Deutsch-französischer Tag:
Statt einer Sonntagsrede…

„‚Den Deutschen muss man verstehen, um ihn zu lieben. Den Franzosen muss man lieben, um ihn zu verstehen‘. Erläutern Sie dieses Zitat von Kurt Tucholsky in einem zwanzigminütigen Impuls.“ So lautete (ungefähr) die Aufgabe, die dem Autor dieser Zeilen in der Einladung gestellt wurde, die er für einen Vortrag zum Deutsch-französischen Tag erhielt. Er machte sich sofort an die Arbeit.
Es läge auf der Hand, dass man als Franzose hier klassisch vorgeht: in drei Schritten, en trois parties: Zuerst die Argumente. Dann die Gegenargumente. Am Ende eine sorgfältige Abwägung – mit einem hoffnungsvollen Fazit. Das wäre logisch. Très français. Und im Rahmen der deutsch-französischen Woche angemessen – und politisch sicherlich angebracht. Genau das werde ich jedoch nicht tun. Nicht, weil ich skeptisch geworden wäre. Und auch nicht, weil ich daran zweifelte, dass Deutschland und Frankreich in der Lage sind, das Richtige zu tun. Im Gegenteil!
„Es gibt Zeiten, da ist die Bewahrung des Erreichten das Maximum des Erreichbaren“, sagte Helmut Schmidt 1978. Dieser Satz mag zu seiner Zeit seine Berechtigung gehabt haben; auf die heutige Situation lässt er sich aber nicht übertragen – so sehr man Helmut Schmidt auch schätzen mag. Mit der Bewahrung des Status Quo können und dürfen wir uns heute nicht begnügen. Dafür dreht sich unsere Welt viel zu schnell! Wir sind besser beraten, wenn wir Klartext miteinander reden.
Der Motor hat nie so richtig gezündet
Vor achteinhalb Jahren hätte ich anders angesetzt. Damals befanden wir uns mitten in der sogenannten „Umgarnungsphase“. Emmanuel Macron, wenige Wochen zuvor zum Staatspräsidenten gewählt, ging offensiv auf Deutschland zu. Das war keineswegs selbstverständlich. Seine Vorgänger, Nicolas Sarkozy und François Hollande, hatten – zumindest zu Beginn ihrer Amtszeiten – einen anderen Kurs eingeschlagen. In seinem ersten Interview als Staatspräsident kündigte Emmanuel Macron an, eine „Allianz des Vertrauens“ mit Deutschland schmieden zu wollen. Worten ließ er rasch Taten folgen: Er beauftragte den ausgewiesen germanophilen Édouard Philippe damit, eine Regierung aus Deutschlandkennern – und Deutschlandkönnern – zu bilden und ging auf Tour durch Europa. In den folgenden zwei Jahren hielt Macron eine Reihe von Reden, in denen er Deutschland konkrete Vorschläge unterbreitete, die unbeantwortet blieben, zumindest bis CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer mit einem ungeschickten Beitrag – „Europa jetzt richtig machen“ (10.03.2019) – jede Hoffnung auf einen fruchtbaren Austausch zunichtemachte. Emmanuel Macron mag mit seinem Feuerwerk an Vorschlägen den Partner vor den Kopf gestoßen haben, wie Christoph Heusgen, der Berater von Bundeskanzlerin Merkel, einmal sagte; doch rote Linien bewusst zu überschreiten, ohne mögliche Folgen mitzudenken, ist ein Zeichen historischer Unverantwortlichkeit – Trump 1 hatte bereits zu diesem Zeitpunkt allen zu verstehen gegeben, worum es ihm im Kern ging. Europäische Souveränität musste warten, repasser un tour.
Wenige Wochen zuvor hatte der französische Präsident es noch einmal versucht – mit einer Rede vor dem Bundestag, die er mit den bemerkenswerten Worten schloss: „Und wenn Sie den Eindruck haben, Sie können uns nicht verstehen, denken Sie daran: Frankreich liebt Sie.“ Viele in Deutschland konnten damit wenig anfangen – Annegret Kramp-Karrenbauer erst recht. Vielleicht hätte an dieser Stelle Tucholsky helfen können.
Eine schleichende Entfremdung?
Doch am Ende funzte es nie so richtig – weder mit Angela Merkel noch mit Olaf Scholz. Und zwischen Friedrich Merz und Emmanuel Macron? Die Hoffnungen, dass es anders wird, waren am Anfang sehr groß – zumal Friedrich Merz vor seiner Wahl deutliche Signale Richtung Paris gesendet hatte. Merz hatte zwar eingeräumt, dass Frankreich „ein schwieriger Partner“ sei (4.12.2024), doch ihm war auch klar, dass sein Erfolg als Bundeskanzler maßgeblich vom Verhältnis zu Paris abhängen würde. Auch ich machte mir damals große Hoffnungen und ich war nicht der einzige: Auf beiden Seiten des Rheins sprach man von einem kompletten Neuanfang. Und heute?

