SPD & PS:
Was ist aus den Arbeitern geworden?

Die SPD und die PS verlieren zunehmend an Rückhalt – auch in ihrer traditionellen Wählerschaft. Abwanderung oder struktureller Wandel? Simon Franzmann und Gérard Grunberg gehen der Frage nach.
Simon Franzmann: Nicht Abwanderung, sondern Erosion
Es scheint so einfach: Die SPD verliert, die AfD gewinnt – besonders unter Arbeitern. In den ehemaligen Hochburgen der SPD finden sich heute oft Hochburgen der AfD, vor allem in industriell geprägten Regionen und Stadtvierteln. Naheliegend wäre daher die Annahme, dass die Wähler direkt von der SPD zur AfD wechseln. Doch dieser Eindruck täuscht: Die AfD gewinnt Arbeiter nicht, weil sie der SPD abgeworben werden, sondern weil es der SPD nicht mehr gelingt, für neue Generationen von Arbeitern attraktiv zu sein.
Diese Entwicklung ist Ergebnis eines langfristigen Strukturwandels von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Sie stellt die SPD seit drei Jahrzehnten vor widersprüchlichen Erwartungen, die es ihr erschweren, für jüngere Produktionsarbeiter wählbar zu sein. Wer früher SPD gewählt hat, tut dies häufig noch heute. Analysen zeigen: Ein direkter Wechsel von der SPD zur AfD findet nur in begrenztem Umfang statt, auch wenn die AfD – wie andere rechtsradikale Parteien – unter Produktionsarbeitern überdurchschnittlich viel Unterstützung erhält.

Die SPD hat ihre Unterstützung unter Arbeitern also nicht an einem einzelnen Wahltag verloren. Vielmehr deutet alles auf einen längerfristigen Prozess hin. Die SPD entstand im 19. Jahrhundert als Partei der Industriearbeiterschaft. Heute prägt der Übergang zur Wissensgesellschaft die sozialen Konflikte. Während sich damals eine selbstbewusste Arbeiterklasse formierte, fehlt heute eine vergleichbare gemeinsame Identität derjenigen, die sich von ökonomischen Umbrüchen benachteiligt fühlen. Begriffe wie „Modernisierungsverlierer“ stiften keine politische Bindung. Hier fehlt der SPD weiterhin ein überzeugendes Angebot.

Zugleich steht die SPD seit Jahrzehnten vor einem strukturellen Dilemma. Mit den Reformen der Agenda 2010 entfernte sie sich von Teilen ihrer traditionellen Basis. Zugleich verschob sich ihre Wählerschaft stärker in Richtung öffentlicher Dienst und urbane Mittelschichten. Diese legen größeren Wert auf gesellschaftspolitische Themen, die häufig von den Grünen glaubwürdiger vertreten werden. Die traditionellen Bindungen an Industrie und Gewerkschaften hingegen sind schwächer geworden. Die SPD ist damit zwischen unterschiedlichen Wählererwartungen gefangen. Hinzu kommt ein weiterer Widerspruch: Was im Industriezeitalter als progressiv galt – der Einsatz für Arbeiterrechte –, erscheint heute weniger anschlussfähig. Klimapolitik und Strukturwandel stehen im Vordergrund, klassische Industriepolitik tritt zurück. Damit gerät das sozialdemokratische Selbstverständnis als progressive Kraft unter Druck.
Wer sozialdemokratisch sozialisiert wurde und seinen persönlichen Aufstieg mit der Sozialdemokratie verbindet, bleibt der SPD häufig treu. Entsprechend hoch ist ihr Anteil unter den über 60-Jährigen. Was der SPD jedoch seit Jahrzehnten nicht gelingt, ist es, die nachwachsenden Arbeiter für sich zu gewinnen. Sie verliert ihre Basis weniger durch Abwanderung als durch ausbleibenden Nachwuchs. Diese Entwicklung zeigt sich heute in den Wahlergebnissen – und davon profitiert die AfD, die insbesondere unter Arbeitern mit Themen wie Migration, Schutz vor industriellem Wandel und Zurückhaltung bei der Energiewende Zustimmung erzielt.

Was könnte daran etwas ändern? Ein überzeugendes Angebot für diejenigen, die sich durch die ökonomischen Umwälzungen der digitalen Gesellschaft und der fossilfreien Wirtschaft bedroht fühlen. Es geht um die zentrale sozialdemokratische Frage: Wie lässt sich gesellschaftlicher Wandel sozial gerecht gestalten? Nicht mehr die Abwehr der sozialen Folgen der Industrialisierung steht im Zentrum, sondern der Umgang mit den Risiken der digitalen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft. Gelingt es der SPD, darauf eine Antwort zu finden, kann sie neue Generationen wieder für sich gewinnen. Gelingt es ihr nicht, wird sich der Trend zugunsten der AfD weiter verfestigen.
Gérard Grunberg: Frankreichs Arbeiterklasse im politischen Umbruch
Seit ihrer Gründung im Jahr 1905 war die Sozialistische Partei (PS) – anders als die deutsche Sozialdemokratie – nie eine große Arbeiterpartei, die in der Lage gewesen wäre, eine eigenständige Gegengesellschaft zu bilden. In den 1930er Jahren stand sie in Konkurrenz zum Kommunismus und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg sogar von der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) überflügelt, die zur dominierenden Kraft innerhalb der Arbeiterschaft wurde. Der PCF sowie die von ihm kontrollierte Gewerkschaft Confédération générale du travail (CGT) banden diese soziale Gruppe eng an sich, insbesondere in den großen industriellen Zentren (Stahlindustrie, Bergbau usw.), und prägten dadurch maßgeblich die Arbeiterkultur.

