Cocoriki:
Haben die Deutschen kein Herz?

Cocoriki: Haben die Deutschen kein Herz?
  • VeröffentlichtFebruar 26, 2025
In Angers
In Angers (Copyright: Wikimedia Commons)

Coluche et les Restos du coeur! L’histoire d’un mec devenu une légende, so der Titel einer im Dezember 2024 erschienenen Sonderausgabe des Magazins Paris Match. Coluche? Restaurants des Herzens? Nie gehört?

 

Im Lichtspielhaus Astoria, dem Kino meiner kleinen Stadt in Hessen machte ich Ende der 1970er Jahre meine ersten Erfahrungen mit der französischen Kultur, genauer gesagt mit den Louis de Funès-Filmen. Mein Lieblingsfilm war Brust oder Keule, in dem de Funès einen Feinschmecker spielt, der inkognito Restaurants testet. In meinem Kinderzimmer hing sogar ein Poster dieses Filmes, auf dem man zwei Fotos meines Lieblingsschauspielers sah; auf dem einem hatte er große rote Pickel im Gesicht, auf dem anderen trug er eine Küchenschürze.

1995, ich lebte mittlerweile in Paris und hatte das Poster eigentlich schon vergessen, stieß ich bei einem Bouquinisten an der Seine auf eine Sammlung alter Filmposter, darunter eines von L’aile ou la cuisse. Zu meiner großen Überraschung sah dieses Poster jedoch ganz anders aus. Man sah zwar ebenfalls Louis de Funès, aber auch den Schauspieler, der seinen Sohn spielte. Unter seinem Foto stand in großen Buchstaben sein Name: Coluche. „Tu connais Louis de Funès, mais pas Coluche? Les Restos du cœur? Les Enfoirés?“, fragten mich meine französischen Freunde erstaunt und machten sich sofort daran, diese Bildungslücke zu schließen. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mir natürlich nie denken können, dass eben dieser Coluche einmal in einem meiner Deutschkurse mit einem Minister eine Rolle spielen könnte…

 

Mit Latzhose zum Erfolg

Coluche im Jahre 1986
Coluche im Jahre 1986 (Copyright: Wikimedia Commons)

Aber, fangen wir von vorne an: Die Karriere des 1944 als Michel Gérard Joseph Colucci geborenen Coluche, dessen Markenzeichen die Latzhose war, beginnt 1974 mit einer eigenen One-Man-Show. Coluche, der kein Blatt vor den Mund nimmt, wird sehr schnell zum Sprachrohr der einfachen Leute und begeistert mit seinem lustig-bitter-sarkastischen Humor („Quand j’étais petit à la maison, le plus dur c’était la fin du mois… Surtout les trente derniers jours!“ – „In meiner Kindheit war zu Hause das Monatsende sehr schwer… ganz besonders die letzten 30 Tage!“). Im Theater, im Fernsehen und im Kino, man sieht ihn überall, seine größte Popularität erreicht er aber im Radio. Coluche prägt sogar die französische Sprache, denn in seinen Sketchen benutzt er immer wieder den Begriff „quel enfoiré, „was für ein Mistkerl“, sehr schnell ein geflügeltes Wort. Was jedoch die wenigsten wissen: Das Verb „enfoirer“ („beschmutzen“) geht bis ins 16. Jahrhundert zurück und 1905 wird es sogar in das Wörterbuch Le Robert (dem französischen Pendant des Duden) aufgenommen, mit folgender Definition: „Mit Exkrementen beschmutzen“. Nicht ganz der heutige Sinn.

Nichts scheint Coluches Karriere mehr zu stoppen und so tritt er 1981 mit dem Slogan „bleu-blanc-merde“ sogar als Kandidat für das Amt des Präsidenten an; scheinbar wieder mit Erfolg, denn er hat nicht nur intellektuelle Unterstützer wie den Soziologen Pierre Bourdieu, auch in den Umfragen erreicht er bis zu 16%. Dies beunruhigt die Sozialistische Partei, die den Wahlsieg von François Mitterand gefährdet sieht. Nach Coluches eigenen Aussagen soll die Partei Druck auf ihn ausgeübt haben, so dass er am 16. April schließlich seine Kandidatur zurückzieht. Doch seine Karriere geht weiter: 1984 erhält er den César als bester Hauptdarsteller für seine Rolle in dem Film Tchao Pantin. Anfang 1985 gründet er dann den Verein, Les Restos du Cœur, der Bedürftige mit Essen und Kleidung versorgen soll.

