(Deutsch-)französische Schulen in Deutschland:
„Eine grundlegende Reform ist notwendig“

Die Agentur für das französische Bildungswesen im Ausland befindet sich derzeit in einem Reformprozess, der in Deutschland intensiv diskutiert wird. Darüber sprachen wir mit Frédéric Petit, Abgeordnetem des 7. Wahlkreises der im Ausland lebenden Franzosen und Verfasser eines Berichts zu diesem Thema.
dokdoc: Herr Abgeordneter, wie haben sich die deutsch-französischen Beziehungen seit dem Amtsantritt von Friedrich Merz entwickelt – jenseits rhetorischer Akzentverschiebungen und bloßer Absichtserklärungen?
Frédéric Petit: Die Beziehungen entwickeln sich sehr positiv. Friedrich Merz ist handlungsorientiert – weit mehr als ein klassischer Politiker. Sein Vorgehen mag mitunter überraschen, doch bleibt festzuhalten, dass seine Regierung die deutsch-französische Zusammenarbeit wieder in den Mittelpunkt ihrer Prioritäten gerückt hat. Das zeigt sich in konkreten Maßnahmen, etwa beim Treffen im August oder in der Arbeit der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung, die derzeit so relevant ist wie nie zuvor.
dokdoc: Man sieht Sie viel in Ihrem Wahlkreis, nicht zuletzt in Deutschland. Wie hat sich Ihrer Einschätzung nach das gegenseitige Bild von Franzosen und Deutschen entwickelt? Teilen Sie die Einschätzung von Maurice Gourdault-Montagne und Claude Martin, dass die bilateralen Beziehungen heute „wie ihrer Substanz beraubt“ und „ohne emotionale Kraft“ seien?
Petit: Ich teile diese Einschätzung nicht. Heute erleben wir einen Generationswechsel, weshalb es notwendig ist, neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Ich kann gut nachvollziehen, was die älteren Generationen empfinden: Manche Vereine altern, manche Projekte kommen nur noch schleppend voran. Doch die deutsch-französischen Beziehungen erneuern sich, schlagen neue Richtungen ein und bringen andere Initiativen hervor. Die Dynamik bleibt also bestehen – nur in einer anderen Form. Wir sind 2025 nicht mehr auf die gleiche Weise Bürger wie 1970, und das ist völlig normal.
dokdoc: Zahlreiche Studien betonen die enge Verzahnung zwischen „High Politics“ und „Low Politics“. Vor diesem Hintergrund ist es nur zu begrüßen, dass die deutsche Seite beschlossen hat, ihren finanziellen Beitrag zum Deutsch-Französischen Jugendwerk zu erhöhen. Verfügt Frankreich heute noch über die Mittel, um mitzuhalten?
Petit: Ja, denn es geht dabei nicht um große Summen. Auf meine Initiative hin haben wir vorgeschlagen, dass die Deutsch-Französische Parlamentarische Versammlung die Haushaltsbeiträge im Vorfeld durch eine gemeinsame Entscheidung in Form einer Empfehlung festlegt. Ziel ist es, dieses künstliche Spiel zu vermeiden, bei dem jede Seite genau das gibt, was nötig ist – nicht mehr, nicht weniger –, wie etwa beim Deutsch-französischen Bürgerfonds oder beim DFJW. Zwei oder drei weitere Einrichtungen unterliegen demselben Verfahren. Eine Empfehlung vor den Abstimmungen in der Nationalversammlung und im Bundestag würde kleine Streitigkeiten vermeiden und den Prozess transparenter gestalten.

dokdoc: In seiner Rede an der Académie française am 20. März 2018 hatte sich Emmanuel Macron das Ziel gesetzt, die Zahl der Schüler an französischen Auslandsschulen bis 2025 zu verdoppeln. Wo stehen wir heute heute in Deutschland?
