Europäische Armee:
„Das Aliud-Manöver Mitterrands ist der Grund dafür, dass wir heute militärisch weitgehend blank dastehen“

Eine europäische Armee – auf einmal ist die alte Idee wieder aktuell. Einer, der sie radikal zu Ende denkt, ist Hans-Werner Sinn. Wir haben anlässlich der Veröffentlichung seines Buches „Trump, Putin und die Vereinigten Staaten von Europa“ mit ihm darüber gesprochen.
Andreas Noll: Herr Sinn, auf dem NATO-Gipfel in Den Haag im Juni haben die 32 NATO-Partner beschlossen, ihre Verteidigungsausgaben auf 3,5 % des BIP plus 1,5 % für weitere verteidigungsrelevante Ausgaben zu erhöhen. In Deutschland führt das dazu, dass wir mehr US-Waffen kaufen. Verstärken wir damit nicht unsere Abhängigkeit von den USA?
Hans-Werner Sinn: Die Position der Bundesrepublik hat sich unter Angela Merkel und der Nachfolgerregierung massiv verschlechtert. Defizite bestehen heute in nahezu allen Bereichen der Verteidigung. Jetzt brauchen wir moderne Waffen der neuesten Generation. Wir müssen sie irgendwo kaufen. Frankreich hat sie nicht.
Noll: Seit Jahrzehnten wird gefordert, dass sich die Europäer zusammenschließen, gemeinsame Waffensysteme entwickeln und Skaleneffekte nutzen. Doch am Ende scheitert es oft. Würden Sie aus ökonomischer Sicht sagen, dass jetzt ein großer Sprung nötig ist? Oder kann man sagen: Der Markt regelt das?
Sinn: Der Markt regelt das nicht. Militärische Ausstattung muss weitgehend zentral geplant werden. Es lohnt sich schlicht nicht, die Vielzahl unterschiedlicher Systeme zu unterhalten – das ist viel zu teuer. Das ist ein klassisches europäisches Problem: Kleinstaaterei blockiert Fortschritt, weil jedes Land zuerst an seine eigene Industrie denkt statt ans große Ganze. So können wir Putin nicht wirksam begegnen und auch nicht den Respekt der anderen Großmächte gewinnen. Die Waffensysteme sollten harmonisiert werden. Wir sollten jetzt einen großen historischen Schritt wagen und eine gemeinsame europäische Armee aufbauen. Das ist die Botschaft meines Buches. Wir Europäer müssen den Schulterschluss üben – so, wie Robert Schuman, Konrad Adenauer und Helmut Kohl es wollten und wie es in Westeuropa immer wieder diskutiert wurde.
Noll: Deutschland opferte seine D-Mark, um die europäische Einheit zu sichern, erklären Sie in Ihrem Buch. Die politische Union, für die sich Deutschland jahrzehntelang eingesetzt hatte, blieb dennoch aus. Heute ist vielen gar nicht bewusst, dass sie einst oberste Priorität deutscher Politik war. Wie beurteilen Sie dieses Drängen aus ökonomischer Sicht?
Sinn: Was ist überhaupt eine politische Union? Eine Währungsunion, eine Transferunion oder eine militärische Union? Eine vollendete politische Union umfasst letztlich all das. Entscheidend ist jedoch das Gewaltmonopol. Ein Staat und auch eine politische Union definieren sich durch die Hoheit über die Gewalt nach innen und außen. Unterhalb der Unionsebene gibt es nur Polizeikräfte, keine Streitkräfte. In Deutschland etwa existieren Landespolizeien, während die Bundeswehr zentral organisiert ist. Genau so müsste es in Europa sein, um glaubwürdige Abschreckung zu gewährleisten. Im Kern geht es also um die Gründung eines europäischen Bundesstaates, der zumindest die Verteidigung organisiert.

Vieles mag illusorisch erscheinen, aber es ist wichtig, Ziele zu definieren, um zu wissen, wohin man steuert. Ich benenne dieses Ziel klar: ein Verteidigungsparlament, eine Verteidigungsregierung und einen Präsidenten mit militärischem und politischem Oberkommando – kontrolliert durch ein echtes Parlament nach dem Prinzip „One Person, One Vote“. Wir werden das nicht einfach erreichen. Das kann wahrscheinlich nicht innerhalb der bestehenden EU-Strukturen erreicht werden, weil die EU ganz anders ausgerichtet ist und extrem komplexe und für Außenstehende kaum nachvollziehbare Entscheidungsstrukturen hat. Auch der Euro hat seine eigenen Entscheidungsstrukturen. Wir brauchen die Koalition der willigen EU- und NATO-Länder möglichst unter Einschluss des Vereinigten Königreichs und Norwegens.
