Europäische Armee
„Pleven war ein effektiver und erfolgreicher Wegbereiter der EU“

Als Korea 1950 im Krieg versank und Europa vor sowjetischen Panzern zitterte, entstand die Idee einer gemeinsamen europäischen Verteidigung – ein Gedanke, der heute aktueller ist denn je.
Andreas Noll: Europa auf das Wesentliche zu konzentrieren – auf die Verteidigung. Genau das war die Idee, die René Pleven am 24. Oktober 1950 vor der Assemblée Nationale vortrug. Es war die Geburtsstunde eines Projektes, das die Geschichte des Kontinents dauerhaft prägen sollte. Herr Loth, René Pleven schloss sich 1940 als einer der ersten Zivilisten de Gaulle in London an. Hat diese Zeit ihn immun gegen den engen Nationalismus gemacht?
Wilfried Loth: Die „Immunisierung“ begann schon früher. Pleven war kein klassischer Parteipolitiker, sondern ein ausgesprochen effektiver internationaler Finanzmanager. Bereits 1926, mit gerade einmal 25 Jahren, kam er in Kontakt zu Jean Monnet, der damals die europäische Sektion einer internationalen, vor allem amerikanischen Bank leitete. Pleven, Jurist von Haus aus, hatte von Anfang an enge Verbindungen zur amerikanischen Finanzwelt und zur internationalen politischen Szene. Monnet, der ihn als Mitarbeiter einstellte, wurde sein lebenslanges Vorbild. Im Winter 1939/1940 intensivierte sich diese Verbindung erneut: Monnet leitete das britisch-französische Komitee zur Beschaffung von Kriegsmaterial, und Pleven wurde wieder sein engster Mitarbeiter. Gemeinsam nutzten sie ihre internationalen Kontakte, um Waffenlieferungen für das angegriffene Frankreich zu organisieren.
Noll: Unterschieden sich Pleven und Monnet in ihrem Ansatz, wie sie die Probleme während des Zweiten Weltkriegs angingen? War Pleven vielleicht pragmatischer?
Loth: Nein, Monnet war ebenfalls hochgradig pragmatisch. Pleven war derjenige, der die Initiativen operationalisierte – er brachte Struktur und Umsetzbarkeit ein. Sein europapolitisches Profil war nicht so stark wie das Monnets, aber das „Urerlebnis“ war der Vorschlag einer britisch-französischen Union im Juni 1940, den Monnet machte, um einen Waffenstillstand zu verhindern. Pleven war an der Ausarbeitung dieses Vorschlags beteiligt. Dieser Versuch scheiterte zwar, aber er prägte Pleven nachhaltig. Nach dem Scheitern von Monnets Initiative schloss er sich de Gaulle an und vermittelte zwischen Monnets Plänen und de Gaulles Vorstellungen.

Noll: Nach einem kurzen Intermezzo an der Spitze des Gouvernement provisoire trat de Gaulle im Januar 1946 zurück. Die Vierte Republik musste die Probleme alleine bewältigen. Zu diesen Problemen gehörte vor allem der Koreakrieg, der 1950 ausgebrochen war. Warum löste dieser Konflikt in Paris eine solche Panik aus?
Loth: Die Sorge vor der sowjetischen Bedrohung war 1950 groß, der Kalte Krieg hatte sich bereits mental festgesetzt. Vorangegangen waren Streikbewegungen 1947/48, die von der Kommunistischen Partei im Sinne Stalins genutzt wurden, um den Marshallplan zu sabotieren. Hinzu kam die unsichere militärische Lage Westeuropas. Die NATO war 1949 gegründet, ihre Struktur und Effektivität waren jedoch noch unklar, und in den USA gab es Widerstände. Der Ausbruch des Koreakriegs im Juni 1950 verstärkte die Angst, dass ein Angriff auch in Europa möglich sei. Pleven, inzwischen Verteidigungsminister, reagierte darauf mit Vorkehrungen gegen einen sowjetischen Angriff und eine kommunistische Revolution.

