Adenauer & Frankreich:
Kein Selbstläufer, sondern harte Arbeit

Adenauer & Frankreich: Kein Selbstläufer, sondern harte Arbeit
  • VeröffentlichtMai 21, 2026
Konrad Adenauer besucht Charles de Gaulle in Paris, 7. März 1962 (Copyright: Alamy)
Konrad Adenauer besucht Charles de Gaulle in Paris, 7. März 1962 (Copyright: Alamy)

Für Konrad Adenauer war die deutsch-französische Aussöhnung ein politischer Kraftakt. Friedrich Kießling zeigt, wie sehr Emotionen, Konflikte und strategische Interessen sein Verhältnis zu Frankreich prägten – von der Zwischenkriegszeit bis zum Élysée-Vertrag.

 

 

Entgegen dem äußeren Anschein, der ihn häufig als steif, fast hölzern erscheinen ließ, war der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer ein sehr emotionaler Mensch. Zu sehen war das zum Beispiel im August 1945 nach einem Gespräch mit einem Abgesandten des französischen Militärgouverneurs im Rheinland, bei dem es um eine zukünftige deutsch-französische Zusammenarbeit gegangen war. Adenauer, so notierte ein enger Vertrauter, sei ganz begeistert gewesen. Er habe „noch nie in seinem Leben von einem Franzosen eine derart klare und aufrichtige Stellungnahme zu dem schwerwiegenden Problem der deutsch-französischen Beziehungen gehört“. Ganz anders war seine Stimmung im September 1958, nur wenige Tage nach dem grundsätzlich so gut verlaufenen ersten Treffen mit Charles de Gaulle auf dessen Landsitz in Colombey-les-Deux-Églises. Denn kaum zurück in Bonn, musste der Kanzler erfahren, dass der damalige französische Ministerpräsident in einem Memorandum Großbritannien und den USA eine Art Dreierdirektorium für die NATO vorgeschlagen hatte – natürlich ohne die Bundesrepublik. Bei ihrem Treffen kurz zuvor hatte de Gaulle die Initiative mit keinem Wort erwähnt. Hatte er zuvor auf seine Umgebung angesichts des gelungenen Austausches heiter, fast glücklich gewirkt, war er nun geschockt und tief verärgert.

 

Frankreich als Konstante

 

Wenn in diesen Monaten an den vor 150 Jahren geborenen ersten Kanzler der Bonner Republik erinnert wird, ist fast immer viel von den deutsch-französischen Beziehungen die Rede. Und in der Tat spielte der westliche Nachbar für den am 5. Januar 1876 in Köln und damit vergleichsweise nah an der französischen Grenze geborenen Adenauer eine besondere Rolle. Im Gedächtnis geblieben sind vor allem die großen Treffen mit dem französischen Präsidenten, von denen der Besuch von 1958 nur das erste war.

In La Boisserie empfing Charles de Gaulle Konrad Adenauer am 14. September 1958 (Copyright: Wikimedia Commons)
In La Boisserie empfing Charles de Gaulle Konrad Adenauer am 14. September 1958 (Copyright: Wikimedia Commons)

Doch Adenauers starker Bezug zu Frankreich beschränkte sich keineswegs auf die Jahre seiner Kanzlerschaft und nicht immer ging es dabei so harmonisch zu, wie es bei den großen internationalen Auftritten zumindest nach außen meist der Fall war.

 

Erbfeindschaft als Zeitdiagnose

 

Über Adenauers frühes Bild von Frankreich lässt sich dabei nur spekulieren. Als Sohn eines preußischen Berufssoldaten, der im deutsch-französischen Krieg 1870/71 noch einmal reaktiviert worden war und der dann als mittlerer Justizbeamter am königlich-preußischen Appellationsgerichtshof in Köln seinen Dienst versah, wird er viele nationale Einstellungen seiner Zeit geteilt haben. Auch das rheinisch-katholische Köln war im späteren Kaiserreich längst zu einer Stadt geworden, die ihren Frieden mit dem preußisch-protestantisch geprägten Hohenzollernstaat gemacht hatte – den zeittypischen Nationalismus eingeschlossen.

