Das Erbe von Elsie Kühn-Leitz:
„Um Frieden zu sichern, muss man Menschen verbinden“

Das Erbe von Elsie Kühn-Leitz: „Um Frieden zu sichern, muss man Menschen verbinden“
  • VeröffentlichtJanuar 13, 2026
Erste Begegnung zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Elsie Kühn-Leitz am 31. Januar 1954 in Bad Godesberg anlässlich des 70. Geburtstags von Bundespräsident Theodor Heuss (Copyright: Ernst Leitz Stiftung)
Erste Begegnung zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Elsie Kühn-Leitz am 31. Januar 1954 in Bad Godesberg anlässlich des 70. Geburtstags von Bundespräsident Theodor Heuss (Copyright: Ernst Leitz Stiftung)

Vor 40 Jahren starb Elsie Kühn-Leitz, eine Wetzlarin, die Geschichte schrieb. Im Gespräch mit dokdoc erinnert ihr Enkel Oliver Nass an ihr Lebenswerk, ihr Engagement für die deutsch-französische Freundschaft und ein vereintes Europa.

 

dokdoc: Herr Nass, Ihre Großmutter, Elsie Kühn-Leitz ist vor 40 Jahren gestorben. Viele werden sie nicht kennen. Welche Aspekte ihres Beitrags zur deutsch-französischen Verständigung waren aus Ihrer Sicht besonders prägend?

 

Oliver Nass: Ich würde zwei Aspekte herausgreifen. Der erste, aus der Wetzlarer Perspektive – von wo aus sie ja wirkte – ist die bis heute sehr intensive und lebendige Städtepartnerschaft mit Avignon, die sie maßgeblich vorangetrieben hat und die vor wenigen Wochen ihr 65. Jubiläum feierte. Der zweite Aspekt begann etwas später, nämlich 1957: die damals bestehenden deutsch-französischen Gesellschaften in einer Bewegung zu vereinen. Ursprünglich hieß diese Initiative „Arbeitskreis“, heute ist es die Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa bzw. die Fédération des Acteurs Franco-Allemands pour l’Europe. Sie ist immer noch einzigartig, da sie alle deutsch-französischen Akteure der Zivilgesellschaft bündelt: Städtepartnerschaftskomitees, kulturell und sprachlich ausgerichtete deutsch-französische Gesellschaften, Wirtschaftsclubs sowie große Institutionen wie Deutsch-Französisches Jugendwerk, AHK Frankreich, Deutsch-Französisches Institut oder die Deutsch-Französische Hochschule. Elsie Kühn-Leitz verlieh dieser Bewegung eine Stimme in der öffentlichen Debatte und verschaffte ihr Sichtbarkeit.

 

dokdoc: Was motivierte sie, sich für die deutsch-französische Freundschaft einzusetzen? In ihrer Jugend deutete nichts darauf hin, dass sie diesen Weg einmal einschlagen würde.

 

Nass: Elsie Kühn-Leitz wuchs in einem international geprägtem Umfeld auf – im Haus des Unternehmers Ernst Leitz in Wetzlar, das Geschäftspartner, Wissenschaftler und Künstler aus aller Welt empfing. Ihre Großmutter war zudem Engländerin und sie lernte bereits mit 11 Jahren auch Französisch, sodass früh eine europäische Dimension in ihrem Leben präsent war. Der Wendepunkt kam jedoch durch die Erfahrung des Krieges und ihre Inhaftierung durch die Gestapo. Daraus entstand für sie die klare Erkenntnis: Einen solchen Krieg darf es nie wieder geben. Dafür müssen nach innen die Demokratie und für den Frieden in Europa die Versöhnung mit Frankreich aktiv gestärkt werden. Diese Erkenntnis wandelte sie in konkrete Handlung um. Dabei spielte ihre Begegnung mit Konrad Adenauer eine wichtige Rolle. Die entscheidende Begegnung fand 1954 in Bad Godesberg statt. Adenauer forderte sie am Ende ihres Gesprächs auf: „Wenn Sie etwas Sinnvolles tun wollen, helfen Sie uns, die deutsch-französische Versöhnung auch auf der zivilgesellschaftlichen Ebene zu sichern. Das ist Ihre Mission.“ Sie nahm diesen Auftrag an und setzte sich seitdem unermüdlich dafür ein.

 

dokdoc: Schon früh engagierte sich Elsie Kühn-Leitz „an der Basis“. Auch später setzte sie konsequent auf zwischenmenschliche Begegnungen. Wie ergänzten sich für sie Graswurzelarbeit und politische Netzwerke?

