Cocoriki:
Wenn Franzosen Ja sagen und Nein meinen

Cocoriki: Wenn Franzosen Ja sagen und Nein meinen
  • VeröffentlichtJuli 14, 2026
Eine junge Frau in weißer Bluse führt ein Meeting an einem Konferenztisch
In deutsch-französischen Arbeitstreffen können manchmal beide Seiten aneinander vorbeireden – obwohl alle dieselben Worte hören (Copyright: Alamy)

Wer glaubt, Meetings seien voller Missverständnisse, kennt keine deutsch-französischen Verwaltungsbesprechungen. Dort können Sätze wie „C’est intéressant, on en parlera“ oder „Je parle sous contrôle de…“ völlig unterschiedlich verstanden werden. Cokoriki übersetzt.

 

September 2024. Es begann ganz harmlos mit einem deutsch-französischen Austauschprogramm zwischen dem Bundesfinanzministerium und dem französischen ministère des Finances. An diesem zwei Jahre dauernden Programm nehmen jeweils zwölf Beamte aus Deutschland und Frankreich teil. Man trifft sich insgesamt vier Mal, einmal in Berlin, einmal in Paris und im zweiten Jahr dann in einer deutschen, bzw. französischen Stadt. Man lernt einander kennen, pflegt Netzwerke, diskutiert über Politik und zeigt einander stolz die industrielle Leistungsfähigkeit seines Landes. Kurz: Networking auf Ministeriumsebene.

 

Wörter mit Airbags

Ich betreue auf französischer Seite die Sprachkurse für die Beamten des ministère des Finances. Die Deutschen lesen französische Presseartikel mit meiner französischen Kollegin in Berlin, die Franzosen deutsche Presseartikel mit mir. Danach wird in Videokonferenzen debattiert – einmal auf Deutsch, einmal auf Französisch. Besonders lehrreich wird es, wenn Franzosen die deutsche Position verteidigen müssen und Deutsche die französische. Spätestens dann merkt man: Eine Sprache zu sprechen, heißt noch lange nicht, in ihr zu denken.

 

Blick auf das französische Finanzministerium in Paris-Bercy
Blick auf das französische Finanzministerium in Paris-Bercy (Copyright: Wikimedia Commons)

 

In der Vorbereitung solcher Treffen taucht dann immer wieder ein rätselhafter Begriff auf, der dort jede Sitzung heimsucht wie ein technokratischer Kobold: EDL. Drei Buchstaben, die in Frankreich jeder Beamte kennt: éléments de langage, also Sprachbausteine – genauer gesagt: ministeriell abgestimmte Formulierungen, die Minister, Berater und Verwaltungsvertreter möglichst einheitlich verwenden sollen.

Ein Glück hatte mich ein Schüler schon vor Jahren darüber aufgeklärt. EDLs sind keine bloßen Stichpunkte, sondern sorgfältig ausgearbeitete Formulierungen, Wörter mit eingebauten Airbags: Begriffe, die informieren, ohne zu detonieren. Und wie notwendig solche sprachlichen Airbags im politischen Alltag sind, zeigt sich erst im Detail. Ein EDL ist selten nur Information – es ist Verpackung, Richtung und manchmal auch eine sanfte Verschiebung der Realität.

 

Die hohe Kunst der Verpackung

Rentenpolitik etwa klingt dann so: „Cette réforme vise à garantir la pérennité de notre système de retraite.“ Also die elegante Kunst, den Fokus auf die Sicherung des Systems zu legen, anstatt die damit verbundenen Belastungen allzu deutlich ins Schaufenster zu stellen. In der Haushaltspolitik: „Nous menons un effort de maîtrise des dépenses, et non une politique d’austérité.“ Das bedeutet in etwa: Wir sparen, aber wir vermeiden konsequent das Wort, das nach Schmerzen klingt. Und im sicherheitspolitischen Repertoire schließlich: „La sécurité est la première des libertés.“ Ein Satz, der so ruhig daherkommt, dass man fast vergisst, dass er sehr präzise erklärt, warum Sicherheit manchmal als Voraussetzung für Freiheit verkauft werden muss.