 

Was für ein herzensguter Mistkerl

Die Restos du Cœur werden schnell eine einflussreiche Institution: 1988 verabschiedet das Parlament la loi Coluche (Coluche-Gesetz), das eine Steuerermäßigung von 50 % bei Spenden bis zu 400 Francs erlaubt. Am 11. Februar 2016 folgt ein Gesetz, das große Supermärkte dazu verpflichtet, den Herzensrestaurants oder vergleichbaren Organisationen, Lebensmittel zu geben, anstatt sie zu vernichten. Im Jahr der Gründung trifft Coluche dann auf eine weitere französische Legende, den Sänger und Komponisten Jean-Jacques Goldmander 2024 immerhin schon zum vierzehnten Mal zur personnalité préférée des Français gewählt wurde, in Deutschland aber ebenso wenig bekannt ist wie Helene Fischer in Frankreich.

Jean-Jacques Goldmann 2002
Jean-Jacques Goldmann 2002 (Copyright: Wikimedia Commons)

Goldman komponiert für die Restos ein Lied, das von Persönlichkeiten und Coluche selbst gesungen wird. Es ist die Geburtsstunde der Enfoirés, einer Gruppe aus Künstlern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Wohltätigkeitskonzerte zugunsten der Organisation geben. Karten für die Konzerte der Enfoirés gehen weg comme des petits pains, wie warme Semmeln, und die Übertragung im Fernsehen gehört mit einem Marktanteil von über 50 % zu den größten Medienereignissen in der frankophonen Welt. Von diesem Erfolg bekommt Coluche allerdings leider nichts mehr mit: Am 19. Juni 1986 kommt er bei einem Motorradunfall ums Leben. Legenden müssen wohl immer dramatisch sterben.

 

Bei Geld hört die Freundschaft auf

Auch die Schaffung des Europäischen Nahrungsmittelhilfeprogramms für Bedürftige (PEAD, Programme européen d’aide aux plus démunis) erlebt er nicht mehr. Dank dieses 1987 auf Initiative von Coluche und dem damaligen Präsidenten der Europäischen Kommission Jacques Delors, ins Leben gerufenen Programms, werden landwirtschaftliche Erzeugnisse aus öffentlichen Interventionsbeständen an Mitgliedstaaten abgegeben, damit diese sie als Nahrungsmittelhilfe, für die am stärksten benachteiligten Personen in ihren Bevölkerungen verwenden können.

Das PEAD wird zu einer wichtigen Quelle für Organisationen wie die Restos du Cœur, aber auch Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten zwischen den Mitgliedstaaten. So reichten im Dezember 2008 sieben europäische Länder, angeführt von Deutschland und Schweden, eine Beschwerde gegen die Europäische Kommission ein, um die Nichtigerklärung dieses Fonds zu erreichen, da sich die ursprüngliche Lage verändert hatte: Seit mehreren Jahren gab es keine Überproduktion mehr, die Zahl der unverkauften Bestände aus der GAP (Gemeinsame Agrarpolitik) war rückläufig und so musste die EU den Rest durch Direktkäufe der Erzeugnisse ergänzen. Am 13. April 2011 erklärte der Europäische Gerichtshof diesen Fonds dann für nichtig. Begründung: Die Notwendigkeit zusätzlicher Anschaffungen sei so groß geworden, dass das PEAD nicht mehr an die GAP gebunden sei, sondern Teil der direkten, nicht vergemeinschafteten Sozialhilfe. Schon zwei Monate später, am 21. Juni 2011 kündigte die Europäische Kommission eine drastische Kürzung des Nahrungsmittelhilfeprogramms an, der Finanzrahmen wurde durch vier geteilt, von 500 Millionen auf 113 Millionen im Jahr 2012. Eine Katastrophe für die Restos du Cœur!

