Paris-Roubaix:
Wie ein Deutscher die Hölle des Nordens bezwang

Vor 130 Jahren fand die erste Ausgabe des legendären Kopfsteinpflaster-Rennens Paris-Roubaix statt. Der Sieger war ein Deutscher: Josef Fischer.
Grundsätzlich ist Paris-Roubaix ein Radrennen, das an jedem zweiten Sonntag im April abgewunken wird. Das klingt normal und gewöhnlich, doch wenn Paris-Roubaix etwas gerade nicht ist, dann normal und gewöhnlich. Denn der Parcours ist eine Zumutung, ein Anachronismus, eine archaische Prüfung. In die Strecke vom Startort Compiègne bis zum Ziel auf dem Velodrom von Roubaix im Norden Frankreichs haben die Veranstalter von der Amaury Sport Organisation 30 Sektoren mit Kopfsteinpflaster integriert. 54,8 Kilometer voller unebener, holpriger, spitzer, unberechenbarer Klippen für die Radprofis, die das Material, den Körper und den Kopf aufs Gemeinste herausfordern. Der Untergrund bereitet beim Drüberrollen Schmerzen, die Handgelenke schwellen an, Blasen bilden sich an den Handinnenflächen, die Schultergelenke drohen aus den Scharnieren zu fliegen. Defekte sind Teil des Programms und auch Stürze.
Geburt eines Klassikers
Paris-Roubaix ist die Königin der Klassiker. Ein Monument des Radsports. „Das letzte Überbleibsel aus der heroischen Vergangenheit, das letzte Bindeglied zur Tradition, der der Radsport seine Größe verdankt“, wie es Jacques Goddet einmal ausdrückte, der einstige Direktor der Tour de France. Außerdem sei es „das letzte völlig verrückte Rennen, das es im Radsport noch gibt“. Der Autor Jean-Edern Hallier stellte fest: „Eine bessere sadomasochistische Inszenierung als Paris-Roubaix ist mir bisher noch nicht untergekommen.“ Paris-Roubaix trägt aber auch den Beinamen „L’enfer du Nord“, die „Hölle des Nordens“. Den erhielt es vor der Ausgabe 1919, der ersten Auflage nach dem Ersten Weltkrieg. Zwischen 1915 und 1918 wurde das Rennen nicht ausgetragen. 1919 aber waren bei der Streckenbesichtigung Granatentrichter und Einschlaglöcher von Bomben sichtbar. Überbleibsel des Krieges, der an dieser Stelle die veritable und apokalyptische Hölle des Nordens modellierte.

Da war das Rennen schon 23 Jahre alt. Und weit davon entfernt, einen martialischen Namen zu erhalten. Entstanden war es, weil die Textil-Unternehmer Théodore Vienne und Maurice Pérez ihr 1895 im Parc Barbieux von Roubaix eröffnetes „Vélodrome roubaisien“ mit dem Finale eines Straßenrennens schmücken wollten.
Ein Rennen für die Zeitungen
Damals wurden Radrennen vorzugsweise von Zeitungen veranstaltet, die sich von der voluminösen Berichterstattung über heroische, unglaubliche Taten von Menschen auf zwei Rädern einen hohen Absatz ihres Blattes versprachen. Also schrieben Vienne und Pérez im Februar 1896 Paul Rousseau, dem damaligen Direktor der Sportzeitung Le Vélo, einen Brief, in dem sie ihren Wunsch vorstellten, ein Rennen von Paris nach Roubaix initiieren zu wollen. Es sollte in ihrem neuen Velodrom enden. Die Initiatoren schlugen einen Termin Anfang Mai vor, mit einem „leichten“ Parcours von 280 Kilometern Länge. Auf diese Weise hätten die Teilnehmer noch ein feines Training für den schweren Rad-Marathon Bordeaux-Paris, der über die doppelte Distanz von um die 560 Kilometer führte und drei Wochen später abgewunken werden sollte.

Insofern sei Paris-Roubaix „ein Kinderspiel für die späteren Teilnehmer von Bordeaux-Paris“, schrieben Vienne und Pérez. Mit dem Rennen würde Le Vélo der Region um Roubaix zudem eine große Freude bereiten, „deren Bürger noch niemals in den Genuss gekommen sind, einen großen Wettkampf zu betrachten“. Als Preisgeld lobten Vienne und Pérez 1000 Francs aus, damals das Siebenfache eines monatlichen Durchschnittlohns. Rousseau schlug ein, doch das Rennen terminierte er früher, auf Sonntag, den 19. April 1896. Den Auftrag, die Strecke von Paris in den Norden zu erkunden und festzulegen, erhielt Rousseaus Redakteur Victor Breyer.
Die Vermessung der Hölle
Den ersten Teil der Strecke bis Amiens legte Breyer als Beifahrer im Auto zurück, es war seine Premierenfahrt „in einer Kutsche ohne Pferde“, wie er notierte. Am nächsten Tag setzte er sich aufs Rad, um den Rest des Weges zu erkunden. Dabei regnete es, und die Bewältigung der krassen Pfade – sie führten über Schotter oder Kopfsteinpflaster, etwas anderes gab es noch nicht – hatte Breyer restlos erschöpft. Roubaix erreichte er völlig verschmutzt. Später notierte er: „Die Strecke von Amiens nach Roubaix war, erschwert durch Kopfsteinpflasterpassagen, eine wahre Tortur.“ Roubaix habe er in einem „bemitleidenswerten Zustand“ erreicht. In die Redaktion meldete er, „dieses diabolische Projekt“ doch besser auszusetzen, es sei viel zu gefährlich für die Teilnehmer.