Der rhetorische Schulterschluss zwischen Merz und Macron ist gelungen. Aber es fehlt immer noch an konkreten Taten, an großen gemeinsamen Initiativen, die den Menschen zeigen, dass Deutschland und Frankreich nicht nur das Richtige, sondern auch das Notwendige tun können – gerade jetzt, wo sich die internationale Ordnung dramatisch verändert. Die Gründe sind bekannt: historische Befindlichkeiten, Misstrauen, Missverständnisse – und, wenn wir auf die Bevölkerungen blicken: zunehmendes Desinteresse und Gleichgültigkeit. Umfragen sprechen hier eine klare Sprache. Wir können es übrigens längst nicht mehr.
Das Interesse an der Sprache des Anderen ist seit Jahren im Schwinden begriffen. Genau hier beginnt der Teufelskreis, in dem wir stecken – und der sich bis in die Chefetagen der Politik hinaufzieht. Nicht dass beide Länder das Problem nicht erkannt hätten. Doch der Wille, es in der Breite anzupacken, ist schlicht nicht vorhanden. Die Konsequenz haben Roland Theis und Venance Raymondis-Serventi vor wenigen Wochen in einem Beitrag für Le Figaro auf den Punkt gebracht: „Das deutsch-französische Verhältnis, das in Reden oft gelobt wird, droht im Klassenzimmer zu erlöschen“.
Die Schließung von drei Goethe-Instituten Ende 2023 hat der Sache nicht weitergeholfen. Der Oppositionsführer Friedrich Merz gehörte zwar zu den heftigsten Kritikern der Entscheidung der Ampelkoalition – doch rückgängig hat er sie nicht gemacht. Alle drei Institute, Bordeaux, Lille, Strasbourg, bleiben geschlossen. Egal, was noch vor einem Jahr lautstark gefordert und gesagt wurde. Es gab Proteste, offene Briefe. Intellektuelle sind auf die Barrikaden gegangen. Alles vergeblich. Der Eindruck in Frankreich war verheerend. Doch es wäre zu einfach, die Schuld allein auf Deutschland zu schieben. Auch auf französischer Seite hat es Versäumnisse gegeben. Immer mehr überlässt Frankreich dem Partner die Finanzierung unserer gemeinsamen Institute und Schulen. Frankreich zieht sich zurück, Deutschland zahlt – und wird dies wohl künftig noch stärker tun müssen. Auch das hinterlässt keinen guten Eindruck, schürt Ressentiments und verstärkt den Teufelskreis aus Desinteresse und Gleichgültigkeit.
Selbst herausragende Kenner der deutsch-französischen Beziehungen – etwa die ehemaligen französischen Botschafter in Deutschland, Maurice Gourdault-Montagne und Claude Martin – schreiben mittlerweile: Die enge Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland sei „ausgetrocknet“; sie habe keine „emotionale Kraft“ mehr. Auch die Jugend, so die beiden ehemaligen Botschafter, zeige kaum noch Interesse am Partnerland. Sie ziehe es in die Ferne – nicht mehr auf die andere Rheinseite. Ja? Stimmt das? Ist also alles Pfusch?