Noll: Sie sagen, Deutschland habe die D-Mark geopfert, um die europäische Einheit zu sichern. Wie implizit dieser Zusammenhang war, darüber streiten Historiker; aber im Kern gab es diesen Deal. Die versprochene politische Union kam jedoch nie. Nun, so argumentieren Sie, sei die Zeit gekommen, Frankreichs nukleare Abschreckung zu europäisieren – als späte Gegenleistung. Ihr Ansatz ist nicht rein aktuell motiviert, sondern grundsätzlicher: Ökonomisch war der Preis für die Einheitswährung 1990 zu niedrig. Sie zitieren Mitterrand, der die D-Mark als „Atomwaffe der Deutschen“ bezeichnete. Heute wird man sich in Frankreich kaum noch dafür interessieren. Wie ließe sich eine solche Forderung politisch vermitteln?
Sinn: Das lässt sich nicht einfach einfordern. Lassen Sie mich die Geschichte kurz zusammenfassen: Helmut Kohl wird oft als großer Freund der gemeinsamen Währung, als „Vater des Euro“ dargestellt – tatsächlich wollte er zunächst nicht über eine Währungsunion sprechen. Jacques Attali, enger Berater Mitterrands, protokollierte, dass die Deutschen nur über Verteidigung reden wollten – aber so intensiv, dass sie schließlich auch über eine Währungsunion diskutieren würden. Zunächst wurde ein Verteidigungsrat gegründet. Frankreich forderte zusätzlich einen Wirtschafts- und Finanzrat, später Wirtschafts- und Währungsrat. Beide Räte bestanden nebeneinander – der Eindruck von Gleichgewichtigkeit entstand. Als Mitterrand die D-Mark als „Atomwaffe der Deutschen“ bezeichnete, zeigte er implizit, dass er die D-Mark und die Atomstreitmacht als gleichwertig ansah. Ein Deal derart, dass beides sozialisiert würde und ein jeder preisgibt, was er am liebsten für sich allein gehabt hätte, lag in der Luft. Kohl nannte sein Ziel „Politische Union“. Obwohl es nach außen nicht kommuniziert wurde, ging es ihm dabei um den militärischen Verbund mit Frankreich, weil er Sorge hatte, dass die USA im Zug der Abrüstungsverhandlungen ihre Atomwaffen aus Deutschland abziehen könnten.

Als die Sowjetunion zerfiel, sah Mitterand die Chance, den Deal zu verändern, indem er die Zustimmung zur deutschen Vereinigung an die Stelle der Verteidigungsunion setzte. Das war zu einem Zeitpunkt, als Kohl sich bereits öffentlich auf die europäische Währung festgelegt hatte und nun auch nicht mehr zurück konnte. Juristisch entstand ein Aliud-Deal. Kohl hatte bereits bezahlt, aber Mitterand lieferte etwas anderes als das, was Kohl bestellt hatte. Um seine Verhandlungsposition zu stärken, versuchte Mitterrand aktiv, die deutsche Vereinigung zu verhindern oder wenigstens zu verzögern. Er wollte die deutsche Einheit erst zulassen, nachdem Deutschland die D-Mark hergegeben hatte – ohne dann noch eine Harmonisierung der Waffensysteme akzeptieren zu müssen. Besonders deutlich wird das im November 1989: Am 28. November legte Kohl seinen Zehn-Punkte-Plan vor, ohne Mitterrand vorher richtig zu konsultieren. Mitterrand kochte vor Wut. Zwei Tage später warnte er Genscher, Deutschland dürfe sich nicht vereinigen, bevor die Währungsunion geschaffen sei, sonst werde er eine Dreierallianz mit London, Paris und Moskau bilden, und das werde in einem Krieg enden: „cela se terminera par une guerre“. Das war operettenhaft, wenn man bedenkt, dass die Mauer bereits gefallen war und dass in Deutschland gerade eine Revolution stattfand. Millionen von Deutschen aus Ost und West lagen sich in den Armen. Nichts hätte sie noch trennen können. Frankreich hätte gar nicht die Macht gehabt, daran irgendetwas zu ändern, zumal sich Amerika und Russland in dieser Frage längst geeinigt hatten. Kohl hätte die D-Mark für die Vereinigung nicht opfern müssen, denn er sah die neue Währung als nachteilig für Deutschland an, wie er dem amerikanischen Außenminister James Baker sagte. Aber er tat es dennoch, weil Deutschland, wie er sagte, Freunde brauche. An der politischen Union hielt er nach der Preisgabe der D-Mark zwar noch fest, aber er hatte keine Möglichkeit mehr, sie noch gegen Frankreichs Willen durchzusetzen. Formal wurde sie zwar beschlossen, doch faktisch blieb sie inhaltsleer. Die Aliud-Strategie Mitterrands ist der Grund dafür, dass Europa heute militärisch gegenüber Russland weitgehend blank dasteht und zum Spielball der großen Mächte geworden ist.
