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Im Herzen Russlands

Vor wenigen Wochen erschien Pierre Lévys Bericht über seine Zeit als Botschafter in Moskau (2020–2024). Hans-Dieter Heumann, der in den 1990er-Jahren für die deutsche Botschaft in Russland tätig war, hat das Buch für uns gelesen.
Unter den in Deutschland und Frankreich zuletzt erschienenen Büchern zum Krieg Russlands gegen die Ukraine und zu den europäisch-russischen Beziehungen ragt das Werk des französischen Diplomaten Pierre Lévy, „Au cœur de la Russie en guerre“, aus zwei Gründen hervor.
Einerseits war Lévy während des Krieges (2020–2024) Botschafter Frankreichs in Moskau. Der Leser erhält so die Perspektive eines Diplomaten vor Ort („au cœur“) und erfährt, was ein Botschafter in einer für Europa existenziellen Frage ausrichten kann. Lévy will dem Leser die „essence du métier de diplomate“ nahebringen. Es ist ihm gelungen. In dieser Hinsicht ist sein Buch mit dem seines deutschen Kollegen, Rüdiger von Fritsch, „Russlands Weg – als Botschafter in Moskau“ durchaus vergleichbar. Von Fritsch trat seinen Posten in Moskau aber bereits 2014 an, ein Jahr, das er zu Recht als Beginn des aktuellen Krieges betrachtet.
Andererseits lohnt die Lektüre bereits wegen der Antworten Lévys zur Frage der möglichen Verantwortung der Europäer für den Bruch des Verhältnisses zu Russland. Hier geht er differenzierter vor als viele jüngere Analysen. Die deutschen Journalisten Katja Gloger und Georg Mascolo sowie die französische Journalistin Sylvie Kauffmann, außenpolitische Kolumnistin für „Le Monde“, kommen in ihren Büchern zu deutlich härteren Urteilen: Gloger und Mascolo sprechen in „Das Versagen – Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik“ (2025) unverblümt vom „Versagen“ der Bundesregierungen. Kauffmann nimmt in „Les aveuglés“ sowohl Berlin als auch Paris in Haftung. Schließlich sieht der deutsche Historiker Bastian Matteo Scianna Deutschland auf seinem traditionellen „Sonderweg“ nach Russland, eben in einem „Sonderzug nach Moskau“ (2024).
Lange Zündschnur, klarer Zünder
Der Diplomat kann sich nicht auf die Analyse beschränken. Er muss ja verhandeln. Um hierbei erfolgreich zu sein, sollte er die Interessen und Eigenschaften des Verhandlungspartners in Betracht ziehen. Dies gilt auch für das russische „Ressentiment“ gegenüber dem Westen, das Lévy als wesentliche Triebkraft der russischen Außenpolitik identifizieren. Diplomatie besteht darin, das Motiv des anderen zu kennen, ohne seine Narrative zu akzeptieren. Was die Ursprünge des Krieges gegen die Ukraine angeht, so bietet Lévy eine eindrucksvolle Metapher: Die Zündschnur, die zur Detonation führte, sei sehr lang, der Zünder aber eindeutig Russland. Daher könne eine dauerhafte Lösung auch nur von Russland selbst kommen.

Lévy ist kein „Russlandversteher“ im deutschen Verständnis, wohl aber ein exzellenter Kenner der russischen Geschichte und Kultur. Eine gewisse Sympathie für diese kann er nicht verhehlen. Gerade deshalb sind seine Einsichten für den Leser besonders wertvoll. Der Revisionismus Russlands speist sich hiernach vor allem aus zwei Quellen: einer „schlecht verarbeiteten Vergangenheit und einer verweigerten Zukunft“. Darin sieht Lévy die tieferen Ursachen des Krieges. Präsident Wladimir Putin hat den Zusammenbruch der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Für ihn ist die Souveränität der Ukraine eine existenzielle Frage, nicht nur eine strategische. Sie betrifft das Verhältnis seines Landes zur NATO.
Lévy konnte die Annäherung der Ukraine an die EU als Europa-Direktor des Quai d’Orsay von 2013 bis 2016 verfolgen und erlebte die „Revolution der Würde“ in Kyiv, die vor allem durch die Weigerung des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitschs ausgelöst wurde, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen. Die Ukraine als europäische Demokratie, oder gar die Revolution auf dem Maidan in Kyiv als Vorbild für Demonstrationen auf dem Roten Platz, das wäre für Putin die gefährlichste aller möglichen Bedrohungen.
Verantwortung, Verhandlungsspielräume und verpasste Chancen
Lévy wendet sich gegen die in Deutschland weit verbreitete These, der Krieg gegen die Ukraine sei eine notwendige Folge der westlichen Russlandpolitik seit dem Ende des Kalten Krieges. Er erinnert daran, dass zahlreiche Versuche unternommen wurden, Russland in westliche Institutionen zu integrieren – sei es in die G7, in eine Partnerschaft mit der EU oder in die NATO. Deren Öffnung gegenüber Staaten Mittel- und Osteuropas ist auf deren Wunsch hin geschehen, sie entspricht der von Russland unterschriebenen Charta von Paris.

