Tour de France:
„Es wird viel Spannung in der Luft liegen“

Tour de France: „Es wird viel Spannung in der Luft liegen“
  • VeröffentlichtJuli 2, 2026
Mann mit Anzug und Krawatte bei einem Interview
Christian Prudhomme ist seit 2007 Direktor der Tour de France (Copyright: Alamy)

Am Samstag startet die 113. Tour de France. Im Interview spricht Tour-Direktor Christian Prudhomme über den Grand Départ in Barcelona, das spektakuläre Finale am Montmartre, die Favoriten Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard sowie die Chancen der deutschen Bewerbung für den Tourstart 2029.

 

Stephan Klemm: Monsieur Prudhomme, am 4. Juli startet die Tour de France in Barcelona und damit zum 15. Mal seit 2000 im Ausland. Welche Idee verfolgen Sie mit dem Startort Barcelona?

 

Christian Prudhomme: Jaume Collboni, der Bürgermeister von Barcelona, ist ein großer Fan der Tour. Er sagte mir schon vor seinem Amtsantritt: „An dem Tag, an dem ich zum Bürgermeister gewählt werde, werde ich mich dafür einsetzen, dass wir den Grand Départ nach Barcelona holen.“ Und da sind wir nun. Barcelona ist eine Stadt mit viel Prestige und Charisma. Die Fußball-Weltmeisterschaft war dort 1982 in zwei Stadien zu Gast. Und natürlich die Olympischen Spiele 1992 auf dem Montjuic. Die Tour war 1957, 1965 und zuletzt 2009 auch schon im Rahmen einzelner Etappen in Barcelona.

 

Klemm: Auf dem Montjuic, einem von zwei Hausbergen Barcelonas, endet auch die erste Etappe am kommenden Samstag, ein 19 Kilometer langes Mannschaftszeitfahren. Der Schlussanstieg ist 1,1 Kilometer lang und weist 5,1 Prozent Steigung im Schnitt auf. Das entspricht Ihrer Vorliebe für Spektakel.

 

Prudhomme: Es wird viel Spannung in der Luft liegen, gerade wegen des Schlussanstiegs. Denn es wird diesmal die Zeit jedes einzelnen Profis einer Mannschaft gewertet. Bisher war es so, dass die Zeit nach dem fünften Fahrer eines Teams, der die Ziellinie überquerte, gestoppt wurde. Das bedeutet, wir werden einen harten Kampf um das erste Gelbe Trikot sehen, und die Anwärter auf den Toursieg müssen sich schon am ersten Tag zeigen.

 

Karte der Tour de France mit den diesjährigen Etappen
Bei der Tour de France stehen in diesem Jahr 21 Etappen auf dem Programm (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Klemm: Am dritten Tour-Tag verlässt der Tross des Rennens Katalonien. Das Etappenziel liegt in den französischen Pyrenäen. Die Fahrer erreichen also schon sehr früh das Hochgebirge. Wird es dort schon große Abstände geben?

 

Prudhomme: Die Strecke über die Pyrenäen ist der direkte Weg aus Spanien nach Frankreich. Es wird drei Etappen in den Pyrenäen geben, die wir insgesamt durchaus noch anspruchsvoller gestalten können. Während der sechsten Etappe ist der Tourmalet im Programm, aber ich glaube, dieser Abschnitt ist nicht extrem selektiv. Wir wollten das Rennen nicht so früh brutal schwer machen. Die dritte Woche in den Alpen wird deutlich härter.

 

Klemm: In den Alpen steht den Profis sogar ein ultrahartes Programm bevor. Die beiden letzten Bergankünfte am dritt- und vorletzten Tag enden oben in Alpe d’Huez. Die vorletzte Etappe weist 5450 Höhenmeter auf. Erhoffen Sie sich kurz vor Schluss noch mal einen Umsturz in der Gesamtwertung?

 

Prudhomme: Eine Bergankunft am Vortag des Tourfinales ist immer etwas ganz Besonderes. Die Anspannung wird groß sein. Beide Etappen enden in Alpe d’Huez, aber der Streckenverlauf ist komplett unterschiedlich. Am ersten Tag klettern die Fahrer die berühmten 21 Kurven hinauf, es ist dies der klassische, der mythische Anstieg über die Route Départementale 211.

