Ostern in Frankreich :
Wenn die Glocken nach Rom fliegen

Ostern in Frankreich : Wenn die Glocken nach Rom fliegen
  • VeröffentlichtMärz 25, 2026
Szene aus der Osterprozession in Perpignan (Copyright: Hilke Maunder)
Szene aus der Osterprozession in Perpignan (Copyright: Hilke Maunder)

Fliegende Glocken, Schokoladenfische, 15.000 Eier in der Pfanne und Gänsehaut-Prozessionen: Ostern in Frankreich ist aufregend anders.

 

Stille. Drei Tage lang liegt sie über Frankreich – zumindest über seinen Kirchtürmen. Kein Geläut zur vollen Stunde, kein Viertelstundenschlag, kein Morgenläuten. Am Gründonnerstag verstummen in ganz Frankreich die Kirchenglocken. Offiziell schweigen die Glocken aus Trauer über die Kreuzigung Christi. Doch den Kindern erzählt man in Frankreich eine andere Geschichte: Die Glocken sind unterwegs, auf der Reise nach Rom – mit Flügeln, um sich der heiligen Stadt vom Papst segnen zu lassen! Auf dem Rückflug verlieren sie dann ihre kostbare Fracht – Schokoladeneier und Süßigkeiten, die über ganz Frankreich verstreut werden.

Darum sind in französischen Chocolaterien bis heute vor allem Glocken aus Schokolade zu sehen. Dazu kommen Hühner, Fische und Eier – Symbole, die auf biblische Geschichten zurückgehen. Schon im 19. Jahrhundert stellten französische Chocolatiers solche Figuren her. Der Osterhase hingegen ist ein relativ neuer Gast. Erst seit einigen Jahren erobert er – vor allem in Gestalt des berühmten Goldhasen – langsam die Regale der Supermärkte.

 

Die heilige Woche

Ostern ist in Frankreich das zweitwichtigste christliche Fest nach Weihnachten. Sein Termin ist beweglich – und hat daher zahlreiche Sprichwörter geprägt. So heißt es im Volksmund: Noël au balcon, Pâques au tison – Weihnachten draußen auf dem Balkon, Ostern am Kaminfeuer. Und: S’il pleut le Vendredi Saint, toute la pluie de l’année ne servira à rienRegnet es am Karfreitag, taugt der Regen des ganzen Jahres nichts. Das Wetter an Ostern hat in Frankreich schon immer viel zu sagen gehabt.

Ostern beginnt mit der Semaine Sainte, der heiligen Woche vor dem eigentlichen Osterfest. Am Palmsonntag, dem Dimanche des Rameaux, segnen die Gläubigen Zweige, die an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnern. Weil Palmen in vielen Regionen fehlen, nehmen die Franzosen oft Buchsbaum-, Lorbeer- oder Olivenzweige.

 

Glasfenster, Église Saint-Salomon et Saint-Grégoire in Pithiviers (Copyright: Wikimedia Commons)
Glasfenster, Église Saint-Salomon et Saint-Grégoire in Pithiviers (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Am Gründonnerstag kommt die Cène auf den Tisch, das Abendmahl im Familienkreis mit Fisch, Gemüse und Wein. In manchen Regionen isst man nur Grünes, als Hommage an Frühling und Natur. Dann, nach dem letzten Läuten an diesem Abend, verstummen die Glocken.

Der Karfreitag ist in Frankreich ein Tag der Andacht – aber kein Feiertag. Wer nicht ins Elsass oder ins lothringische Département Moselle fährt, geht an diesem Tag zur Arbeit. Die Supermärkte haben geöffnet, die Straßen sind voll. Nur in jenen beiden Regionen, die historisch unter deutschem Einfluss standen, gilt der Karfreitag wie in Deutschland als gesetzlicher Ruhetag. Trotzdem finden vielerorts Gottesdienste und Kreuzwegandachten statt. Besonders im Süden und auf Korsika gehören eindrucksvolle Prozessionen zur Tradition. Archaisch wie kaum ein anderer Umzug ist La Sanch in den Gassen von Perpignan.

