Mario Adorf:
In Deutschland und Frankreich zuhause

Mario Adorf ist am 8. April im Alter von 95 Jahren in Paris gestorben. Unser Autor, der ihn persönlich kennengelernt hatte, blickt auf Adorfs besondere Beziehung zu Frankreich und sein Leben zwischen den Kulturen.
Mario Adorf war in Deutschland und Frankreich zuhause. Seine Frau Monique kam aus St. Tropez. Dort lebten sie viele Jahre. Er lernte sie über die Bardot kennen, deren Freundin Monique war. Er, in Deutschland schon ein Star, machte die Erfahrung, dass er in Frankreich, in St. Tropez, der „Mann von Monique“ war. Zu Beginn jedenfalls.
Schon vor den Winnetou-Filmen in den sechziger Jahren war er 1957 in der Rolle des naiv-brutalen Serienmörders Bruno Lüdke in Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“ aufgefallen. Populäre Breitenwirkung erzielte er danach als Bösewicht Santer, der Winnetous Schwester Nscho-Tschi erschoss. Er zeigte den Gangster als brutalen, kalten und skrupellos handelnden Menschen. Als einen Mann ohne Moral. Die sanfte, idealisierte Nscho-Tschi wurde von der Französin Marie Versini gespielt, die gerade über die Gegensätzlichkeit ihrer Rolle die Todesszene so prägend machte. Hier der brutale Bösewicht, da das reine, empathische Opfer.
Der Mann aus der Eifel
Schon die frühen Filme von Adorf haben mich auf seinen europäischen Lebensweg aufmerksam gemacht. In Zürich geboren, mit alleinerziehender Mutter in Mayen in der Eifel in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, teils im katholischen Waisenhaus. Der Vater ein italienischer Chirurg in Zürich, der anderweitig verheiratet war und den die Mutter noch während der Schwangerschaft verließ. Wie sehr Adorf von Italien fasziniert war, das wurde oft beschrieben. Auch, dass er sich mit dem Herkunftsland seines Vaters stark identifizierte. Äußerlich mit seinem lateinischen Aussehen kein Problem. Innerlich jedoch habe er, so die FAZ, seinen Drang nach „Italien als etwas sehr Deutsches“ ausgemacht. Er hat in Talkshows immer wieder bekundet, wie sehr ihn die Region seiner Jugend geprägt hat. Ist es klischeehaft festzustellen, dass es gerade der Kontrast zur Französin Marie Versini war, der sein Profil besonders schärfte? Die tiefe Stimme, der schwere Gang, die geringe Eleganz: der Mensch Adorf blieb für mich immer mit dem Bild eines Menschen aus der Eifel verbunden.
Zwischen Werkhalle und Weltbühne
Schule, Abi, ein paar Semester an der Uni Mainz. Mein Kollege Jürgen Breier hörte ihn in einem Fernsehgespräch sagen, dass er nicht nur ein Schauspieler, Schöngeist und Autor sei, sondern auch hart anpacken könne. So hätte er während seiner Studentenzeit für den Lebensunterhalt als Betonmischer und Eisenbieger Anfang der 50er Jahre auf den Werkshallen von SCHOTT gearbeitet.

Wir beschlossen, ihn zum 50-jährigen Jubiläum des Unternehmens und zur 250-Millionsten Produktion des Fernsehglases nach Mainz einzuladen. Er kam und brachte Glanz in die Hütte. Die Verbindung blieb bestehen. Auch für seine Abschiedstournee kam er wieder in Mainz vorbei. Feierstunden folgten.
Er hatte viel zu erzählen, große Geschichten, kleine Anekdoten, die er veröffentlichte. Rom, St. Tropez, München, Paris. Er spielte viele Rollen, mit denen er sich nicht identifizierte, wie er sagte, sondern die er spielte. Er folgte Brecht. Ein Profi.
Zwischen Monique und Gabin
Für mich war seine Beziehung zu Frankreich von größerer Bedeutung als die nach Italien. Und dies nicht nur wegen seiner französischen Frau Monique. Überraschend wenige gemeinsame Filmauftritte gibt es mit französischen Stars. Die einzige Kooperation ist Die Abenteurer (Les Aventuriers) mit Alain Delon.

