Aux grands hommes :
„Marc Bloch darf nicht im Pantheon erstarren“

Mit der Aufnahme von Marc Bloch ins Pantheon ehrte Frankreich zugleich den Historiker, Soldaten, Juden und Widerstandskämpfer. Doch jede Pantheonisierung ist auch ein politischer Akt. Der Historiker Klaus Oschema erklärt, warum Emmanuel Macron gerade jetzt auf Marc Bloch setzt.
Andreas Noll: Herr Oschema, bei der Zeremonie wurden zwei leere Särge durch die großen Bronzeportale des Pantheons getragen. Welcher Eindruck ist Ihnen von dieser Inszenierung geblieben, die Sie ja vor Ort begleitet haben?
Klaus Oschema: Ich muss vielleicht vorausschicken: Als Mittelalterhistoriker habe ich mich in meiner Dissertation intensiv mit Gesten und Ritualen beschäftigt. Ich habe also gewissermaßen einen professionellen Blick auf die Organisation solcher Zeremonien. Die vergangenen Pantheonisierungen waren meines Erachtens immer außerordentlich sorgfältig und beeindruckend inszeniert. Ich war zuletzt bei der Pantheonisierung von Joséphine Baker vor Ort. Die diesjährige Zeremonie zu Ehren Marc Blochs habe ich allerdings etwas ambivalent erlebt – mit einer gewissen Neigung zur Übertheatralisierung.
Wie bei jeder Pantheonisierung wurden Stationen seines Lebens in szenischen Bildern dargestellt. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass die Kraft des Rituals eher gewonnen hätte, wenn man die theatralische Ebene etwas stärker zurückgenommen hätte. Denn die Texte Marc Blochs besitzen bereits eine solche Kraft, dass die zusätzliche Unterstützung durch Schauspiel, Tanz und historische Tableaus – etwa zum Ersten Weltkrieg – die Wirkung für mich eher abgeschwächt hat.
Noll: Ist es eigentlich ein Problem, dass hier ein Ritual gefeiert wird, ohne dass am Ende etwas Materielles dieses Menschen ins Pantheon kommt?
Oschema: Grundsätzlich ist das kein Problem. Ähnlich ist man bereits bei Joséphine Baker vorgegangen, wo ebenfalls ein leerer Katafalk überführt wurde und Erde aus ihrem Schloss im Süden Frankreichs beigefügt wurde. Es geht hier um den symbolischen Wert, um das Einschreiben des Werks einer Person in das nationale Gedächtnis und in das nationale Erbe. Die Präsenz menschlicher Überreste spielt dafür letztlich keine entscheidende Rolle.

Ich habe in den vergangenen Tagen mit Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland und anderen Nachbarländern gesprochen, die teilweise sehr befremdet auf diese Praxis reagiert haben. Für die Pantheonisierung gibt es meines Wissens weltweit keine echte Parallele.
Noll: Was ist dieses Pantheon eigentlich – Grabstätte, nationale Ruhmeshalle oder politische Bühne?
Oschema: Der Ort selbst ist historisch außerordentlich stark aufgeladen. Der gesamte Hügel, auf dem sich heute das Pantheon, aber auch die Kirche Saint-Étienne-du-Mont befinden, ist eng mit der Figur der heiligen Genoveva verbunden, der Schutzpatronin von Paris, die dort ihre Grabstätte gefunden haben soll. Insofern handelt es sich um einen Ort mit einer enormen symbolischen Dichte. Und genau deshalb eignet er sich auch in besonderer Weise für politische Botschaften. Der heutige Bau entstand im 18. Jahrhundert als Kirche, wurde dann aber schon im Zuge der französischen Revolution säkularisiert und als Gedenkstätte für die Nation genutzt.
Noll: Welche Rolle spielt dabei die aktuelle Politik? Und welche Rolle spielt Emmanuel Macron?
Oschema: Unter Emmanuel Macron hat das Pantheon eine auffällig große Bedeutung gewonnen. Macron betreibt eine ausgesprochen aktive Pantheonisierungspolitik, und diese Entscheidungen besitzen einen hohen symbolischen Wert. Das sollte man nicht als bloße Symbolpolitik missverstehen, die keine konkreten Folgen hätte. Vielmehr formuliert der Präsident damit Aussagen über die politische Orientierung der Republik und über die Werte, die Frankreich aus seiner Sicht tragen sollen. Dabei lassen sich durchaus größere Linien erkennen: der Einsatz für Frankreich, der Patriotismus, die Résistance und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Eine erste Linie beginnt mit Joséphine Baker. Sie steht stellvertretend für diejenigen, die nicht als französische Staatsbürger geboren wurden, sich aber bewusst für Frankreich entschieden, die Staatsbürgerschaft annahmen und sich für das Land engagierten. Eine zweite Gruppe repräsentieren die Manouchians und ihre Mitstreiter: armenische Flüchtlinge und Kommunisten, die sich in der Résistance engagierten, obwohl ihnen die französische Staatsbürgerschaft teilweise verweigert worden war.

