Deutsch-polnische Beziehungen:
Es ist noch viel zu tun. Replik auf Rolf Nikel

Die deutsch-polnischen Beziehungen sind stabiler, als oft behauptet wird – doch Stabilität bedeutet nicht automatisch Dynamik.
Der Beitrag von Rolf Nikel hat einen deutlich beruhigenden Ton. Seine These – dass die deutsch-polnischen Beziehungen in Wirklichkeit besser sind als ihr Ruf – blendet jedoch einige wesentliche Probleme aus.
Gebraucht: öffentliche Signale
Erstens lässt sich derzeit kaum von einer politischen Dynamik in den bilateralen Beziehungen sprechen. Zwar wurden die ersten Regierungskonsultationen nach dem Machtwechsel in Warschau als Signal für eine mögliche Wiederbelebung des Dialogs gewertet. Das folgende Treffen im Dezember 2025 brachte jedoch weder sichtbare politische Impulse noch konkrete Entscheidungen. Das seit Langem angekündigte Treffen des Runden Tisches hat bis heute nicht stattgefunden – der Termin wird von Monat zu Monat verschoben.
Hinzu kommt, dass an der deutsch-polnischen Grenze weiterhin Kontrollen durchgeführt werden, wie derzeit auch an anderen deutschen Außengrenzen – ein Signal, das in Polen nicht unbemerkt geblieben ist. Es mag sein, dass ein Teil der Gespräche weiterhin in diplomatischen Hinterzimmern geführt wird. Doch die Zeiten, in denen Außenpolitik ausschließlich auf diese Weise betrieben werden konnte, sind längst vorbei. In den deutsch-polnischen Beziehungen sind heute auch klare öffentliche Signale notwendig.
Im Stillstand
Zweitens lässt der Artikel die sicherheitspolitische Dimension weitgehend außer Acht, die seit der russischen Aggression gegen die Ukraine zu einem zentralen Themen in Ost-Mitteleuropa geworden ist. Sicherheit bleibt in Nikels Text eine eher abstrakte europäische Herausforderung. Dabei bleiben konkrete Gründe für das in Polen verbreitete Misstrauen gegenüber der deutschen Politik unerwähnt: das Erbe von Nord Stream I und II, die lange Fehleinschätzung der deutschen Russlandpolitik oder auch Verzögerungen bei Waffenlieferungen an die Ukraine. Diese Erfahrungen haben in Polen deutliche Spuren hinterlassen und prägen bis heute das gegenseitige Verhältnis.

Drittens zeigt sich ein Stillstand in symbolischen Fragen, die über drei Jahrzehnte ein wichtiger Bestandteil der deutsch-polnischen Versöhnung waren. Die Diskussion über ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung in Berlin ist praktisch verstummt, ebenso die Debatte über das geplante Deutsch-Polnische Haus. Nikel erwähnt diese Projekte zwar, doch nur am Rande und ohne zu reflektieren, was die anhaltenden Verzögerungen über die Haltung der deutschen Seite erkennen lassen.
Schließlich ist eine Erosion der institutionellen Infrastruktur des Dialogs kaum zu übersehen. Initiativen und Einrichtungen, die seit Jahrzehnten die Beziehungen zwischen den Gesellschaften beider Länder getragen haben, verlieren an Bedeutung oder verschwinden aus dem öffentlichen Blickfeld. Unter diesen Umständen erscheint es schwierig, die Stabilität der Beziehungen allein mit der weiterhin intensiven wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu begründen.

Dabei geht es keineswegs darum, die bisherigen Leistungen des deutsch-polnischen Dialogs infrage zu stellen oder die Kompetenz jener Akteure zu relativieren, die diesen Dialog über Jahrzehnte hinweg geprägt haben. Im Gegenteil: Gerade weil wir über eine Generation von Diplomaten und Experten mit außergewöhnlicher Erfahrung in den deutsch-polnischen Beziehungen verfügen, stellt sich die Frage, wie dieses Wissen für eine neue strategische Debatte genutzt werden könnte – eine Debatte, die den politischen Realitäten Europas nach 2022 Rechnung trägt.
Revitalisierung des Weimarer Dreiecks
In diesem Zusammenhang verdient auch das Weimarer Dreieck eine neue Aufmerksamkeit. Rolf Nikel erwähnt dieses Format, bleibt jedoch die Antwort schuldig, wie es unter den heutigen Bedingungen revitalisiert werden könnte. Das Jahr 2026, in dem sich die Gründung des Weimarer Dreiecks zum 35. Mal jährt, bietet hierfür eine seltene Gelegenheit. Statt das Jubiläum auf symbolische Gesten zu beschränken, sollte es genutzt werden, um dem Format eine neue institutionelle und finanzielle Grundlage zu geben. Die Einrichtung eines kleinen, dauerhaften Sekretariats sowie die gezielte Förderung trilateraler Projekte – idealerweise auf der Grundlage eines eigenen Fonds nach dem Vorbild der Visegrád-Gruppe – könnten dem Weimarer Dreieck jene Kontinuität verleihen, die ihm bislang oft gefehlt hat.