Noll: Und dann forderte US-Außenminister Acheson die deutsche Wiederbewaffnung! Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand Frankreich damit mit dem Rücken zur Wand.
Loth: Die amerikanische Haltung zur europäischen Verteidigung war lange unklar und umstritten. Anfang September 1950 stimmte die US-Regierung einer Aufstockung ihrer Truppen in Europa und der Schaffung einer europäischen Streitmacht zu – aber nur, wenn die europäischen Verbündeten die Mitgliedschaft der Bundesrepublik in der NATO akzeptierten und die Aufstellung deutscher Truppen zuließen. Verteidigung Westeuropas ohne deutschen Beitrag war für die amerikanische Öffentlichkeit nicht vermittelbar.
Noll: René Plevens Plan war zunächst radikal: Deutsche Soldaten ja, eine eigenständige deutsche Armee nein. Er wollte sie auf Bataillonsebene – unter 1.000 Mann – in eine europäische Armee integrieren. So sollte die deutsche Truppe militärisch entkernt und gleichzeitig die französische Bevölkerung beruhigt werden.
Loth: Der Vorschlag, den René Pleven am 24. Oktober 1950 vortrug, war nicht nur seine eigene Idee. Er war das Ergebnis intensiver Verhandlungen innerhalb der französischen Regierung. Ziel war es, ein Dilemma zu lösen: Einerseits Schutz vor der Sowjetunion, andererseits die Kontrolle über Deutschland durch Integration deutscher Truppen in eine europäische Armee. Die Grundidee war bereits länger diskutiert – Adenauer, Churchill und andere hatten ähnliche Vorschläge eingebracht. Jean Monnet drängte jetzt darauf, sie umzusetzen. Um den Plan als Regierungsvorstoß präsentieren zu können, wurden Einschränkungen eingebaut: Ein europäischer Verteidigungsminister sollte die Truppen der Mitgliedsländer koordinieren, während Deutschland seinen Beitrag sofort leisten, aber keinen eigenen Minister stellen sollte. Die deutschen Soldaten sollten auf Bataillonsebene integriert werden – klein genug, um militärische Selbstständigkeit zu verhindern, aber groß genug, um funktionsfähig zu bleiben. Auf diese Weise verband der Plan militärische Zweckmäßigkeit mit politischer Kontrolle und Beruhigung der französischen Öffentlichkeit. Durch diese Kombination aus technokratischer Maßnahme und politischer Staffelung konnte der Vorschlag schließlich die Zustimmung der Nationalversammlung gewinnen.
Noll: Am 27. Mai 1952, nach anderthalb Jahren Verhandlungen, unterzeichnete Paris den EVG-Vertrag. Was hatte sich gegenüber dem ursprünglichen Plan geändert?
Loth: Die diskriminierenden Elemente des ursprünglichen Plans fielen weitgehend weg – ein Verhandlungserfolg Adenauers. Alle Streitkräfte auf dem Kontinent sollten gleichberechtigt in die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) integriert werden, Deutschland erhielt einen eigenen Verteidigungsminister und eine Struktur für seinen Beitrag. Der europäische Verteidigungsminister wurde Teil eines Ministerrats, in dem alle Länder gleichberechtigt waren. Für wesentliche Entscheidungen galt Einstimmigkeit – Schutz für Deutschland, aber eine schwache Organisation insgesamt. Die Aufsicht über das Militär lag beim NATO-Oberbefehlshaber, einem US-General, was die Abhängigkeit von den USA festigte. So entstand ein Zwitter: europäische Organisation, aber klar unter NATO-Führung.

