Seide:
Der Stoff, aus dem Träume sind

Ein Faden, 450 Kilometer lang. So viel Seide steckt in einem einzigen Hermès-Tuch. Nicht irgendwo gewoben, nicht irgendwo bedruckt – sondern südlich von Lyon in Pierre-Bénite, wo Hermès den Seidendruck à la lyonnaise und das Luxusaccessoire als modische Ikone bewahrt.
Es begann mit einem Finanzproblem. Frankreich blutete finanziell aus. 1536 flossen jährlich rund 450.000 Écu ins Ausland, allein für den Import italienischer Seide. König Franz I. hatte genug. Er erteilte zwei Kaufleuten, Étienne Turquet und Barthélemy Naris, die Erlaubnis, in Lyon selbst Seide herzustellen. Turquet führte die Arbeitsteilung im Weberhandwerk ein. 1540 sicherte Franz I. Lyon das Seidenproduktionsmonopol per Dekret. Die Wende gelang: Frankreich wandelte sich vom Importeur zum Exporteur. Lyon avancierte zur ersten Adresse Europas für Seidenstoffe. Was folgte, war ein Aufstieg ohnegleichen. Im 19. Jahrhundert trug die Lyoner Seidenindustrie ein Drittel der gesamten französischen Exporterlöse bei. Die Grande Fabrique, wie die Lyoner Seidenindustrie genannt wurde, belieferte Königshöfe in ganz Europa. Per Dekret ordneten Ludwig XIV. und Napoleon an, ausschließlich Lyoner Seide zu kaufen. Ein Stoff wurde zur Staatsräson.
Die canuts: Meister am Webstuhl, Sklaven des Systems
Hergestellt wurde die Seide von den canuts, die ihren Namen vermutlich von der canette erhielten, und damit von jener Spule, auf der die Seidenfäden aufgewickelt werden. Als Meisterweber von Gold-, Silber- und Seidenfäden waren die canuts Kleinunternehmer mit zwei bis acht eigenen Webstühlen, bezahlt nach Auftrag und Stückzahl, und keine Lohnarbeiter. Und genau dies war das Problem.

Die soyeux kontrollierten als mächtige Seidenfabrikanten Rohstoffe, Produktion und Absatz. Sie setzten die Preise, sie bestimmten die Margen. Die Arbeitsbedingungen der canuts waren menschenunwürdig: 15 Stunden Schufterei täglich für einen Lohn von 18 Sous – umgerechnet etwa 0,90 Francs. Die Männer bewegten die Webstühle, die Frauen und Kinder übernahmen Hilfsarbeiten: Fäden anschneiden, Spulen aufwickeln, für noch weniger Geld. Die Webstühle waren groß, schwer und laut – und brauchten hohe Decken und viel Licht. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts zogen die meisten canuts daher in das Viertel La Croix-Rousse – bis heute der „Hügel der Arbeit“. Die Häuser im einstigen Weberviertel, dem Quartier Saint-Jean, waren für die Jacquard-Webstühle schlicht zu niedrig geworden. Das Seidenhandwerk prägte so eine ganze Stadtsilhouette. 60 Prozent der Lyoner Bevölkerung hingen damals direkt oder indirekt von der Seidenweberei ab.

Der Webstuhl, der die Welt veränderte
1804 erfand Joseph-Marie Jacquard diesen neuen Webstuhl. 1752 in Lyon geboren, revolutionierte sein Jacquard-Webstuhl das Handwerk. Nun steuerten Lochkarten den Webprozess und machten komplexe Muster möglich, die zuvor nur mit enormem Aufwand entstanden. Pflanzen, Blumen, Früchte und ostasiatische Motive, eingewobene Gold- und Silberfäden: quel chic, quel luxe! Kaiser und Könige waren begeistert.

