Klopp & Zidane:
Die Revolutionäre

Klopp & Zidane: Die Revolutionäre
  • VeröffentlichtSeptember 24, 2026
Jürgen Klopp und Zinédine Zidane: In Deutschland und Frankreich beginnt eine neue Ära
Jürgen Klopp und Zinédine Zidane: In Deutschland und Frankreich beginnt eine neue Ära (Copyright: Alamy)

Jürgen Klopp und Zinédine Zidane sollen den deutschen und französischen Fußball erneuern. Der eine mischt sich offensiv in gesellschaftliche Debatten ein, der andere bleibt politisch zurückhaltend. Doch sportlich verfolgen beide dasselbe Ziel.

 

Bei seiner Vorstellung als neuer Trainer der französischen Nationalmannschaft Ende Juli dankte Zinédine Zidane zunächst den Feuerwehrleuten, die in den Regionen Gironde und Landes gegen die verheerenden Brände dieses Sommers angekämpft hatten. Den Landwirten und den von den großen Feuern betroffenen Familien sprach er Mut zu. Bundestrainer Jürgen Klopp wiederum redete am vergangenen Donnerstag bei der Präsentation seines ersten Kaders, nominiert hatte er dabei 44 Mann und gleich zwei Aufgebote, auch über die politische Gegenwart in seinem Land. Er fragte in die Kameras, die ihn dabei live einfingen: „Kann man stolz darauf sein, Deutscher zu sein, und trotzdem offen und trotzdem vielfältig und trotzdem nett, freundlich? Kann man Mitgefühl haben?“ Die Antwort gab er knapp zehn Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt selbst: „Ich bin hundertprozentig sicher, ja.“

In Sachsen-Anhalt hatte die rechtsgerichtete AfD, die der deutsche Verfassungsschutz als in Teilen rechtsextrem betrachtet, fast 44 Prozent der Stimmen gewonnen. Für eine Alleinregierung reicht es nicht, dennoch stellt dieses Ergebnis ein Fanal dar und ein Debakel für die etablierten demokratischen Parteien. Zidane verzichtete bisher bei öffentlichen Auftritten als französischer Coach auf politische Botschaften. Dabei gibt es hier wie dort Parallelen. Denn in Paris droht bei den Präsidentschaftswahlen im April 2027 gar der Einzug von Marine Le Pen in den Élysée-Palast. Dazu aber enthält sich Zidane, aufgewachsen als Sohn algerischer Einwanderer in La Castellane bei Marseille, jeden Kommentars. Er sei Fußballer und für Fußball zuständig, sagte er.

Das ist Jürgen Klopp auch. Doch er geht bewusst in die gesellschaftliche Offensive, auch optisch. Am vergangenen Donnerstag trug er eine Kappe mit der Aufschrift: „Einer von 83 Millionen“, womit er sagen wollte: Ich bin einer von euch, einer aus dem Volk für das Volk. Und einer, der sagt: „Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen, wenn ich ganz ehrlich bin. Ich möchte, wenn man sie schwingt, dass niemand denkt: Was ist mit dir nicht in Ordnung?“ Er wolle den Nationalstolz „nicht den falschen Leuten überlassen“. In Deutschland sind die Menschen im Umgang mit nationalen Symbolen deutlich zurückhaltender als in Frankreich.

 

Klopp will die Fahne zurück

Vielmehr solle es darum gehen, erläuterte Klopp, Deutschland wertzuschätzen, das Land mit den 83 Millionen Einwohnern. Es geht ihm um einen positiven Patriotismus im Sinne der Nationalmannschaft, ohne dabei so wichtige Dinge wie die Freundlichkeit und den Respekt voreinander zu verlieren. Mit Bezug auf den Urnengang in Sachsen-Anhalt sagte Klopp zudem: „Es hat eine Wahl stattgefunden, manche fanden das Ergebnis okay, viele denken: Was zum Himmel passiert hier?“ Für seine Wortfindungen hat Klopp viel Beifall aus der Mitte der Gesellschaft erhalten. Die immer übertrieben opportunistische Bild-Zeitung wünscht sich Klopp nun sogar als nächsten Bundespräsidenten. Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel bemerkte deutlich sachlicher, aber auch emotional angefasst: „Nicht wenige Beobachter werden sich im Zuge von ‚Kanzlerbeben‘ und Wahlschlagzeilen im einsetzenden Herbstwetter in die Rhetorikwolldecke von Jürgen Klopp einkuscheln. Oder sich ausmalen, wie er mit seinen bekannten Jubelfäusten den Spritpreis an den Tankstellen runterboxt.“ Bundeskanzler Friedrich Merz steht angesichts katastrophaler Wahlergebnisse in den Bundesländern Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin enorm in der Kritik. Seine Beliebtheitswerte sind so schlecht wie bei keinem Regierungschef zuvor. Lautstark war in Deutschland zu vernehmen: Klopps Worte bei einer Nominierungspressekonferenz hätten Merz gleich nach dem Wahldebakel in Sachsen-Anhalt deutlich besser gestanden, als dessen Beschwichtigungsformeln.

