Präsidentschaftswahl 2027:
Die Linke am Scheideweg

Präsidentschaftswahl 2027: Die Linke am Scheideweg
  • VeröffentlichtFebruar 25, 2026
Jean-Luc Mélenchon am 9. Januar 2026 in Villeurbanne (Copyright: Alamy)
Jean-Luc Mélenchon am 9. Januar 2026 in Villeurbanne (Copyright: Alamy)

Die Linke in Frankreich steckt in der Krise: Ihre Basis schwindet, sie ist tief gespalten und die Präsidentschaft 2027 droht zur Niederlage zu werden. Wie kann sie aus der Sackgasse kommen und dem Rassemblement National die Stirn bieten?

 

In der Geschichte der Fünften Republik hat die Linke die Präsidentschaftswahl dreimal gewonnen: 1981 und 1988 mit François Mitterrand, 2012 mit François Hollande. In allen drei Fällen erreichte sie bereits im ersten Wahlgang zusammengerechnet mehr als 40 Prozent der Stimmen. Würde der erste Wahlgang heute im Februar stattfinden, käme das linke Lager voraussichtlich nicht einmal auf 30 Prozent. Mit anderen Worten: Unter den derzeitigen Voraussetzungen sind ihre Erfolgsaussichten praktisch gleich null. Diese Situation wird von den führenden Köpfen der Linken – ob potenzielle oder bereits erklärte Präsidentschaftskandidaten – jedoch gern verdrängt. Die einen verweisen auf eine angeblich noch bevorstehende Mobilisierung, die anderen setzen auf ein kaum wahrnehmbares Zeitfenster, durch das man sich in letzter Minute in die Stichwahl retten könne, um dort mithilfe einer „republikanischen Front“ doch noch zu siegen. All das ist Ausdruck eines ausgeprägten Realitätsverlusts. Die Linke ist schwach – und sie war es in den vergangenen Jahrzehnten kaum je in einem solchen Ausmaß. Hinzu kommt ein zweites, ebenso schwerwiegendes Handicap: Sie ist tief gespalten, und die Bruchlinien ziehen sich quer durch das gesamte Lager.

 

Verlust der Basis und gespaltene Zukunft

Ein nüchterner Befund drängt sich auf: Die Linke verstand sich traditionell als Stimme der unteren Einkommensschichten und der Mittelschicht. Seit fast zwei Jahrzehnten trifft dies jedoch nicht mehr zu. Die stärkste Partei Frankreichs, für die mittlerweile eine große Mehrheit der Arbeiter und Angestellten stimmt, ist heute das Rassemblement National. Die soziologische und elektorale Basis der Linken hat sich inzwischen auf Teile der Mittelschicht verengt. Anspruch der Parti socialiste war es ursprünglich, Schutz zu bieten und das Leben der Menschen zu verbessern (Changer la vie). Die Wähler kamen jedoch zu dem Schluss, dass ihr dies in der Praxis nicht gelungen ist.

 

François Mitterrand machte 1981 mit dem Slogan „Das Leben der Menschen verändern“ Wahlkampf. Am 10. Mai um 20 Uhr gab Antenne 2 bekannt, dass er die Stichwahl gewonnen hatte (Copyright: Wikimedia Commons)
François Mitterrand machte 1981 mit dem Slogan „Das Leben der Menschen verändern“ Wahlkampf. Am 10. Mai um 20 Uhr gab Antenne 2 bekannt, dass er die Stichwahl gewonnen hatte (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Ob zu Recht oder zu Unrecht – die Amtszeit von François Hollande hat diese Wahrnehmung für Millionen Franzosen verfestigt und den dauerhaften Absturz der Parti socialiste besiegelt. Die Sozialisten haben sich davon nie erholt. Sie wurden auf der einen Seite von Jean-Luc Mélenchon und La France Insoumise, auf der anderen Seite von dem, was zunächst La République En Marche! war, und der ersten Präsidentschaftskandidatur von Emmanuel Macron unter Druck gesetzt. Die Zersplitterung der sozialistischen Wählerschaft hat die Linke nachhaltig geschwächt.