 

Mittlerer Teil des Körpers eines Menschen im Anzug mit Dokumentenmappe unter dem Arm
Da sind sie, die berühmten EDL…: éléments de langage, sorgfältig abgestimmte Formulierungen der politischen Kommunikation (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Die französischen Teilnehmer baten mich vor deutsch-französischen Treffen regelmäßig um solche EDLs, die sie dann wie sprachliche Legosteine benutzten. Die Deutschen hingegen kamen oft mit einer groben Linie: „In diese Richtung sollte das Gespräch gehen.“ Das Ergebnis war bisweilen faszinierend: Die einen wollten diskutieren, die anderen korrekt formulieren. Historiker führen diese Form der rhetorischen Staatskultur übrigens bis auf die absolutistische Monarchie und später auf die napoleonische Verwaltung zurück: Der Staat spricht mit einer Stimme – und möglichst elegant. Die berühmte Kaderschmiede ENA (heute INSP) hat Generationen von Spitzenbeamten darin ausgebildet, Politik nicht nur zu machen, sondern auch sprachlich zu inszenieren.

 

Unter Kontrolle – aber bitte als Kompliment

Ein anderes Mal saß eine deutsche Austauschbeamtin fassungslos neben mir in einer Sitzung. Der französische Direktor sagte: „Je parle sous contrôle de Madame X“ – und nannte ihren Namen. Nach der Sitzung war sie empört: „Nur weil ich Deutsche bin, denken die, ich kontrolliere hier alles!“ Ich musste lachen und gleichzeitig übersetzen – kulturell, nicht sprachlich. Denn je parle sous contrôle de bedeutet keineswegs: „Ich stehe unter ihrer Überwachung.“ Es heißt vielmehr: „Ich spreche vorbehaltlich der Expertise meiner Kollegin; sie kennt das Thema besser.“ Eine Art institutionalisierte Bescheidenheit. Die deutsche Kollegin war verblüfft. Dann also doch ein Kompliment.

 

Stapel mit fünf Ausgaben des Buches "La langue francaise"
Selbst das beste aller Wörterbücher kann in manchen Situationen nicht weiterhelfen. Es braucht Feingefühl – und die Fähigkeit, die kulturellen Bedeutungen hinter den Worten zu verstehen (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Aus eigener Erfahrung und aus den Vorbereitungen für meine Kurse über interkulturelle Zusammenarbeit wusste ich: Solche Missverständnisse entstehen, weil Wörter in politischen Kulturen unterschiedliche soziale Funktionen haben. Der französische Verwaltungsstil ist stark hierarchisch geprägt, aber zugleich von rhetorischer Höflichkeit durchzogen. Man markiert Kompetenz, ohne frontal Autorität zu behaupten. Der deutsche Stil wirkt daneben oft sachorientierter und direkter: Wer zuständig ist, sagt es. Punkt. Der französische Anthropologe Philippe d’Iribarne beschreibt genau diesen Unterschied: In Frankreich spielt die Wahrung sozialer Rollen und sprachlicher Eleganz eine größere Rolle als im eher regel- und aufgabenorientierten deutschen Modell. Vielleicht etwas verallgemeinernd, aber etwas ist dran.