Die Biografie Konrad Adenauers erschien im Oktober 2025 und wurde inzwischen breit rezipiert. (Copyright: VTV)
Die Biografie Konrad Adenauers erschien im Oktober 2025 und wurde inzwischen breit rezipiert. (Copyright: VTV)

Dass Adenauer in seiner ersten großen außenpolitischen Rede im Februar 1919 von Deutschland und Frankreich als „Erbfeinden“ sprach, kann deswegen kaum überraschen. Anlass war eine Versammlung rheinischer Politiker, in der es um die Gründung eines deutschen „Weststaates“ ging. Der Kölner Oberbürgermeister Adenauer sprach sich für einen solchen Staat aus, vor allem, wie er sagte, um den Ansprüchen der westlichen „Gegner“ sowie der „Gefahr der Verwelschung“ durch französische Kulturpropaganda etwas entgegensetzen zu können.

 

Annäherung im Schatten der Besatzungspolitik

 

Im weiteren Verlauf der Weimarer Republik differenzierte sich Adenauers Haltung gegenüber Frankreich allerdings. Immer wieder sprach er jetzt von einer Annäherung an den westlichen Nachbarn. Häufige Kontakte gab es nicht zuletzt zur französischen Militärverwaltung in Koblenz. Dabei ging es wiederum um den zukünftigen Status des Rheinlandes, hin und wieder versuchte Adenauer aber auch, die britische Besatzungsmacht in Köln mit Hilfe seiner französischen Gesprächspartner auszuspielen. Ein durchgängiger deutsch-französischer Aussöhnungspolitiker war Adenauer in der Zwischenkriegszeit aber nicht. Engere Beziehungen nach Westen schienen dem Oberbürgermeister Kölns vor allem deswegen notwendig, weil diese der Wirtschaft seiner Heimatstadt nutzen konnten, die unter den durch die alliierte Besatzung gestörten Verbindungen zum restlichen Reich litt.

Konrad Adenauer und Édouard Herriot auf der Internationalen Presseausstellung in Köln, 1928 (Copyright: Fotograf unbekannt/StBKAH)
Konrad Adenauer und Édouard Herriot auf der Internationalen Presseausstellung in Köln, 1928 (Copyright: Fotograf unbekannt/StBKAH)

Im August 1928 hatte Adenauer anlässlich des Besuchs des französischen Erziehungsministers und zweimaligen Premierministers Édouard Herriot auf der Internationalen Presseausstellung in Köln dennoch einen seiner glanzvollsten Auftritte als Oberbürgermeister überhaupt. In seiner Begrüßungsrede sprach er viel von der notwendigen europäischen Verständigung, vergaß aber ebenso die Forderung nach „Gleichberechtigung aller Völker“ und damit auch Deutschlands nicht.

 

Entscheidung ohne Abstimmung

 

Die Erfahrung von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg änderten die Grundlagen von Adenauers Blick auf Frankreich noch einmal fundamental. Nun entwickelte er sich tatsächlich zu dem Versöhnungspolitiker, als der er bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Konrad Adenauer mit den Außenministern Robert Schuman (Frankreich), Anthony Eden (Großbritannien) und Dean Acheson (Vereinigte Staaten), Bonn, 22. November 1951 (Copyright: Alamy)
Konrad Adenauer mit den Außenministern Robert Schuman (Frankreich), Anthony Eden (Großbritannien) und Dean Acheson (Vereinigte Staaten), Bonn, 22. November 1951 (Copyright: Alamy)

Als der französische Außenminister Robert Schuman 1950 mit dem nach ihm benannten Schuman-Plan an ihn herantrat, zögerte Adenauer entsprechend keinen Augenblick. Schon einen Tag später lag die zustimmende Antwort des Kanzlers vor. Abgesprochen hatte sich Adenauer lediglich mit seinem außenpolitischen Berater Herbert Blankenhorn. Das Kabinett oder auch Bundespräsident Theodor Heuss, mit dem er am Tag seiner Antwort ein politisches Gespräch geführt hatte, ohne Schumans Initiative überhaupt zu erwähnen, wurden nachträglich informiert.

