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Worpswede

Kunst im Teufelsmoor

Von Christian Vogeler

Kleinod an authentischem Ort: Der Barkenhoff beherbergt das Heinrich-Vogeler-Museum. © Tourist-Information Worpswede / Birgit Nachtwey

18. März 2020

Vor 130 Jahren entstand unweit der Hansestadt Bremen, mitten im Teufelsmoor, die Künstlerkolonie Worpswede nach dem Vorbild des französischen Dorfes Barbizon. Bedeutende Künstler des Jugendstils, Impressionismus und Expressionismus arbeiteten hier.

Sie waren fasziniert von der norddeutschen Landschaft, dem besonderen Licht des Himmels und dem einfachen Leben der Moorkolonisten. Den Spuren der Künstler – von den Gründern bis zur heutigen Generation – begegnet man in Galerien, Ateliers und Werkstätten. Die Spuren der Kolonisierung in dieser einzigartigen Naturlandschaft lassen sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf dem Wasser entdecken.

Pioniere im Moor

Kolonisation ist Landnahme. Worpswede, dessen Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht, erlebte einen ersten größeren Bevölkerungszuwachs im 18. Jahrhundert, als der Moorkommissar Jürgen Christian Findorff im Auftrag des Hannoverschen Kurfürsten die Kolonisierung des Teufelmoors einleitete, um mit dessen Trockenlegung Land zu gewinnen für dessen bäuerliche Bewirtschaftung. Er warb mehr als 3000 Pioniere an, die mit der Aussicht auf eigenes Besitztum, Steuernachlässe und die Befreiung von der Wehrpflicht zuwanderten, um das Moor für die Landwirtschaft urbar zu machen. Die Bauern lebten zunächst in armseligen Hütten und bauten Torf ab, den sie über Flüsse und Kanäle auf Kähnen nach Bremen brachten, um ihn dort als Brennstoff zu verkaufen. Die trocken gelegten Areale wurden später als Wiesen für die Landwirtschaft genutzt.

Ein altes niedersächsisches Bauernhaus in Worpswede, © Tourist-Information Worpswede / Birgit Nachtwey

Kulturelles Erwachen

Mit dem 18-jährigen Kunststudenten Fritz Mackensen kommt 1884 der erste Künstler nach Worpswede, wo sich inzwischen ein gewisser Wohlstand eingestellt hat. „Die Reihe großer Höfe mit ausgedehnten, langgestreckten Gebäuden, gepflegten Gärten und wohlsituierten Besitzern, die ansehnlichen Kaufläden, das behagliche Pfarrhaus und gute Gasthöfe gab es auch damals schon“, notiert der Künstler in seinen Erinnerungen. Fasziniert von den malerischen Reizen der Natur findet er hier seine künstlerische Heimat. Die Kolonisierung der Künstler beginnt.

Auf Mackensen folgen der Studienfreund Otto Modersohn, die Künstler Hans am Ende, Fritz Overbeck und schließlich Heinrich Vogeler, der als Maler, Grafiker, Designer und Architekt den deutschen Jugendstil mitprägt. Ihren künstlerischen Durchbruch erlebt die Gruppe 1895 bei einer Ausstellung im Münchener Glaspalast, was das niedersächsische Moordorf Worpswede bekannt und berühmt macht. Die Künstlerin Paula Becker, die Armenhäusler porträtiert und sich mit ihren ausdrucksstarken Porträts zu einer der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus entwickelt, der Schriftsteller Rainer Maria Rilke und seine spätere Ehefrau, die Bildhauerin Clara Westhoff, kommen später hinzu. Der Barkenhoff, eine alte Bauernkate, die Vogeler in mehreren Bauabschnitten zu einem Gesamtkunstwerk umgestaltet, wird für kurze Zeit zum Mittelpunkt des Kulturlebens der Gruppe.

Museum am Modersohn-Haus, © Tourist-Information Worpswede / Birgit Nachtwey

Gemeinsames Ausstellungskonzept

Die künstlerische Kolonisierung ist längst abgeschlossen. Worpswede lebt heute nicht mehr nur von der Kunst der Gründer. Weitere Künstlergenerationen – Maler, Zeichner, Grafiker, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller, Kunsthandwerker, Fotografen, Musiker und Designer –  folgten und prägen das Dorf bis heute auf ganz unterschiedliche Weise.