 

Die größte Karfreitagsprozession im Süden Frankreichs

Pünkltich um 15 Uhr beginnt vor der Église Saint-Jacques in Perpignan eine Karfreitagsprozession, die drei Stunden lang das Mittelalter aufleben lässt und die Passionsgeschichte Christi als Gänsehaut-Event erzählt. Blutrot und goldgelb – die Farben Kataloniens – zieren Banner die Fassaden der Altstadt. Uralte Klagelieder seufzen aus den Lautsprechern der Stadt und den Mündern der Gläubigen und lassen die Herzen schwer werden in tiefer Trauer. Dann setzt sich die Prozession in Bewegung.

Christus zieht durch die Gassen von Perpignan – diese Figur von La Sanch wiegt fast 300 Kilogramm (Copyright: Hilke Maunder)
Christus zieht durch die Gassen von Perpignan – diese Figur von La Sanch wiegt fast 300 Kilogramm (Copyright: Hilke Maunder)

 

La Sanch – katalanisch für das Blut – ist die größte Karfreitagsprozession im Süden Frankreichs und seit gut 600 Jahren Teil der Osterfeierlichkeiten in der Hauptstadt des Roussillon. Männer mit schwarzen und roten Kapuzen, dunkel gekleidete Frauen, Kinder mit Gebetsbüchern in den Händen: Drei Stunden lang tragen sie lebensgroße Passionsszenen – die misteri – durch die engen Gassen der Altstadt. 300 Kilogramm bringen die großen Figuren auf die Waage, die nur die Männer schultern dürfen, noch 100 Kilogramm die Figuren der Frauen.

Den Takt gibt der regidor vor – ein Büßer in roter Kappe, der caparutxa, der eine Eisenglocke schwingt. Dieser Brauch geht zurück auf Vincent Ferrier, einen Dominikanerpater aus Valencia, der 1350 geboren wurde. Überall, wo er predigte, bildeten sich Büßerprozessionen. 1416 gründete sich in Saint-Jacques die Archiconfrérie de la Sanch, die das Erbe bis heute bewahrt.

Von 1777 bis 1949 war die Tradition verboten oder in Vergessenheit geraten. 1950 wurde sie neu belebt. Heute lockt La Sanch Tausende Besucher nach Perpignan – Gläubige ebenso wie Touristen, fasziniert von einem Ritual, das so archaisch wirkt, als wäre das Mittelalter wieder da. In den Stadtvierteln Saint-Jacques und Saint-Mathieu sitzen Männer auf Fensterbänken, Frauen auf Holzstühlen. Drei Stunden lang hören sie sakrale Kirchenmusik statt Maghreb-Pop.

 

Mystisches Karfreitagsritual auf Korsika

Neben Perpignan geht es nur noch auf Korsika so mystisch zu. In Sartène schleppt am Karfreitag ein anonymer Büßer mit Kapuze über dem Kopf und klirrenden Ketten an den Füßen ein 32 Kilogramm schweres Holzkreuz durch die Altstadt. U Catenacciu – das Ankettete – heißt diese Prozession, die das Leben neu aufleben lässt, wie es vor 500 Jahren hier ausgesehen haben muss.

 

A Cerca, morgendliche Karfreitagsprozession in der Altstadt von Calvi (Copyright: Wikimedia Commons)
A Cerca, morgendliche Karfreitagsprozession in der Altstadt von Calvi (Copyright: Wikimedia Commons)