Petit: Die Fortschritte sind zwar noch etwas langsam, vor allem in den kleineren Einrichtungen, doch es bewegt sich etwas. Dennoch herrscht nach wie vor viel Verwirrung: Was genau ist der französische Auslandsschulunterricht? Wozu dienen die französischen Lycées? Welche Aufgaben haben sie? Diese Unklarheiten wurden über Jahre hinweg aufrechterhalten, aber langsam beginnt man, sie zu überwinden – nicht zuletzt dank des Engagements einiger Abgeordneter in der Assemblée nationale. Das Ziel, die Schülerzahl zu verdoppeln, ist realistisch, aber mit einer Agentur wie der Agence pour l’enseignement français à l’étranger (AEFE), die ihre Aufgaben nicht immer klar versteht und schlecht organisiert ist, kaum umsetzbar. Die laufende Reform stößt auf unterschiedliche Meinungen: Einige halten sie für unvermeidlich, andere befürchten, dass sich dadurch nichts ändert. Ich befürworte zwei getrennte Haushaltslinien: eine zur Förderung der 60 historischen Lycées, die andere zur Entwicklung und Betreuung des Netzwerks, zur Lehrerfortbildung und zur Zusammenarbeit mit lokalen Institutionen. In Deutschland ist die Lage noch komplizierter, da es auch deutsch-französische Einrichtungen gibt, von denen einige ursprünglich deutsche Schulen waren. Außerdem gibt es Überschneidungen zwischen dem Bildungsministerium und dem Kooperationsministerium. Trotzdem gibt es viele positive Aspekte: einen klaren Schulplan, eine praktische Bildungskooperation, insbesondere beim Französischunterricht und bei der Zertifizierung, die bereits zahlreiche Fortschritte ermöglicht hat. Heute muss die AEFE ihr Personal besser organisieren und die richtigen Personen an den passenden Stellen einsetzen.
dokdoc: Jean-Yves Le Drian, der als Außenminister für die Umsetzung dieser Ankündigung zuständig war, erklärte kurz darauf: „Ich muss die Mittel und Kompetenzen dafür finden. Wir arbeiten daran, um der enormen Nachfrage nach französischer Bildung und nach Frankreich gerecht zu werden.“ Wie wurde die von Präsident Macron angestrebte Politik finanziert? Waren die dafür bereitgestellten Mittel den hohen Ambitionen angemessen?
Petit: Diese Reform soll der AEFE ermöglichen, das zu tun, was die Nation von ihr erwartet. Die ihr zur Verfügung stehenden öffentlichen Mittel sind beträchtlich – fast eine Milliarde Euro – doch dieses Geld könnte effizienter eingesetzt werden. Die Aufgaben der AEFE müssen transparent und nachvollziehbar gestaltet werden, und es muss eine klare Governance eingeführt werden. Das Netzwerk steckt derzeit in verkrusteten Strukturen fest. Historisch gesehen war es vor Michel Rocard extrem heterogen. Die erste Phase hat bereits zu einer Zusammenführung und Harmonisierung geführt. Nun ist eine zweite Phase notwendig.
dokdoc: Die von der AEFE anerkannten Einrichtungen wurden kürzlich darüber informiert, dass sie ab Januar 2026 35 % des durchschnittlichen Arbeitgebersanteils an den Rentenbeiträgen für die entsandten Mitarbeitenden zahlen müssen, ab 2027 steigt der Satz auf 50 %. Für eine Schule mit 150 Schülern bedeutet das eine zusätzliche Belastung von etwa 90.000 € pro Jahr. Warum wurde eine solche Entscheidung getroffen?
Petit: In Bonn sind die Eltern in Ihrem Engagement vorbildlich. Die Anerkennung durch die AEFE sollte eigentlich ein Instrument der Zusammenarbeit sein, doch in den letzten zwanzig Jahren hat sie sich eher als Hemmnis erwiesen. Die Eltern verdienen ein großes Lob: Sie haben es geschafft, einen kostenlosen Kindergarten durchzusetzen, und setzen sich bemerkenswert für ihre eigenen Interessen sowie die der Kinder ein.

dokdoc: Die Frage der Finanzierung des französischen Rentensystems hat im Ausland, insbesondere in Deutschland, viel Aufmerksamkeit erregt. Nun wird genau von den Familien verlangt, einen Teil der Renten der im Ausland tätigen französischen Lehrkräfte zu übernehmen. Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass das Bild Frankreichs in Deutschland leidet – zumal Frankreich in vielen anderen Bereichen der bilateralen Zusammenarbeit zunehmend Schwierigkeiten zu haben scheint, seinen Verpflichtungen nachzukommen?
