Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen
Im Herzen Europas

Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen Im Herzen Europas
  • VeröffentlichtDezember 2, 2025
Saarbach bei Dahn im Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen (Copyright: Wikimedia Commons)
Saarbach bei Dahn im Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen (Copyright: Wikimedia Commons)

Das Interreg-Projekt „Horizont Climatic“ im Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen ist ein Beispiel lebendiger grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Elf Institutionen und Schutzgebiete aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg und Belgien gestalten hier eine Modellregion für nachhaltige Entwicklung.

 

Ziel von „Horizont Climatic“ ist es, die Veränderungen der Landschaften in der grenzüberschreitenden „Großregion“ sichtbar und verständlich zu machen, und zwar vor allem solche Veränderungen, die sich aus dem Klimawandel oder durch die Anpassung an diesen ergeben. Phänomene wie steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und zunehmende Extremwetterereignisse haben Auswirkungen auf Wälder, Offenland, Gewässer, landwirtschaftlich genutzte Flächen wie auch auf unsere bebaute Landschaft und sind bereits heute spürbar – oft jedoch nicht direkt zu greifen. Hier setzt das Projekt „Horizont Climatic“ an: Ein systematisches fotografisches Landschaftsmonitoring soll über viele Jahre hinweg dokumentieren, wie sich typische Landschaftselemente entwickeln.

Die Vielfalt der beteiligten Akteure – darunter Schutzgebiete, Universitäten, eine Nichtregierungsorganisation mit Schwerpunkt in der Raumplanung sowie Verwaltungsstrukturen aus vier Ländern – schafft ein Netzwerk, das praktische Erfahrung, wissenschaftliche Expertise und politische Entscheidungsprozesse miteinander verbindet. Das Projekt wird seit März 2024 und noch bis Februar 2028 umgesetzt und aus dem Interreg-Programm „Großregion/Grande Région“ der Europäischen Union gefördert. Im Biosphärenreservat Pfälzerwald, dem einzigen Projektpartner aus Deutschland, tragen zudem das rheinland-pfälzische Umweltministerium und der Bezirksverband Pfalz zur Finanzierung bei. Die Umsetzung von „Horizont Climatic“ unterstreicht den europäischen Modellcharakter des Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen.

 

Bewusstsein für Veränderung schaffen

Zunächst wurden rund 40 repräsentative Standorte im Gebiet des Biosphärenreservats Pfälzerwald ausgewählt, die ab jetzt regelmäßig fotografiert werden. Die beobachteten Veränderungen sollen ausgewertet werden, die Bilder sowie weiterführende Informationen zu den Standorten werden interessierten Nutzern zur Verfügung gestellt. Das internationale Projektarbeitsteam wird im Jahr 2026 eine Online-Plattform einrichten, die alle Fotoergebnisse aus allen teilnehmenden Regionen anschaulich darstellt. Zudem kommen die entstehenden Fotoreihen als Instrument in der Bildung für nachhaltige Entwicklung und in der Öffentlichkeitsarbeit zum Einsatz.

 

Welche Dynamik zeigt sich im Verlauf der Zeit? Der Ort Neuleiningen in einer Aufnahme aus dem fotografischen Landschaftsmonitoring von November 2025 von Germain Robin sowie in ähnlicher Ansicht aus den 1930er Jahren (Copyright: Germain Robin & Nachlass Striemann/Institut für Pfälzische Geschichte und Volkskunde)
Welche Dynamik zeigt sich im Verlauf der Zeit? Der Ort Neuleiningen in einer Aufnahme aus dem fotografischen Landschaftsmonitoring von November 2025 von Germain Robin sowie in ähnlicher Ansicht aus den 1930er Jahren (Copyright: Germain Robin & Nachlass Striemann/Institut für Pfälzische Geschichte und Volkskunde)

 

Ergänzend werden Aussichtspunkte, eine Wanderausstellung sowie pädagogische Programme für Schulen das Thema „Landschaftsentwicklung und Klimawandel“ in allen teilnehmenden Regionen stärker ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Vorträge, Exkursionen und Workshops sollen die Erkenntnisse an die Bevölkerung, Fachleute sowie politische Entscheidungsträger weitergeben.

