Charles de Villers:
Ein Mittler im Schatten der Geschichte

Charles de Villers: Ein Mittler im Schatten der Geschichte
  • VeröffentlichtMai 15, 2026
Monique Bernard auf der Buchmesse in Scy-Chazelles im September 2024
Monique Bernard auf der Buchmesse in Scy-Chazelles im September 2024 (Copyright: privat)

Charles de Villers war ein bedeutender Vermittler zwischen Frankreich und dem deutschen Kulturraum. Unser Autor zeichnet seine intellektuelle Biografie nach, beleuchtet seine Rezeption und zeigt, warum seine Wiederentdeckung längst überfällig ist.

 

Hand aufs Herz: Wer kennt heute in Deutschland Charles de Villers (1765–1815)? Abgesehen vielleicht von Germanisten und Romanisten, die sich mit der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen beschäftigen, wäre die Antwort eher ernüchternd. Auch in Frankreich ist er kaum bekannt, obwohl sich eine ehemalige Lektorin für französische Sprache an der Universität Göttingen – wo Villers 1811 Professor war – seit Jahren diesem „unbekannten“ Autor widmet.

 

Zeitgenössische Wahrnehmung

Zeitgenossen hingegen nahmen ihn sehr wohl wahr. Germaine de Staël, eine der frühen prägenden Stimmen einer vergleichenden Betrachtung europäischer Literaturen, beschrieb ihn als „die vollkommene Mischung, die Deutschland und Frankreich gemeinsam hervorgebracht haben“, als jemanden, der „den Geist eines Franzosen und die Tiefe eines Deutschen“ vereine.

 

Germaine de Staël. Porträt von Marie Éléonore Godefroid (1813)
Germaine de Staël. Porträt von Marie Éléonore Godefroid (1813) (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Goethe wiederum sah in ihm „eine wichtige Person durch seinen Standpunkt zwischen den Franzosen und Deutschen“ und bezeichnete ihn als „Janus bifrons“, da er „herüber und hinüber sieht“. Villers erscheint damit als eine der seltenen Vermittlerfiguren, die nicht nur zwischen zwei Kulturen stehen, sondern beide aktiv miteinander ins Gespräch bringen.

 

Spurensuche

Nach einem Studium der Germanistik und Romanistik in Frankreich und Deutschland promovierte Monique Bernard an der Universität Montpellier in vergleichender Literaturwissenschaft über de Villers. Ihre Biografie Itinéraire d’un médiateur franco-allemand erschien bereits 2016 (2. Auflage 2018) in Metz bei Éditions des Paraiges. Im Anschluss weitete sie ihre Forschung auf die Familie Villers aus: auf Frédéric, Charles’ Bruder, der nach St. Petersburg auswanderte, sowie auf Alexander Heinrich, Frédérics Sohn, der in Moskau geboren wurde und in der Nähe von Wien starb. In einem 2018 erschienenen Werk bezeichnete sie ihn als „Unbekannten aus Wien“. Gemeinsam mit ihrem Metzer Kollegen Nicolas Brucker veröffentlichte sie zudem in zwei Bänden (2020 und 2024) die bis dahin unbekannte Korrespondenz Charles de Villers’.

 

Cover zweier Bücher über Charles de Villers
Copyright: Monique Bernard

Beharrlichkeit gegen das Vergessen

Man mag sich darüber wundern, dass Villers mehr als zwei Jahrhunderte nach seinem Tod in deutschen Verlagen weiterhin kaum Beachtung findet. Umso bemerkenswerter ist die Beharrlichkeit von Monique Bernard, die sich mit großem Engagement für diesen bedeutenden deutsch-französischen Vermittler einsetzt und dabei die Zurückhaltung der Verlage überwindet, die kulturhistorischen Projekten häufig wirtschaftliche Erwägungen voranstellen. Eine Ausnahme bildet hier kul-ja! publishing in Erfurt.

 

Im Jahr 1811 wurde Villers Professor für Philosophie an der Georgia Augusta in Göttingen. Hier das Göttinger Universitäts- und Bibliotheksgebäude um 1815
Im Jahr 1811 wurde Villers Professor für Philosophie an der Georgia Augusta in Göttingen. Hier das Göttinger Universitäts- und Bibliotheksgebäude um 1815 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Die vorliegende Roman-Biografie korrigiert damit ein erstaunliches Desiderat. Dies gilt umso mehr, als Villers in seiner Zeit durchaus Wirkung entfaltete und im intellektuellen Umfeld von Germaine de Staël eine Rolle spielte. Ihre berühmte Schrift De l’Allemagne (1813) steht in einem Diskurszusammenhang, der ohne die frühen Vermittlungsleistungen von Figuren wie Villers kaum denkbar wäre. Zehn Jahre nach seinem Wirken wurde er zudem in einer Göttinger Zeitung als „intellektueller Vater“ gewürdigt.