Petit: Ja, natürlich, aber wie wird sich das konkret auswirken, da die AEFE in erster Linie ein „Verwaltungsinstrument“ ist? Eines Tages könnte sie sagen: „Wenn wir einen von der AEFE gestellten Lehrer nicht bezahlen können, stellen wir direkt einen französischen Lehrer in Deutschland ein.“ Das ist nicht besonders kompliziert. Grundsätzlich ist das jedoch absurd. Es geht schlicht darum, die Lehrkräfte angemessen zu bezahlen, und die Rentenbeiträge sind Teil dieser Vergütung. Der Fehler liegt in der Kommunikation.
dokdoc: Gleichzeitig startet die AEFE Aufrufe zur Einreichung von Projekten für die Gründung neuer französischer Schulen im Ausland. Erscheint Ihnen dieses Vorgehen mit den jüngsten Entscheidungen vereinbar? Können Sie nachvollziehen, dass viele Familien darüber erstaunt sind?
Petit: Diese Initiative steht im Einklang mit dem, was wir erreichen wollen. Es gibt eine Nachfrage, und sie lässt sich auf moderne Weise umsetzen, ohne durch eine bindende Vereinbarung blockiert zu werden. Dennoch werden die Familien nicht immer in der Lage sein, die Kosten zu tragen. Ein Beispiel: Als Jean-Yves Le Drian Außenminister wurde, standen 353 Millionen Euro an Subventionen bereit. 2024 erhielt die AEFE 445 Millionen, doch dazwischen entglitten die Gehälter – ohne dass dies jemanden störte. Schuld daran ist weder der Präsident noch ein Budgetproblem – es handelt sich um ein Management- und Organisationsproblem.
dokdoc: Sie haben in den letzten Wochen immer wieder in der Assemblée Nationale das Wort ergriffen. Welches Interesse wird diesen Themen in Paris entgegengebracht?
Petit: Es tut sich einiges, doch ein großer Teil meiner Arbeit besteht weiterhin darin, meinem Fraktionskreis diese Themen verständlich zu machen. Die Haushaltskommissare wissen genau, was ich meine, wenn es um Außenpolitik, Einflussdiplomatie und Kultur geht. Ich bin anspruchsvoll: Ich fordere keine zusätzlichen Mittel, lehne aber jede Kürzung ab – sei es für die im Ausland lebenden Franzosen oder für die Entwicklungszusammenarbeit.
dokdoc: In einem Jahr beginnt der Präsidentschaftswahlkampf – was würden Sie all denen sagen, die sich vor Ort engagieren, oft unter immer anspruchsvolleren Bedingungen?
Petit: Sie sind die Frontkämpfer der Demokratie. Das sage ich seit Langem und betone es ohne jeden Vorbehalt – denn genau darum geht es heute in der Welt: Demokratie, die Herrschaft des Rechts gegen die Herrschaft der Gewalt. Wenn ich meine Samstage damit verbringe, die Buchhaltung der örtlichen französischen Schule zu erledigen, und meine Abende damit, Lehrkräfte zu gewinnen, trage ich auf meine Weise zu dieser Demokratie bei. Zwischen Franzosen und Deutschen wird sie auf diese Weise stärker und widerstandsfähiger.
dokdoc: Herr Abgeordneter, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Unser Gast

Frédéric Petit lebt in Krakau. Seine berufliche Laufbahn begann er Anfang der 1980er Jahre als Leiter eines Sozialprojekts in einer städtischen Entwicklungszone (ZUP) in Metz. 1997 wechselte er in den Bereich Umwelttechnik und arbeitete in Energie- und Industrieunternehmen. Diese Erfahrungen führten ihn unter anderem nach Litauen, Ägypten und in verschiedene mitteleuropäische Länder. Frédéric Petit engagiert sich seit 2007 für die Partei Mouvement Démocrate (MoDem). 2017 wurde er erstmals im 7. Wahlkreis der im Ausland lebenden Franzosen (Deutschland, Mitteleuropa, Balkan) gewählt und ist Mitglied des Vorstands der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung.