Und mit Marc Bloch rückt Macron schließlich eine dritte Gruppe in den Mittelpunkt: jene Franzosen, die durch das Vichy-Regime entrechtet wurden – insbesondere durch das Judenstatut von 1940 –, zu Bürgern zweiter Klasse erklärt und schließlich verfolgt und deportiert wurden. Marc Bloch steht exemplarisch für diese Gruppe.
Noll: Welche Rolle spielt Marc Bloch selbst in dieser Erzählung?
Oschema: In seiner Person kommen mehrere Dimensionen zusammen: der Historiker, der Soldat des Ersten Weltkriegs, der jüdische Franzose und der Widerstandskämpfer. Macron hat in seiner Rede genau diese Verschränkung hervorgehoben: Bloch ist Patriot und Historiker zugleich. Und als Historiker reflektiert er nicht nur methodische Fragen, sondern auch die moralische Dimension von Wahrheit. Besonders deutlich wird das in seiner „Apologie pour l’histoire“, die während der Besatzungszeit entstand und erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Dort zeigt sich sehr klar, dass wissenschaftliche Wahrheit und moralische Verantwortung für ihn untrennbar verbunden waren.
Noll: Dann lassen Sie uns auf seine Arbeit als Historiker schauen. Was war an seiner Geschichtsschreibung so revolutionär?
Oschema: Einer seiner frühen großen Texte, die Studie über die „wundertätigen Könige“, steht gewissermaßen am Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn als monumentales Werk. Bloch untersucht darin den Glauben, französische und englische Könige könnten nach ihrer Salbung durch Berührung Krankheiten heilen. Entscheidend ist dabei, dass er diesen Glauben ernst nimmt – nicht als religiöses Bekenntnis, sondern als gesellschaftliches und kulturelles Phänomen. Er fragt: Wie entsteht ein solcher kollektiver Glaube? Wie stabilisiert er sich über Jahrhunderte hinweg?

Das Revolutionäre liegt in seiner Methode. Bloch arbeitet nicht nur mit klassischen historischen Quellen, sondern zieht Erkenntnisse aus Ethnologie, Religionswissenschaft, Soziologie und sogar der Medizin heran. Zugleich arbeitet er vergleichend und untersucht Frankreich und England parallel. Interdisziplinarität, Vergleich und Sozialgeschichte werden dadurch zu zentralen Werkzeugen seines historischen Arbeitens.
Noll: Was folgt daraus für die Geschichtswissenschaft insgesamt?
Oschema: Im Grunde formuliert Bloch eine Einladung an die Geschichtswissenschaft, vergleichender, sozialgeschichtlicher und europäischer zu arbeiten. Ein wichtiger Text ist in diesem Zusammenhang sein Aufsatz von 1928, in dem er genau diese Prinzipien entwickelt.
Noll: Wie wurde Marc Bloch in Deutschland rezipiert?
Oschema: Die verbreitete Vorstellung, er sei in Deutschland kaum wahrgenommen worden, stimmt in dieser Form nicht. Seine Arbeiten wurden in den zwanziger und dreißiger Jahren durchaus intensiv rezensiert und diskutiert – etwa in der Historischen Zeitschrift oder im Deutschen Archiv für Mittelalterforschung. Nach dem Zweiten Weltkrieg verändert sich die Intensität der Rezeption, aber auch dann kann man nicht von systematischer Ignoranz sprechen.
Noll: Es gibt aber die These, dass er insbesondere als Jude bewusst ausgegrenzt worden sei.
Oschema: So pauschal lässt sich auch das nicht sagen. Wenn man die zeitgenössischen Rezensionen liest, findet man sachliche wissenschaftliche Auseinandersetzungen ohne erkennbare ideologische Distanzierung oder Ausgrenzung.
Noll: Kommen wir zu seinem wohl bekanntesten Werk: „L’Étrange Défaite“. Warum wirkt diese Analyse der Niederlage Frankreichs von 1940 bis heute so stark?
Oschema: Das Werk verbindet die Perspektive des Augenzeugen mit der des analytischen Historikers. Bloch beschreibt nicht nur die militärische Niederlage Frankreichs, sondern untersucht die strukturellen Versäumnisse von Eliten, Institutionen und Verwaltung. Er fragt, warum Frankreich die Modernisierung in bestimmten Bereichen verpasst hat, während Deutschland militärisch und organisatorisch effizienter wurde.