Alle Partner erarbeiten die einzelnen Projektbausteine gemeinsam, wodurch ein europäischer Lern- und Erfahrungsraum entsteht, der über die Großregion hinausstrahlt. In der Zusammenarbeit bringt jeder Partner seine individuellen Kompetenzen und Erfahrungen ein. Eine landesweite Initiative zum fotografischen Landschaftsmonitoring hat das Thema in Frankreich bereits in den 1990er Jahren stark gefördert. In vielen französischen Regionen gibt es deshalb bereits umfangreiches Bildmaterial und vor allem einen großen Erfahrungsschatz, so auch im Regionalen Naturpark Nordvogesen, dem Schwester-Biosphärenreservat des Pfälzerwalds. Andere Projekt-Partner sind stark im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung, weitere bringen Expertise in Bezug auf die Konzeption von Ausstellungen oder in der Klima- und Wissenschaftskommunikation ein. In der interkulturellen Zusammenarbeit liegt die besondere Stärke des Projekts: Die grenzüberschreitende Bündelung von Kompetenzen ermöglicht einen lebendigen, fruchtbaren Austausch im „Horizont Climatic“-Team, der alle Partner voranbringt.

 

Deutsch-französisches Team: Der Fotograf Germain Robin und die Projektkoordinatorin Stefanie Ofer beim Einsatz für das Projekt „Horizont Climatic“ (Copyright: Timo Calla)
Deutsch-französisches Team: Der Fotograf Germain Robin und die Projektkoordinatorin Stefanie Ofer beim Einsatz für das Projekt „Horizont Climatic“ (Copyright: Timo Calla)

 

Im Biosphärenreservat Pfälzerwald profitiert „Horizont Climatic“ von der langjährigen Erfahrung, ökologisches Wissen niedrigschwellig zu vermitteln und Menschen aktiv in Fragen der nachhaltigen Entwicklung einzubeziehen. In diesem Sinne ist die Beteiligung der Menschen vor Ort im Projekt „Horizont Climatic“ wesentlicher Bestandteil: Netzwerkpartner wie auch die breite Öffentlichkeit waren in die Auswahl der Monitoring-Standorte involviert und können den Projektfortschritt durch eine transparente, offene Kommunikation mitverfolgen. So will das Biosphären-Team darauf hinwirken, ein Bewusstsein für die Dynamik in der Landschaft des Pfälzerwalds zu schaffen. Gemäß dem Auftrag eines Biosphärenreservats, Modellregion zu sein, dient das Projekt nicht zuletzt als Vorbild und Beispiel, das auf andere Regionen übertragbar ist.

 

Entstehung des Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen

Die Geschichte des Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen selbst ist ein Modellbeispiel für gelungene Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Die Ursprünge reichen zurück in die frühen 1980er-Jahre, als Verantwortliche des Naturparks Pfälzerwald (gegründet 1958) und des Regionalen Naturparks Nordvogesen (gegründet 1975) begannen, gemeinsam Visionen für ein länderübergreifendes Großschutzgebiet zu entwickeln. Einen wichtigen Impuls setzte 1985 das „Straßburger Protokoll“, das die Zusammenarbeit in Umweltschutz, Naturräumen, Umweltbeobachtung, Bildung und Tourismus festschrieb.