Lévy befindet sich in Übereinstimmung mit dem Stand der Forschung darüber, dass Russland keine schriftlichen westlichen Versprechungen darüber erhielt, dass die NATO sich nicht nach Osten ausdehne. Trotzdem wäre es an dieser Stelle erhellend gewesen, auf die historische Tatsache hinzuweisen, dass zwischen NATO und Russland ein grundlegendes Sicherheitsdilemma besteht – unabhängig von der Frage der Verantwortung –, das ungelöst blieb. Die russischen Vorschläge zu dieser Frage im Dezember 2021, kurz vor Ausbruch des Krieges, waren für die NATO nicht verhandelbar, da sie sämtliche Entscheidungen zur Aufnahme neuer Mitglieder nach 1997 hätten aufheben müssen. Lévys These zu dieser Entwicklung ist interessant, weist aber einen gewissen Widerspruch auf: Einerseits glaubt er, dass Putin seine Vorschläge selbst für unverhandelbar hielt und nur einen Vorwand für den Angriff am 24. Februar 2022 suchte. Andererseits bezeichnet er das Treffen des NATO-Russlandrats am 12. Januar 2022, das sich mit Russlands Vorschlägen befassen sollte, als verpasste Chance. War damals eine „letzte Abzweigung“ („bifurcation“) auf den Weg der Deeskalation und zu Verhandlungen möglich?
Macht, Identität und Krieg
Die Erfahrung des Diplomaten und Praktikers erweist sich als großer Mehrwert für den Leser. Lévy bringt die Essenz seines Metiers auf den Punkt: „mit den tiefen Realitäten eines Landes vertraut sein, die Wirkkräfte verstehen, das jeweilige Bedeutungssystem entschlüsseln, um auf dieser Grundlage der eigenen Regierung Orientierungen für Entscheidungen zu geben“. Er erinnert Politikwissenschaftler und Historiker daran, dass internationale Politik nicht nur von rationalen Interessen bestimmt wird, sondern auch von Leidenschaften, persönlichen Visionen, dem Streben nach Identität und Macht sowie der Hoffnung auf einen Platz in der Geschichte. Lévy vermittelt Einsichten von besonderer Tiefe – aber auch von Düsterkeit: Er sieht eine „fatale Logik“ in der Entwicklung zum Krieg. Das Regime Russlands schließt sich zunehmend von der Welt ab und radikalisiert sich; Putins Blick auf die Welt wird zunehmend verzerrt. Der Entschluss zum Krieg reifte lange in ihm, westliche Schwäche bestärkte ihn, und irgendwann konnte er nicht mehr zurück – er handelte.
Was jetzt?
Lévy gibt einen Überblick über den Stand der Verhandlungen zur Beendigung des Krieges, der informativ, wenn auch weitgehend bekannt ist. Russland hält an seinen ursprünglichen Zielen fest, die eine Kapitulation der Ukraine anstreben, setzt auf die Zeit im Abnutzungskrieg und hofft zugleich auf ein Einverständnis mit den USA. Lévy hält daher nur einen auf unbestimmte Zeit verlängerten Waffenstillstand für wahrscheinlich – vergleichbar mit der bisherigen Lösung nach dem Korea-Krieg der 1950er Jahre. Europa würde damit einen zusätzlichen „gefrorenen Konflikt“ erhalten. Auch die Zukunft Russlands selbst sieht hiernach düster aus: Sie könnte in einem „Putinismus ohne Putin“ bestehen.
Lévys Ausblick ist jedoch nicht ausschließlich pessimistisch. Die EU ist durch ihre Annäherung an die Ukraine einerseits einer der Auslöser des Krieges, andererseits hält sie den Schlüssel für den Erfolg einer souveränen Ukraine. Deren künftige Grenzen mit Russland sind noch ungewiss, doch ein EU-Beitritt würde das Land transformieren – es „europäisieren“. Dies könnte auch den von Putin gefürchteten Einfluss auf einen möglichen Wandel in Russland entfalten. Lévy bereitet offenbar ein neues Buch über die EU vor, das mit Spannung zu erwarten ist.
Der Autor

Der ehemalige Botschafter Dr. Hans-Dieter Heumann war unter anderem in Washington, Moskau und Paris als Diplomat tätig und bekleidete Leitungsfunktionen im Auswärtigen Amt sowie im Verteidigungsministerium. Bis 2015 leitete er die Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin. Heute ist er Associate Fellow am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
