Sapeurs-pompiers:
Feuer und Flamme!

Sapeurs-pompiers: Feuer und Flamme!
  • VeröffentlichtApril 9, 2026
Sapeurs-pompiers aus der Ardèche im Einsatz (Copyright: Wikimedia Commons)
Sapeurs-pompiers aus der Ardèche im Einsatz (Copyright: Wikimedia Commons)

Bei Notfällen wählt man in Deutschland die 112 und ist mit dem Rettungsdienst verbunden. In Frankreich wählt man „le 18“ – und spricht mit… der Feuerwehr. Aber warum? Cokoroki hat sich schlau gemacht.

 

Fragte man mich als Kind, was ich später einmal werden wollte, gab ich immer die gleiche Antwort: Entweder Cowboy wie Old Shatterhand oder Feuerwehrmann. Beides stand für Abenteuer und den vereinten Kampf für das Gute. Wie ich später erfuhr, rangierte und rangiert dieser Beruf noch immer ganz oben auf der Wunschliste vieler Kinder – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich. Also nicht der Beruf Cowboy/-girl, sondern der des Feuerwehrmanns / der Feuerwehrfrau, besser gesagt sapeur-pompier beziehungsweise femme sapeur-pompier (neufranzösisch: sapeuse-pompière).

Sind die Feuerwehr und die sapeurs-pompiers wirklich das Gleiche? Und warum sagt man nicht einfach les défenseurs contre le feu?

 

Napoléon, Pumpen und Äxte

Sapeur-pompier – das klingt ein wenig nach Operette, ist aber in Wahrheit das Ergebnis einer historischen Doppelhochzeit. Die pompiers heißen so, weil sie – surprise – pumpten. Im 18. Jahrhundert waren die ersten Löschgeräte natürlich keine elektrischen Wunderwerke, sondern muskelbetriebene Handpumpen. Da standen kräftige Männer und pumpten, was das Zeug hielt. Und wer pumpt (pomper), der ist… genau: pompier.

Der sapeur hingegen kommt von saper, also untergraben oder zerschlagen. Früher standen die Häuser dicht an dicht, meist aus Holz. Wenn dann eines brannte, drohte schnell das ganze Viertel in Flammen aufzugehen. Also griff man nicht nur zur Wasserpumpe, sondern auch zur Axt. Man „saperte“ das Nachbarhaus, um eine Feuerschneise zu schlagen. Ob daher auch der alte Fluch saperlipopette (verdammt!) kommt?… À méditer!

 

Brand in der österreichischen Botschaft in Paris (1810) (Copyright: Wikimedia Commons)
Brand in der österreichischen Botschaft in Paris (1810) (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Nachdem 1810 die österreichische Botschaft in Flammen aufging und die zivilen „gardes-pompes“ eher dekorativ als effektiv wirkten, war es wieder einmal Napoleon Bonaparte, der eine Entscheidung traf. 1811 gründete er in Paris das erste militärische Korps der sapeurs-pompiers. Seitdem sind sie wie eine Armee organisiert – mit Rängen, Befehlskette und einer sportlichen Ausbildung, bei der selbst Tibo InShape, der berühmteste französische Fitness-Influencer, erblasst. Ihre Devise lautet Courage et dévouement – Mut und Hingabe, in Paris sogar: Sauver ou périr – retten oder untergehen; klingt wie der Titel eines Hollywood-Blockbusters mit Bruce Willis in der Hauptrolle.

 

Sapeurs-pompiers de Paris in Feuerwehrausrüstung, Place de l’Opéra, Paris, 12. Januar 2019 (Copyright: Wikimedia Commons)
Sapeurs-pompiers de Paris in Feuerwehrausrüstung, Place de l’Opéra, Paris, 12. Januar 2019 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Heute zählt Frankreich rund 252.700 sapeurs-pompiers, etwa 78 % sind Freiwillige. Die Einsätze werden über die SDIS (Service Départemental d’Incendie et de Secours) koordiniert, die dem Innenministerium unterstehen. Ein durchorganisiertes System – mit Herz und Sirene.

 

Die Deutschen sind wieder da

Apropos Sirene. Als ich frisch in Frankreich war, erlebte ich an einem Mittwoch um Punkt 12 Uhr mein persönliches Katastrophendebüt. Plötzlich heulte eine Sirene durch die Stadt. Lang, eindringlich, dramatisch. Ich erstarrte. Krieg? Chemieunfall? Revolution 2.0? Nichts davon. Es war lediglich der erste Mittwoch im Monat. Seit der Zeit des Kalten Krieges wird in Frankreich monatlich das nationale Alarmsystem getestet. Eine Minute Sirene – einfach, um zu prüfen, ob im Ernstfall alles funktioniert. Für die Franzosen ist das so normal wie der Wochenmarkt, manche nennen es sogar liebevoll le bruit du mois.