Hatte sich die Museumslandschaft des Ortes über viele Jahrzehnte zunächst nebeneinander entwickelt, schlossen sich Barkenhoff, Große Kunstschau, Haus im Schluh und Worpsweder Kunsthalle in den Jahren 2007 bis 2012 zu einem Museumsverbund mit einem gemeinsamen Ausstellungskonzept zusammen. In dem Wohn- und Atelierhaus des denkmalgeschützten Ensembles Barkenhoff wird eine vielschichtige Dauerausstellung zu Heinrich Vogeler gezeigt. Weitere Räumlichkeiten werden für Sonderausstellungen genutzt, die Brücken zum Werk Vogelers und zur Worpsweder Kunst- und Kulturgeschichte schlagen. Die Große Kunstschau stellt Werke aus 130 Jahren Worpsweder Kunstgeschichte neben internationalen Gegenwartskünstlern aus, und die Worpsweder Kunsthalle besitzt die wohl bedeutendste Überblickssammlung über die Kunstgeschichte des Ortes, deren Exponate in wechselnden Ausstellungen gezeigt werden. Das Museum am Modersohn Haus in privater Trägerschaft zeigt eine umfangreiche Kunstsammlung der ersten Worpsweder Malergeneration zusammen mit zahlreichen Werken von Paula Modersohn-Becker.

Die „Käseglocke“, © Tourist-Information Worpswede / Birgit Nachtwey

Die „Käseglocke“, das Wohnhaus des Schriftstellers und 1. Worpsweder Gästeführers Edwin Koenemann von 1926, gehört zu den architektonischen Sehenswürdigkeiten von Worpswede. Das runde Haus des Architekten Bernhard Taut beherbergt heute ein Museum für regionale angewandte Kunst.  Ebenfalls sehenswert ist das „Kaffee Worpswede“, im Volksmund „Kaffee Verrückt“ genannt, das 1925 von Bernd Hoetger, dem Architekten der Bremer Böttcherstraße, errichtet wurde.

Natur, vom Menschen geprägt

Das Fahrrad ist ein gutes Verkehrsmittel, um die Umgebung von Worpswede zu erkunden. Die Kolonisierung der bäuerlichen Pioniere ist Geschichte. Der industrielle Torfabbbau wurde 2012 eingestellt. Landwirtschaftliche genutzte Flächen werden teilweise wieder vernässt, um das frühere Hochmoor zu regenerieren. Beschilderte Radwege führen ohne große Steigungen zu Spuren der Moorkolonisierung, Naturschutzgebieten mit seltener Flora und Fauna, Windmühlen und rustikalen Gaststätten. Mit dem Moorexpress, einem historischen Schienenbus, lassen sich einige Etappen abkürzen.

© Archiv Haus im Schluh

Insider-Tipp

Wer die besondere Atmosphäre des Künstlerdorfes Worpswede ganz unmittelbar erleben möchte, findet im Haus im Schluh, errichtet von Vogelers erster Ehefrau Martha, die passende Unterkunft. In den drei reetgedeckten niedersächsischen Bauernhäusern ist ein Museum beheimatet, das sich der Geschichte der Familie von Martha und Heinrich Vogeler nach deren Trennung und der Sammlungsgeschichte des Museums widmet. Es werden auch mehrere ansprechende Ferienwohnungen angeboten, die in der Tradition des Hauses mit originalen und neu gefertigten Heinrich-Vogeler-Möbeln im alten Stil eingerichtet sind. Geführt wird das Haus im Schluh von den Nachfahren Vogelers.

Der Journalist Christian Vogeler ist ein Großneffe Heinrich Vogelers.

Künstlerkolonien

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in ganz Europa Künstlerkolonien nach dem Vorbild des französischen Dorfes Barbizon. Junge Künstler kehrten Akademien und Ateliers den Rücken und suchten in freier Natur und ländlichem Leben ihre Motive. Einige wenige wie Worpswede oder eben Barbizon sind bis heute bekannt. 1994 wurde als Vereinigung der europäischen Künstlerkolonien EuroArt gegründet. Dieses Netzwerk von Künstlerkolonien, Künstlerdörfern und Künstlerorten hat zurzeit 76 Mitglieder aus 41 Künstlerkolonien in 14 Ländern.

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