Dennoch suchte ich nach einem französischen Schauspieler, der in Wirkung auf Publikum und Gesellschaft mit Adorf vergleichbar wäre. Ich hatte gehört, er erinnere in seiner Wirkung auf das Publikum in Deutschland an Jean Gabin, jenen französischen Weltstar, der als Vater der Nation, als „Père de la Nation“, betrachtet wurde. Das war Adorf für Deutschland nicht, aber wie Gabin blieb er in seiner Wirkung auf das Publikum jahrzehntelang präsent, nicht nur im Kino, sondern in der Breite der Bevölkerung, bei Jung und Alt.
Zwei Karrieren, zwei Prägungen
Mein eigener deutsch-französischer Lebensweg ließ mich beim Nachdenken über Adorf nach einem französischen Schauspieler suchen, dessen Beliebtheit in Frankreich mit der des Mario Adorf in Deutschland verglichen werden konnte. Lino Ventura kam mir allen offenkundigen Unterschieden zum Trotz in den Sinn. Sie spielten unterschiedliche Charaktere, waren unterschiedliche Menschen.

Auch war Ventura elf Jahre älter in einer dichten Zeit, in der dieser Unterschied eine große Rolle spielte. Beide waren jedoch Grenzgänger, deren persönliche Lebenswege von ihrer doppelten Herkunft vergleichbar waren. Hier mit Adorf ein Deutsch-Italiener, da ein Italo-Franzose, beide in schwierigsten Verhältnissen aufgewachsen. Charaktere, die sich durchsetzen, zwei Männer, die wussten, was sie taten. Die emotionale Verschlossenheit der Filmfiguren von Ventura machten ihn für mich weniger bedrohlich als das moralisch Komplexe der Figuren von Adorf. Adorf zeigte Brüche, Ventura Kante.
Zwei Biografien im Schatten des Krieges
In seiner Jugend war Adorf, Jahrgang 1930, Mitglied der Hitlerjugend. Nicht aus Überzeugung, eher aus allgemeinem gesellschaftlichem Zwang heraus, dem er sich kaum entziehen konnte. Er sprach offen darüber, entschuldigte nichts, wies immer wieder auf die Erfahrung von Angst und Gewalt hin, die er in jungen Jahren zu machen gezwungen war. Im letzten Kriegsjahr wurde er zum Volkssturm einberufen. Diese Zeit thematisierte er später und machte deutlich, wie gefährlich es wird, wenn Menschen aufhören zu zweifeln.

Der 1919 geborene Ventura, der als italienischer Staatsbürger zunächst zur Armee einberufen wurde, desertierte 1943, um nicht gegen seine französische Wahlheimat kämpfen zu müssen. Er überlebte die letzten zwei Kriegsjahre in einer Scheune in Baracé in Westfrankreich. Auch er sprach von Angst und Stillhalten in dieser Zeit. Man beschrieb ihn als den großen Schweigenden auf der Leinwand, aber auch gesellschaftlich. Privat sozial für eine Stiftung (Perce-Neige) engagiert, die sich um geistig behinderte Kinder kümmerte.
Monique und Odette – zwei Lebenslinien
Monique Faye kannte Mario Adorf schon viele Jahre, bevor sie ihn 1985 heiratete. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine große Karriere hinter sich. Sie war seine „große Liebe“ und engste Vertraute. Sie brachte – wie er selbst sagte – Freude in sein Leben, ergänzte seinen Charakter und war sein wichtigster emotionaler Rückhalt. Odette Lecomte wiederum war Lino Ventura große Jugendliebe und spielte in seinem Leben eine zentrale, beständige Rolle. Sie heirateten 1942, vier Kinder. Im Umgang mit der Öffentlichkeit unterschieden sich die beiden Schauspieler sehr. Ventura mied sie. Kaum Interviews, kein Starkult, Ablehnung von Preisen. Adorf nutzte sie.
Es war ein Glück, Mario Adorf kennenzulernen. Bei SCHOTT schenkte er uns seine Zeit. Ein toller Schauspieler und ein großartiger Mensch.
Der Autor

Nach seiner Tätigkeit für die Europäische Kommission in Brüssel wechselte Klaus Bernhard Hofmann als Sprecher des Wirtschaftsministeriums in die thüringische Landeshauptstadt Erfurt. Ab 2000 war Hofmann Unternehmenssprecher und Leiter Corporate Public Relations/Public Affairs der Schott AG und von 2006–2010 Geschäftsführer der Schott Jenaer Glas GmbH. Für Schott war er zudem Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW) in Berlin und der European Renewable Energies Federation (EREF) in Brüssel. 2011 gehörte Hofmann als Mitglied zum Kompetenzteam von Julia Klöckner. Seit 2014 ist er Geschäftsführer Kommunikation des VAA Führungskräfte Chemie.