Entsprechende Ansätze existieren bereits. Institutionen wie die Stiftung Genshagenorganisieren regelmäßig trilaterale Begegnungen, es gibt Studienprogramme im deutsch-polnisch-französischen Format, und auch im Bereich der historischen Bildung wurden wichtige Erfahrungen gesammelt. Die gemeinsamen deutsch-französischen und deutsch-polnischen Geschichtsbücher gehören zu den bedeutendsten Erfolgen der europäischen Erinnerungspolitik. Sie zeigen, dass nationale Narrative nicht gegeneinanderstehen müssen, sondern in einen reflektierten Dialog treten können. Gerade in einer Zeit geopolitischer Spannungen könnten solche Erfahrungen auch über Europa hinaus wirksam werden – etwa in konfliktbelasteten Regionen, in denen Fragen von Geschichte, Erinnerung und Identität weiterhin politisch aufgeladen sind. Die derzeit diskutierte Idee eines deutsch-polnisch-ukrainischen Geschichtsbuchs weist in diese Richtung.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, was eigentlich dagegenspricht, auch im Rahmen des Weimarer Dreiecks gemeinsame Erinnerungsorte zu definieren und sichtbar zu machen – ähnlich wie Tobias Bütow, Corine Defrance und Ulrich Pfeil für Deutschland und Frankreich in ihrem Band „63 Orte der deutsch-französischen Geschichte. Von 1870 bis heute“ vorbildhaft getan haben. Solche Ansätze zeigen, welches Potenzial in einer vertieften Zusammenarbeit liegt. Eine inhaltliche und institutionelle Stärkung des Weimarer Dreiecks könnte somit nicht nur die Beziehungen zwischen Deutschland, Polen und Frankreich vertiefen, sondern auch einen Beitrag zur europäischen Handlungsfähigkeit leisten.
Neue Impulse
Unabhängig vom trilateralen Format stellt sich jedoch auch für die deutsch-polnischen Beziehungen die Frage nach neuen Impulsen. Ein informelles Modell eines „Rates der Älteren“, wie es in der europäischen Politik in ähnlicher Formgelegentlich praktiziert wird, könnte dabei eine mögliche Lösung sein. Ein Gremium aus ehemaligen Diplomaten, Politikern und Intellektuellen aus beiden Ländern, das außerhalb der tagespolitischen Zwänge arbeitet, hätte die Möglichkeit, langfristiger zu denken und Empfehlungen zu formulieren, die eine aktive Diplomatie – gebunden an politische Zyklen und aktuelle Rücksichtnahmen – oft nicht aussprechen kann.

Rolf Nikel selbst zeigt, dass ein solches Engagement möglich und produktiv sein kann. Nach dem Bundestagsbeschluss vom 30. Oktober 2020, der die Bundesregierung aufforderte, einen Ort des Gedenkens für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung zu schaffen, übernahm er den Vorsitz der eingesetzten deutsch-polnischen Expertengruppe. Das Ergebnis ihrer Arbeit war die Idee eines Deutsch-Polnischen Hauses – eines Projekts, das über das ursprüngliche Konzept eines Denkmals hinausging und Erinnerung mit Bildung sowie gesellschaftlichem Austausch verbinden sollte.
Erfahrung vs. Routine
Diese Erfahrung macht deutlich, dass informelle Gremien erfahrener Persönlichkeiten manchmal erreichen können, was routinemäßige Diplomatie allein nicht vermag: politische Blockaden zu überwinden, moralisches Gewicht zu verleihen und eine breitere öffentliche Debatte anzustoßen. Gerade heute, da die deutsch-polnischen Beziehungen weniger verwaltet als vielmehr neu gedacht werden müssen, erscheint ein solcher Ansatz nicht nur überlegenswert, sondern notwendig.
Im Jahr 2026, in dem sich die Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags zum 35. Mal jährt, böte sich eine solche Initiative als konkretes und symbolisch stimmiges Zeichen an: ein Ausdruck des Bewusstseins für die Vergangenheit und der Bereitschaft zum Neuanfang.
Der Autor

Krzysztof Ruchniewicz ist ein polnischer Zeithistoriker. Seit 2002 ist er Professor für Zeitgeschichte am Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau. Von 2024 bis 2025 leitete er zudem das Witold-Pilecki-Institut in Warschau. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Geschichte Deutschlands und den deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert sowie in der Public History und Visual History. Darüber hinaus befasst er sich mit internationaler Schulbuchforschung und hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen vorgelegt.
