Deindustrialisierung:
Neue Solidaritäten in alten Kohleregionen

Wenn Kohle und Stahl verschwinden, entsteht Neues: Wie Fußballvereine, Möbel und kreative Initiativen in Gelsenkirchen und Nordfrankreich soziale Solidarität und Regionalstolz in ehemaligen Kohleregionen neugestalten.
Der Prozess der Deindustrialisierung seit den 1960er Jahren, also der Rückgang des industriellen Sektors (Kohle, Stahl, Textilfabriken oder Werften), gehört zu den grundlegendsten Wandlungsprozessen unserer zeitgenössischen Gesellschaften. Der Historiker Lutz Raphael bezeichnet ihn als einen „sozialen Wandel von revolutionärer Qualität“. Typische Begleiterscheinungen sind Massenarbeitslosigkeit, wachsende soziale Ungleichheiten und prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Entpolitisierung und der Aufstieg des Rechtsextremismus prägen bis heute viele Regionen, die von der Deindustrialisierung betroffen sind.
Das Forschungsprojekt DESINEE – La Désindustrialisation en Allemagne et en France: expériences et émotions des années 1960 jusqu’à nos jours, gefördert von der Agence Nationale de la Recherche und der Deutschen Forschungsgemeinschaft, untersucht die sozialen und emotionalen Folgen der Deindustrialisierung in vergleichender Perspektive. Das Projekt ist an der Universität des Saarlandes, der Université de Strasbourg und der Ruhr-Universität Bochum angesiedelt. Fünf Forschende arbeiten darin an Fallstudien in Deutschland und Frankreich. Ein Teilprojekt vergleicht die Städte Gelsenkirchen im Ruhrgebiet und Lens in Nordfrankreich. Beide liegen im Zentrum ehemaliger Kohle- und Stahlregionen und stehen exemplarisch für die postindustrielle Misere, geprägt von hohen Arbeitslosenzahlen und negativen Stereotypen.
Optimismus statt Nostalgie
Was passierte mit dem sozialen Zusammenhalt, als die Arbeit verschwand, um die herum sich diese Solidarität entwickelt hatte? Meistens wird eine Geschichte des Verfalls und der Atomisierung der Arbeiterschaft erzählt. Gab es jedoch auch Bemühungen von Politikern, Arbeitgebern oder den Arbeitern selbst, neue Solidaritäten und Bindungen aufzubauen, die die Bewohner der deindustrialisierten Gebiete zusammenhalten sollten, nachdem die Infrastruktur der Bergwerke und Stahlfabriken verloren ging? Anstatt nur die Nostalgie für Vergangenes zu beschreiben und dem Verlust nachzutrauern, will das Teilprojekt zeigen, was die Solidarität der Arbeiter ersetzt hat oder auf welche Weise sie weiterbestand. Dieser Ansatz wirft ein optimistischeres Licht auf Regionen, die häufig von außen als verfallene Ödlande oder hoffnungslose „schwarze Punkte“ Europas betrachtet werden und regt dazu an, ein positiveres Bild ihrer Zukunft zu zeichnen. Zwei Beispiele aus Gelsenkirchen illustrieren das Vorgehen: Zum einen der Fußball, vertreten durch den Klub Schalke 04, zum anderen die Wohnungseinrichtung im Gelsenkirchener Barockstil.
Vom Fußballklub zum sozialen Anker
Der Verein FC Schalke 04, benannt nach einem Gelsenkirchener Stadtviertel, präsentierte sich 2018 neben klassischen Institutionen wie Kirche und Staat als zentraler Akteur bei den Feierlichkeiten zum Abschluss des Bergbaus in der Region. Im Dezember inszenierte er eine großangelegte Show, an der sowohl Fangruppen als auch der Verein selbst beteiligt waren. Dabei präsentierte er sich als ehrlicher Kumpel- und Malocherklub, emotionaler Anker für die Bergleute und zugleich als sozio-politischer Akteur in der Gedenklandschaft des Strukturwandels. Diese Rolle hatte der Verein jedoch erst seit Mitte der 1990er Jahre übernommen: Mit der zunehmenden Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fußballs präsentierte er sich stärker als Bergbau-Verein und als Kümmerer in einer von Deindustrialisierung geprägten Region. Ab diesem Zeitpunkt engagierte sich Schalke 04 aktiv für Arbeitslose, bot demonstrierenden Bergleuten eine Bühne, gestaltete die moderne Arena auf Schalke mit zahlreichen Verweisen auf die Bergbautradition, lud Bergleute nach ihrer letzten Schicht ein und ehrte sie besonders.