Noll: „Faktisch“, nicht ganz. Die Deutsch-Französische Brigade entstand um diese Zeit…
Sinn: In der Tat. Die gemeinsame Brigade hat aber weitgehend zeremoniellen Charakter und ist nicht kampfbereit. Man hätte sie aber statt der deutschen Brigade nach Litauen schicken können. Ein russischer Angriff auf das Baltikum hätte dann automatisch auch einen Angriff auf die Atommacht Frankreich und auf Deutschland bedeutet. Die Abschreckungswirkung für Putin wäre ungleich größer gewesen. Frankreich war jedoch nicht zu diesem Akt der demonstrativen Kooperation mit Deutschland bereit.
Noll: Vor einigen Monaten haben wir mit dem Nuklearexperten Eckhard Lübkemeier über die Force de Frappe gesprochen. Er betont, dass das Überleben Deutschlands im vitalen Interesse Frankreichs liegt. Wir teilen Währung und Grenze; zwischen uns liegt kein Ozean wie zwischen Europa und den USA. Geht es Deutschland schlecht, leidet auch Frankreich. Eine klare Schutzzusage – etwa durch Macron oder einen anderen französischen Präsidenten, unterlegt mit symbolischen Gesten wie einem Besuch des Bundeskanzlers bei den französischen Nuklearstreitkräften oder einer Verankerung im Aachener Vertrag – wäre hochgradig glaubwürdig. Es ginge um Kommunikation und Signale: „Ab jetzt schützen wir auch Deutschland.“ Aber Ihnen reicht das nicht.
Sinn: Nein, weil der rote Knopf im Elysée-Palast bleiben soll. Schauen Sie, wie sich die Amerikaner verhalten: Jahrzehntelang behaupteten sie, Europa mit ihrer Atommacht zu schützen. Jetzt, wo es ernst wird, ziehen sie sich zurück. Wo bleibt da die Sicherheit? Wenn Frankreich erklärt, Europa mit seiner Atommacht zu schützen, wer garantiert, dass es das im Ernstfall wirklich tut? Würde Frankreich einen Atomkrieg riskieren, um das Baltikum zu verteidigen?

Ich habe erhebliche Zweifel. Jahrzehntelang haben wir darauf vertraut, dass die Amerikaner ihre Städte für unsere Sicherheit riskieren würden – das war nie glaubwürdig und ist heute völlig ausgeschlossen. Trump hat uns am 4. Dezember praktisch einen Scheidungswunsch übermittelt, mit seinem neuen Sicherheitsstrukturplan. Wir können uns auf die Amerikaner nicht mehr verlassen. Wir müssen – da hat Macron recht – unsere militärischen Fähigkeiten in Europa stärken. Aber das kann nicht unter französischer Führung geschehen. Nur wenn die Force de Frappe in Europa vergemeinschaftet wird wie einst die D-Mark, ist die Abschreckung glaubwürdig.
Noll: Dennoch fordern Sie den großen Wurf, inklusive eines europäischen Zugriffs auf Atomwaffen. Wäre es nicht realpolitisch sinnvoller, zunächst mit einer deutsch-französischen Annäherung zu beginnen?
Sinn: Ja, natürlich. Der Weg dahin ist klar, und es wird Kompromisse brauchen. Ich wäre auch bereit, Frankreich entgegenzukommen – etwa durch den Erlass seiner Target-Schulden im Eurosystem. Deutschland hält dort Forderungen von rund 1.100 Milliarden Euro, insgesamt liegen die positiven Salden bei etwa 1,5 Billionen Euro. Auch andere Länder können Frankreich als Gegenleistung für die Force de Frappe ihre Target-Forderungen schenken. Aber ohne die Vergemeinschaftung aller Waffen wird die europäische Einigung nicht gelingen.