 

Über vier Länder verteilt: Die Partner im Projekt „Horizont Climatic“ in der Großregion/Grande Région (Copyright: Mathieu Grosjean)
Über vier Länder verteilt: Die Partner im Projekt „Horizont Climatic“ in der Großregion/Grande Région (Copyright: Mathieu Grosjean)

 

Das war eine Grundlage dafür, dass 1989 die Nordvogesen und 1992 der Pfälzerwald offiziell den Status nationaler Biosphärenreservate erhielten. 1993 ermöglichte Interreg I ein erstes strukturiertes Kooperationsprogramm. Der entscheidende Schritt folgte 1996: Am 23. Oktober unterzeichneten Vertreter aus Rheinland-Pfalz, Elsass und Lothringen in La Petite-Pierre die „Vereinbarung zur Schaffung eines grenzüberschreitenden Biosphärenreservats“. Beide Seiten verband die Überzeugung, dass gemeinsamer Naturschutz einen konkreten Beitrag zum europäischen Zusammenwachsen leisten würde. 1998 erfolgte schließlich die UNESCO-Anerkennung des grenzüberschreitenden Biosphärenreservats – als erstes seiner Art in der Europäischen Union. Die offizielle Urkunde wurde im Februar 2002 in Schönau im südlichen Pfälzerwald unweit der französischen Grenze feierlich überreicht. Seither wurde das Biosphärenreservat mehrfach überprüft und erhielt zuletzt 2022 erneut für zehn Jahre die Anerkennung als Biosphärenreservat durch die UNESCO. Betrieben wird es durch Geschäftsstellen in Lambrecht und La Petite-Pierre, begleitet durch einen deutsch-französischen Lenkungsausschuss und weitere bilaterale Gremien.

 

Übergabe der UNESCO-Urkunde am 13. April 2023: Von links nach rechts: Friedericke Stakelbeck, Theo Wieder, damaliger Vorsitzender des Bezirkstags Pfalz, Katrin Eder, Stefan Lütkes (Copyright: Umweltministerium Rheinland-Pfalz)
Übergabe der UNESCO-Urkunde am 13. April 2023: Von links nach rechts: Friedericke Stakelbeck, Theo Wieder, damaliger Vorsitzender des Bezirkstags Pfalz, Katrin Eder, Stefan Lütkes (Copyright: Umweltministerium Rheinland-Pfalz)

 

Die Erfolgsgeschichte zeigt sich in zahlreichen gemeinsamen Projekten: die deutsch-französischen Biosphären-Bauernmärkte (seit 1999), das LIFE-Projekt „Biocorridors“ zur Biotopvernetzung (2016 bis 2022), das Interreg-Projekt zu gefährdeten Tierarten (2020 bis 2023) oder das Projekt „Gärten für die Artenvielfalt“ (seit 2022). All diese Initiativen sind Ausdruck der kontinuierlichen Zusammenarbeit im einzigen grenzüberschreitenden Biosphärenreservat Deutschlands. Sie demonstrieren, wie Europa konkret zusammenwächst: durch gemeinsames Wissen, gemeinsames Handeln und gemeinsame Verantwortung für Natur und Landschaft. So wird das Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen seinem Anspruch gerecht, eine Modellregion für nachhaltige Entwicklung und ein Ort zu sein, an dem ökologische Herausforderungen länderübergreifend angegangen werden und an dem sichtbar wird, wie „nature sans frontière“ gestaltet werden kann.

 

Die Autorin

Porträt von Stefanie Ofer (Copyright: Biosphärenreservat Pfälzerwald)
Porträt von Stefanie Ofer (Copyright: Biosphärenreservat Pfälzerwald)

Stefanie Ofer, Jahrgang 1980, arbeitet seit 2017 im Team des Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen, seit 2024 leitet sie „Horizont Climatic“ für den deutschen Teil des internationalen Projekts. Ihr beruflicher Erfahrungsschatz umfasst internationale Gedenkarbeit beim Bezirksverband Pfalz, interkulturelle Zusammenarbeit im Museum sowie Nachhaltigkeitsthemen im Biosphärenreservat. Sie arbeitete als Kuratorin, Pressereferentin und Projektleiterin und verbindet Kultur, Erinnerungskultur und Umwelt zu einer vernetzten Perspektive. Studiert hat sie in Mannheim, Paris und Cottbus, mit mehreren Aufenthalten in Frankreich und Mexiko.

 

 

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