Frankreich per Rad:
Vom Atlantik zum Mittelmeer

Von den Dünen des Médoc durch Weinberge und Wälder, Flusstäler und mittelalterliche Städte bis ans Mittelmeer: Die geführte Landpartie per Rad verbindet Geschichte mit Geselligkeit, Natur mit Kultur – und entspanntes Radeln mit südfranzösischem Savoir-vivre.
Am Atlantik riecht die Luft nach Salz. Vor Soulac-sur-Mer brandet der Ozean gegen den breiten Sandstrand. Die Gruppe, am Morgen per Bus zur Küste gereist, parkt die Räder an einer kleinen Mauer. Es ist September – und der Strand menschenleer. 22 Grad, informiert eine kleine Tafel in Kreideschrift. Jetzt gibt es kein Halten mehr, keine Angst vor den hohen Wellen, kein Zögern trotz gelber Badeflaggen. Nur einmal kurz eintauchen, das Salz auf der Haut spüren. Und dann: losgestrampelt. Die nassen Haare im Wind, radelt die Gruppe auf der Vélodyssée im Schatten der Dünen nach Süden. Fast 400 Kilometer liegen noch vor ihr.
Ihre Strecke führt vom Atlantik zum Mittelmeer. Sie folgt kleinen Landstraßen, alten Bahntrassen und den Treidelwegen von Flüssen und Kanälen. Zwei Regionen, sechs Départements, touristische Klassiker wie Bordeaux, Saint-Émilion, das Périgord und der Quercy, die Täler von Dordogne, Lot, Vézère und Aude sowie den Canal du Midi, romanische Kirchen, prähistorische Höhlen, wehrhafte Festungen, mittelalterliche Orte und immer wieder Weinberge – all dies berührt die große Traverse auf zwei Rädern. Neun Tage dauert die Landpartie, sieben Tage wird geradelt. Ein Begleitbus transportiert das Gepäck und nimmt die E-Bikes huckepack auf dem Hänger. Mehrere Transfers, allesamt kürzer als zwei Stunden, sorgen dafür, dass die Durchquerung innerhalb der geplanten Zeit gelingt.
Zwischen Atlantik und Gironde
Gestartet wird stets in Bordeaux, geradelt immer von West nach Ost – und nie umgekehrt. Wie ein Halbmond schmiegt sich die Hauptstadt von Nouvelle-Aquitaine an die Garonne. Saint-Michel, der Uhrturm Grosse Cloche, der Börsenplatz und der Miroir d’Eau liegen auf dem Weg zum Restaurant, in dem die Tische rotweiß eingedeckt sind und Weinkisten die Wände schmücken. Abends noch ein wenig flanieren und morgens im Bus während der Fahrt zur Pointe de Grave noch ein wenig schlafen…

Am hohen Himmel ballen sich die Wolken. Doch da taucht die Gruppe auch schon in den Kiefernwald ein, den Napoleon III. im 19. Jahrhundert gegen den Sandflug pflanzen ließ. Dann lösen Wiesen und Marschen den Wald ab, und Schilf verdeckt den Blick auf den Port Saint-Vivien. In einem der Boote schneiden zwei Fischer Sepia und spießen ihn auf Haken – der bewährte Köder beim Angeln auf Adlerfisch in der Gironde-Mündung. Dann reckt sich der Phare de Richard aus den mattes du Médoc auf, den Poldern, durch Entwässern der Gironde abgerungen. Ein Deich schützt das Land vor ihren Fluten. Auf seiner Krone stehen carrelets, Fischerhütten auf Stelzen mit großen, quadratischen Netzen.
Das Weinland von Bordeaux
Früher war der Médoc ein Sumpf voller Mücken. Heute wächst hier Wein von Weltruf. Wie gut er ist, zeigt eine Weinprobe im Château Maucaillou. Im Keller stapeln sich die Barriques, auf dem Verkostungstresen leuchtet tiefrot ein Moulis von 2014, komponiert aus Cabernet Sauvignon und Merlot und abgerundet mit Petit Verdot. Intensiv füllen die Aromen schwarzer Früchte und feine, würzige Noten den Gaumen – und klingen noch während der Busfahrt nach Saint-Émilion nach. Völlig durchlöchert ist sein Kalksteinplateau, mit Stollen und Kellern, in denen der Merlot reift. Und einer riesigen unterirdischen Kirche, der Église monolithe.

