Grasse:
Die Stadt, die duftet

Grasse, Welthauptstadt des Parfums, erfindet sich neu – ohne seine Seele zu verlieren.
Im Mai hört Grasse auf, eine Stadt zu sein. Über Nacht verwandelt sich die Altstadt in ein duftendes Freiluftmuseum: 25.000 Schnittrosen schmücken Brunnen, Plätze und Gassen, Atomiseure sprühen Jasmin-Essenz in die Luft, und pinke Regenschirme spannen sich wie ein flirrendes Dach über die Kopfsteinpflastergassen. Drei Tage lang gastiert dann die beliebte Publikumsmesse ExpoRose in der ältesten Parfumstadt der Welt und zeigt, wie die Stadt ihr historisches Erbe nutzt, um moderne Erlebnisse zu schaffen
Vom Handschuh zum Flakon
Wer verstehen will, warum Grasse zur Stadt der Düfte aufstieg, muss ins 16. Jahrhundert reisen. Die Stadt war damals kein Parfumzentrum, sondern eine Hochburg der Lederverarbeitung. Feines Handschuhleder aus Grasse trug der Adel in ganz Europa – doch das Problem lag auf der Hand, buchstäblich: Gegerbtes Leder stinkt. Die Lösung war genial. Die Handschuhmacher begannen, ihre Lederware mit Extrakten aus Orangenblüten, Lavendel und Rosen zu parfümieren. Als Katharina von Medici, leidenschaftliche Adeptin des Parfums, solche Handschuhe in Mode brachte, war der Aufstieg von Grasse besiegelt.

Der Beruf des Parfümeurs etablierte sich, das Hinterland füllte sich mit Blumenfeldern. Im 19. Jahrhundert wurde das Handwerk industrialisiert. Um 1900 lieferten allein die Jasmin-Ernten bis zu 1.800 Tonnen im Jahr. Die Hügel rund um Grasse leuchteten rosa und weiß, der Wind trug Süße in jede Gasse. Heute existieren die Felder noch – aber in stark reduzierter Form. Was geblieben ist, erzählt trotzdem von Größe: Auf der Domaine de Manon in Plascassier pflückt Carole Biancalana und ihr Team die Jasmin- und Rosenblüten noch immer von Hand – exklusiv für Dior. Chanel unterhält seit fast einem Jahrhundert seine eigenen Mairosenpflanzungen. Was in den Feldern von Grasse wächst, ist mehr als ein Rohstoff. Es ist Geschichte, die blüht.
Das immaterielle Erbe einer materiellen Welt
Im November 2018 wurde dies offiziell bestätigt: Die UNESCO nahm das Know-how der Parfümerie im Pays de Grasse in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Drei Aspekte überzeugten das Komitee bei seiner Tagung in Port-Louis auf Mauritius: die Züchtung der Duftpflanzen, das Wissen um die Verarbeitung der Rohstoffe und die Kunst, einen Duft zu komponieren. Für Grasse war das mehr als eine Ehrung – es war ein Schutzschild.
Denn die Konkurrenz schläft nicht. Seit Jahrzehnten kämpfen die Firmen in Grasse gegen billige produzierende Standorte und synthetische Alternativen. Rund 4.000 synthetische Duftstoffe stehen heute neben etwa 400 natürlichen Rohstoffen. Les Nez, die berühmten Nasen der Parfümhäuser, müssten beide Welten beherrschen. Was Grasse rettet, ist seine Einzigartigkeit: Hier liegt das Terroir der Rose Centifolia. Diese empfindliche Mairose blüht weltweit nur hier, nur kurz und früh am Morgen. Ihre flüchtige Duftwolke ist der Rohstoff für legendäre französische Düfte – und steckt in jedem Flakon Chanel N°5.

70 Unternehmen der Duft- und Aroma-Branche sitzen in Grasse und beschäftigen etwa 5.000 Menschen. Jedes Jahr übersteigt der Umsatz 700 Millionen Euro im Jahr, mehr als 60 % davon steuert der Export bei. Zwei Drittel des gesamten französischen Branchenumsatzes stammen aus dem Pays de Grasse. Seine 50.000 Einwohner-Stadt regiert einen Weltmarkt.
Die Altstadt als Bühne
Grasse liegt im Hinterland von Cannes an der Côte d’Azur, auf einem Hügel zwischen den Alpen und der Küste. Seine Fassaden leuchten im Sonnengelb und Ockerrot der Provence. Seine Altstadt hängt am Hang als ein Labyrinth aus engen Gassen, dunklen Torbogen und kleinen Plätzen voller Flair. Auf der Place aux Aires findet jeden Samstag ein bunter Wochenmarkt statt. Hier kaufen die Grassois ihr Gemüse, sitzen die Alten auf Bänken und mischt sich das Provenzalische ins Französische.

Am Rand der Altstadt, wo die Départementsstraße D 4 in engen Schleifen den Hang hinaufkurvt, lädt das Musée International de la Parfumerie – kurz MIP – zu einer Zeitreise von der Römerzeit bis ins 21. Jahrhundert ein. Das Museum, 1989 gegründet und 2008 vollständig renoviert, besitzt eine der weltweit einzigartigen Sammlungen von 50.000 Objekten aus der Welt des Duftes. Im vierten und fünften Stock macht ein kleiner Garten den Besuch der Ausstellung mit seinen blühenden Orangenbäumen, mit Rosen, Lavendel, Geranien, Jasmin und Ginster zu einem Erlebnis für alle Sinne.

