Die großen Fragen unserer Zeit:
Wenn Erbe wichtiger wird als Leistung

„Wir leben in einer Erbengesellschaft, nicht in einer Leistungsgesellschaft“, schreibt die Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas in ihrem Bestseller „Unverdiente Ungleichheit“. In ihrer Analyse für dokdoc zeigt Monique Dagnaud, wie sich die Situation in Frankreich konkret darstellt.
Der Versuch, Armut durch eine „strategische Heirat“ zu überwinden, ist ein wiederkehrendes Motiv in den französischen Gesellschaftsromanen des 19. Jahrhunderts. In Balzacs Comédie humaine fragt sich Eugène de Rastignac, der ehrgeizige, mittellose Jurastudent, ob es klug sei, sich an eine reiche Erbin zu binden. Er nähert sich nacheinander den beiden Töchtern des Vaters Goriot an, Anastasie und Delphine, die jeweils großzügig bedacht wurden, bevor er sein Glück bei weiteren „guten Partien“ sucht. Heute erscheint dieses Szenario kaum noch realistisch. Partnerschaften entstehen meist aus Zuneigung, und da sich rund die Hälfte aller Paare wieder trennt, ist die Hoffnung, durch Heirat Wohlstand zu erlangen, mit erheblichen Risiken verbunden. Zudem zählen Meritokratie – Aufstieg durch schulische Leistung und Talente – sowie das Ideal der Chancengleichheit zu den zentralen Verheißungen der Französischen Republik. Und dennoch…
Wenn Erbe wichtiger wird als Leistung
Aktuelle INSEE-Daten zur Entwicklung von Einkommen und Vermögen führen gedanklich zurück zu Balzac oder Zola. Geerbtes Kapital sichert oft verlässlicher als Arbeitseinkommen ein komfortables und abgesichertes Leben – selbst bei hohem Bildungsabschluss und Führungsgehalt. Ein Vermögen aufzubauen ist schwierig, wenn man sich ausschließlich auf akademische Leistungen stützt, es sei denn, man ist Chirurg in einer Privatklinik oder ein Start-up-Gründer mit Anschluss an das Silicon Valley. Zwar nimmt die Zahl der Master- und Promotionsabsolventen zu, doch gleichzeitig verlieren die Abschlüsse an relativer Bedeutung. Gehaltssteigerungen verlaufen zudem langsam, und die Spaltung zwischen Erben und Nicht-Erben wird besonders deutlich. Die Brüche innerhalb der kulturellen Eliten treten klar zutage.
INSEE-Daten zeigen: Heute stammt ein größerer Teil des Gesamtvermögens französischer Haushalte aus Erbschaften als aus Ersparnissen – nahezu zwei Drittel gegenüber einem Drittel. In den 1970er-Jahren verhielt es sich genau umgekehrt. Arbeit und Lohn halten ihr Wohlstandsversprechen nicht mehr, was die sozioökonomischen Ungleichheiten verstärkt. Das Gewicht des Erbes übertrifft inzwischen die Möglichkeit, den Lebensstandard allein durch beruflichen Erfolg zu verbessern. Viele Dreißigjährige erleben, dass ein hoher Bildungsabschluss oder Managementtalent die Vorteile eines soliden Erbes nicht ausgleichen. Vermögensungleichheiten vergrößern die Abstände zwischen den Individuen: Die ärmeren 50 % der Haushalte besitzen lediglich 8 % des Gesamtvermögens, die reicheren 50 % 92 %. Die am stärksten Benachteiligten verfügen überwiegend über Restvermögen wie Auto, Möbel, elektronische Geräte oder Familienschmuck. Mittelschichten besitzen vor allem Wohneigentum, und die Wohlhabendsten ein diversifiziertes Portfolio aus Immobilien, Sparformen, Aktien und Betriebsvermögen.
Wie Wohnraum die soziale Ungleichheit verschärft
In den letzten 20 Jahren haben sich diese Unterschiede weiter vergrößert, vor allem durch den starken Anstieg der Preise für städtische Bestandsimmobilien in den großen Zentren: Deren Wert hat sich zwischen 1998 und 2021 mehr als verdoppelt. An der Spitze verfügen die reichsten 5 % der Haushalte über mehr als 1.035.000 Euro, die reichsten 1 % über 2,2 Millionen Euro – die Selbstauskünfte des INSEE dürften eher zu niedrig angesetzt sein. Die meisten dieser Vermögenden gehören älteren Altersgruppen an. Eine tiefe Kluft zeigt sich zwischen den Generationen: Viele Dreißigjährige haben das Gefühl, ein schwierigeres Leben zu führen als ihre Eltern, selbst in privilegierten Jugendmilieus. In Frankreich glauben 51 % der 25- bis 39-Jährigen mit hohem Bildungsabschluss, dass ihre Eltern in diesem Alter besser gestellt waren, 28 % sehen ihre Situation als vergleichbar und 21 % als weniger komfortabel. In Deutschland fallen die Werte ähnlich aus: 42 %, 25 % und 33 %.
Generationen im Vermögenskonflikt
Die Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen verfügt über das meiste angesammelte Kapital – Vermögen, das an Erben übergeht und die Kluft zwischen wenigen Nachkommen und dem Rest der Bevölkerung vergrößert. In meiner Untersuchung unter hochqualifizierten Dreißigjährigen gaben in Frankreich lediglich 8 % an, ein „stattliches Sümmchen“ zu erben (in Deutschland 6 %). Auffällig ist, dass in einer Gesellschaft, die „Anstrengung“, „Meritokratie“ und schulischen Erfolg hochhält, der materielle Lebensstandard zunehmend von den familiären Vermögensverhältnissen abhängt.