Nach den Weinbergen von Saint-Émilion übernimmt die Dordogne. „Frankreich mag eines Tages nicht mehr existieren, aber die Dordogne wird weiterleben, so wie Träume weiterleben und die Seelen der Menschen nähren“, schrieb Henry Miller 1940 über diesen Fluss, an dessen Ufern Busbegleiter Adolfo das Mittagspicknick vorbereitet hat. Das Picknick ist Teil des Reiseprinzips. Der Mittagstisch folgt der Landschaft und wartet dort, wo Frankreich besonders idyllisch ist. Zum täglichen Rhythmus gehört stets auch eine Kaffeepause in beschaulichen Orten wie Sainte-Foy-la-Grande, einer Bastide mit imposanter Markthalle und Flusshafen, aus dem einst der Wein via Libourne bis zu den britischen Inseln verschifft wurde. Bergerac lebt bis heute vom Wein. Und von der Virginia Blond, die hier wieder auf den Feldern wächst und in alten, hölzernen Tabakspeichern trocknet.
Auf und ab im Périgord
Dann wird das Gelände hügeliger. Das Périgord Noir beginnt. Eichen und Esskastanien säumen die Straßen. Die Anstiege ziehen sich, werden länger und steiler. Mit dem E-Bike jedoch verlieren Höhenmeter und Gegenwind ihren Schrecken – und jede bezwungene Kuppe bedeutet endlose Abfahrten. Kilometer um Kilometer saust die Gruppe bergab, ohne Treten, den Wind in den Haaren. 50 km/h zeigt das Display am Lenker.

Hier lässt es sich gut leben, wusste nicht nur Martin Walker, der sich 1998 in Le Bugue niederließ, wo seitdem ein Detektiv Bruno ermittelt, sondern auch der Cro-Magnon-Mensch. Vor 30.000 Jahren lebte er im Tal der Vézère – und wurde 1868 in Les Eyzies ausgebuddelt. Staunend blickt die Gruppe im Musée national de Préhistoire auf sein Skelett. Und auf den Schmuck, den Steinzeitmenschen hier in Rentier-Horn schnitzten: ein Bison mit gedrehtem Kopf, der sich leckt – voller Leben und täuschend echt.
Sarlat – Geschichtsbuch in Stein
Wie ein steinernes Geschichtsbuch wirkt Sarlat: Türme und Tore, Gassen und Plätze erzählen von Mittelalter und Renaissance. Dass dieses „Rothenburg des Périgord“ so geschlossen wirkt, verdankt es Frankreichs Denkmalpolitik. Die Stadt war die erste in Frankreich, die das Malraux-Gesetz zur Sanierung historischer Stadtkerne konsequent umsetzte und von 1964 bis 1974 auf elf Hektar 66 Gebäude restaurierte.

Der einstigen Église Sainte-Marie hat Jean Nouvel ein riesiges schwarzes Stahltor beschert und den Gebetsraum in ein irdisches Paradies verwandelt, gefüllt mit Stopfleber und Entenschlegeln, würzigen Würsten mit wilden Kräutern und dem Besten von der Walnuss des Périgord: Öl, Aufstrich oder Kuchen?
Hinter Sarlat wurde die einstige Bahntrasse nach Aillac in eine autofreie voie verte verwandelt, grün und mystisch. Dann leitet der Radweg nach Carlux, wo Robert Doisneau 1939 seine Frau und drei Freunde fotografierte. Eine Ausstellung im einstigen Bahnhof ehrt den Fotografen, der mit seiner Pariser Kuss-Szene Le Baiser de l’Hôtel de Ville weltberühmt wurde – und hier im Périgord das bäuerliche Leben in zahlreichen Schwarzweißfotografien festgehalten hat. Wenige Kilometer weiter endet die Region Nouvelle-Aquitaine. „Ici, on est bien. Ici, on vit bien“, informiert an der D 703 in weißer Schrift auf blauem Grund stolz ein Schild: Im Département Lot lässt es sich gut leben. Sonnengelb leuchtet dahinter das Kreuz des Languedoc auf rotem Grund: Bienvenue en Occitanie.
Der Teufelsbau von Cahors
In einer engen Schleife umarmt der Lot seine Hauptstadt: Cahors. Wehrhaft spannt sich der Pont Valentré über seine dunklen Fluten. 70 Jahre dauerte sein Bau – und gelang nur, weil der verzweifelte Baumeister einen Pakt mit dem Teufel einging, der ihm geschworen hatte, jeden Befehl beim Preis seiner Seele auszuführen. Um sein Heil zu retten, trickste der Baumeister den Teufel jedoch kurz vor der Fertigstellung aus und befahl ihm, Wasser in einem Sieb zu holen. Der Teufel versagte, verlor die Wette und rächte sich, indem er den letzten Schlussstein des mittleren Turms herausbrach. Jahrhundertelang fiel jeder neue Stein sofort wieder herab – bis man 1879 eine kleine Teufelsfigur in die Lücke meißelte, die seitdem den zweiten Turm ziert.