Ein Blick auf die aktuellen Umfragen für den ersten Wahlgang zeigt, wie groß die Herausforderung ist. Jean-Luc Mélenchon und Raphaël Glucksmann kämen jeweils auf rund 12 Prozent. Dahinter folgen Fabien Roussel und Marine Tondelier mit etwa 3 Prozent. Das ohnehin geschrumpfte linke Spektrum würde sich damit nahezu hälftig zwischen einer systemkritischen und einer regierungsorientierten Linken aufteilen. Zwischen Mélenchon und Glucksmann bestehen fundamentale Unterschiede – in der Haltung zum Markt, zum Sozialstaat, zum Rechtsstaat, zu Freiheitsrechten, Sicherheit, Europa und internationalen Bündnissen. Diese Differenzen gelten als unüberbrückbar – und objektiv betrachtet sind sie es auch. Damit ist die Linke faktisch dazu verurteilt, 2027 zersplittert in die Präsidentschaftswahl zu ziehen. Versuche, Mélenchon und Glucksmann in eine Vorwahl zu drängen, die beide ohnehin ablehnen, sind zum Scheitern verurteilt. Olivier Faure und die Grünen bemühen sich zwar darum, doch selbst im besten Fall wird es nur zu einer Mini-Vorwahl für eine Kandidatur kommen, die bereits durch die bestehenden Spaltungen stark geschwächt ist. Unter diesen Voraussetzungen wäre die Linke derzeit nicht in der Stichwahl vertreten.

 

Sommeruniversität der Grünen 2024 mit Teilnahme des PS-Parteivorsitzenden Olivier Faure (Copyright: Wikimedia Commons)
Sommeruniversität der Grünen 2024 mit Teilnahme des PS-Parteivorsitzenden Olivier Faure (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Mélenchons Digitale Schlagkraft und Mobilisierungspotenzial

Wie könnte sich die Lage bis zum Frühjahr 2027 entwickeln? Fest steht: Es gibt eine erhebliche Unsicherheit – und die muss offen benannt werden. Mélenchon ist ein starker Kandidat für den ersten Wahlgang. Seit seiner ersten Präsidentschaftskandidatur 2012 hat er über soziale Netzwerke und YouTube eine Mobilisierungsmaschinerie aufgebaut, die in der Linken ihresgleichen sucht – vielleicht sogar im ganzen Land. Eine Vorwahl benötigt er nicht, um sich eine schlagkräftige Mobilisierungsbasis für den ersten Wahlgang zu sichern. Er verfügt bereits darüber. Sein YouTube-Kanal zählt über 1,2 Millionen Abonnenten.

Sobald im Wahljahr die gesetzlichen Vorgaben zur Gleichbehandlung der Kandidaten den klassischen Medienraum neutralisieren, kommt die digitale Schlagkraft von La France Insoumise voll zur Geltung und katapultiert ihren Kandidaten nach vorn – verstärkt durch den Effekt des „nützlichen“ Votums (vote utile). Das zeigte sich bereits 2017 und 2022. Glucksmann und andere linke Kandidaten verfügen über keine vergleichbaren Mittel. Das ist Mélenchons Stärke – und zugleich Teil seines, durchaus zynischen, Kalküls: gezielt die Jugend und die Vorstädte mobilisieren, muslimische Wähler ansprechen und alles andere hintanstellen, um schließlich in die Stichwahl einzuziehen.

 

Für die Stichwahl ungeeignet

Doch so stark Mélenchon im ersten Wahlgang auch wirkt, so ungeeignet ist er für die Stichwahl. Seine Entgleisungen, seine Radikalität und das Verhalten der Abgeordneten von La France Insoumise in der Nationalversammlung haben laut Umfragen fast 70 Prozent der Franzosen gegen ihn aufgebracht. Eine republikanische Front würde sich im Duell mit Jordan Bardella nicht hinter ihm sammeln, sondern gegen ihn. Mélenchons Einzug in die Stichwahl würde dem Kandidaten des Rassemblement National den Sieg sichern. Das wissen die Franzosen – und ein Teil der Linken ebenso. Hier zeigt sich das Dilemma: Mélenchon kann die Stichwahl erreichen; doch dann – so viel steht fest – würde er seinem Gegner deutlich unterliegen. Kein anderer linker Kandidat könnte heute ohne massive organisatorische Ressourcen in die Stichwahl einziehen. Nur völlig veränderte Rahmenbedingungen könnten dies ändern – etwa die Erkenntnis, dass ein neues, verbindendes Angebot der regierungsorientierten Linken in Richtung Mitte-Rechts ein gutes Viertel der Wählerschaft überzeugen und einen Kandidaten in die Stichwahl schicken könnte, der Bardella tatsächlich Paroli bietet.