 

Nass: Was sie besonders auszeichnete, war ihr Talent, auf Menschen zuzugehen und sie in ihrem Kern zu erkennen – unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung. Sie erkannte die Besonderheiten jedes Einzelnen. Ihre Neugier half ihr, gerade im Umgang mit Staatsmännern und namhaften Persönlichkeiten die richtige persönliche Ansprache zu finden – oft auch außerhalb des Protokolls. Elsie Kühn-Leitz war nicht nur Organisatorin, sondern packte selbst an: Sie schrieb Briefe, akquirierte Finanzierungen und engagierte sich praktisch in unzählige Aktionen. Gleichzeitig beschäftigte sie sich intensiv mit Politik, Gesellschaft und internationalen Fragen, in einer Tiefe, die uns noch heute beim Anblick ihres Archivs beeindruckt.

 

Gespräch zwischen Elsie Kühn-Leitz und Valéry Giscard d’Estaing während seines Besuchs in Hannover am 25. März 1983 (Copyright: Oliver Nass/Ernst Leitz Stiftung)
Gespräch zwischen Elsie Kühn-Leitz und Valéry Giscard d’Estaing während seines Besuchs in Hannover am 25. März 1983 (Copyright: Oliver Nass/Ernst Leitz Stiftung)

 

dokdoc: In ihrer Rede zur Eröffnung der Deutsch-Französischen Gesellschaft Wetzlar 1955 bekannte sich Elsie Kühn-Leitz zur paneuropäischen Bewegung von Graf Coudenhove-Kalergi, den sie kurz zuvor bei einer Tagung in Baden-Baden kennengelernt hatte. Wie ist dieses Bekenntnis einzuordnen, und welches Europa hatte sie konkret vor Augen?

 

Nass: Immer wieder schwebte ihr die Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“ vor – eine föderale Struktur, die sie in zahlreichen Reden und Briefwechseln ausführlich beschrieb. Sie sprach von einem gemeinsamen Parlament als höchster Instanz, von einer Zollunion, einem gemeinsamen Markt und sogar von einer Währungsunion. Damals existierte die Montanunion bereits, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft entstand gerade – doch sie hatte schon den klaren Fahrplan für eine vollständige europäische Integration vor Augen. Ihre Überzeugung war eindeutig: Um dieses Ziel zu erreichen, ist die deutsch-französische Verständigung der unverzichtbare erste Schritt. Dieser Satz galt damals – und gilt auch heute noch.

 

dokdoc: Eingangs sprachen wir über die Städtepartnerschaft Avignon-Wetzlar. Welche Rolle spielte Elsie Kühn-Leitz dabei – und wie stark gehen weitere Partnerschaften hessischer Städte mit französischen Kommunen auf ihre Initiative zurück?

 

Nass: Alles begann 1956, als die französische Garnison Wetzlar verließ. Ein Garnisonsarzt aus Avignon brachte die Idee auf, eine Verbindung zu Frankreich aufzubauen. Meine Großmutter, fasziniert von Avignon und gut mit Frankreich vertraut, reiste im November 1957 mit einer Delegation dorthin. Unterstützt vom „Mouvement Europe“ vor Ort und nach anfänglichem Widerstand des Oberbürgermeisters Édouard Daladier organisierte sie den Besuch einer großen Delegation aus Wetzlar zu Ostern 1958, der mit einem Konzert Wetzlarer Musiker mit Beethovens 9. Symphonie und der „Ode an die Freude“ endete; dies war der emotionale Anfangspunkt für diese nun generationsübergreifende Freundschaft.

 

dokdoc: Damit konnte sie aber das Herz von Édouard Daladier nicht gewinnen…

 

Nass: Édouard Daladier war noch sehr vom Krieg und seiner Gefangenenzeit in Deutschland geprägt und somit nicht für eine offizielle Partnerschaft offen.

 

Ankunft von Édouard Daladier in München am Tag der Unterzeichnung der Münchner Abkommen, 30. September 1938 (Copyright: Wikimedia Commons)
Ankunft von Édouard Daladier in München am Tag der Unterzeichnung der Münchner Abkommen, 30. September 1938 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Dennoch gab es bereits im Sommer 1958 einen Gegenbesuch in Wetzlar. Die echte Städtepartnerschaft wurde dann 1960 besiegelt – also nur zwei Jahre nach dem ersten Besuch in Avignon, maßgeblich vorangetrieben von Henri Duffaut. Seitdem entwickelte sich eine fantastische „Jumelage“ – übrigens ein Begriff, den meine Großmutter mitgeprägt hat und dem der „Städtepartnerschaft“ bevorzugte, ist er doch so viel stärker in seiner Bedeutung. Schnell danach schlossen sich weitere Kommunen an, und bis heute sind viele Städte aus der Umgebung – von Villeneuve bis Braunfels, also innerhalb von etwa 30 Kilometern – partnerschaftlich miteinander verschwistert. Auch kleinere Gemeinden fanden auf beiden Seiten passende Partner.

 

dokdoc: Sie sagten einmal, Elsie Kühn-Leitz sei „keine anerkannte historische Figur – und doch eine Gestalterin ihrer Epoche, oft gegen den Strom und ihrer Zeit weit voraus“. Warum ist ihr Erbe bis heute von hoher Aktualität?