In den 1970er- und 1980er-Jahren wandelten sich die Verhältnisse grundlegend: einerseits infolge der Krise des Kommunismus, andererseits durch die unter François Mitterrand vollzogene Neuausrichtung der PS, die es ihr ermöglichte, auch in der Arbeiterschaft die Oberhand über den PCF zu gewinnen. 1988 stimmten 45 % der Arbeiter für die PS. In der Folge sorgten Enttäuschungen über die sozialistische Politik, Deindustrialisierung und steigende Arbeitslosigkeit für einen abrupten Rückgang der Stimmen in der Arbeiterschaft: Die PS kam in dieser Gruppe nur noch auf 18 %, der PCF fiel auf 9 %. Die parti à la rose entwickelte sich immer mehr zur Partei der städtischen Angestellten- und Mittelschichten, während die Arbeiterklasse, zunehmend räumlich zerstreut und sozial ausdifferenziert, an Homogenität und kollektivem Bewusstsein verlor.
Zudem zeigte bereits eine Studie aus dem Jahr 1970, dass Arbeiter „einheimischer Herkunft“ trotz kommunistischer ideologischer Einbindung weit verbreitete fremdenfeindliche Einstellungen aufwiesen (damals richteten sich diese vor allem gegen Nordafrikaner), nicht zuletzt im Zusammenhang mit wachsender Einwanderung.
Der Bruch eines großen Teils der Arbeiterschaft mit der Linken zeigte sich seit den 1970er-Jahren auch im Aufstieg eines neuen politischen Angebots: des Front National (FN). Mit dem Wegfall der kommunistischen Einbindung fand dessen Rhetorik bei einem wachsenden Teil der Arbeiterschaft Anklang, deren Misstrauen gegenüber den Eliten bereits zuvor zur Entfremdung von der PS beigetragen hatte. In diesem Kontext blieben fremdenfeindliche Einstellungen auf hohem Niveau.
Der FN erzielte ab Ende der 1980er-Jahre zunehmende Wahlerfolge: von 14 % im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 1988 bis zu 25 % im Jahr 2022. Unter der Arbeiterschaft fiel der Anstieg noch deutlicher aus: von 17 % auf 45 %. In der Stichwahl der Präsidentschaftswahl 2017 erhielt die Kandidatin des FN – der ein Jahr später in Rassemblement National (RN) umbenannt wurde – Marine Le Pen 61 % der Arbeiterstimmen. Im ersten Wahlgang derselben Wahl kam der sozialistische Kandidat nur noch auf 6,4 %, während sich gleichzeitig ein neues linkes Angebot etablierte: La France insoumise (LFI), gegründet vom ehemaligen Sozialisten Jean-Luc Mélenchon. Dieser erzielte insgesamt 19,6 % und erreichte unter der Arbeiterschaft 23 %.

Bei der Präsidentschaftswahl 2022 wurde der Niedergang der PS noch deutlicher (ihre Kandidatin erhielt nur 1,7 %), während RN und LFI 23 % bzw. 22 % der Stimmen erzielten. Unter der Arbeiterschaft lagen sie bei 39 % bzw. 25 %. Bei den Parlamentswahlen 2024 kam das linke Bündnis aus Parteien und Grünen im ersten Wahlgang auf 28 % der Stimmen (21 % unter der Arbeiterschaft), während der RN 29 % erreichte (darunter 48 % der Arbeiterstimmen).
Heute erscheint der RN als wichtigste Volkspartei, und die beiden sogenannten „populistischen“ Pole vereinen zusammen die Mehrheit der Arbeiterstimmen. Vor diesem Hintergrund schwächt die Trennung zwischen PS und LFI die Sozialistische Partei weiter. Sie lässt sie ohne tragfähige Bündnisse zurück, was ihre Zukunft weiter unsicher erscheinen lässt. Damit stellt sich die Frage, ob sie überhaupt noch in der Lage sein wird, einen glaubwürdigen Kandidaten für die nächste Präsidentschaftswahl aufzustellen, während zugleich die Möglichkeit eines Sieges des RN-Kandidaten weiterhin besteht.
In unserer Reihe „Die großen Fragen unserer Zeit“ widmen sich Experten aus beiden Ländern den zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit.
Die Autoren

Simon T. Franzmann ist Professor für Demokratieforschung an der Georg-August-Universität Göttingen und Direktor des dortigen Instituts für Demokratieforschung. Er forscht zu Parteienwettbewerb, politischer Kultur und gesellschaftlichen Konfliktlinien. Er ist Co-Leiter des internationalen Manifesto-Projekts und der Forschungs- und Dokumentationsstelle zur Analyse der politischen und religiösen Extremismen in Niedersachsen.

Gérard Grunberg ist emeritierter Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique. Als Politologe hat er sich auf die Untersuchung von Wahlen, politischen Systemen und Parteien spezialisiert. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel veröffentlicht, insbesondere über die Sozialistische Partei und die europäische Sozialdemokratie. Von 1988 bis 1991 war er Mitglied des Kabinetts von Premierminister Michel Rocard. Derzeit ist er Direktor der Website Telos.