Große Politik beginnt an der Basis
Nein, das glaube ich nicht. Denn die engagierte Basis lebt und trägt die deutsch-französische Freundschaft nach wie vor – aktiv, konkret und überzeugend. Sie sind der Beweis dafür. Sie bringen Menschen zusammen, fördern Empathie, schaffen Vertrauen und legen damit die Grundlage für neue gemeinsame Initiativen – und für die Lösung zentraler Fragen. Genau hier liegt der Schlüssel: Ohne die vielen kleinen, ortsgebundenen Projekte gibt es keine gegenseitige Liebe, kein gegenseitiges Verständnis – und am Ende auch keine großen Projekte. Die Legitimation von Politik entsteht vor allem vor Ort: durch lokale Akteure, durch konkrete Erfahrungen, durch gelebte Nähe. „High Politics“ und „Low Politics“ sind eng miteinander verbunden – und nur gemeinsam zu denken, wie in mehreren Studien und Analysen eindrucksvoll dargelegt wird. Was Helmut Schmidt 1996 in seinem Buch Weggefährten schrieb, gilt heute noch – mit unveränderter Relevanz: „Heutzutage ist das Wichtigste zu lernen, wie man andere Völker versteht. Und zwar nicht nur deren Musik, sondern auch ihre Philosophie, ihre Haltung, ihr Verhalten. Nur dann können sich die Nationen untereinander verstehen.“ Und er hätte hinzufügen können: Und wir, Politiker, gut miteinander arbeiten.

Auch wenn sich das deutsch-französische Verhältnis in jüngster Zeit verbessert hat, bleibt klar: Gerade mit Blick auf die Zivilgesellschaft wurde nicht genug getan. Der Bedarf ist groß, das Potenzial enorm; die deutsch-französischen Entfremdung ist keine Fatalität. Der Deutsch-französische Bürgerfonds kann sich kaum noch vor Anträgen retten. Also muss Geld her! Gleiches gilt beim Deutsch-französischen Jugendwerk: Wie viele Projekte können nicht stattfinden oder müssen gekürzt werden, weil die Gelder nicht ausreichen oder nicht an die Inflation angepasst wurden? Also muss Geld her – und zwar von beiden Seiten, trotz leerer Kassen. Wer heute nicht investiert, wird morgen einen höheren Preis zahlen müssen – politisch.
Eine Mahnung – jetzt handeln!
Mein Wunsch ist nun, dass unsere Regierenden aufhören, wie ein Kaninchen vor der Schlange zu stehen. Die Instrumente, die wir brauchen, um eine positive Wellenbewegung loszutreten, sind schon alle da. Sie müssen nun konsequent ausgebaut werden. Jetzt, sofort! Denn die nächsten Wahlen stehen schon vor der Tür: die Kommunalwahlen im März; ein Jahr später die Präsidentschaftswahl. Der RN bereitet sich schon lange darauf vor. Die anderen Parteien sind restlos zersplittert – und werden es wahrscheinlich bleiben.
Die Entwicklungen der letzten Wochen sollten für uns eine Mahnung sein. Sie zeigen, wie schnell eine Partnerschaft, von der viele dachten, sie sei in Stein gemeißelt, bröckeln und zusammenbrechen kann: Wer kann heute noch behaupten, man könne sich auf die USA verlassen? Die jüngste Umfrage des ARD-DeutschlandTREND zeigt jedenfalls: Immer weniger Menschen glauben daran – außer im AfD-Lager.
„Le pire n’est certes jamais sûr“, sagt ein französisches Sprichwort. Daher mein Appell: Lassen Sie uns nicht abwarten, bis das Schlimmste eintritt. Lassen Sie uns handeln, fördern, verbinden – jetzt. Denn jede Initiative, jede Begegnung, jedes Projekt ist ein Stein im Fundament einer Partnerschaft, die nicht nur Deutschland und Frankreich, sondern auch Europa zugute kommt. Am Ende hängt alles von uns ab – von unserer Neugier, unserem Engagement und unserer Bereitschaft, Brücken zu bauen. Denn nur wer den Anderen wirklich versteht, kann ihn lieben; nur wer ihn liebt, wird ihn verstehen können – und am Ende Großes bewirken, für die Menschen, die deutsch-französischen Beziehungen und Europa. Europäische Souveränität kann und darf nicht länger warten.
Der Autor

Landry Charrier ist Absolvent des Collège des Hautes Études de l’Institut diplomatique in Paris, Mitglied der CNRS-Forschungseinheit SIRICE (Sorbonne Université, Paris) und Associate Fellow am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seit März 2023 ist er zudem Redaktionsleiter der deutsch-französischen Zeitschrift dokdoc.eu.
Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und nicht die der Redaktion.