Zudem gründete der Verein die Stiftung „Schalke hilft“, die soziale Projekte in und um Gelsenkirchen unterstützt – einer Region, die besonders vom Strukturwandel betroffen ist. Der Fußball habe die Deindustrialisierung überlebt, so der Journalist und Autor Olaf Sundermeyer in einem Essay über das Ruhrgebiet. Die heutige Rolle von Schalke 04 als Kümmerer- und Malocherklub wurde maßgeblich erst durch die Deindustrialisierung geformt.
Vom Stigma zum Markenzeichen
Als „Gelsenkirchener Barock“ wurden seit den 1950er Jahren kitschige Möbel und Zimmereinrichtungen bezeichnet, allen voran der bis dahin beliebte, praktische und keineswegs billige geschwungene Wohnküchenschrank im Neo-Barock-Stil. Designer der Nachkriegszeit, insbesondere Vertreter des Bauhauses, propagierten moderne, leichte Möbel und betrachteten den Gelsenkirchener Barock als Ausdruck schlechten, ungebildeten Geschmacks der Unterschicht – der Stil wurde sogar mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Ende der 1950er Jahre, mitten in der ersten Kohlekrise, führte die Stadt Gelsenkirchen einen erbitterten „Barock-Krieg“ gegen diese Stigmatisierung: Sie verschickte wütende Briefe an Journalisten, die den Begriff verwendeten, und verteidigte damit die Ehre der Stadt.

Lange blieb das Thema tabu. Erst Ende der 1980er Jahre griff es das kleine städtische Museum in Gelsenkirchen auf. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung organisierte das Museum 1990/1991 ein Barock-Festival, das den Gelsenkirchener Barock ironisch, aber auch wissenschaftlich fundiert in ein positiveres Licht rückte. Vor dem Hintergrund der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park, die ab 1989 die regionale Identifikation im nördlichen Ruhrgebiet stärken sollte, bildete eine Ausstellung im städtischen Museum das Herz des Festivals: Schränke und sogar ganze Zimmer im Gelsenkirchener Barock wurden dort gezeigt. Das Festival wurde zur größten PR-Aktion der Stadt und ein großer Erfolg: Bereits in der ersten Woche besuchten über 10.000 Menschen die Ausstellung. Ältere Besucher, die selbst solche Schränke besaßen, waren gerührt, junge Studierende entdeckten die Möbel ihrer Großeltern für ihre WG-Küchen wieder. Die Stadt hatte ihren Kritikern gezeigt: Aus dem Schmähwort wurde ein Markenzeichen, so die lokale Zeitung.
Ähnliche Prozesse in Frankreich?
Die beiden Beispiele zeigen, wie sich – trotz oder gerade wegen der durch die Deindustrialisierung ausgelösten Krise – Vertreter der Stadt Gelsenkirchen und des Fußballklubs Schalke 04 um den sozialen Zusammenhalt bemühten, sei es im Stadion oder im Museum. Der Stigmatisierung der Deindustrialisierung traten sie auf unterschiedliche Weise entgegen: Schalke 04 nahm bewusst das Bergbau-Image an, der Gelsenkirchener Barock wurde selbstironisch im Museum inszeniert.

Ob sich ähnliche Prozesse auch in Frankreich beobachten lassen, untersucht das Projekt weiterhin. Die Chancen stehen gut: Marion Fontaine hat bereits eine vergleichbare Geschichte für den Fußballklub Racing Club de Lens erforscht und in ihrem Buch Le Racing Club de Lens et les „Gueules Noires“. Essai d’histoire sociale beschrieben. So lässt sich zeigen, dass kreative Formen des Zusammenhalts und der Regionalidentität auch jenseits Deutschlands entstehen – vom Gelsenkirchener Barock bis zum französischen „baroque brutal“.
Die Autorin

Julia Wambach ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Koordinatorin der Nachwuchsförderung am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Sie ist Teil des deutsch-französischen Projekts DESINEE und forscht zur Geschichte der Deindustrialisierung in Gelsenkirchen und Lens.