 

In Liverpool genießt Jürgen Klopp Kultstatus. Fast neun Jahre trainierte er den FC Liverpool und führte den Klub unter anderem zur englischen Meisterschaft und zum Champions-League-Titel
In Liverpool genießt Jürgen Klopp Kultstatus. Fast neun Jahre trainierte er den FC Liverpool und führte den Klub unter anderem zur englischen Meisterschaft und zum Champions-League-Titel (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Zidane wechselte nach seinem Statement für die Feuerwehrleute, die Landwirte und die in Not geratene Bevölkerung in der Gironde und den Landes zum Thema Fußball, das auch seine Ausführungen am vergangenen Freitag bei seiner ersten Kadernominierung dominierte. Sein Aufgebot fällt nicht so offensichtlich umstürzlerisch aus wie das von Klopp. Doch gemeinsam ist beiden Aufgeboten ein revolutionärer Wille zur Veränderung.

 

Zwei Trainer, ein Neuanfang

44 Mann für vier Länderspiele – so etwas hat es in Deutschland noch nie gegeben. Gleich 16 Spieler ohne jeden Länderspieleinsatz sind dabei, auch das ist ein Novum. Klopp wollte damit bewusst überraschen und vor allem zeigen, dass sich mit Fleiß und Wohlwollen durchaus deutsche Profis mit Talent finden lassen. Klopp besucht regelmäßig das Training von Bundesligisten und mehrere Partien an einem Spieltag. Er will sich ein umfassendes Bild machen, um die unter seinem Vorgänger Julian Nagelsmann eingeschlafenen Strukturen wachzuküssen. Nagelsmann zeigte jedenfalls nicht annähernd den Eifer in seinem Bundestrainer-Job wie Klopp ihn derzeit in dem von ihm offensiv als „Traumberuf, auf den ich stolz bin“ bezeichneten Traineramt vorlebt.

 Auch Zidane war daran gelegen, die Ära seines Vorgängers Didier Deschamps als das zu betrachten, was sie ist: Vergangenheit. Deschamps, 1998 mit Zidane als Spieler und 2018 zudem als Trainer Weltmeister, war von 2012 bis nach dem World Cup 2026 Coach von Frankreichs A-Team. Das Einzige, was Zidanes Amtsantritt mit der Deschamps-Zeit verband, war die Tatsache, dass er seinen Kader kurz vor der offiziellen Bekanntgabe im Beisein seines Trainerteams im Hauptquartier des französischen Fußballverbands im 15. Arrondissement von Paris finalisierte. Aber schon das Büro des Nationalcoachs sieht inzwischen anders aus als zur Deschamps-Zeit.

 

Zinédine Zidane als überlebensgroßes Motiv in Marseille. Im Stadtteil La Castellane wuchs der Sohn algerischer Einwanderer auf
Zinédine Zidane als überlebensgroßes Motiv in Marseille. Im Stadtteil La Castellane wuchs der Sohn algerischer Einwanderer auf (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Hinzu kommt eine große Euphorie, die den Neuen begleitet. Auch das ist eine Parallele zur von Klopp erzeugten Aufbruchstimmung in Deutschland. Zidane ist für gewöhnlich allerdings im Gegensatz zu Klopp sehr wortkarg, der große öffentliche Auftritt ist nicht seine Sache.