Besonders betroffen sind jene, die sich beim Erwerb von Wohneigentum nicht auf familiäre Unterstützung verlassen können. Die finanzielle Belastung ist stark gestiegen: Um dieselbe Wohnung wie 1975 mit derselben anfänglichen Belastungsquote und Eigenkapital zu erwerben, wären 2025 rund 23 Jahre nötig. Folglich können heute vor allem junge Haushalte mit elterlicher Unterstützung Eigentum erwerben. Geldzuwendungen, Schenkungen, Erbschaften oder immaterielle Hilfen wie Kinderbetreuung verstärken die Kluft zwischen bescheidenen und wohlhabenden Haushalten zusätzlich. Auch die Lohnentwicklung verschärft die Ungleichheit: Die Einkommen der Jüngeren sind im Vergleich zu den älteren Generationen weniger stark gestiegen. Zwar erhöhte sich das durchschnittliche Nettoeinkommen junger Arbeitnehmer 2025 gegenüber denjenigen, die zwischen 1975 und 1980 in den Arbeitsmarkt eintraten, um rund 12 %, die übrigen Löhne stiegen jedoch stärker.
Auf dem Weg zu einer Erbengesellschaft
Diese Entwicklungen zugunsten älterer und wohlhabender Gruppen machen Frankreich – wie viele andere europäische Länder – zu einer Erbengesellschaft. Junge Haushalte nehmen dies ambivalent wahr: Unverständnis (war das republikanische Versprechen nicht Chancengleichheit?), Dankbarkeit (ältere Generationen leisten private Umverteilung) und Wut (wenn die eigene Situation zu stark von der ruhigen Gerontokratie abweicht, die sich keiner Schuld bewusst ist). Zwanzig- und Dreißigjährige empfinden häufig generationelle Ungerechtigkeit – ein diffuses Gefühl, das Zukunftsängste einschließt: Klimawandel, geopolitische Umbrüche, wirtschaftliche Unsicherheit und die Rückkehr des Erbes als öffentliches Thema. Gleichzeitig bleibt die Familie in einer von Misstrauen gegenüber Institutionen geprägten Gesellschaft der wichtigste Ort für Vertrauen und Erwartungen. Paradoxerweise gibt in meinen Studien die überwältigende Mehrheit der Dreißigjährigen mit Master- oder Promotionsabschluss in Frankreich (67 %) und Deutschland (73 %) an, von ihrer Familie „gute Werte und/oder kulturelles Kapital“ zu erben. Eine Antwort, die zum Nachdenken anregt.
Dazu siehe auch auf der Plattform der Zeitschrift telos: Mériter ou hériter? Les nouvelles générations face à l’héritage – Telos
In unserer Reihe „Die großen Fragen unserer Zeit“ diskutieren Experten aus Deutschland und Frankreich die zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit.
Die Autorin

Monique Dagnaud ist Forschungsdirektorin am Centre d’Étude des Mouvements Sociaux (CNRS-EHESS) in Paris. Zuvor war sie Lehrbeauftragte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales. Als Medien- und Sozialnetzwerkssoziologin forscht sie zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen und hat zahlreiche Bücher sowie wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Sie ist Co-Leiterin der Online-Zeitschrift telos. Ihr Buch „Génération Reset: Ils veulent tout changer“ ist im Oktober erschienen.