Am zweiten Tag passieren wir vor der Zielankunft den Col de Sarenne, eine schmale Alpenstraße, die ich unbedingt im Programm haben wollte. Die Passstraße dort steht teilweise unter Naturschutz, es wird in diesem Bereich keine Zuschauer am Streckenrand geben. Das ist ein famoser Kontrast zum Vortag, an dem die D 211 komplett bevölkert sein wird. Nach dem Sarenne stoßen die Fahrer schließlich auf die D 211. Aber dann haben sie nur noch sechs der 21 Kurven bis zum Ziel vor sich.

 

Klemm: Die Schlussetappe in Paris mit drei Passagen über den Montmartre fordert die Fahrer auch am letzten Tag der Tour noch einmal. 2025 war dieses Finale ein großer Publikumserfolg. Wird die Tour nun immer mit dieser Streckenführung enden?

 

Prudhomme: Ja, wir möchten diese Etappe auch in Zukunft im Programm haben. Vor einem Jahr haben wir einen außergewöhnlichen Tag in Paris erlebt mit phänomenalem Zuschauerzuspruch. Das hat mich vollkommen gepackt. Zuvor hatten wir ja immer ein Rennen für die Sprinter auf den Champs-Élysées, Spannung kam erst kurz vor Schluss auf. Dann aber sahen wir die Strecke der Olympischen Spiele 2024 in Paris, die genau diesen Verlauf über den Montmartre nahm. Das hat uns elektrisiert.

 

Fahrer im Gelben Trikot auf dem Fahrrad auf regennasser Straße vor der Basilika Sacré Coeur
Tadej Pogačar wurde auf der Schlussetappe der Tour de France 2025 zwar abgehängt, gewann aber die Grande Boucle am Ende mit 4:24 Minuten Vorsprung vor dem Dänen Jonas Vingegaard (Copyright: Alamy)

 

Im Vorjahr hatten wir zwar Regen, sahen aber noch einmal einen Angriff des Gelben Trikots, von Tadej Pogacar, der sich mit Wout van Aert absetzte, der schließlich die Etappe gewann. Genug Argumente also, um es noch einmal zu versuchen.

 

Klemm: Sie können ein Rennen so variabel gestalten wie Sie wollen und es so schwer machen, wie es nur geht – am Ende bleibt der Slowene Tadej Pogacar der große Favorit. Sehen Sie das auch so?

 

Prudhomme: Ja. Pogacar ist ein Gigant und der unbestrittene Topfavorit der Tour. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass der Däne Jonas Vingegaard schon zweimal die Tour gegen Pogacar gewonnen hat. In diesem Frühjahr hat Vingegaard einen ganz herausragenden Eindruck hinterlassen mit seinen vielen Siegen und einem Triumph beim Giro d’Italia im Mai. Das gibt mir die Hoffnung, dass wir sehr lange ein Duell haben werden.

 

Klemm: Was trauen Sie Florian Lipowitz zu, der im Vorjahr Rang drei belegte und das Weiße Trikot des besten Jungprofis eroberte?

 

Prudhomme: Er zeigt konstant gute bis herausragende Leistungen im Hochgebirge. Und er hat zuletzt die Slowenien-Rundfahrt überlegen gewonnen. So ein Ergebnis und Erlebnis macht etwas mit einem Fahrer. Ich traue ihm erneut einen Platz auf dem Podium zu.

 

Ein Fahrer mit weißem Trikot und blauer Hose auf einem Fahrrad bei einem Anstieg
Florian Lipowitz auf der 18. Etappe der Tour de France 2025 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Zudem besitzt die Doppelspitze seines Red Bull-Teams mit Lipowitz und dem Belgier Remco Evenepoel eine enorme Schlagkraft. Evenepoel ist im Mittelgebirge zu allem fähig, Lipowitz ist überragend bei den langen Anstiegen. Daraus kann sich etwas Großes entwickeln. Wenn die Beiden uneitel füreinander da sind.

 

Klemm: Frankreich und gewiss auch Sie erwarten mit Spannung den ersten Tourstart des großen Talents Paul Seixas, der gerade mal 19 Jahre alt ist. Aber er ist eben auch schon ein Siegfahrer. Was trauen Sie ihm bei der Tour zu?