Noll: Auch die Integrationsebene änderte sich: von Bataillon zu Division.
Loth: Das war leichter handhabbar. Militärische Experten lehnten den ursprünglichen Plan durchweg ab. Der britische Verteidigungsminister Emmanuel Shinwell kommentierte: „Das ist militärischer Blödsinn und politischer Wahnsinn.“ Auch der französische Generalstab widersprach. Plevens Plan war in der Vorbereitung nicht mit den Militärs abgestimmt. General de Gaulle, inzwischen politisch wieder einflussreich, lehnte die ursprüngliche und auch die überarbeitete Version ab. Für ihn konnten Streitkräfte nur national organisiert sein – innerhalb eines europäischen Verbunds war dies unpraktikabel. Er war jedoch kein Gegner einer europäischen Verteidigungsorganisation, sondern kritisierte lediglich die gewählte Form.
Noll: 1952/53 gab es auch einen Verfassungsentwurf für eine Europäische Politische Gemeinschaft (EPG). Diese „Ad-hoc-Versammlung“, wie man sie damals nannte, war in diesem kurzen Zeitfenster im Grunde der einzige Moment im 20. Jahrhundert – oder in der europäischen Geschichte –, in dem ein echter europäischer Bundesstaat wirklich greifbar war.
Loth: Sie war greifbar und sollte kurzfristig realisiert werden, denn ohne eine politische Gemeinschaft wären die Widerstände gegen die Verteidigungsgemeinschaft mit ihrem ambivalenten Charakter zu groß gewesen – und hätten weiter zugenommen. Der italienische Ministerpräsident De Gasperi initiierte daher vorgezogene Verhandlungen über die politische Gemeinschaft. Die Parlamentarische Versammlung der Montanunion übernahm die Ausarbeitung. Doch 1953/54 stand in Frage, ob alle sechs Mitgliedsländer der Verteidigungsgemeinschaft zustimmen würden. Die Verhandlungen scheiterten schließlich an der Forderung der Niederlande, binnen zehn Jahren einen gemeinsamen Markt zu schaffen. Frankreich war dafür noch nicht bereit, und die Kommission vertagte Anfang 1954 ohne Ergebnis.
Noll: Nicht nur die EPG scheiterte – auch die EVG fand ihr Ende. Eine Frage vorab: Für die deutsche Außenpolitik von Adenauer bis Kohl lässt sich dieser Weg ja nachzeichnen. War die politische Union über Jahrzehnte hinweg das zentrale außenpolitische Ziel? Das Scheitern von EVG und Europäischer Politischer Gemeinschaft entwickelte sich gewissermaßen zum „Urtrauma“ der deutschen Europapolitik.
Loth: Adenauer hatte sich auf die EVG mit der Perspektive einer politischen Gemeinschaft festgelegt. Das Scheitern war für ihn eine schwere Niederlage; in einem vertraulichen Gespräch mit dem belgischen Ministerpräsidenten soll er gesagt haben: „Mein Gott, was soll aus Deutschland werden, wenn ich einmal nicht mehr bin?“ Politisch am Ende, stimmte er schließlich der Aufstellung deutscher Streitkräfte im Rahmen der NATO zu – pragmatisch, aber mit Blick auf die Gleichberechtigung Deutschlands. Drei Jahre später griff er den Vorschlag zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) auf – und setzte ihn trotz Widerständen durch, um politisch voranzukommen und das europäische Projekt über die Montanunion hinaus zu sichern.
Noll: In die Nationalversammlung eingebracht hat den EVG-Vertrag nicht Pleven, sondern Pierre Mendès France. Mendès France verweigerte die Vertrauensfrage. War er am Ende der Totengräber der EVG – oder nur ein Realist, der den ohnehin schon toten Patienten für tot erklärte?
Loth: „Totengräber“ sind diejenigen, die tätig werden, wenn jemand schon tot ist. Das trifft hier nicht zu. Vielmehr brauchte man jemanden, der einen kühlen Kopf bewahrt. Der EVG-Vertrag von 1952 hatte im französischen Parlament von Anfang an keine Mehrheit. Zwischen 1952 und 1954 versuchte man noch, eine Mehrheit zu organisieren – mit Zusatzforderungen wie der Stabilisierung des Saarlands oder der EPG. Nach dem Scheitern der EPG war klar: eine Mehrheit würde es nicht geben. Mendès France unternahm noch einen letzten Rettungsversuch über ein Anwendungsprotokoll, das den Vertrag zunächst nur auf die in der Bundesrepublik stationierten Truppen beschränkte. In der Bundesrepublik gab es Diskussionen, ob Adenauer darauf hätte eingehen sollen. Letztlich verweigerte er sich diesem Kompromiss, da er wusste, dass die USA eine deutsche Beteiligung an der NATO durchsetzen würden. So wurde der Vertrag am 30. August 1954 schlicht von der Tagesordnung abgesetzt – eine „Beerdigung dritter Klasse“.

Noll: Heute diskutieren wir wieder über eine europäische Armee. Stecken wir immer noch in denselben Dilemmata wie 1950?
Loth: Die Lage ist eine andere. Das „deutsche Problem“ in alter Form gibt es nicht mehr, und das Misstrauen gegenüber Deutschland ist weitgehend verschwunden. Vielmehr wird stärkeres deutsches Engagement gefordert, die Aufrüstung und militärische Leistungsfähigkeit Deutschlands werden ausdrücklich begrüßt. Eigenständiges Entscheiden und mehr Verlässlichkeit im Schutz Europas gehen auch mit einer Stärkung der europäischen Institutionen einher.
Noll: Jetzt steht der 125. Geburtstag von René Pleven an. Was bleibt von diesem Politiker? War er am Ende ein Gescheiterter oder ein Visionär?
Loth: Pleven war ein effektiver und erfolgreicher Wegbereiter der EU und der europäischen Integration. Er sah sich nie als gescheitert. Mitte der 1970er kehrte er noch einmal auf die politische Bühne zurück. 1992 setzte er sich engagiert für die Ratifizierung des Maastrichter Vertrages ein – wie entscheidend sein Votum war, lässt sich nur spekulieren. Sicher ist: Für ihn war der Vertrag die Fortsetzung seiner langjährigen Bemühungen um Europa.
Noll: Herr Loth, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung des Franko-viel-Podcastes #97 – René Pleven und die EVG: Europas verpasste Verteidigungsunion – Franko-viel – Der Frankreich-Podcast vom 14. Februar 2026.
Unser Gast

Wilfried Loth, Jahrgang 1948, ist emeritierter Professor für Neue und Neueste Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Sein Standardwerk zur Geschichte der europäischen Einigung liegt jetzt in einer aktualisierten Ausgabe vor: Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte. Hardcover: Campus, Frankfurt/New York 2025; Paperback: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2026.
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