 

Jordan Bardella am 10. Februar 2026 im Europäischen Parlament (Copyright: European Union 2026 / EP)
Jordan Bardella am 10. Februar 2026 im Europäischen Parlament (Copyright: European Union 2026 / EP)

 

Niemand, der im ersten Wahlgang nur 15 Prozent erreicht, kann Bardella in der Stichwahl schlagen. Rechnet man Éric Zemmour (Reconquête!) und Nicolas Dupont-Aignan (Debout la France) hinzu, kommt das rechtsextreme Lager auf nahezu 40 Prozent. Einen derart großen Rückstand kann man zwischen den beiden Wahlgängen nicht aufholen. Die derzeitige Zersplitterung der Kandidaturen drückt die Eintrittsschwelle für den Herausforderer Bardellas mechanisch in Richtung 15 Prozent – ein Szenario, das ihm in die Hände spielt: Im ersten Wahlgang hätte er doppelt so viele Stimmen wie sein Gegner. Und selbst wenn ein Wunder geschähe und der Herausforderer in letzter Minute knapp siegen würde – wie handlungsfähig wäre dann ein solcher Präsident? Frankreich stünde faktisch erneut vor politischer Lähmung, und sein wirtschaftlicher wie internationaler Bedeutungsverlust würde sich unweigerlich fortsetzen. Das kann nicht die Zukunft sein, die wir wollen – und die Linke muss die Konsequenzen daraus ziehen.

 

Zwischen Spaltung und Verantwortung

Im Kern steht die Linke vor einer Entscheidung: Will sie gespalten bleiben und damit die Präsidentschaftswahl faktisch aufgeben? Oder löst die Aussicht auf einen Sieg Bardellas und den Schaden, den er dem Land fünf Jahre lang zufügen würde, eine Erschütterung und einen Aufbruch aus? Was die extreme Rechte an und in der Macht anrichten würde, lässt sich andernorts bereits beobachten. Bardella zu schlagen ist möglich – aber nur, wenn ein glaubwürdiges, verbindendes politisches Angebot entsteht, das ihm in den zentralen Fragen des Alltags (Kaufkraft, Reindustrialisierung, Wohnungsbau, Schule, Gesundheit, Laizität, Sicherheit, Migration) wirksam entgegentritt – Bereiche, die seit Jahren dem Rassemblement National überlassen wurden. Ein solches Angebot kann die regierungsorientierte Linke vorlegen und dabei die politische Mitte einbeziehen – nicht als bloßes Zweckbündnis, sondern als echtes Reformprojekt für eine Legislaturperiode. Das wäre eine Art Mendèsismus, mehr als 70 Jahre später: Pierre Mendès France hat seine Überzeugungen nie aufgegeben, verstand es aber, sie gemeinsam mit anderen umzusetzen, die nicht in allen Punkten mit ihm übereinstimmten.

 

Pierre Mendès France im Jahre 1948 (Copyright: Wikimedia Commons)
Pierre Mendès France im Jahre 1948 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Die Linke steht am Scheideweg. Sie kann nicht in die Zeit des „Gemeinsamen Programms“ der 1970er-Jahre zurückblicken – diese Epoche ist vorbei. Ebenso wenig darf sie sich in den Streitigkeiten der Gegenwart erschöpfen und damit indirekt zur Wahl Bardellas beitragen. Sie muss neue Hoffnung stiften – durch verantwortliches Handeln, mit dem Blick auf das Land und nicht auf sich selbst. Die Linke ist nicht verschwunden. Für viele Franzosen bleibt sie ein historisch gewachsenes Ideal. Doch sie darf nicht auf die Rolle einer bloßen Proteststimme reduziert werden. Als Linke bewährt sie sich nur in Regierungsverantwortung – für die Schwächsten und letztlich für alle. Die Kommunalwahlen im März werden ein aufschlussreiches Stimmungsbild liefern. Danach bleibt nur noch wenig Zeit – vielleicht nur ein paar Monate –, um die Dynamik zu drehen und den Franzosen eine andere Perspektive zu eröffnen als die eines Landes, das seine Zukunft der extremen Rechten überlässt. Diese Initiative zu ergreifen, ist die Aufgabe der regierungsfähigen Linken.

 

Der Autor

Pierre-Yves Le Borgn’ (Copyright: Pierre-Yves Le Borgn’)
Pierre-Yves Le Borgn’ (Copyright: privat)

Pierre-Yves Le Borgn‘ war von 2012 bis 2017 Abgeordneter für die im Ausland lebenden Franzosen und Vorsitzender der deutsch-französischen Parlamentariergruppe in der Nationalversammlung. Er war Berichterstatter für das Gesetz zur Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens und gehörte dem Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten sowie der Parlamentarischen Versammlung des Europarats an, wo er Berichterstatter für die Umsetzung der Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte war. Heute arbeitet er in einem kleinen französischen Unternehmen im Bereich der Energiewende und ist weiterhin als Redakteur und Lehrer tätig. Pierre-Yves Le Borgn‘ hat einen Abschluss in Rechtswissenschaften, ein Diplom des Institut d’études politiques in Paris und einen LLM des Europakollegs in Brügge.

 

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