Étretat:
Das Juwel der Alabasterküste

Étretat: Das Juwel der Alabasterküste
  • VeröffentlichtMai 19, 2026
Blick auf die Klippen der Côte d’Albâtre, blaues Meer, blauer Himmel
Blick auf die Klippen der Côte d’Albâtre (Copyright: Hilke Maunder)

Zwischen Himmel, Klippel und Kanal: Wie das Fischerdorf Étretat zur Ikone der Moderne und zum Sehnsuchtsort der Welt wurde.

 

Der Wind kommt vom Meer. Er riecht nach Salz, nach Algen, nach dem weiten Ärmelkanal. Wer auf dem schmalen Pfad über die Falaise d’Aval geht, den zieht es unweigerlich näher an den Rand – immer einen Schritt weiter, noch einen. Dann steht man oben. 75 Meter über den Wellen, und sieht es: das große Felsentor, das die Brandung in Jahrmillionen aus der Kreide herausgewaschen hat. Die Porte d’Aval wölbt sich wie ein Triumphbogen über das Meer. Davor ragt die Aiguille auf, eine 51 Meter hohe Kalknadel, spitz wie ein Zeigefinger. Dieses Duo machte Étretat weltberühmt.

 

Kreide, Feuer, Jahrmillionen

Die Klippen von Étretat entstanden in der Oberkreide. Sie bestehen im Wesentlichen aus weißer, weicher Kreide und aus hartem Feuerstein, deren dunklen Adern die Klippen durchziehen. Zwei Materialien, zwei Härtegrade, ein Ergebnis: Wo die weiche Kreide nachgibt, nagt das Meer weiter. Wo der Feuerstein widersteht, bleibt die Klippe stehen.

 

Im Vordergrund zwei lange, spitze Felsen, im Hintergund das Meer
Wind und Wellen haben faszinierende Felsformationen geschaffen – hier die Falaise d’Aval (Copyright: Hilke Maunder)

 

Die drei markanten Felsbögen Porte d’Amont, Porte d’Aval und Manneporte verdanken ihre Entstehung dem Wogen des Ärmelkanals. Die Falaise d’Aval ist mit 75 Metern die höchste der drei Klippen, die Falaise d’Amont im Nordosten misst 74 Meter. Zwischen ihnen erstreckt sich ein Band großer, glattpolierter Kiesel, die laut gurgeln, wenn die Wellen auf ihnen auslaufen: der Strand von Étretat. Jeder Fischer, der mit seinem Boot hinausgefahren war, musste das Schiff hier heraufziehen. Einen anderen Hafen gestattet die Topografie nicht.

 

Ihr Name, ein Detail der Geologie

Die 120 Kilometer lange Alabasterküste erstreckt sich von Le Havre an der Mündung der Seine nach Nordosten bis hinter Le Tréport an der Grenze zur Region Hauts-de-France. Ihr Name verweist auf ein Detail der Geologie. Die Kreideschichten, die hier freigelegt sind, bestehen aus fast reinem Kalziumkarbonat, das im Licht schimmert wie Perlmutt. Oder Alabaster.

 

Die Klippen von Étretat bei Ebbe, vorne Steine, hinten Wasser und Klippen
Die Klippen von Étretat bei Ebbe (Copyright: Hilke Maunder)

 

Der Manneporte, der dritte und größte Bogen, liegt etwas versteckt westlich der Porte d’Aval. Kein Weg führt direkt hin – man muss bei Ebbe über Geröll und nasse Steine klettern. Der Aufwand lohnt. Der Bogen ist so weit gespannt, dass ein Segelboot darunter hindurchpassieren könnte. Am Fuß des Manneporte öffnet sich eine kreisförmige Bucht namens Petit Port. Ihre grünen Hänge bewässert ein Bach, dessen kaltes Wasser kaskadenartig in die Tiefe stürzt: die Pisseuses.

 

Ein Dorf wird berühmt

Mehr als tausend Jahre lang war Étretat das nichts weiter als ein Fischerdorf – abgelegen, von der Welt vergessen, geprägt von den Jahreszeiten des Meeres. Das änderte sich im 19. Jahrhundert, als ein Schriftsteller kam, das Dorf beschrieb – und es auf die touristische Landkarte hievte. Mit Alphonse Karr hörte Étretat auf, ein Dorf zu sein. „Müsste ich einem Freund das Meer zeigen, so fiele meine Wahl auf Étretat“, hatte der Romancier und Journalist über das beschauliche Fischerdorf geschrieben – und die Handlung seines Romans Le chemin le plus court hier angesiedelt. Seine Leser wurden zu Besuchern und sorgten dafür, dass Étretat ab 1843 zum gefragten Seebad avancierte. Es entstanden Villen, Hotels, Casinos, Badeanlagen, Strandbuden. Prächtige Straßen wurden gebaut, eine Bahnstrecke angelegt. Das Pariser Bürgertum entdeckte die Meeresluft als Medizin.

