Mimosenblüte:
Im gelben Rausch

Zwischen Januar und März, wenn Frost und Schnee Mitteleuropa bibbern lassen, erwacht in Südfrankreich bereits wieder die Natur. Mit ihrem gelben Gold inszenieren die Pompons der Mimosen südlich des 45. Breitengrades einen Blütentraum, der sich entlang der Route du Mimosa der Côte d’Azur und auf auch die Île d’Oléron erleben lässt.
Südfrankreich im Winter: Schneebedeckt glitzern die Gipfel der Seealpen am Horizont. Davor explodiert die Landschaft in ein leuchtendes Gelb. Pompöse Blütenbälle verwandeln Südfrankreich zwischen Januar und März in ein Meer aus Gold. Süß, honigwarm, mit einer leicht pudrigen Note füllen sie mit ihrem Duft die milde Luft. Unmöglich, daran vorbeizugehen, ohne tief einzuatmen. Den gelben Rausch inszeniert kein Franzose, sondern eine Fremde: die Silberakazie, botanisch Acacia dealbata. Ihre Heimat liegt 17.000 Kilometer entfernt in Australien. Doch mit 800 bis 1.200 Sorten hat sie heute die Welt erobert. 30 davon präsentiert der Mittelmeergarten der Domaine du Rayol.
Exzentrische Pioniere
Die Geschichte der Mimose in Frankreich beginnt in der Kaiserzeit. Joséphine Bonaparte importierte ab 1803 australische Akazien über die Häfen von Toulon und Nizza für ihren berühmten Garten in Malmaison. Pauline Bonaparte soll bereits 1804 Zweige aus Ägypten mitgebracht haben. Die Art selbst stammte aus den Sammlungen von Botanikern wie James Lee, der sie schon in den 1780er Jahren in England kultivierte.
Ab 1830 brachten britische Aristokraten wie Lord Brougham Acacia-dealbata-Setzlinge aus Indien und Algier nach Cannes, wo sie die Mimosen als Windschutz in ihren Gärten pflanzten. Die exotische Pflanze fand rasch Liebhaber an der sonnenverwöhnten Küste. Ab 1860 vermarkteten Gärtnereien in Hyères und Antibes Mimosen als Ziergehölze, und in den 1880er Jahren etablierte sich der kommerzielle Anbau durch Engländer in Tanneron. Die Mimose wurde zu einem festen Bestandteil der Riviera-Kultur und inspirierte Maler, Dichter und Parfümeure.
Durchs Mimosen-Land
Die Route du Mimosa führt auf 130 Kilometern Länge von Bormes-les-Mimosas über Le Rayol Canadel, Sainte-Maxime, Saint-Raphaël und Tanneron über die Corniche des Maures entlang der Küste des Var bis zur Parfümstadt Grasse. Wer nicht selbst fahren möchte, lässt sich von Virginie Benessiano kutschieren. Besser bekannt als Mademoiselle Riviera, chauffiert die junge Französin Gäste in ihrem Citroën 2CV durch die Mimosenwälder. Ein Picknick mit Mimosen-Dekor und Mimoncello runden das Erlebnis ab. Wer in Cannes weilt, kann mitten in der Stadt in ein 80 Hektar großes Mimosenparadies eintauchen: Hoch über den Häusern bietet der Naturpark La Croix des Gardes nicht nur Mimosen aus 40 Arten, sondern auch Traumblicke auf die Bucht von Cannes, ihre Inseln, das Esterel-Massiv und die Südalpen.

Zentrum der Mimosenzucht
Die Côte d‘Azur ist nicht nur Paradies für Mimosenliebhaber, sondern auch Zentrum der Mimosenzucht. Allen voran steht die Pépinière Cavatore in Bormes-les-Mimosas, die Julien Cavatore 2013 von seinem Vater übernommen hat und die nationale Sammlung des Conservatoire des Collections Végétales Spécialisées (CCVS) pflegt. Mit mehr als 200 Sorten ist seine Baumschule eine Schatzkammer der Artenvielfalt, von den klassischen Silberakazien bis hin zu seltenen Züchtungen. Gezüchtet werden alle Arten dabei mit Greffage (Vermehlung), um invasive Wildtriebe zu verhindern. So entstehen Unikate, die beispielsweise als blühender Sichtschutz in Parks und Gärten gepflanzt werden – und auch auf dem Sommersitz des Präsidenten Fort de Brégançon erblühen.

Clément Nabonnand prägte maßgeblich den Aufstieg von Mandelieu-La Napoule zur „Hauptstadt der Mimose“. Er entstammte einer Familie von Rosenzüchter aus Golfe-Juan. 1860 importierte er eine australische Akazienart, die im milden Winterklima überraschend üppig blühte und Gäste wie Lord Brougham faszinierte. Nabonnand erkannte schnell das kommerzielle Potenzial dieses „Wildlings“, der sich auf den Hügeln ausbreitete. Er zog nach Mandelieu, verwandelte die Rosensammlung in einen Mimosen-Zucht und begann um 1870 mit der Vermehrung durch Stecklinge. Seit 1929 boomt der Anbau. Gezüchtet wird nicht mehr saisonal in freier Natur, sondern ganzjährig in beheizten Gewächshäusern.
70 % aller Mimosen sind heute Schnittware aus Tanneron. Das Tanneron-Massiv birgt auf 600 Hektar Europas größten Mimosenwald. 400 Hektar werden kommerziell genutzt. Kleine Familienbetriebe ernten hier jährlich bis zu 5.000 Tonnen der Blüten. 1998 gründeten sie die Bruderschaft der Mimose, um die Traditionen rund um die Mimose im „Goldenen Dreieck“ mit den Orten Mandelieu, Tanneron und Pégomas lebendig zu halten.
Edle Parfümnoten
Besonders geschätzt wird die Tanneron-Art in Floristik-Kreisen wegen ihrer leuchtenden Farbe und des intensiven Dufts. Besonders die Parfümeure aus Grasse ordern große Mengen dieser Mimose und extrahieren ihren Duft mit Lösemittel wie Hexan. Das Verfahren ergibt allerdings nur 0,1 % Duftöl pro Tonne Blüten. Ein Grund für den Preis von bis zu 10.000 Euro pro Kilogramm. Früher mischte man Mimosenessenz mit Rose und Jasmin für die Vorläufer von Chanel N°5. Heute bildet sie die Basis für Düfte wie Belle de Grasse von Fragonard, Un Jardin en Méditerranée von Hermès und Flower Ikebana Mimosa von Kenzo. In Japan wird die Mimose als kawaii-Frühlingsblume gefeiert. Der Export dorthin boomt.