 

Zidane bricht mit Deschamps

Deschamps las die Namen der von ihm Nominierten stets alphabetisch vor. Zidane stellte sie nun mit einem von der KI produzierten Video vor. Er verzichtet auf einige von Deschamps Lieblingsspielern, die Brüder Lucas und Theo Hernandez etwa fehlen diesmal genauso wie N’Golo Kanté und der allerdings derzeit verletzte Aurélien Tchouaméni. Frankreichs Superstar Kylian Mbappé bleibt der Kapitän, aber anders als Deschamps sieht er ihn auf dem linken Flügel und nicht im Zentrum.

 

Kylian Mbappé bleibt auch unter Zinédine Zidane Kapitän der französischen Nationalmannschaft – seine Rolle auf dem Platz verändert sich jedoch
Kylian Mbappé bleibt auch unter Zinédine Zidane Kapitän der französischen Nationalmannschaft – seine Rolle auf dem Platz verändert sich jedoch (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Zidane setzt vor allem auf eine Verjüngung des Kaders und auf bisher nicht berücksichtigte Spieler wie den 21-jährigen Torhüter Guillaume Restes aus Toulouse. Oder den gleichaltrigen Innenverteidiger Jérémy Jacquet vom FC Liverpool. Überrascht hat Zidane außerdem mit den Nominierungen von Lucas da Cunha aus Como, Andy Diouf von Inter Mailand und dem bisher übersehenen Stürmer Estéban Lepaul (26) aus Rennes. Zidane machte damit deutlich, dass er vor allem für Innovationen steht, für Überraschungen und nicht für festgefahrene Kaderstrukturen. Im Trainingszentrum von Clairefontaine schränkt Zidane ab sofort den Zugang für Medienvertreter zudem ein. Damit endet die Zeit des offenen Umgangs unter Deschamps. Zidane sieht sich vor allem auch als Beschützer seiner Auswahl.

 

Die neue Lust auf die Nationalmannschaft

Klopps Kurs der Erneuerung zeigte schon am vergangenen Samstag, am ersten Spieltag nach der Bekanntgabe seiner Liste von 44 Spielern, eine Wirkung. Ein Novize wie der Freiburger Derry Scherhant, der in Frankfurt ein herausragendes Spiel zeigte, erzählte anschließend freudestrahlend von seinem Kontakt mit Klopp und wie sehr ihn allein das Telefonat motiviert habe. Scherhant ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Sehr lange Zeit war nicht mehr eine so große Vorfreude auf die Reise zur Nationalmannschaft bei den Profis zu spüren, wie es diesmal der Fall ist.

 

Derry Scherhant gehört zu den Neulingen, denen Jürgen Klopp eine Chance in der Nationalmannschaft gibt
Derry Scherhant gehört zu den Neulingen, denen Jürgen Klopp eine Chance in der Nationalmannschaft gibt (Copyright: Alamy)

 

Diese Vorfreude ist auch bei Zidane zu spüren, vor allem aber bei den Fans der französischen Nationalmannschaft, wenn sie mit dem einst legendären Fußballer konfrontiert werden. Sowohl bei seiner Vorstellung Ende Juli als auch bei der Bekanntgabe seines ersten Kaders am vergangenen Freitag hatten sich vor der Verbandszentrale am Boulevard Grenelle in Paris Hunderte seiner Anhänger versammelt und feierten die ehemalige Nummer zehn ihrer Nationalmannschaft. Kurz nachdem Zidane das Gebäude verließ, in dem er zuvor seinen Kader bekanntgegeben hatte, wurde er von der Menge umjubelt, besungen, berührt und geherzt. Das spontane Bad in der Menge dauerte knapp zehn Minuten.

Eine solche haptische Form der Verehrung hat Klopp vor der DFB-Zentrale in Frankfurt bisher noch nicht erlebt. Doch es ist angesichts seiner weiter zunehmenden Beliebtheit nicht ausgeschlossen, dass es dort in Zukunft ähnlich wild zugeht. Die Voraussetzungen dafür hat er jedenfalls geschaffen.

 

Der Autor

Portrait, Mann mit braunen Haaren und weißem Pullover, leicht lächelnd
Stephan Klemm (Copyright: Max Grönert)

Stephan Klemm ist Historiker und Germanist. Er ist Buchautor, Lektor und freier Journalist, er schreibt unter anderem für Spiegel, Zeit, FAZ, NZZ und die deutsche Ausgabe der Sports Illustrated. Zur Frankreich-Rundfahrt hat er ein Standardwerk verfasst: Tour de France – kein Berg zu hoch, kein Weg zu weit. Es umfasst 600 Seiten.

 

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