 

Von Lothringen nach „Deutschland“

Charles de Villers wurde 1765 in Boulay in Lothringen geboren, einer Region, die zwar seit 1542 zum Einflussbereich des Heiligen Römischen Reiches gehörte, jedoch kurz nach seiner Geburt endgültig von Frankreich annektiert wurde. Er galt zu seiner Zeit als einer der bestinformierten Franzosen über deutsche Literatur, Philosophie, Geschichte und Wissenschaft.

 

Boulay-Moselle liegt im Arrondissement Forbach-Boulay-Moselle, nahe der deutschen Grenze und zählt heute 5.434 Einwohner
Boulay-Moselle liegt im Arrondissement Forbach-Boulay-Moselle, nahe der deutschen Grenze und zählt heute 5.434 Einwohner (Copyright: Wikimedia Commons)

 

In seiner Jugend schrieb er Tragödien in Alexandrinern, versuchte jedoch später, die erstarrten Formen der französischen Literatur zu überwinden und neue Themen einzuführen, die stärker an Geschichte, Sitten und religiöse Vorstellungen seiner Zeit anknüpften. Er selbst beschrieb diesen Wandel als geistige Öffnung: Als Franzose ausgebildet und zunächst ein Bewunderer der eigenen Literatur sei er beim Zugang zur „teutonischen Literatur“ überrascht worden von deren Vielfalt und Tiefe. Da er noch nicht in festen literarischen Formen erstarrt gewesen sei, habe er eine besondere Aufnahmefähigkeit für diese neue geistige Welt besessen.

 

Überfällige Wiederentdeckung eines Vermittlers

Diese Offenheit führte dazu, dass er sich zunehmend von der deutschen Kultur inspirieren ließ. Seine Zeit in Göttingen und seine dortige Ausbildung durch renommierte Professoren verstärkten diesen Prozess. Gleichzeitig führten seine Distanz zu Frankreich und seine oft schwierigen Erfahrungen mit französischen Emigranten dazu, dass er die eigene Kultur zunehmend kritisch betrachtete.

 

In Göttingen erinnert heute eine Tafel an die Jahre, die Charles de Villers dort verbrachte (1811–1815)
In Göttingen erinnert heute eine Tafel an die Jahre, die Charles de Villers dort verbrachte (1811–1815) (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Charles de Villers hätte eine breitere Rezeption im deutschsprachigen Raum verdient. Die Übersetzung der Roman-Biografie durch Karin Becker in enger Zusammenarbeit mit der Autorin leistet hierzu einen wichtigen Beitrag. Auch wenn Villers der französischen Literatur gegenüber kritisch eingestellt war, zeigte er sich der deutschen Kultur gegenüber umso aufgeschlossener und anerkennender.

So bleibt die Frage bestehen: Wer kennt heute in Deutschland Charles de Villers? Die Roman-Biografie von Monique Bernard zeigt eindrucksvoll, dass Villers’ Leben selbst narrative Qualität besitzt – und dass seine Wiederentdeckung längst überfällig ist.

 

Der Autor

Gérard Foussier (Copyright: privat)

Gérard Foussier schloss 1969 sein Germanistikstudium an der Universität seiner Heimatstadt Orléans ab, und entdeckte durch die Städtepartnerschaft mit Münster in Westfalen seine Leidenschaft für die deutsch-französischen Beziehungen. Nach seiner Journalistenausbildung bei den Westfälischen Nachrichten arbeitete er drei Jahrzehnte lang für den deutschen Auslandssender Deutsche Welle – zunächst in Köln, später in Bonn. 2005 wurde er zum Präsidenten des Bureau International de Liaison et de Documentation (B.I.L.D.) gewählt. Dreizehn Jahre lang leitete er die zweisprachige Zeitschrift Dokumente/Documents als Chefredakteur und ist Autor mehrerer Bücher. Sein jüngstes Werk, „Allemanderies“, erschien im Januar 2023. Gérard Foussier besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

 

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