In Erbalunga an der Ostküste von Cap Corse beginnt am Karfreitag morgen um sieben Uhr La Cerca – die Suche. Männer und Frauen tragen sieben Kilometer weit schwere Kreuze zu den Kapellen ringsum. Am Abend folgt eine zweite Prozession: In Kapuzengewändern, Fackeln in der Hand, zieht der Umzug spiralförmig durch den Ort. In Bonifacio tragen die fünf städtischen Bruderschaften Figurengruppen von bis zu 800 Kilogramm durch die Gassen. In Calvi trägt die Prozession das Kreuz Christi und die in Schwarz gekleidete Jungfrau Maria durch die Unterstadt – bevor sich bei Einbruch der Dunkelheit mit dem Ritual A Granitula die Kreuzabnahme und Beisetzung Christi in der Zitadelle inszenieren. Ob in Perpignan oder auf Korsika: Diese Rituale, so mysteriös sie heute sind, entfalten bis heute ihre tiefe, berührende Wirkung. Sie gehören zu den eindrucksvollsten religiösen Traditionen Frankreichs.

 

Chasse aux œufs und großes Familienessen

Wenn am Ostersonntag die Glocken wieder läuten, stürmen Frankreichs Kinder die Gärten. Die chasse aux œufs – die Eierjagd – ist inzwischen ein landesweites Massenphänomen: Mehr als 300 Veranstaltungen finden jedes Jahr in Parks, Schlössern und Gärten statt. Paris lädt traditionell zur Suche unter dem Eiffelturm ein. Die berühmteste chasse des Landes lockt ins Château de Vaux-le-Vicomte bei Paris – die Grande Chasse aux Œufs in den 33 Hektar großen französischen Gärten gilt als größte Ostereiersuche Frankreichs.

 

Das Osterlamm („Lamala“ ausgesprochen) im Haut-Rhin ist ein traditionelles elsässisches Gebäck, das am Morgen des Ostertags verschenkt wird (Copyright: Wikimedia Commons)
Das Osterlamm („Lamala“ ausgesprochen) im Haut-Rhin ist ein traditionelles elsässisches Gebäck, das am Morgen des Ostertags verschenkt wird (Copyright: Wikimedia Commons)

Nach der Ostermesse versammelt sich die Familie, manchmal drei Generationen, am Tisch. Kulinarisch prägt traditionell das Osterlamm, das agneau pascal, das Menümeist als zarte Lammkeule, gigot d’agneau, serviert mit grünen oder weißen Bohnen und Saisongemüse. Zu Ostern verdoppelt sich der Lammfleischverkauf im Land. In Südfrankreich gibt es als Vorspeise oft die salade pascale – Friséesalat mit hartgekochten Eiern, Käsewürfeln und Knoblauchcroutons. Im Elsass kommt bereits morgens das Lammala auf den Tisch – ein luftiges Biskuitgebäck in Lammform, das dann verschenkt und genossen wird.

 

Pogne, Gâteau Battu und Mouna

Ostern riecht in Frankreich auch nach Orangenblüten. Die pogne aus der Drôme ist ein goldbraunes Brioche-Kranzgebäck, das seit dem 14. Jahrhundert zum Osterfest gehört – ein Dokument aus dem Jahr 1339 nennt es erstmals pogna in Romans-sur-Isère. Der Name leitet sich vom frankoprovenzalischen pugna ab – eine Handvoll Teig. Die gezackte Oberfläche gilt als Reminiszenz an die Dornenkrone Christi. In der Bäckerei Pascalis in Bourg-de-Péageverlassen täglich bis zu 500 dieser buttrigen Brioches den Ofen.

 

In Valence bei der Bäckerei Nivon im Angebot: die Pogne (Copyright: Hilke Maunder)
In Valence bei der Bäckerei Nivon im Angebot: die Pogne (Copyright: Hilke Maunder)

In der Picardie regiert der gâteau battu – der geschlagene Kuchen, hoch und zylindrisch wie eine Kochmütze, mit dunkler Kruste und goldgelbem Innern. Seit 1993 wacht die Noble Confrérie du Gâteau Battu über die korrekte Zubereitung und kürt alljährlich beim Wettbewerb in Abbeville die besten Bäcker. Mitmachen darf nur, wer noch traditionell handwerklich arbeitet.

