionistenmuseum Musée de l‘Orangerie; die etwas gelangweilte Security kontrolliert die Reservierung am Eingang ganz genau. Das Erdgeschoss der langgestreckten, noch menschenleeren Ausstellungshalle ist acht Seerosenbildern von Claude Monet vorbehalten, die in ovalen Sälen nach dem Konzept des Malers ausgestellt werden. Je nach Tageszeit ändert sich der Farbeindruck durch das einfallende Licht – ganz so, als stünde man auf der japanischen Brücke in Giverny.

Nach 2 Stunden geht es vorbei an der vor einigen Tagen neueröffneten Pinault Collection in der ehemaligen Bourse du Commerce; binnen Stunden waren die Vorab-Tickets hier ausverkauft. Statt in die Ausstellung geht es für mich daher zurück zum Hotel und dann zum Bahnhof, wo unkompliziert Corona-Schnelltests angeboten werden. Kontrolliert wurde das negative Testergebnis bei der Rückreise nicht; die Quarantäne-Bestimmung für nach Deutschland Einreisende wurde zudem am Vortag außer Kraft gesetzt.

Linktipps:

Paris ist ein Chanson, Sehnsuchtsort Par(ad)is

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5 Kommentare/Commentaires

  1. Hei Antje, da hat sich der Kurztripp in Dein geliebtes Paris ja wieder einmal sehr gelohnt. Der Artikel ist sehr gut. Warte auf den nächsten!

  2. Danke Antje für diesen informativen Text, der uns eine Hilfe bei unserem Programm für den immer noch ausstehenden Parisbesuch sein wird. Auch deine Fotos sind wieder sehr gelungen.

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