Erst eine neue Webtechnik machte diese edlen Stoffe möglich: das Broschieren. Die Seide bildet das Grundgewebe, ein zusätzlicher Schussfaden formt das Muster. Erst diese Technik machte die Lyoner Seide zu einem Stoff, der nicht nur schimmert, sondern erzählt. Mit ihren Lochkarten zur Mustersteuerung inspirierte Jacquards Webstuhl 20 Jahre später Charles Babbage bei der Entwicklung seiner Rechenmaschine.
Blut auf Seide: Die Aufstände der canuts
Schönheit hat ihren Preis, heißt es – und den zahlten in Lyon die Ärmsten, die canuts. Sie trugen 1830 ein Drittel zu den französischen Exporterlösen bei – und verdienten trotzdem kaum genug zum Leben. Und genau in diesem Jahr fiel der Preis pro Elle für den leichten, glatten Seidenstoff Levantine von 1,30 auf 0,60 Francs. Für Samt brach er von 1,00 auf 0,10 Francs ein. Die Reaktion der canuts: Sie organisierten sich, bildeten Genossenschaften und forderten Mindestlöhne. Die Fabrikanten stellten sich stur. Im November 1831 entfesselte sich die Wut. 6.000 canuts streikten und besetzten Lyon. Ihre Flagge war schwarz. Ihr Motto: „Vivre en travaillant ou mourir en combattant“ – durch Arbeit leben oder im Kampf sterben. Brutal schlug das Militär den Aufstand nieder. Mehrere Hundert Menschen starben. Die Zeitung der canuts, L’Écho de la Fabrique, schrieb danach: Ein edles Elend sei alles, was ihnen bleibe.

Drei Jahre später, im April 1834, eskalierte es erneut. Als „Blutige Woche“ ging dieser Generalstreik von 6.000 Arbeitern in die Geschichte ein. 600 Tote und 10.000 Verhaftete gab es, als die protestierenden canuts auf die 20.000 Soldaten trafen, die Marschall Soult damals im Auftrag der Regierung anführte. 1848 folgte während der Februarrevolution der letzte große Aufstand.
Die canuts kämpften nicht nur für Lohn. Sie kämpften auch für Würde. Ihre Aufstände gelten als Geburtsstunde der französischen Arbeiterbewegung. Denker wie Karl Marx, Charles Fourier und Pierre-Joseph Proudhon ließen sich von Lyon inspirieren. Zum Fluchtnetz während der Aufstände wurden die berühmten traboules von Lyon – verschlungene Durchgänge, die einst den Seidentransport vor Wind und Regen schützten. Später, im Zweiten Weltkrieg, rettete dieselbe Architektur Résistance-Kämpfern das Leben.

Zwischen Nostalgie und Weltmarke
Von den einst 400 Seidenwebereien in Lyon sind heute noch zwei aktiv. Brochier Soieries, seit 1890 in Vieux-Lyon ansässig, ist die letzte noch tätige Weberei der Altstadt. Im Grand Hôtel-Dieu am Quai Jules Courmont, dem prachtvoll renovierten Barockbau direkt an der Rhône, zeigt das Musée des Soieries Brochier, wie die Geschichte dieser 136 Jahre alten Manufaktur mit den größten Namen der Haute Couture verflochten ist: Christian Dior, Hubert de Givenchy, Valentino, Yves Saint Laurent, Christian Lacroix. Und Künstler: Miró, Calder und Cocteau. Ludovic de la Calle betreibt Soierie Saint-Georges im Welterbe-Viertel Vieux-Lyon. In seiner Schauweberei ist der arbeitende Webstuhl die Attraktion der Boutique. Die zweite aktive Webwerkstatt von Lyon, Tassinari & Chatel, ist weltberühmt für historische Seidenstoffe, wie sie im Schloss von Versailles zu finden sind. Sie gehört heute zur Pariser Unternehmensgruppe Lelièvre.