 

Große Häuser mit Fachwerk
Villen in Étretat (Copyright: Hilke Maunder)

 

Victor Hugo schrieb seiner Tochter Adèle am 10. August 1835: „Was ich von Étretat gesehen habe, ist faszinierend. Die Klippe wird immer wieder von großen natürlichen Bögen durchbrochen, unter denen die Wogen des Meeres bei Flut hindurchschlagen. Das ist die gigantischste Architektur der Welt.“ Der Komponist Jacques Offenbach ließ sich so begeistern, dass er sich in Étretat in der Villa Orphée niederließ.

 

Die Klippen in Öl

Kein Ort hat die Entstehung des Impressionismus stärker geprägt als dieser. Étretat spielte eine bedeutende Rolle bei der Entstehung einer neuen Malerei, die Claude Monet im nahen Le Havre mit seinem morgendlichen Hafenbild Impression du soleil levant frisch begründet hatte. Das Interesse der Künstler galt vor allem der charakteristischen Klippenlandschaft, die als aufregend schön und bedrohlich zugleich wahrgenommen wurde.

 

Gemälde von Claude Monet mit dem Titel "Impression, soleil levant". Gemalt sind das Meer mit einigen Fischerboten, am Himmel die untergehende Sonne, im Stil des Impressionismus
Impression, soleil levant. Das Bild, das Claude Monet 1872 malte, gab der Stilrichtung Impressionismus ihren Namen (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Gustave Courbet kam 1869. Er richtete sich ein Atelier direkt am Strand ein und malte — zunächst im Sturm, dann im Nachklang des Sturms, dann in der Stille. Eine große, schäumende Welle im Moment des Brechens an der Küste: Courbet schuf hier angeblich während eines tosenden Sturms in Étretat erste Versionen seiner wohl berühmtesten Meeresbilder. Es entstanden rund 20 Gemälde, die Zeitgenossen verblüfften. Keine Erzählung, keine Menschen, keine Moral — nur Wasser, Kreide, Licht. Courbet bannte die elementare Wucht der Brandung in seine berühmten Wellenbilder.

 

Gemälde "La Falaise d'Étretat après l'orage" von Gustave Courbet. Gemalt sind die Klippen von Étretat
La Falaise d’Étretat après l’orage von Gustave Courbet (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Claude Monet ging weiter. Er kletterte auf die Felsen, suchte neue Winkel, riskierte dabei nicht selten den Absturz. Einmal wäre er beinahe von einer Welle weggespült worden. Die Energie des Ortes war es, die ihn trieb – und das Licht, das sich mit jedem Zug einer Wolke verändert. Die drei monumentalen Felsentore – Porte d’Aval, Porte d’Amont und Manneporte – wurden für ihn nicht nur Motive, sondern Versuchsanordnungen des Sehens. Unter dem Eindruck ständig wechselnder Licht- und Wetterverhältnisse begann Monet, ein und dieselbe Ansicht in Serien zu erforschen. Monet allein hat rund 80 Bilder dieser Landschaft gemalt.

Wie Claude Monet hielt auch Gustave Courbet immer wieder die Klippen und ihr Felsentor in Öl fest. Von Eugène Delacroix bis Henri Matisse, von Johan Barthold Jongkind bis Eugène Boudin: Étretat wurde zur Kulisse einer ganzen Epoche. Das Frankfurter Städel Museum widmet dem Phänomen seit dem 19. März 2026 eine große Ausstellung unter dem Titel „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ – mit 170 Werken aus internationalen Sammlungen, darunter allein 24 Arbeiten Monets, zu sehen bis zum 5. Juli 2026.

 

Der legendäre Schatz

Guy de Maupassant kannte Étretat von Kindesbeinen. 1850 im Château de Miromesnil südöstlich von Dieppe geboren und damit nur einen Steinwurf entfernt von der Côte d‘Albâtre, verbrachte Maupassant die Sommerzeit bei seiner Mutter in Étretat. Er schwamm im Meer, beobachtete die Klippen und beschrieb das Felsentor der Porte d’Aval mit einem Satz, der bis heute im Volksmund tief verankert ist und die Fantasie jedes Besuchers anregt: „Wie ein riesiger Elefant, der aus dem Meer trinkt.“

 

Schwarz-weißes Foto von drei Menschen vor einer Hecke, 19. Jahrhundert
Guy de Maupassant (stehend rechts) mit Freunden in Villa La Guillette, Étretat, Juli 1888 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Maurice Leblanc zog 1906 in eine Villa an der Rue Guy de Maupassant. Dort schuf er Arsène Lupin – den Gentleman-Einbrecher, der seither untrennbar mit Étretat verbunden ist. Im Roman L’Aiguille Creuse von 1909 ist die Kalknadel vor der Porte d’Aval hohl: In ihr hat der König von Frankreich einst seinen Schatz versteckt, den nur Lupin zu finden weiß. Schwindelerregend führt heute eine kleine Brücke zum Küstenpfad zu einem Nadelspitzen-Duo der Falaise d‘Aval und lädt ein, selbst einmal zuschauen. Doch bis heute hat niemand diesen Schatz gefunden.

