Diplomatie:
Gespräche im Schatten des Krieges

Wenn Kriege militärisch festgefahren sind, entstehen oft informelle Kommunikationsräume. Diskrete Kontakte und indirekte Sondierungen gehören seit Langem zur politischen Realität von Abnutzungskriegen.
Im Krieg entstehen neben den offiziellen diplomatischen Strukturen nicht selten informelle Kommunikationsräume. Dazu zählen diskrete Gespräche, Vermittlernetzwerke und inoffizielle Sondierungen. Ihre Funktion liegt weniger in unmittelbarer Entscheidungsfindung als in der Erkundung möglicher Positionen, Reaktionsspielräume und strategischer Grenzen der Gegenseite. In langandauernden Abnutzungskriegen gewinnen solche Formen an Bedeutung – nicht zwingend aufgrund erhöhter Kompromissbereitschaft, sondern weil sie politische Optionen offenhalten, Unsicherheiten reduzieren und eine kontinuierliche Einschätzung gegnerischer Kriegsziele ermöglichen.
Im Verlauf des Ersten Weltkriegs kam es wiederholt zu solchen Initiativen. Besonders in den neutralen Staaten entstand ein dichtes Netz inoffizieller Kontakte zwischen den kriegführenden Mächten. Diese Kommunikationskanäle gewannen vor allem ab Ende 1916 an Bedeutung, als die Schlacht um Verdun und die verlustreichen Kämpfe an der Somme beide Seiten in eine tiefe militärische und politische Krise führten. Auf einmal rückte ein Kompromissfrieden in den Bereich des Möglichen.
Aufgrund ihrer geografischen Mittellage bot die neutrale Schweiz günstige Bedingungen für solche Sondierungen. In Bern trafen Diplomaten, Intellektuelle, Journalisten und politische Mittelsmänner aufeinander, häufig außerhalb offizieller diplomatischer Strukturen.
Im Graubereich der Diplomatie
Vor diesem Hintergrund kam es im Winter 1916/17 zu einem informellen Kontakt zwischen dem deutschen Publizisten und Kunstsammler Harry Graf Kessler und dem französischen Germanisten Émile Haguenin. Ihre Gespräche stehen exemplarisch für eine „offiziöse Diplomatie“, die sich zwischen staatlichem Auftrag, persönlicher Initiative und politischer Improvisation bewegte.

Der Zeitpunkt dieser Annäherung war kein Zufall. Ende 1916 war die Erwartung eines schnellen Sieges auf beiden Seiten endgültig zerbrochen. Der Krieg hatte seine industrielle Dimension voll entfaltet und die politischen wie gesellschaftlichen Belastungen enorm gesteigert. In den Hauptstädten wie auch in den diplomatischen Kreisen setzte sich zunehmend die Einsicht durch, dass ein militärischer Sieg nicht absehbar war und sich der Krieg in eine langfristige Abnutzungssituation verlagerte. In dieser Situation entstanden vorsichtige Überlegungen, Gesprächsmöglichkeiten mit dem Gegner zu prüfen.

Kessler hielt sich zu dieser Zeit in Bern im Umfeld der deutschen Gesandtschaft auf, wo er offiziell im Bereich der Kulturpropaganda tätig war. Er verfügte über ein weit gespanntes internationales Netzwerk aus der Vorkriegszeit und bewegte sich souverän zwischen politischen, diplomatischen und kulturellen Kreisen. Haguenin wiederum verband als ehemaliger Universitätslehrer in Berlin und Kenner der deutschen intellektuellen Milieus eine ausgeprägte doppelte Vertrautheit mit beiden Seiten. Bereits kurz nach Kriegsbeginn war er im Auftrag des französischen Außenministeriums in die Schweiz entsandt worden, um dort mögliche Reaktions- und Gesprächsbereitschaften der Gegenseite zu sondieren. Seine Tätigkeit bewegte sich dabei bewusst im Übergangsbereich zwischen propagandistischer Tätigkeit und informeller Sondierung.
„Il serait bien temps d’en finir“
Der Kontakt zwischen beiden entstand nicht als unmittelbarer Erstkontakt, sondern über bereits bestehende Vermittlungsnetzwerke. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Achse um Annette Kolb und den aus dem Elsass stammenden René Schickele. Aufgrund ihrer pazifistischen Haltung hielten sich beide Schriftsteller in der Schweiz auf, wo sie wiederholt als Vermittler zwischen deutschen und französischen Intellektuellen sowie diplomatischen Kreisen fungierten. In diesem Umfeld wurden Kontakte nicht neu geknüpft, sondern innerhalb bestehender Netzwerke aktiviert und situativ verdichtet.

Das erste Treffen zwischen Kessler und Haguenin fand Anfang Dezember 1916 in Bern statt. Im Vordergrund stand zunächst nicht die Erörterung konkreter Friedensbedingungen oder territorialer Fragen, sondern die wechselseitige Klärung, ob überhaupt belastbare Gesprächsbereitschaft existierte und wie weit die jeweiligen Handlungsspielräume reichten. Der Austausch blieb entsprechend vorsichtig und bewusst unverbindlich, bei gleichzeitiger Vermeidung jedes Eindrucks politischer und militärischer Schwäche. Kessler hielt diesen Moment in seinem Tagebuch in einer charakteristischen Gesprächssequenz fest, die den tastenden Charakter dieser Sondierungen exemplarisch sichtbar macht: „‘Er (Haguenin) begann, dieser Krieg sei schrecklich: Il serait bien temps d’en finir‘. Ich sagte? Mais comment?“ Bereits in dieser frühen Phase wurde schnell deutlich, dass mögliche Verständigungsansätze rasch an die zentralen Kriegsziele beider Seiten stießen. Für Frankreich blieb die Rückgewinnung Elsass-Lothringens eine nicht verhandelbare Voraussetzung. Auf deutscher Seite war ein Verzicht auf die seit 1871 annektierten Gebiete politisch weder vorstellbar noch durchsetzbar.