Hinter Cahors hat sich der Lot in vielen Schleifen in den Kalk des Quercy gefräst. Am linken Ufer klebt Saint-Cirq-Lapopie mit steilen Gassen, goldgelben Häusern, kantiger Pfarrkirche und Ruinen der Burg 80 Meter hoch am Hang. 1950 hat hier André Breton ein altes Flößerhaus gekauft und seine letzten 15 Sommer verbracht. Une rose impossible dans la nuit nannte der Surrealist seinen Rückzugsort im Süden, der heute als eines der schönsten Dörfer der Plus Beaux Villages de France gilt.
La ville rose
Szenenwechsel: 90 Minuten Busfahrt gen Süden. An diesem Abend speist die Gruppe im Herzen von Toulouse in einer Brasserie an der Place Wilson, lebhaft und laut wie ein Rugbyspiel des Stade Toulousain. Und das Stimmengewirr der Markthalle Victor Hugo, ebenso ein Pflichtstopp des Stadtspaziergangs wie die Ufer der Garonne, die Basilika Saint-Sernin als Startpunkt des Via Tolosana-Jakobswegs und die Place du Capitole mit dem bronzenen Kreuz des Languedoc in ihrem Pflaster.

Und genau hier, in der ville rose mit ihren Backsteinbauten, die im Licht der Sonne tiefrot glühen, beginnt der Canal du Midi, Lebensader Okzitaniens, Weltkulturerbe und wahr gewordener Traum einer schiffbaren Verbindung vom Atlantik zum Mittelmeer, ersonnen von Pierre-Paul Riquet, Baron de Bonrepos – und fertiggestellt von seinem Sohn. Mit 63 Schleusen und Tausenden Platanen, die hier noch wie einst die Treidelwege säumen. Mit Wasser versorgt wurde der Kanal über ein ausgeklügeltes Netzwerk von Speichern und rigoles genannten Zuläufen, die vom Bassin de Saint-Ferréol das Wasser der Montagne Noire zum Seuil de Naurouze brachten, Scheitelpunkt der Strecke und Wasserscheide zwischen Atlantik und Mittelmeer.
La grande bleue à portée de roues
Die Räder verladen und per Bus nach Carcassonne, wo hinter dem doppelten Mauerring der Cité der touristische Trubel pulsiert – doch selbst dieser Ansturm nimmt dem Welterbe nichts von seinem Charme. Angelegt an den Grand Puits, den großen Brunnen, singt ein Barde aus Spanien Lieder seiner Heimat, und Münzen klimpern in seiner Kappe. Schon 1885 schwärmte der amerikanische Schriftsteller Henry James, Carcassonne sei bewegend, und der Reisende müsse zugeben, es könne kaum etwas Besseres geben. Oder vielleicht doch? Die mediterranen Rebgärten des Minervois, deren Weine im Hausboot-Hafen Homps die Maison des Vins mit 1.000 Weinen von 140 Winzern der Appellationen Minervois, La Livinière und Muscat de Saint-Jean-de-Minervois vorstellt. Oder Le Somail, einer der schönsten Orte am Canal du Midi, wo grün lackiert die péniche Tamata vertäut ist, der einzige schwimmende Kaufmannsladen am Kanal, während ein alter Weinkeller nebenan 50.000 antiquarische Bücher stapelt, vom 17. Jahrhundert bis zu heutigen Comics.

Narbonne, Hauptstadt der antiken Provinz Gallia Narbonensis, lag in römischer Zeit noch am Meer. Doch als die Aude nach einer großen Flut im 14. Jahrhundert ihren Lauf veränderte, übernahm der Canal de la Robine den Frachtverkehr. Er führt zwölf Kilometer weiter gen Osten, durchquert den regionalen Naturpark Narbonnaise en Méditerranée mit seinen brackig-salzigen Seen, wo Silberreiher reglos im Schilf stehen – und Flamingos, still und zartrosa –, und endet in einer salzig glitzernden Lagune, aus der sich das alte Gruissan wie eine Insel erhebt und 1330 hochbeinige Chalets einen weiten Strand begrenzen.
Sektkorken knallen, Sand unter den Füßen, Salz in der Luft. Und la grande bleue vor den Augen: das Mittelmeer.
Hilke Maunder reiste auf Einladung von Die Landpartie, vermittelt von primo PR.
Die Autorin

Hilke Maunder, 1961 in Hamburg geboren, kam nach ihrem Anglistikstudium und Volontariat 1989 als Redakteurin zu den Lübecker Nachrichten in Mecklenburg, ging als Korrespondentin nach China, Vietnam, ins Baltikum und nach Australien und berichtet seit 2010 aus Frankreich. 2014 wurde sie für ihre Arbeit und ihren Blog „Mein Frankreich“ mit der Médaille de Tourisme ausgezeichnet, 2023 mit dem Gutedelpreis. Per Rad ist Hilke Maunder schon auf der Vélidéale im Limousin unterwegs gewesen – und auf der ViaRhôna vom Genfer See zum Mittelmeer geradelt.