Mit diesem Wissen spielte ich meiner Mutter – als deutsches Kriegskind historisch sirenensensibel – einen kleinen Streich. Zufälligerweise war sie an einem Mittwoch zu Besuch bei mir und als um 12 Uhr das Heulen einsetzte wurde sie sofort kalkweiß und rief panisch: „Was ist denn jetzt los?“ Böse, wie man als Sohn manchmal ist, zuckte ich nur mit den Achseln und setzte noch einen drauf: Vielleicht sind die Deutschen wieder da? Da begriff meine Mutter sofort, dass ich mich über sie lustig machte. Witzig fand sie das allerdings nicht.

 

Ohnmacht? Die pompiers kommen

Doch auch ich sollte noch etwas über die sapeurs-pompiers lernen. Während meines Unterrichts in der Nationalversammlung fiel plötzlich eine meiner Schülerinnen dans les pommes – in Ohnmacht (Was selbstverständlich nichts mit meinem pädagogischen Talent zu tun hatte). Während ich noch überlegte, was zu tun sei – mein Erste-Hilfe-Kurs lag schon zu lange zurück –, rief einer meiner Schüler: „J’appelle les pompiers!“ In Frankreich ruft man bei medizinischen Notfällen nämlich nicht „den Rettungsdienst“, sondern die Nummer 18 – und die pompiers kommen.

 

Die sapeurs-pompiers sind seit Langem Teil der traditionellen Militärparade zum Nationalfeiertag auf den Champs-Élysées (Copyright: Wikimedia Commons)
Die sapeurs-pompiers sind seit Langem Teil der traditionellen Militärparade zum Nationalfeiertag auf den Champs-Élysées (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Ohnmacht, Herzstillstand, Verkehrsunfälle, Überschwemmungen oder chemische Risiken: Sie sind universell einsetzbar und rücken mit Defibrillator, Sauerstoff und Notfallausrüstung an. Da ich das damals aber noch nicht wusste, erwiderte ich irritiert: „Aber es brennt doch gar nicht…!“ Ich wurde jedoch schnell aufgeklärt – und seitdem weiß ich: In Frankreich ist die Feuerwehr der erste Reflex.

 

Das Moulin Rouge und die Männer in Uniform

Doch die pompiers können nicht nur retten. Sie können auch feiern. Jedes Jahr am 13. und 14. Juli öffnen die Kasernen ihre Tore zum legendären Bal des pompiers. Ursprünglich diente das Fest der Finanzierung, heute ist es ein gesellschaftliches Ereignis mit Tanz, Musik, Getränken und einer sehr charmanten Mischung aus Uniform und Sommerkleid. Ein Event, das ich immer aus nächster Nähe erleben darf.

 

 

Gleich bei mir um die Ecke, in der Rue Bourseault, befindet sich eine Feuerwehrkaserne, die für ihre rauschenden Partys am 14. Juli bekannt ist. Wenn dort der Bal stattfindet, verwandelt sich die disziplinierte Feuerwache in einen Ort irgendwo zwischen Dorffest und Pariser Open-Air-Konzert. Feuerwehrleute schenken Getränke aus, Nachbarn tanzen, Kinder staunen – und es wird wie wild geflirtet.

Fast ebenso spektakulär ist der Donnerstagmorgen in meinem Fitnessstudio. Denn dort trainieren regelmäßig nicht nur die Feuerwehrmänner – athletisch, konzentriert und beneidenswert souverän –, sondern auch die Tänzerinnen des nahegelegenen Moulin Rouge. Man stelle sich die Szenerie vor: Auf der einen Seite athletische pompiers beim Bankdrücken, auf der anderen Seite grazile Tänzerinnen auf dem Stepper. Dazwischen ich – mit meiner ambitionierten, aber wenig heldenhaften Hantelroutine.

Worüber die pompiers in der Umkleide gesprochen haben? Darüber möchte ich lieber diskret schweigen. Wer weiß schließlich, was in der Umkleide der Frauen gesagt wurde… Na, liebe Cokoriki-Leser… sind Sie jetzt ganz Feuer und Flamme?

 

Der Autor

Frank Gröninger
Copyright: Frank Gröninger

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.

 

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