 

Nass: Da fällt mir vieles ein. Erstens ihre Emanzipation und ihre Stärke als handelnde Frau: Sie setzte sich ein Leben lang für ihre Rechte – wie etwa in ihrer Dissertation, in der sie sich Anfang der 1930er Jahre für mehr Gleichberechtigung im deutschen Eherecht ausspricht – und die Rechte anderer ein – ein roter Faden in ihrem Leben.  Zweitens war sie eine Frau, die ohne Angst, aber mit Respekt vor ihren Gesprächspartnern, Themen ergriff und für sie kämpfte. Sie war politisch aktiv, nicht nur bei der Stärkung der demokratischen Institutionen in Deutschland, der deutsch-französischen Verständigung, sondern auch europäisch und international, etwa bei Fragen zum Congo belge, der Entwicklungshilfe in Afrika und zum Nahen Osten.

 

Patrice Lumumba im Gespräch mit Elsie Kühn-Leitz sowie Vertretern der deutschen Wirtschaft im Haus Friedwart, Wetzlar, Mai 1960 (Copyright: Wikimedia Commons)
Patrice Lumumba im Gespräch mit Elsie Kühn-Leitz sowie Vertretern der deutschen Wirtschaft im Haus Friedwart, Wetzlar, Mai 1960 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Besonders beeindruckend ist ihr Mut während der NS-Zeit: Zusammen mit ihrem Vater half sie Verfolgten, darunter vielen Juden. Ein von ihr vorbereiteter Fluchtversuch schlug fehl. Bei ihrem Verhör durch die Gestapo sagte sie: „Ich habe mich vielleicht gegen ein von Menschen aufgestelltes Gesetz vergangen, aber niemals gegen das göttliche Gesetz, denn vor Gott sind alle Menschen gleich“. Diese Kombination aus Mut, moralischem Kompass und Handlungsbereitschaft macht aus ihr eine ganz besondere Persönlichkeit.

 

dokdoc: Vor wenigen Tagen wurde eine Umfrage zu den Kommunalwahlen in Avignon veröffentlicht: An erster Stelle liegt Anne-Sophie Rigault vom RN. Bereitet Ihnen diese Entwicklung Sorge? Welche Folgen könnte ein starkes Abschneiden der Partei für die deutsch-französische Zusammenarbeit vor Ort – in Avignon und anderswo in Frankreich – haben?

 

Nass: National und besonders im Süden Frankreichs ist der RN kein neues Phänomen, sondern eher eine fortlaufende Entwicklung. Ich beobachte das mit Sorge, da die Partei ein stark verzerrtes Deutschlandbild vermittelt und die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft für Frieden und Wohlstand nicht wahrhaben will – nicht nur zu Zeiten von Jean-Marie Le Pen, auch aktuell gibt es populistische, negative Darstellungen. Kritik an deutscher Politik ist natürlich möglich, doch diese Einseitigkeit ist schwer erträglich.

 

Jubiläum der Städtepartnerschaft Avignon–Wetzlar, Avignon, 24. Oktober 2025 (Copyright: Stadt Wetzlar)
Jubiläum der Städtepartnerschaft Avignon–Wetzlar, Avignon, 24. Oktober 2025 (Copyright: Stadt Wetzlar)

 

Dennoch bleibe ich optimistisch: Bei der 65-Jahr-Feier in Avignon wurde deutlich, wie tief die deutsch-französische Verständigung und die Städtepartnerschaft mit Wetzlar verwurzelt sind. Selbst wenn der RN den Bürgermeister stellt, kann er dies nicht vollständig ignorieren. Städtische Förderungen könnten zurückgefahren werden, doch die Verbindung zwischen Avignon und Wetzlar wird weiterbestehen – getragen vom Engagement der Zivilgesellschaft. Davon bin ich fest überzeugt.

 

dokdoc: Herr Nass, ich danke Ihnen für dieses Interview.

 

Die Fragen stellte Landry Charrier.

 

Bis zum 12. April 2026 zeigen die Stadtmuseen von Wetzlar die Sonderausstellung „Elsie Kühn-Leitz – eine Frau, ein Jahrhundert

 

Unser Gast

Oliver Nass (Copyright: privat)
Oliver Nass (Copyright: privat)

Oliver Nass, Enkel von Elsie Kühn-Leitz, ist neben seiner Tätigkeit als Vorstandsmitglied eines Automobilzulieferer (bis Ende 2025) auch ehrenamtlich engagiert, darunter als Vorsitzender der Ernst Leitz Stiftung, Vorsitzender des Kuratoriums der VDFG, Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Deutsch-Französischen Wirtschaftsclubs Paris (CEFA) oder Aufsichtsratsmitglied bei der AHK Frankreich.

 

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