Schatten über dem Goldrausch
Die Silberakazie gilt in Frankreich seit dem 14. Februar 2018 als invasiver Neophyt. Im Var steht sie bereits seit 2010 auf lokalen Verbotslisten. Als schnell wachsende Art verdränge sie die einheimischen Eichen und sei mit dem Öl ihrer Rinde ein Waldbrand-Beschleuniger, heißt es dort. Auch die Winzerverbände der Départements Var und Alpes-Maritimes schlagen Alarm. Von Januar bis März explodiert die Mimosenblüte – genau dann, wenn die Reben erwachen. Massenhaft schwebt gelber Pollen durch die Luft. Bienen und andere Bestäuber lassen sich ablenken, befürchten die Produzenten in Tanneron und den Côtes de Provence. Der Klimawandel verschärft das Problem. Wärmere Winter verlängern die Blütezeit und verstärken die Konkurrenz.
Volksfeste im gelben Rausch
Doch die Bevölkerung liebt den gelben Rausch – und feiert ihn: mit Blumengrüßen auf den Tischen der Bistros, Duftbouquets in Boutiquen und bei großen Volksfesten, die Besucher von weit anlocken. Bormes-les-Mimosas, 2024 als eines der schönsten Dörfer Frankreichs ausgezeichnet, feiert seit 1920 am dritten Sonntag im Februar sein traditionelles Mimosenfest mit einem Blumenkorso. 1931 begründete Mandelieu-La Napoule seine Fête du Mimosa. Kürzer, aber auch fröhlicher ist heute das Motto vom 11. bis 15. Februar. Nicht mehr acht, sondern fünf Tage lang inszeniert der Doppelort an der Küste unter dem Motto La Grande Vadrouille des Régions die Faschingstraditionen französischer Regionen von der Provence bis zu den Antillen.
Nach der Wahl der Miss Mimosa ziehen im Dunkel der Nacht mimosengeschmückte Wagen sowie bunt gekleidete Tanz- und Musikgruppen an den Zuschauern vorbei. Beim sonntäglichen Grand Corso Fleuri lockt das Winterspektakel Tausende von nah und fern an. Immer wieder fliegen Mimosen ins Volk. Früher glaubte man, dass die Blüten Glück und Wohlstand bringen. Bis heute hängen viele Einheimische getrocknete Zweige in ihre Häuser. Wer einen Zweig ergattert, hält das Glück in der Hand. Für alle anderen versendet die Online-Boutique von Mandelieu-La Napoule den gelben Blumengruß kreuz und quer durch die Republik.
Mimosenfest am Atlantik
Ein junges Paar nahm die gelben Blüten nach einem Urlaub an der Côte d’Azur in seine Heimat mit und brachte sie so auf die Île d’Oléron. Im milden Klima der Insel verbreitete sie sich rasch. Heute ist sie dort in vielen Gärten zu finden. Die salzige Meeresluft gibt den dortigen Mimosen einen besonders intensiven Duft, der sich von denen an der Côte d’Azur unterscheidet. Tief im Inselsüden gründete Saint-Trojan-les-Bains bereits am 8. Februar 1959 seinen Mimosa Day. Fast 2.000 Fahrzeuge setzten damals mit der Fähre zur Insel Oléron über, und Zehntausende applaudierten bei den Feierlichkeiten der ersten „Königin der Mimosa“, Colette Coussy. Heute lockt die Fête du Mimosa Mitte Februar (13.-15.2.2026) mehr als 20.000 Besucher an. Sie schlendern durch die Straßen von Saint-Trojan, genießen die Parade der Blumenwagen und tanzen im Rhythmus von Bandas zu traditionellerer Musik. Und auch hier zeigt sich: Die Mimose ist, trotz aller Bedenken von Winzern und Umweltschützern, ganz tief in den Herzen der Menschen verankert – als Lichtblick, Symbol der Hoffnung und Leuchten der Natur.
Die Autorin

Hilke Maunder, 1961 in Hamburg geboren, kam nach ihrem Anglistikstudium und Volontariat 1989 als Redakteurin zu den Lübecker Nachrichten in Mecklenburg, ging als Korrespondentin nach China, Vietnam, in Baltikum und Australien und berichtet seit 2010 aus Frankreich. 2014 wurde sie für ihre Arbeit und ihren Blog „Mein Frankreich“ mit der Médaille de Tourisme ausgezeichnet, 2023 mit dem Gutedelpreis.