 

Das Land des höflichen Nein

Die schönste Szene spielte sich jedoch in einer gemeinsamen Sitzung zwischen Bundestag und Assemblée nationale ab: Die Deutschen präsentierten engagiert ein neues Projekt und wollten es auf die Tagesordnung setzen. Die Franzosen antworteten höflich: „C’est intéressant, on en parlera.“ Für französische Ohren bedeutete das: „Bitte nicht weiterverfolgen.“ Für deutsche Ohren: „Ausgezeichnete Idee, wir machen weiter.“ Und so schloss die deutsche Delegation zufrieden: „Dann setzen wir das Thema also auf die Tagesordnung für das nächste Treffen.“ Nach dem Meeting wandte sich ein französischer Teilnehmer an mich: „Sehen Sie? So sind die Deutschen. Wir lehnen etwas höflich ab, und sie setzen es trotzdem durch.“ Dabei hatte niemand jemanden überfahren. Es war nur ein klassischer Zusammenstoß zwischen direkter und indirekter Kommunikation. Der amerikanische Kommunikationsforscher Edward T. Hall sprach von high-context- und low-context-Kulturen. Frankreich gehört eher zur ersten Kategorie: Vieles wird implizit vermittelt, zwischen den Zeilen, über Tonfall, Kontext und Beziehung. Deutschland eher zur zweiten: Man sagt, was man meint – und meint, was man sagt. Das Problem beginnt dort, wo beide Seiten glauben, sie seien glasklar gewesen.

 

Schwarz-weißes Foto eines Mannes und einer Frau in Mantel und Hut
Edward T. Hall (1914–2009) prägte mit seinem Konzept der High-Context- und Low-Context-Kulturen die interkulturelle Kommunikationsforschung (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Warum „nicht schlecht“ oft großartig bedeutet

Meine eigentliche Kulturrevolution begann allerdings nicht im Ministerium, sondern am Esstisch. Die französische Sprache besitzt eine erstaunliche Vorliebe für die Negation. Man sagt selten begeistert „Das ist fantastisch!“, sondern eher: „Ce n’est pas mal“; „Ce n’est pas mauvais, hein?“; „Il n’est pas moche“; „Ce n’est pas complètement faux“. Der Deutsche hört Zurückhaltung. Der Franzose hört Nuancen.

Mich faszinierte besonders, dass es im Französischen kein ganz neutrales Alltagsadjektiv für „billig“ gibt wie im Deutschen oder cheap im Englischen. Man sagt meist: „Ce n’est pas cher.“ Also wörtlich: „Es ist nicht teuer.“ Die Negation wird zur Stilform. Vielleicht erklärt das auch die berühmte französische Ambivalenz, die Emmanuel Macron mit seinem oft verspotteten „en même temps“ fast philosophisch veredelt hat. Für deutsche Ohren klingt das manchmal wie Unentschlossenheit. Für viele Franzosen ist es schlicht die Kunst, Komplexität auszuhalten, ohne sofort ein endgültiges Urteil zu fällen. Ein französischer Freund erklärte mir einmal halb im Scherz: „Seit Rousseau ist es bei uns nicht besonders schick, zu optimistisch zu sein.“ Aha!

 

Die Kunst des Zwischen-den-Zeilen-Lesens

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die in keinem Sprachlehrbuch steht: Man kann eine Sprache perfekt beherrschen und trotzdem ihr gesellschaftliches Betriebssystem nicht verstehen. Deutsch und Französisch sind nicht nur zwei Sprachen. Sie sind zwei unterschiedliche Arten, Zustimmung, Kritik, Kompetenz, Hierarchie und Höflichkeit zu organisieren. Der Deutsche vertraut gern auf Klarheit. Der Franzose auf Nuance. Der eine sagt: „Das ist falsch.“ Der andere: „Ce n’est pas vraiment ça…“ Beide meinen manchmal exakt dasselbe. Und vielleicht ist genau das die eigentliche deutsch-französische Freundschaft: die geduldige Bereitschaft, hinter dem Gesagten noch etwas anderes zu suchen. Nicht aus Misstrauen, sondern aus kultureller Neugier. Oder, um es in beiderseitig akzeptabler Form zu sagen:

– Deutsch: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
– Französisch:
La confiance, c’est bien… mais tout dépend du contexte.

PS: Es gibt übrigens auch noch die EDR, éléments de réponse, aber das ist eine andere Geschichte.

 

Der Autor

Frank Gröninger
Copyright: Frank Gröninger

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.

 

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