Noll: Es gab in den 1950er Jahren bereits ein weitgehend ausgehandeltes Konzept für die Europäische Verteidigungsgemeinschaft und die Europäische Politische Gemeinschaft. 1954 scheiterte das Vorhaben jedoch an Frankreich. Charles de Gaulle war damals noch im politischen „Exil“ in Lothringen und kämpfte entschieden gegen das Projekt. Unter ihm wurde später die Force de Frappe in Dienst gestellt. Seither betonen alle französischen Staatspräsidenten: Die Atombombe bleibt national. Selbst der europäischste unter ihnen, Emmanuel Macron, betont: Über vieles kann man diskutieren, aber wir teilen den „roten Knopf“ nicht. Warum sollte sich daran etwas ändern?
Sinn: Normativ müsste man diesen Schritt gehen, wenn man Europa wirklich unter Gleichen denkt. Ich habe da keine Illusionen: Ich weiß, wie groß die Widerstände in Frankreich sind. Aber trotzdem muss man Frankreich hier fordern. Frankreich kann nicht eine finanzielle Sozialisierungsrunde nach der anderen verlangen – bei den Staatsschulden, bei den Risiken der Banken, beim Bail-out ganzer Volkswirtschaften wie Griechenland oder bei den Bankeinlagen der Bürger, während es gleichzeitig bei der zentralen Frage der Sicherheit eine nationale Ausnahme beansprucht. Das passt nicht zusammen. Der Bundesregierung, schon unter Angela Merkel, muss man vorwerfen, dass sie auf Macrons vielfältige Vorschläge zur europäischen Integration nicht mit einem eigenen Konzept reagiert hat. Wo ist das deutsche Modell? Wo ist das Gegenmodell zum französischen Ansatz? Genau dieses Modell gilt es zu formulieren, und dazu soll auch mein Buch einen Beitrag leisten. Dass die Positionen unterschiedlich sind, ist mir völlig klar. Dass es extrem schwierig ist, hier zusammenzukommen, ebenfalls. Aber was fehlt, ist nicht Einigkeit in den sekundären Staatsaufgaben, sondern ein ernsthaftes Gegenangebot bei der Hauptsache: Der Zusammenlegung der europäischen Armeen und der Schaffung eines europäischen Bundesstaates. Man muss anfangen, diese Fragen offen zu diskutieren – und am Ende auch zu handeln. Aber ich fürchte, gehandelt wird erst dann, wenn der Ernstfall eintritt: Wenn Russland eines Tages behauptet, seine ethnischen Landsleute im Baltikum „schützen“ zu müssen und sich für den Angriff vorbereitet. Spätestens dann wird sich zeigen, ob Europa handlungsfähig ist – oder nicht.
Noll: Herr Sinn, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung des Franko-viel-Podcastes „#92 – Euro gegen Force de Frappe? – Deutschlands offene Rechnung mit Frankreich – Franko-viel – Der Frankreich-Podcast“ vom 11. Dezember 2025.
Unser Gast

Hans-Werner Sinn studierte Volkswirtschaftslehre in Münster und promovierte sowie habilitierte in Mannheim. Von 1984 bis 2016 war er Ordinarius an der LMU München, seit 2016 Emeritus, zudem ständiger Gastprofessor an der Universität Luzern. Er hatte Gastprofessuren an einer Vielzahl ausländischer Universitäten inne, so z.B. in Stanford, Princeton, London, Ontario, Bergen und Jerusalem. Von 1999 bis 2016 leitete er das ifo Institut, und er gründete des CESifo-Forschernetzwerk, eines der größten Ökonomienetzwerke weltweit. Er veröffentlichte international zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und Monographien, so z.B. „The Green Paradox“. The New Systems Competition, Jumpstart, The Euro Trap, oder Capital Income Taxation and Resource Allocation. Er wurde international vielfach ausgezeichnet. Sinn war Vorsitzender des Verbandes der deutschsprachigen Ökonomen (Verein für Socialpolitik) und Präsident des Weltverbandes der Finanzwissenschaftler (IPF), er initiierte Fachzeitschriften und prägte die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland über Jahrzehnte. Er tritt auch nach seinem Ruhestand aktiv in öffentlichen Diskursen auf und berät Politik und Medien.
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