 

Eine Kapelle über dem Meer

Kaum weniger berühmt als die Porte d’Aval ist die Porte d’Amont, die nordöstliche Klippe von Étretat. Seit mehr als 125 Jahren bekrönt sie die Chapelle Notre-Dame-de-la-Garde. Der Ortspfarrer von Étretat, Père Michel, hatte im Jahr 1854 seine Schäfchen von der Kanzel herab aufgefordert, für die auf See verschollenen Seeleute eine Kapelle zu errichten und sie der Heiligen Jungfrau zu weihen, damit sie ihre schützende Hand über die Seeleute halte.

 

Weg mit Treppen einen Berg hinauf, zwei Menschen gehen die Treppe hinunter, am Gipfel steht eine Kapelle
Die Kapelle von Étretat hoch oben auf der Klippe (Copyright: Hilke Maunder)

 

Mit den bloßen Händen packten die Einwohner von Étretat den Bau an, schleppten Stein und Stein den schweren Granit zu Fuß den hohen Hang hinauf und weihten am 6. August 1856 die kleine Klippenkirche. Finanziert wurde der Bau von den Einnahmen aus dem aufkeimenden Tourismus. Als deutsche Besatzungstruppen sie 1942 zerstörten, bauten Architekt Arthur Giraudet aus Rouen sie im Stil der Neogotik wieder auf – mit Naturstein und einem Dach aus Schiefer, dass an einen umgedrehten Schiffsrumpf erinnert. Wasserspeier, die Fischköpfen ähneln, leiten den Regen ab. Étretat war vor seiner Entdeckung nicht nur ein Fischerort, sondern vor allem auch ein berüchtigtes Schmugglernest. Um den Handel mit illegal importierten Waren aus England zu unterbinden, wurden dicht am Klippenrand die chemins des douaniers angelegt. Diese alten Zöllnerpfade bilden heute das Rückgrat der Grande Randonnée 21, einer rot-weiß markierten Fernwanderstrecke entlang der gesamten Alabasterküste, die sportlicher und fordernder ist, als es zunächst aussehen mag. Beständig geht es auf und ab, und sobald es nur ein wenig feucht ist, sind die Pfade äußerst rutschig.

 

Gefährdetes Erbe

Rund 1,5 Millionen Menschen besuchen Étretat jedes Jahr. Der Preis der Popularität ist bekannt: Staus im Sommer, überfüllte Parkplätze, überlaufene Pfade. Der kleine Ort leidet massiv unter dem Verkehr der Ausflügler. Die Antwort heißt Opération Grand Site Falaises d’Étretat – Côte d’Albâtre. 13 Gemeinden – von Saint-Jouin-Bruneval im Norden bis Fécamp im Süden – bewerben sich gemeinsam um den staatlichen Titel Grand Site de France. Der Antrag soll im ersten Halbjahr 2026 eingereicht werden, eine Entscheidung wird frühestens 2027 erwartet. Ziel ist nachhaltiger Tourismus, bessere Besucherlenkung, Renaturierung der Klippen – und Entlastung eines Ortes, der bereits jetzt unter dem Andrang leidet.

 

Graue Köpfe als Skulpturen in Büschen
In den Jardins d’Étretat (Copyright: Hilke Maunder)

 

Der Klimawandel beschleunigt das, was die Brandung ohnehin täte: Die Kreide weicht. Die Klippen schrumpfen. Étretat verliert – langsam, aber stetig – seine Gestalt. Ohne Gegenmaßnahmen, warnen Experten, könnte die Aiguille d’Étretat in 50 bis 100 Jahren vollständig verschwunden sein. Die Kalknadel, die Lupin unsterblich machte, Monet faszinierte, Maupassant mit dem Elefantenrüssel verglich. Noch steht sie. Noch.

 

Die Autorin

Hilke Maunder
Hilke Maunder (Copyright: Lara Maunder)

Hilke Maunder, 1961 in Hamburg geboren, kam nach ihrem Anglistikstudium und Volontariat 1989 als Redakteurin zu den Lübecker Nachrichten in Mecklenburg, ging als Korrespondentin nach China, Vietnam, in Baltikum und Australien und berichtet seit 2010 aus Frankreich. 2014 wurde sie für ihre Arbeit und ihren Blog „Mein Frankreich“ mit der Médaille de Tourisme ausgezeichnet, 2023 mit dem Gutedelpreis.

 

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