Europäische Sicherheit:
Freundschaft allein schützt nicht!

Die neue amerikanische Sicherheitsstrategie zwingt Europa zur strategischen Ehrlichkeit. Wer den europäischen Pfeiler in der NATO ernst meint, muss ihn jetzt mit Substanz füllen – politisch, militärisch und industriell. MGCS, FCAS und die nukleare Dimension sind dabei keine Randthemen, sondern der Maßstab europäischer Handlungsfähigkeit.
Europa steht sicherheitspolitisch an einem Punkt, an dem Beschwichtigung keine Strategie mehr ist. Die neue amerikanische Sicherheitsstrategie, mit ihrem klaren Fokus auf den Indopazifik, China und nationale Prioritäten, markiert keinen Bruch mit der transatlantischen Partnerschaft. Sie markiert eine Priorisierung. Wer sie noch immer als temporäre Abweichung oder bloßes Wahlkampfphänomen interpretiert, verkennt die strukturellen Verschiebungen der internationalen Ordnung. Die Schlussfolgerung ist nüchtern, aber zwingend: Europas Sicherheit bleibt ohne eigene Substanz fragil. Der vielzitierte europäische Pfeiler innerhalb der NATO war lange politisches Bekenntnis, rhetorische Beruhigung und strategische Vertagung zugleich. Heute entscheidet sich, ob er zur tragenden Säule wird, oder zur historischen Fußnote einer Phase, in der Europa Verantwortung kannte, aber mied. Dabei geht es nicht um Abkopplung von den USA. Im Gegenteil: Nur ein handlungsfähiges Europa ist ein glaubwürdiger transatlantischer Partner. Abhängigkeit stabilisiert Bündnisse nicht, sie unterminiert sie. Die NATO bleibt der unverzichtbare Rahmen kollektiver Verteidigung. Doch ein Bündnis, in dem eine Seite strukturell Lasten trägt und die andere strukturell zögert, verliert an innerer Balance und damit an Abschreckungskraft. Der europäische Pfeiler ist daher keine Alternative zur NATO, sondern ihre Voraussetzung im 21. Jahrhundert.
MGCS und FCAS als Lackmustest
Diese Erkenntnis ist nicht neu. Neu ist ihre Dringlichkeit. Und neu ist, dass sie sich nicht mehr abstrakt diskutieren lässt, sondern konkret entscheidet: an Fähigkeiten, Strukturen und industrieller Durchhaltefähigkeit. Genau hier kommen zwei Projekte ins Spiel, die weit über ihre technische Dimension hinausreichen: MGCS und FCAS. Diese Programme sind keine industriepolitischen Gefälligkeiten und auch keine Symbole deutsch-französischer Harmoniepflege. Sie sind der Lackmustest europäischer Handlungsfähigkeit. Wer MGCS und FCAS verzögert, relativiert oder politisch entkernt, schwächt nicht nur militärische Fähigkeiten, sondern untergräbt die Idee europäischer Souveränität selbst. Ohne gemeinsame Großprojekte bleibt Europa ein sicherheitspolitischer Flickenteppich – teuer, ineffizient und operativ begrenzt.

Europa verfügt über industrielle Exzellenz, technologische Kompetenz und finanzielle Ressourcen. Was fehlt, ist nicht Fähigkeit, sondern Konsequenz. Zu oft stehen nationale Reflexe, bürokratische Routinen und politische Vorsicht über strategischer Klarheit. Zu oft wird Führung moderiert, statt ausgeübt. Doch sicherheitspolitische Führung bedeutet, Zielkonflikte zu entscheiden und nicht, sie dauerhaft zu verwalten.
Europas blinder Fleck: Nukleare Abschreckung
Zur strategischen Ehrlichkeit gehört auch, eine weitere Dimension nicht länger auszuklammern: die nukleare Abschreckung. Solange Europas Sicherheit maßgeblich auf der nuklearen Garantie der USA beruht, bleibt der europäische Pfeiler unvollständig. Frankreich verfügt als einzige EU-Macht über eigene nukleare Fähigkeiten – eingebettet in nationale Doktrin, aber mit europäischer Wirkung. Diese Realität politisch zu ignorieren, mag bequem sein, strategisch ist sie es nicht. Es geht nicht um neue Arsenale oder symbolische Debatten, sondern um die Frage, wie Abschreckung, Verantwortung und politische Mitsprache in einem handlungsfähigeren Europa zusammengehören. Wer europäische Souveränität fordert, darf die nukleare Dimension nicht dauerhaft ausklammern. In diesem Zusammenhang fällt der Blick zwangsläufig auf Deutschland und Frankreich. Nicht aus historischer Selbstvergewisserung, sondern aus struktureller Notwendigkeit. Ohne Berlin und Paris bewegt sich Europa sicherheitspolitisch nicht vorwärts. Diese Führungsrolle ist kein Privileg, sondern eine Pflicht. Sie bedeutet nicht Exklusivität, sondern Initiativverantwortung. Wer führen will, muss liefern. Politisch, militärisch und industriell.

Jetzt entscheiden!
Gerade deshalb ist der Jahrestag des Élysée-Vertrags mehr als ein historisches Erinnerungsdatum. Er ist ein Maßstab. Der Vertrag stand nie nur für Versöhnung, sondern für den politischen Willen, aus Verantwortung heraus voranzugehen, auch gegen Widerstände, auch unter Unsicherheit. Ihn heute zu feiern, ohne seine sicherheitspolitische Konsequenz einzulösen, hieße, sein Erbe zu entpolitisieren. Die deutsch-französische Woche ist damit kein Anlass für Selbstlob, sondern für eine Bilanz. Sie stellt die Frage, ob die besondere Verantwortung beider Länder noch als Verpflichtung verstanden wird oder nur als rhetorische Referenz. Freundschaft allein schützt nicht. Führung schon.
Der Élysée-Vertrag erinnert daran, was politischer Wille bewirken kann. Die sicherheitspolitische Realität zeigt, was heute unausweichlich ist. Wer den europäischen Pfeiler ernst meint, muss ihn jetzt mit Entscheidungen unterlegen, nicht
mit weiteren Ankündigungen. Die deutsch-französische Verantwortung bemisst sich nicht an ihrer Geschichte, sondern an ihrer Bereitschaft, Führung praktisch zu organisieren. Europa wird nicht daran scheitern, dass es zu wenig weiß, sondern daran, dass es zu lange zögert.
Die Autorin

Sandra Weeser ist Deutsch-Französin und Herausgeberin eines Essaybandes zum europäischen Pfeiler der NATO und zur deutsch-französischen Sicherheitsverantwortung. Sie setzt Schwerpunkte auf die europäische Verteidigungs- und Industriepolitik, die transatlantischen Beziehungen sowie die strategische Autonomie Europas. Bis 2025 war sie Mitglied des Deutschen Bundestags und im Ausschuss für Europäische Angelegenheiten, Verteidigung und als Ausschussvorsitzende für Bauen und Wohnen tätig. Heute arbeitet sie an der Schnittstelle von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft im Bereich Rüstung und strategischer Entwicklung von Unternehmen.