Seit Jahrzehnten lässt das Pariser Luxushaus seine berühmten Carrés, farbenfrohe quadratische Seidentücher, bei Lyon bedrucken. Jedes Tuch enthält 450 Kilometer Seidenfaden. 18 Monate lang dauert die Herstellung eines einzigen Tuches! Wie gefragt die teuren Tücher bis heute sind, zeigt die Werkserweiterung am Standort Pierre-Bénite südlich von Lyon. 2023 kamen drei Neubauten rund um einen begrünten Patio hinzu, 2024 eine neue, zweite Drucklinie sowie 120 neue Jobs bis 2026. Bereits 2022 hatte Hermès das Label Entreprise du Patrimoine Vivant erhalten – Unternehmen des lebendigen Kulturerbes. Ein Titel, der nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Lyoner Seide ehrt.
Auf den Spuren der Seide in Lyon
In La Croix-Rousse ist die Geschichte der Seidenweber bis heute präsent: in der Architektur der Häuser mit ihren hohen Decken, den großen Fenstern, dem Licht, den traboules genannten Treppenwegen – und in den Straßennamen. Am Boulevard des canuts zeigt seit 1987 ein Trompe-l’œil-Fresko das Viertel in seiner Blütezeit. Auf der Place de la Croix-Rousse grüßt die Statue von Jacquard. Wie fünf Jahrhunderte die Seide in Lyon hergestellt wurde, verrät die Maison des canuts (10, rue d’Ivry) als ältestes Museum seiner Art. Bereits 1960 gründete eine Webereikooperative das Haus der Seidenweber und lässt hier auf Führungen die Jacquard-Webstühle klappern. Einige originalgetreue, alte Weberwohnungen gehören auch zum Besitz der Stadt Lyon. In ihnen betreibt der Verein Soierie Vivante (21, rue Richan) zwei historische Werkstätten. Handweberei wie im 19. Jahrhundert präsentiert der Familienbetrieb Tissage Mattelon (10, rue Richan). Lyons Schaufenster der Seidenweberei ist jedoch seit 2021 geschlossen. Das Musée des Tissus (34, rue de la Charité), mit 2,5 Millionen Objekten eines der größten Textilmuseen der Welt, soll renoviert werden. Einzig für die Biennale d’art contemporain 2026 soll es vom 19. September bis 13. Dezember ausnahmsweise öffnen. Die angegliederte Forschungsbibliothek mit 40.000 Publikationen wie auch das Centre International d’Étude des Textiles Anciens (CIETA) bleiben auch während des Umbaus geöffnet.

So bleibt nur das Musée Gadagne (1, place du Petit Collège), das als Lyoner Stadtmuseum auch die Welt der canuts vorstellt – von ihren Webstühlen bis zum Guignol. Die berühmte Marionettenfigur wurde in Lyon erfunden, und auch sie stammt aus den Arbeitervierteln der Seidenweber. Und schließlich hat das Erbe der Lyoner canuts es auch auf die Speisekarte geschafft: mit der cervelle de canut. Das „Hirn der Seidenweber“ entpuppt sich jedoch als fleischlose Spezialität – denn sie waren so arm, dass sie sich Fleisch nicht leisten konnten, sondern auf Frischkäse auswichen, geschmeidig gerührt mit gehackten Schalotten und frischen Kräutern wie Schnittlauch, Petersilie, Kerbel und Estragon, Salz, Pfeffer, Olivenöl und vinaigre. Das damalige Arme-Leute-Essen ist heute einer der großen Klassiker der Lyoner Küche und steht nicht nur in traditionsreichen bouchons auf der Karte, sondern auch als Entrée in der gehobenen Gastronomie. Paul Lacombe, Chef des Restaurants Léon de Lyon, hatte vor stadtfein gemacht.
Die Autorin

Hilke Maunder, 1961 in Hamburg geboren, kam nach ihrem Anglistikstudium und Volontariat 1989 als Redakteurin zu den Lübecker Nachrichten in Mecklenburg, ging als Korrespondentin nach China, Vietnam, in Baltikum und Australien und berichtet seit 2010 aus Frankreich. 2014 wurde sie für ihre Arbeit und ihren Blog „Mein Frankreich“ mit der Médaille de Tourisme ausgezeichnet, 2023 mit dem Gutedelpreis.