Aber gerade das war eine gute Nachricht für Rousseau. Extreme Bedingungen, harte Prüfung, Gefahr – das sind die Ingredienzen für einen famosen Absatz seiner Zeitung mit einem Rennbericht, nach dem sich die Leser sehnen. Rousseau ignorierte also die Warnung und legte die Bedingungen für das Rennen fest: 280 Kilometer Distanz. 1000 Francs Siegprämie. Start vor dem Café Gillet, das gleichzeitig als Einschreibezentrale diente, gelegen direkt am Bois de Boulogne. Als Startzeit wurde der frühe Morgen gegen fünf Uhr festgelegt. 60 Kilometer der Strecke führten über die Kopfsteine des Nordens, die pavés. Die letzten 40 Kilometer führten schließlich ausschließlich über das Hoppel-Terrain.
Aufbruch ins Rennen
Unter den Startern waren einige Stars der damaligen Zeit, Maurice Garin aus dem Aostatal etwa, der 1901 die französische Staatsbürgerschaft annahm und 1903 die erste Tour de France gewinnen sollte. Dazu der Waliser Arthur Linton, der einen Monat später Bordeaux-Paris für sich entschied. Sowie der 31-jährige deutsche Veteran Josef Fischer aus Atzlern in der Oberpfalz. Er war in jener Zeit einer der erfolgreichsten Straßenradsportler weltweit. 1892 gewann er Wien-Triest, 1893 Wien-Berlin und 1894 Mailand-München. Alles Wettkämpfe, die über irre Distanzen und Hindernisse führten, zu bewältigen auf einem bis zu 16 Kilogramm schweren Rad ohne Gangschaltung.

Die Teilnehmer von Paris-Roubaix durften mit Schrittmachern fahren, die ihnen vorausfuhren, um sie aus dem Wind zu halten, heutigen Helfern von Stars nicht unähnlich. Es gab mehrere Kontrollstellen, die die Fahrer passieren mussten. Dort mussten sie sich in eine Liste eintragen, um auf diese Weise ihren zurückgelegten Weg zu dokumentieren. Sechs solcher Punkte gab es. Sie wurden in Beauvais, Amiens, Arras, Breteuil, Doullens und Seclin aufgebaut. Bestückt wurden sie mit Journalisten von Le Vélo, Mitgliedern aus Radsportklubs der Umgebung und Mitarbeitern von Cafés und Hotels.
Gegen 8:04 erreichten die ersten Fahrer nach 86 Kilometern Beauvais. Linton lag in Führung, dahinter rasten vier Verfolger, unter ihnen waren Fischer und Garin. Nach 117 Kilometern lagen Linton und Fischer in Breteuil allein vorn. In Amiens erhielt der Erstplatzierte nach knapp 150 Kilometern eine Sonderprämie von 150 Francs. Sie ging an Linton, der Fischer im Sprint knapp bezwang. Kurz darauf stürzte Linton, ein Hund hatte ihm den Weg versperrt. Der Brite setzte seine Fahrt zwar unverletzt fort, kam aber nicht mehr an den enteilten Fischer heran. Die Zuschauer im sich zunehmend füllenden Stadion im Zielbereich erhielten stets einen aktuellen Zwischenstand. Er wurde von den Kontrollpunkten aus per Telegramm nach Roubaix gemeldet.
Fischers Triumph
Gegen 14.40 Uhr erreichte Fischer schließlich das Velodrom von Roubaix, das mit 10.000 Zuschauern komplett gefüllt war. Die Marseillaise erklang und Fischer musste noch sechs Runden auf der 333 Meter-Bahn absolvieren, dann konnte er die Arme heben – der Deutsche war der erste Sieger der Jungfernfahrt von Paris nach Roubaix. Für die Strecke benötigte er 9:17 Stunden. Sein erster Verfolger, der Däne Charles Meyer, wies einen Rückstand von 25 Minuten auf. Garin erreichte 28 Minuten später das Ziel, der Viertplatzierte Linton war 45 Minuten langsamer als Fischer. Der Sieger erhielt nach seiner Zielpassage und seiner finalen Unterschrift unter die Kontrolldokumente ein Glas Champagner und einen Blumenstrauß. Hinzu kam die Prämie von 1000 Francs und der Eintrag in die Geschichtsbücher des Radsports.

Damals war nicht absehbar, dass der anachronistische Kopfsteinpflaster-Wahnsinn Paris-Roubaix die Zeiten als Monument des Radsports überdauern sollte. Doch gerade die eigens für diesen Zweck erhaltenen Pavés entwickelten sich als spektakuläre Zutat dieser harten Frühlingsprüfung für besonders robuste Radprofis. Paris-Roubaix, die Königin der Klassiker, ist längst ein Kulturgut des französischen Nordens. Und Josef Fischer ist der erste König dieser Königin.
Der Autor

Stephan Klemm ist Historiker und Germanist. Er ist Buchautor, Lektor und freier Journalist, er schreibt unter anderem für Spiegel, Zeit, FAZ, NZZ und die deutsche Ausgabe der Sports Illustrated. Zur Frankreich-Rundfahrt hat er ein Standardwerk verfasst: Tour de France – kein Berg zu hoch, kein Weg zu weit. Es umfasst 600 Seiten.