 

Prudhomme: Paul Seixas ist ein unglaubliches Talent. Was er macht und wie er fährt, ist atemberaubend. Er ist wie Bernard Hinault, der fünfmalige Tour-Champion. Wir wissen nicht, wohin seine Entwicklung führen wird. Aber er öffnet eine Tür zu etwas ganz Großem. Auch er ist einer der Kandidaten für einen Podiumsplatz.

 

Klemm: Bernard Hinault gewann als letzter männlicher Franzose die Tour de France, das war 1985. Seixas wird in absehbarer Zeit seine Nachfolge zugetraut. Wie wird er mit dem Druck umgehen, der vor allem in Frankreich auf ihm lastet?

 

Prudhomme: Ich habe ihn als sehr ruhigen, lockeren, entspannten jungen Mann erlebt. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass er den Druck schultern wird. Ich weiß nicht, wie es ausgehen wird, aber ich bin überzeugt davon, dass uns Paul Seixas viele Emotionen bescheren wird.

 

Zwei Männer in bunten Fahrradtrikots und mit Schirmmützen
Bernard Hinault zusammen mit seinem größten Konkurrenten der 1980er Jahre, dem Amerikaner Greg LeMond (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Klemm: Es gibt eine deutsche Bewerbung für das Jahr 2029 mit Berlin sowie Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen für den Grand Départ der Tour, das Startwochenende. Wie stehen die Chancen?

 

Prudhomme: Eine Bewerbung, die Berlin mit einbezieht, ist eine großartige Bewerbung zum 40. Jahrestag des Mauerfalls. Wenn die Tour de France einen Platz in Ereignissen finden kann, die weit über sie hinausgehen, in Ereignissen, die Geschichte geschrieben haben wie der 9. November 1989, dann bedeutet mir das etwas. Die Tour ist nicht nur ein sportliches Ereignis, sie ist so viel mehr als das. Kurzum: Ich stehe dieser deutschen Bewerbung sehr aufgeschlossen gegenüber.

 

Klemm: Die Tour hat in gewisser Weise Zuwachs bekommen. Seit 2022 gibt es wieder eine Frankreich-Rundfahrt für Frauen. Wie nehmen Sie das Rennen wahr?

 

Prudhomme: Es ist fantastisch. Ich habe einmal gesagt, dass es zwei Frankreich-Rundfahrten gibt, eine für Männer und eine für Frauen. Das war ein Fehler. Es gibt auch nicht zwei Wimbledons. Es gibt eine Tour, das bezieht die Frauen mit ein. Wir haben 300 Anfragen von Städten und Gemeinden vorliegen, die gerne Teil des Tour-Parcours wären. Manchen bieten wir an, Teil der Strecke der Frankreich-Rundfahrt der Frauen zu werden. Sie schlagen ein. Und sind stolz.

 

Blonde Frau im Portrait, im Hintergrund des Gelb der Tour de France
Die ehemalige Radsportlerin Marion Rousse ist seit 2022 Direktorin der Tour de France Femmes (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Marion Rousse, die Tour-Direktorin, ist eine ganz herausragende Persönlichkeit. Sie ist extrem kompetent und großartig in ihrem Job. Darüber hinaus kommentiert sie die Tour der Männer für das französische Fernsehen, sie ist zudem die Ehefrau von Julian Alaphilippe und Mutter eines kleinen Kindes. Marion ist faszinierend.

 

Klemm: Sie sind seit 2007 Direktor der Tour de France, des größten Radrennens und des drittgrößten Sportereignisses der Welt nach den Olympischen Sommerspielen und Fußball-Weltmeisterschaften. Was ist das für ein Job, den Sie da haben?

 

Prudhomme: Für mich ist das kein Beruf, kein Tätigkeitsfeld – es ist eine Mission. Mein erlernter Beruf war der des Journalisten. Die Tour aber ist mein Leben.

 

Klemm: Monsieur Prudhomme, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

 

Unser Gast

Portrait von Christian Prudhomme
Christian Prudhomme im Jahr 2024 (Copyright: Wikimedia Commons)

Christian Prudhomme, geboren am 11. November 1960 in Paris, begann seine Laufbahn als Radio- und Fernsehjournalist. Von 2001 bis 2003 kommentierte er für France Télévisions die Tour de France. Zur Tour 2004 wechselte er als stellvertretender Tour-Direktor zur Amaury Sport Organisation (ASO). Am 1. Februar 2007 übernahm er von Jean-Marie Leblanc die Leitung der Tour de France.

 

 

 

 

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