Elsass-Lothringen als unlösbarer Knotenpunkt
Kessler selbst verband mit diesen Kontakten weitergehende eigene Vorstellungen. Zeitweise entwickelte er Überlegungen zu einer föderalen oder autonomen Neuordnung Elsass-Lothringens innerhalb des Deutschen Reiches. Solche Modelle zielten darauf, einen zentralen Konfliktpunkt zu entschärfen, ohne die territoriale Integrität des Reiches infrage zu stellen. Zugleich war Kessler sich der politischen Grenzen solcher Überlegungen bewusst. Gegenüber Haguenin bemerkte er, eine deutsche Regierung, die die Zugehörigkeit Elsass-Lothringens zum Reich offen zur Disposition stelle, würde „keine vierundzwanzig Stunden mehr fortbestehen“.

Bis zum Abbruch der Sondierungen Anfang 1917 – im Zuge der Eskalation des Krieges – versuchte Kessler wiederholt auszuloten, wie weit die deutsche Reichsleitung in der elsass-lothringischen Frage überhaupt zu gehen bereit war. Parallel dazu entwickelte er weitere, teilweise widersprüchliche Zukunftsmodelle für die Region. Diese reichten von einem erweiterten Autonomiestatus innerhalb des Deutschen Reiches über föderale Konstruktionen bis hin zu zeitweiligen Überlegungen einer eigenständigen elsass-lothringischen Staatlichkeit. Zwischenzeitlich dachte er sogar an eine territoriale Neuordnung unter Einbeziehung Badens und Württembergs.
Sondierungen ohne Verhandlungsperspektive
Politisch blieben solche Konzepte weitgehend isoliert. Weder in der deutschen Militärführung noch in den politischen Entscheidungszentren bestand Bereitschaft, die territoriale Frage grundlegend neu zu denken. Gerade darin zeigt sich der ambivalente Charakter dieser Kontakte. Informelle Gesprächskanäle wurden von den Regierungen zwar toleriert, sofern sie der Informationsgewinnung, der Einschätzung gegnerischer Positionen oder der strategischen Absicherung dienten. Eine einheitliche staatliche Strategie lag dem jedoch nicht zugrunde; vielmehr handelte es sich um ein Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Akteuren – Auswärtiges Amt, militärische Entscheidungszentren und politische Führungsebenen –, deren Interessen und Wahrnehmungen nicht deckungsgleich waren. Eine echte politische Öffnung war damit nicht verbunden. Kessler und Haguenin bewegten sich in einem Zwischenraum aus Beobachtung, begrenzter Funktionalisierung und fehlender offizieller Legitimation. Ihre Gespräche zielten weniger auf die Vorbereitung konkreter Friedensverhandlungen als auf die vorsichtige Erkundung dessen, was unter den Bedingungen des Krieges überhaupt noch denkbar war – ohne dass daraus ein klar definiertes Verhandlungsmandat erwachsen wäre.

Vor allem auf französischer Seite stellte sich die Frage, welches Ziel mit diesen Kontakten tatsächlich verfolgt wurde. Als Aristide Briand Haguenin mit indirekten Gesprächen betraute, ging es vermutlich weniger um die Eröffnung eines verbindlichen Verhandlungsprozesses als um die vorsichtige Prüfung, ob überhaupt Bedingungen erkennbar waren, unter denen ein solcher Prozess hätte entstehen können.
Orientierung statt Verhandlung
Die Gespräche zwischen Kessler und Haguenin stehen exemplarisch für eine Form von Diplomatie, die weniger auf Entscheidungen als auf Orientierung zielt. Sie zeigen, dass Kriege nicht nur auf den Schlachtfeldern geführt werden, sondern auch in Zwischenräumen: in Netzwerken, Gesprächen und vorsichtigen politischen Testbewegungen, die oft unsichtbar bleiben und dennoch Teil des politischen Prozesses sind. Ihre historische Bedeutung liegt daher weniger in konkreten Ergebnissen als in dem, was sie sichtbar machen: der fortbestehenden Existenz von Kommunikationsräumen selbst unter Bedingungen radikaler Gegnerschaft – und zugleich deren strukturellen Grenzen angesichts unvereinbarer Kriegsziele.
Der Autor

Landry Charrier ist Absolvent des Collège des Hautes Études de l’Institut diplomatique in Paris, Mitglied der CNRS-Forschungseinheit SIRICE (Sorbonne Université, Paris) und Associate Fellow am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seit März 2023 ist er Redaktionsleiter der deutsch-französischen Zeitschrift dokdoc.eu.
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Marion Aballéa: Un exercice de diplomatie chez l’ennemi. L’ambassade de France à Berlin, 1871-1933, Villeneuve d’Ascq: Presses universitaires du Septentrion, 2017. |