 

Aussöhnung per Kanzlerautorität

 

Auch im weiteren Verlauf seiner Kanzlerschaft ging Adenauer wichtige Schritte zur deutsch-französischen Verständigung bzw. Aussöhnung entschlossen sowie, wenn nötig, mit der Autorität des Kanzlers und gegen seine Fachminister. Gegenüber der überragenden politischen Bedeutung des Verhältnisses zu Frankreich, so hieß es in solchen Fällen, mussten sachliche Bedenken zurückstehen. Dies geschah etwa 1961, als nicht zuletzt deutsch-französische Differenzen den entscheidenden Schritt zu einem gemeinsamen europäischen Agrarmarkt gefährdeten. Ein Jahr später waren es Wirtschaftsminister Ludwig Erhard und Außenamtschef Gerhard Schröder, die im Vorfeld des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages Bedenken erhoben.

Bodenplatte vor der Kathedrale von Reims (Copyright: Wikimedia Commons)
Bodenplatte vor der Kathedrale von Reims (Copyright: Wikimedia Commons)

Ihnen schienen die deutsch-amerikanischen Beziehungen bedroht. Adenauer ging den Weg zum Elysée-Vertrag vom 22. Januar 1963 dennoch weiter. Um seine Nachfolger auf das Abkommen festzulegen, entschied er sich mit dem französischen Präsidenten kurzfristig sogar dazu, aus dem eigentlich angedachten Protokoll einen völkerrechtlich bindenden Vertrag zu machen. Immer misstrauisch gegenüber dem amerikanischen Beistandsversprechen, ging es dem Kanzler letztlich darum, die atlantische Sicherheitsarchitektur durch eine eigenständige europäische Komponente dauerhaft zu ergänzen.

 

Von gestern bis heute

 

So wichtig Adenauer die deutsch-französische Verständigung in seiner Kanzlerschaft war, auch für ihn blieb das Verhältnis zu Frankreich allerdings stets von Schwierigkeiten und Konflikten geprägt. Sein im Nachhinein gar nicht mehr so rosiger Blick auf das erste Treffen mit de Gaulle im September 1958 ist hier nur ein Beispiel von vielen. Den Freundschaftsvertrag von 1963 betrieb Adenauer bei allen anderen Überlegungen auch deshalb so vehement, weil er ansonsten eine Annäherung der französischen Regierung an die Sowjetunion fürchtete. Und selbst die im Nachhinein so verklärte Geschichte des Schuman-Plans gehört in diese Reihe.

Plakatwände in Saarbrücken kurz vor der Abstimmung über das Saarstatut, Oktober 1955 (Copyright: Wikimedia Commons)
Plakatwände in Saarbrücken kurz vor der Abstimmung über das Saarstatut, Oktober 1955 (Copyright: Wikimedia Commons)

Denn Adenauer stimmte nicht zuletzt deswegen im Mai 1950 so schnell und enthusiastisch zu, weil er darin eine Möglichkeit sah, den heftigen deutsch-französischen Spannungen der Zeit etwas Positives entgegenzusetzen. Hintergrund war der gerade tobende Streit der beiden Nachbarländer um die Zukunft des Saarlandes. Die auf Adenauers positive Reaktion folgenden Verhandlungen über die Montanunion waren dann auch alles andere als ein Selbstläufer, sondern entwickelten sich zu einer langen und zähen Angelegenheit. Damit blieb die von ihm so hartnäckig betriebene deutsch-französische Annäherung auch für Adenauer stets etwas, was sie bei allen Erfolgen bis heute ist: harte Arbeit.

 

Der Autor

 

Friedrich Kießling (Copyright: Lérot/Leon Greiner)
Friedrich Kießling (Copyright: Lérot/Leon Greiner)

Friedrich Kießling ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bonn. Er forschte und lehrte u.a. in London, Wien und Dresden. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik. Von ihm erschien im Oktober 2025: „Adenauer: Dreieinhalb Leben – Biografie“ (DTV).

 

 

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