Noll: Man versucht diese Diagnose immer wieder auf die Gegenwart zu übertragen. Ist das sinnvoll?
Oschema: Da ist Vorsicht geboten. Solche Vergleiche wirken zunächst plausibel, stoßen aber schnell an ihre Grenzen. Natürlich lassen sich aktuelle Debatten über Elitenversagen daran anschließen. Aber Blochs Analyse ist historisch situiert und nicht ohne Weiteres übertragbar.
Noll: Zu Beginn des Buches schreibt er, er sei Jude durch Geburt, aber nicht durch religiöse Praxis. Wie ist das zu verstehen?
Oschema: Das wird häufig als Bekenntnis missverstanden. Bloch beschreibt hier aber keine bewusste Identitätsbekundung, sondern eine staatlich zugewiesene Kategorie im Kontext des Vichy-Regimes. Er wurde als Jude markiert und in eine soziale und rechtliche Kategorie gedrängt, die zuvor keine vergleichbare Rolle in seinem Leben gespielt hatte.
Noll: In seiner Rede im Panthéon machte Macron aus L’Étrange Défaite zugleich eine Erzählung vom verlorenen und wiederzugewinnenden französischen Willen. Ist das noch Marc Bloch – oder schon Emmanuel Macron?
Oschema: Das ist eine der zentralen Schwierigkeiten jeder Pantheonisierung. Marc Bloch eignet sich aufgrund seiner Texte und seiner Reflexionen über Wahrheit, Verantwortung und staatsbürgerliches Engagement besonders gut für politische Aktualisierungen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, ihn zu stark in gegenwärtige Deutungsrahmen hineinzuziehen. Wenn Macron aus Blochs Analyse der Niederlage von 1940 eine Botschaft über die heutige Widerstandskraft Frankreichs macht, dann ist das bereits eine politische Aneignung – wenn auch vielleicht keine illegitime. Blochs Verpflichtung auf Wahrheit, Nüchternheit und intellektuelle Redlichkeit bleibt aktuell. Aber man sollte vorsichtig sein, aus ihm einen unmittelbaren Kommentator gegenwärtiger Politik zu machen.
Noll: Die Familie Bloch wollte Vertreter des Rassemblement National von der Zeremonie fernhalten. Wie ist das einzuordnen?
Oschema: Die Pantheonisierung ist eigentlich ein überparteilicher Akt nationaler Erinnerungskultur. Gleichzeitig ist sie hochpolitisch aufgeladen. Die Familie reagierte damit auf frühere Versuche politischer Vereinnahmung – insbesondere auf Versuche, Bloch in ein enges national-identitäres Narrativ einzuschreiben. Vor diesem Hintergrund ist diese Haltung durchaus nachvollziehbar.

Noll: Kann man Marc Bloch gegen rechte Vereinnahmung verteidigen, ohne ihn gleichzeitig für eine staatspolitische Erzählung der Mitte zu vereinnahmen?
Oschema: Genau darin liegt das Spannungsfeld der Pantheonisierung. Eigentlich sollte es keine parteipolitische Aneignung geben. Das Pantheon ist als Ort der Republik gedacht, nicht einer politischen Richtung. In der Praxis entstehen solche Zuschreibungen jedoch fast zwangsläufig.
Noll: Sie haben einmal gesagt, Marc Bloch könne im Pantheon „erstarren“. Was meinen Sie damit?
Oschema: Die Gefahr besteht darin, dass er zu einer kanonisierten Figur wird, die nur noch über einige Schlagworte funktioniert: Historiker, Résistant, Märtyrer. Der eigentliche Wert seiner Texte liegt aber woanders. Wenn man sie liest, sieht man einen Historiker im Prozess: reflektierend, korrigierend, sich selbst hinterfragend. Er kehrt in späteren Arbeiten auf frühere Positionen zurück und revidiert sie teilweise ausdrücklich. Gerade dieses Ringen mit Erkenntnis ist das eigentlich Faszinierende an Marc Bloch. Es geht deshalb nicht darum, ihn zu kanonisieren, sondern darum, sich von seiner Arbeitsweise irritieren und anregen zu lassen.
Noll: Herr Oschema, vielen Dank für das Gespräch.
Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung des Franko-viel-Podcastes #106 – Marc Bloch – Wem gehört ein französischer Held? – Franko-viel – Der Frankreich-Podcast vom 2. Juli 2026.
Unser Gast

Klaus Oschema ist Professor für die Geschichte des späten Mittelalters an der Ruhr-Universität Bochum und seit 2023 Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Paris. Seine akademischen Stationen führten ihn von Bamberg über Dresden und Paris nach Bern, Heidelberg und Princeton. In seinen Arbeiten zum späten Mittelalter interessiert er sich u.a. für Hof und Adel, Astrologen als wissenschaftliche Politikberater, Formen der Vergesellschaftung und Strukturen der geographischen Weltwahrnehmung. Seine Monographie „Bilder von Europa im Mittelalter“ (2013) ist Open Access verfügbar: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/mf43
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