 

Auf Deutsch verhandeln – eine Herzenssache

Und hier kreuzten sich Coluches und meine Wege: Im September 2011 bat mich das französische Landwirtschaftsministerium, den Minister Bruno le Maire für Verhandlungen mit den Deutschen zu coachen. Am 20. September 2011 war nämlich in dem französischen Magazin L’Express ein Artikel mit folgendem Titel erschienen: „L’Allemagne n’a-t-elle pas de (Restos du) coeur?“ – „Hat Deutschland kein Herz(restaurant)?“ Darin erklärte man, dass die Finanzierung von Millionen Mahlzeiten für die Armen aus europäischen Mitteln auf Druck Deutschlands blockiert worden sei. Da besonders die von Coluche gegründete Hilfsorganisation betroffen war, bekam das ganze neben dem finanziellen sofort auch einen sehr emotionellen Charakter in der öffentlichen Meinung. On ne touche pas à l’héritage de Coluche! Es war nun also Diplomatie und Verhandlungsgeschick gefragt. Und so reiste der damalige französische Landwirtschaftsminister und Deutschlandfreund mehrere Male nach Berlin, nachdem wir zuvor eifrig das themenbezogene deutsche Vokabular gebüffelt hatten. Mit Erfolg: Am 14. Oktober 2012 schuf die Europäische Kommission im Einvernehmen mit dem Europäischen Parlament und dem Europäischen Rat einen neuen Fonds, der den PEAD ab 2014 ersetzen sollte. Dieser Fonds zur Nahrungsmittelhilfe trug den Namen Europäischer Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (FEAD, Fonds européen d’aide aux plus démunis). Die Finanzierung der Restos war vorläufig gerettet und niemand konnte den Deutschen Hartherzigkeit vorwerfen.

 

Die Tafeln des Herzens

 Was man auf französischer Seite als herzlos interpretiert hatte, war im Grunde nur ein strukturelles Missverständnis, denn natürlich gibt es auch in Deutschland Hilfsbedürftige- wenn auch keine Herzensrestaurants. Dort organisieren die 948 lokalen Tafeln in einer von ihnen geschaffenen Kooperation selbst die Lebensmittelrettung, indem sie direkt mit allen Lebensmittelhändlern und ihren Filialen vor Ort zusammenarbeiten, ohne Unterstützung durch EU-Gelder. Im zentralisierten Frankreich ist die Lebensmittelbank Fédération Française des Banques Alimentaires zuständig. Sie besitzt große Lagerflächen und nimmt hauptsächlich Großspenden von Herstellern und Produzenten an, Helferinnen und Helfer kommissionieren die Lebensmittel und Einrichtungen, z.B. Kirchengemeinden oder die Herzensrestaurants verteilen die Spenden dann an Bedürftige.

 

Copyright: Imago
Copyright: Imago

 

Am 24. Juni 2021 kam es übrigens erneut zu einer Veränderung, denn der Europäische Sozialfonds Plus (ESF+) wurde eingerichtet, eine Zusammenlegung mehrerer Fonds, darunter der FEAD. Keine beruhigende Nachricht für die Hilfsorganisationen, die gerade in Corona-Zeiten einem enormen Anstieg an Hilfsbedürftigen ausgesetzt waren und mehr denn je auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Wie die EU den Hilfsfonds aber auch nennen mag, Coluche bleibt unvergessen und die Hymne der Enfoirés unverändert. Selbstverständlich erklang sie auch auf den sieben Konzerten, die im Januar 2025 stattfanden (Ausstrahlung eines der Konzerte am 7. März auf TF1):

„Aujourd’hui, on n’a plus le droit
Ni d’avoir faim, ni d’avoir froid.
Dépassé le chacun pour soi,
Quand je pense à toi, je pense à moi.
Je te promets pas le grand soir,
Mais juste à manger et à boire,
Un peu de pain et de chaleur,
Dans les Restos, les Restos du cœur.“

 

Der Autor

Frank Gröninger
Copyright: Frank Gröninger

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.

 

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