Ganz im Süden, in den Regionen entlang der Mittelmeerküste, teilen Familien an Ostermontag die mouna de Pâques: eine kuppelförmige Osterbrioche mit Ursprung in der algerischen Stadt Oran. Die pieds-noirs brachten sie nach Frankreich, wo sie sich als traditionelles Osterpicknick-Gebäck etabliert hat.

 

15.000 Eier für Napoleon – das Riesenomelette von Bessières

Rund 30 Kilometer nordöstlich von Toulouse liegt Bessières. Eine Kleinstadt mit knapp 4.000 Einwohnern – und einem Ostermontag-Ritual, das seit 1973 die Ortschaft in ein kulinarisches Spektakel verwandelt. An einem offenen Feuer erhitzt die örtliche Bruderschaft eine 850 Kilogramm schwere Pfanne mit 4,20 Metern Durchmesser. 70 Liter Entenfett schmelzen darin. Dann kommen die Eier: 15.000, aufgeschlagen von rund 100 Freiwilligen in Gelb und Weiß, mit großen hölzernen „Paddeln“ an den Händen. Die Legende, die dazu kursiert, hat Napoleon als Protagonisten: Als der Kaiser einst in einer Herberge nahe Bessières ein so gutes Omelett aß, dass er am nächsten Tag eines für seine gesamte Armee bestellte. Faktisch wurde die Veranstaltung 1973 von der örtlichen Händler- und Handwerkervereinigung ins Leben gerufen – als Tourismusmarketing, das zur Weltbewegung wurde. Heute gibt es Bruderschaftslogen in Belgien, Argentinien, Kanada, Neukaledonien, in der Provence und in Louisiana.

 

Zubereitung eines Omeletts aus 10.000 Eiern durch die Confrérie Mondiale des Chevaliers de l’Omelette Géante (Copyright: Alamy)
Zubereitung eines Omeletts aus 10.000 Eiern durch die Confrérie Mondiale des Chevaliers de l’Omelette Géante (Copyright: Alamy)

Die Confrérie Mondiale des Chevaliers de l’Omelette Géante – der Weltorden der Ritter des Riesenomelettesbereitet das Omelett in prunkvollen Roben zu. Tausende Besucher schauen dabei zu – und freuen sich, das Omelett anschließend kostenlos zu probieren.

 

Napoleon schenkt Frankreich den Ostermontag

Dass auch der Ostermontag, der lundi de Pâques, in Frankreich ein gesetzlicher Feiertag ist, verdankt das Land ebenfalls Napoleon – diesmal nicht als Omelettbesteller, sondern als Staatsmann. Im Jahr 1801 unterzeichnete Napoleon Bonaparte mit Papst Pius VII. das Konkordat, das die Beziehungen zwischen Kirche und Staat neu regelte. Mit ihm wurde der Ostermontag als gesetzlicher Feiertag verankert. Damit ist Ostern in Frankreich offiziell länger als Weihnachten – denn der 26. Dezember zählt hierzulande nicht.

Der Ostermontag gehört der Kernfamilie, den Freunden, dem Genuss. Wanderungen, Ausflüge, Essen gehen: Der Feiertag lädt zum Nichtstun ein – nach dem großen Familiensonntag. Für Reisende, die Frankreich zur Osterzeit erleben wollen, ist dieser Tag oft der schönste: ruhig, entspannt, mit jenem unaufgeregten Lebensgenuss, der dieses Land ausmacht.

 

Die Autorin

Hilke Maunder
Hilke Maunder (Copyright: Lara Maunder)

Hilke Maunder, 1961 in Hamburg geboren, kam nach ihrem Anglistikstudium und Volontariat 1989 als Redakteurin zu den Lübecker Nachrichten in Mecklenburg, ging als Korrespondentin nach China, Vietnam, in Baltikum und Australien und berichtet seit 2010 aus Frankreich. 2014 wurde sie für ihre Arbeit und ihren Blog „Mein Frankreich“ mit der Médaille de Tourismeausgezeichnet, 2023 mit dem Gutedelpreis.

 

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