Die drei großen Parfumhäuser der Stadt – Galimard, gegründet 1747, Molinard seit 1849 und Fragonard seit 1926 – öffnen ihre Fabriken für Besucher. In allen drei Häusern können Neugiere hands-on das Handwerk kennenlernen: Destillation, Enfleurage, Mazeration – und das Mischen von Kopf-, Herz- und Basisnoten an der Duftorgel, die 127 Grundstoffe bereithält. Am Ende des Blitzkurses zur Parfümherstellung steht ein Flakon mit dem eigenen Namen. Galimard bewahrt die selbst komponierte, persönliche Formel im Archiv – für alle Zeit.
Das Festival als Wandel in Aktion
Parfümworkshops gehören auch zum Festival ExpoRose, das Grasse erstmals 1971 ausrichtete. Was einst als bescheidenes Blumenfest begann, ist heute ein mehrtägiges Spektakel für alle Sinne in der gesamten Stadt. Die Villa-Musée Fragonard wird zur Bühne, der Cours Honoré Cresp zum Rosenmarkt, die Brunnen der Altstadt erblühen als Blumenskulpturen. 8.500 Rosensträuße, 13.000 Rosenstöcke und 25.000 Schnittrosen verwandeln Grasse in ein duftendes Gemälde, das man durchlaufen kann.

Über den Gassen hängen in jedem Jahr Tausende pinker Regenschirme, die achteckige Schattenmuster auf das Pflaster werfen. Atomiseure sprühen in der Altstadt allerorten Rosenessenz in die Luft – zusätzlich zum Duft der Blumen. Mit Expo Rose inszeniert Grasse im Hochfrühling einen solchen Rausch der Düfte, Farben und Aromen, dass die Veranstaltung alljährlich ausverkauft ist.
Doch auch außerhalb der Publikumsmesse inszeniert sich Grasse als Kapitale des guten Duftes. Im Sommer lädt die Stadt zur Sieste Parfumée, stellt Liegestühle auf den Plätzen, stellt Atomiseure, die Jasmin und Lavendel verströmen und lockt mit Eiskrem in den Aromen seiner Duftpflanzen.
Rückkehr der Riesen — die neue Industrie
Wie wichtig Grasse als Welthauptstadt des Parfüms noch heute ist, zeigt eine Schlagzeile vom Februar 2026. Damals verkündete Givaudan, der weltgrößte Parfum- und Aromenkonzern mit einem Umsatz von 7,4 Milliarden Schweizer Franken, in einer Pressemitteilung, er sei nach Grasse zurückgekehrt. Das Schweizer Unternehmen hatte die Stadt in den 1990er-Jahren verlassen.

Nun investiert es 55 Millionen Schweizer Franken – gut 60 Millionen Euro – in den Campus 52, ein Exzellenzzentrum für natürliche Duftstoffe auf dem Gelände der ehemaligen Biolandes-Fabrik an der Route de Plascassier. Das Areal liegt seit 2006 brach. Der Bau startet im Juni 2026, die Eröffnung ist für das erste Quartal 2028 geplant. Was entsteht, ist kein gewöhnliches Fabrikgebäude. Campus 52 – benannt nach seiner Adresse, 52, route de Plascassier – wird Produktion, Innovation und Forschung unter einem Dach vereinen, umgeben von Gärten, die das Prinzip from field to fragrance verkörpern. In den Bau integriert Architekt Didier Becchetti historische Gebäude aus den 1920er-Jahren und macht den Industrieschornsteins zum Wahrzeichen.
Givaudan ist kein Einzelfall. Grasse hat wieder an Zugkraft gewonnen – auch weil Konsumenten weltweit wieder mehr Natürlichkeit fordern. Was aus Grasse stammt, trägt ein immaterielles Gütesiegel: das UNESCO-Erbe und ein Jahrhunderte altes Handwerk.
Die Stadt, die Süskind roch
Die Geschichte der Parfümstadt Grasse hat auch die Künstler inspiriert. Patrick Süskind hat in seinem 1985 erschienenen Roman Grasse literarisch verewigt. Sein Bestseller „Das Parfüm“ erzählt von Jean-Baptiste Grenouille, einem Mörder mit der Nase eines Genius, der im 18. Jahrhundert in Grasse das ultimative Parfum erschafft.

Der Roman galt lange als „unverfilmbar“, vor allem wegen seiner starken Fokussierung auf Gerüche. Produzent Bernd Eichinger erkannte jedoch das Potenzial, sicherte sich früh die Rechte und beauftragte Tom Tykwer, der ihn den Gassen von Grasse, Barcelona und Girona verfilmte. In den Hauptrollen brillierten Ben Whishaw als Jean-Baptiste Grenouille und Dustin Hoffman als Giuseppe Baldini.
Doch die Stadt ist kein Museum. Das ist der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Städten, die ihr Erbe verwalten, statt neu zu gestalten. In Grasse ist die Tradition lebendig, weil sie sich weiterentwickelt: Die Parfumhäuser forschen, die Bauern experimentieren, die Stadt baut Exzellenzzentren auf Brachland. Die Publikumsmesse ExpoRose zeigt, wie Erbe zur Gegenwart wird – durch Kunst, Duft, Begegnung und Genuss.
Die Autorin

Hilke Maunder, 1961 in Hamburg geboren, kam nach ihrem Anglistikstudium und Volontariat 1989 als Redakteurin zu den Lübecker Nachrichten in Mecklenburg, ging als Korrespondentin nach China, Vietnam, in Baltikum und Australien und berichtet seit 2010 aus Frankreich. 2014 wurde sie für ihre Arbeit und ihren Blog „Mein Frankreich“ mit der Médaille de Tourisme ausgezeichnet, 2023 mit dem Gutedelpreis.
