Cocoriki:
Eins, zwei, Polizei, drei, vier, Grenadier

Cocoriki: Eins, zwei, Polizei, drei, vier, Grenadier
  • VeröffentlichtJanuar 20, 2026
Copyright: Alamy
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Quatre-vingt-douze – also vier, zwanzig und zwölf. Oder? Nein. Zweiundneunzig! An französischen Zahlen verzweifelt vermutlich jeder, der diese Sprache lernt. Aber auch Deutschlernende haben es nicht gerade leicht: Erst kommt der Einer, dann der Zehner. Nicht neunzig und zwei, sondern zweiundneunzig. Cokoriki versucht, das zu entziffern.

 

Neulich im Fitnessstudio. Jean-Roch, der Freund, mit dem ich trainierte (neudeutsch: mein Gym Buddy), hatte einen Trainingsplan erstellt, der keinerlei Diskussion duldete: vier Sets pro Maschine, zuerst 20 Wiederholungen, dann 15, 12 und schließlich 10. Man musste also mitzählen – und zwar korrekt. Beim zweiten Set wurde mir plötzlich etwas bewusst: Ich zählte auf Deutsch. Nach Jahrzehnten in Frankreich träume ich auf Französisch, sage automatisch pardon, oh là là, putain und sogar aïe statt aua. Aber bei Zahlen? Rückfall ins Deutsche. Merkwürdig. Im Internet erfahre ich: Ich bin damit nicht allein. Selbst Marie Curie, Nobelpreisträgerin und Wahlfranzösin, soll weiterhin in ihrer Muttersprache Polnisch gerechnet haben. Ob sie das auch beim gemeinsamen Sport mit Louis Pasteur tat, ist leider nicht überliefert.

 

Rechnen Sie Deutsch? Comptez-vous en français?

Auf der Suche nach Antworten stoße ich auf eine Studie der Universität Luxemburg aus dem Jahr 2017. Dort ließ man Probanden Rechenaufgaben lösen – einmal auf Deutsch, einmal auf Französisch. Bei einfachen Additionen: kein Unterschied.
Spannend wurde es bei komplexeren Rechnungen: Auf Französisch brauchten die Teilnehmer länger und machten mehr Fehler. Warum eigentlich Luxemburg? Im Großherzogtum wird Mathematik zunächst auf Deutsch, später auf Französisch unterrichtet. Die Versuchskaninchen waren also mehrsprachig sozialisiert (Deutsch, Französisch, Luxemburgisch). Während sie rechneten, wurde ihre Gehirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomographie gemessen – auf Französisch übrigens imagerie par résonance magnétique fonctionnelle (IRMf) – leicht zu merken, oder? Das Ergebnis: Je nach Sprache wurden unterschiedliche Hirnregionen aktiviert. Für Deutsch hauptsächlich ein kleiner Bereich des Temporallappens – zuständig für Sprache; für Französisch zusätzlich Regionen für visuelle und bildhafte Verarbeitung. Offenbar malt sich das Gehirn bei quatre-vingt-douze erst ein Stillleben.

 

Copyright: Wikimedia Commons
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Von Frontallappen und anderen Baustellen

Ich wollte mehr wissen und rief eine alte Schulfreundin an, Neurologin und spezialisiert auf Alzheimerpatienten.

– „Je nach Sprache werden tatsächlich unterschiedliche Netzwerke im Gehirn aktiviert“, erklärte sie. „Es gibt kein eigenes Areal pro Sprache, aber messbare Unterschiede. Der linke Frontallappen ist für Sprachproduktion zuständig, der linke Temporallappen fürs Verstehen.“

– Und Deutsch vs. Französisch?

– „Nicht vollständig erforscht. Aber Lautstruktur, Rhythmus und Grammatik spielen eine wesentliche Rolle. Das Max-Planck-Institut hat dazu 2023 eine spannende Studie veröffentlicht.“

Warum also zählen fast alle Menschen innerlich in ihrer Muttersprache?
Kurz gesagt: Zahlen sind nicht nur Worte, sondern abstrakte Konzepte. In der Muttersprache erfolgt das automatisiert. In der Fremdsprache muss man erst übersetzen – geistige Schwerstarbeit. Und dann kommt noch die zusätzliche Herausforderung der Zahlensysteme:

– Französisch: 92 = quatre-vingt-douze (4×20 + 12)

– Deutsch: 92 = zweiundneunzig (2 + 90)

 

Die Gallier und die Kardashians

Die Franzosen erbten ihr Zwanzigersystem von den Kelten. Im Mittelalter zählte man in Zwanzigerschritten – vermutlich, weil Finger und Zehen zusammen genau zwanzig ergeben. Außer man heißt Kim Kardashian und hat sechs Zehen, aber das ist eine andere Geschichte. Dieses System nennt man vigesimal. Zwar tauchten später Wörter wie trente, quarante, cinquante, soixante, septante und sogar octante auf, doch man entschied sich, sie nur teilweise zu verwenden. Warum? La raison reste un mystère.
Exception culturelle?
Bei den Belgiern ist das jedenfalls anders.

Im Deutschen kommt der Einer vor dem Zehner – ein Überbleibsel aus dem Althochdeutschen, als man Zahlen sprach, während man sie zählte. Mit arabischen Ziffern hat das übrigens nichts zu tun, die stammen zudem aus Indien, kamen über arabische Texte nach Europa und wurden dann kurzerhand „arabisch“ genannt. Heute würde man das wohl kulturelle Aneignung nennen. Also: Die Reihenfolge beim Sprechen bestimmt die Sprache – nicht die Ziffern.

 

Die Moral von der Geschicht’?

Eine Moral gibt es nicht. Aber eine Bitte: Sprechen Sie langsam, wenn Sie Zahlen benutzen. Besonders in zwei Situationen:

– Jemand diktiert eine Telefonnummer – in Lichtgeschwindigkeit.

– Die Rechnung im deutschen Restaurant wird vorgelesen, das muss man erstmal verstehen und dann auch noch das Trinkgeld hinzufügen…Gehirnblackout garantiert.

 

 

Liebe Leser, nach all diesen Zahlen ist mein Gehirn nun erschöpft.
Welcher Teil? Frontallappen? Temporallappen? Keine Ahnung. Es will nur eines: Schlafen. Dormir! Oder sagen wir es mit Mo-Do (1995), dem Mann, dem wir verdanken, dass ganz Frankreich damals auf Deutsch bis acht zählen konnte:

– Eins, zwei, Polizei

– Drei, vier, Grenadier

– Fünf, sechs, alte Hex

– Sieben, acht – Gute Nacht.

 

Der Autor

Frank Gröninger
Copyright: Frank Gröninger

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.

 

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