Religion:
Frankreichs katholisches Comeback?

Mehr Taufen, Zehntausende auf Wallfahrt, ein populärer Papst: Kehrt Frankreich zum Katholizismus zurück? Bibelwissenschaftler Thomas Römer über Glauben, Nostalgie und die Grenzen des vermeintlichen Revivals.
Andreas Noll: Herr Römer, in diesem Jahr haben sich in Frankreich deutlich mehr Erwachsene taufen lassen, Zehntausende junge Menschen pilgern nach Chartres, und nun kommt Papst Leo XIV. nach Frankreich. Erlebt der Katholizismus in Frankreich eine Renaissance?
Thomas Römer: Von einer Rekatholisierung würde ich nicht sprechen. Die vielen Taufen haben natürlich Aufmerksamkeit erregt. Aber die religiöse Praxis geht weiterhin zurück. Frankreich hat eine besondere Beziehung zur katholischen Kirche – man kennt ja den Ausdruck von Frankreich als der „ältesten Tochter der Kirche“. Aber diese Beziehung ist heute häufig eher kulturell als religiös. Auch die Kirche hat weiterhin große Schwierigkeiten, neue Priester zu finden. Priesterseminare werden zusammengelegt. Deshalb wäre ich mit der These eines religiösen Revivals sehr vorsichtig.
Noll: Aber wenn Zehntausende junge Menschen nach Chartres pilgern und Veranstaltungen mit dem Papst in kürzester Zeit ausgebucht sind – spricht das nicht doch für ein Revival?
Römer: Es gibt in Paris durchaus Kirchen, die sonntags relativ voll sind. Und natürlich zieht ein Papstbesuch viele Menschen an. Aber Céline Dion war auch innerhalb von Sekunden ausverkauft. Man darf ein großes Ereignis nicht automatisch mit einer religiösen Erneuerung verwechseln.

Wenn man die vielen jungen Menschen auf Wallfahrten sieht, kann schnell der Eindruck eines Revivals entstehen. Man müsste aber fragen, was das gemessen an der Gesamtbevölkerung bedeutet. Die Menschen, die zu solchen Veranstaltungen kommen, sind zu einem großen Teil bereits überzeugte Katholiken. Dazu kommen Neugierige. Gerade bei jungen Menschen gehört die Suche nach Sinn dazu. Gesamtgesellschaftlich bleibt das aber ein eher marginales Phänomen.
Noll: Der Erzbischof von Marseille, Kardinal Jean-Marc Aveline, hat davon gesprochen, dass sich der Papst dafür interessiert, wie sich der Glaube in „erschöpften Gesellschaften“ regeneriert. Ist Frankreich eine erschöpfte Gesellschaft?
Römer: Ich würde sagen, ganz Europa ist in gewisser Weise erschöpft. Die politische Situation ist kompliziert, die Menschen hören wieder von Sparmaßnahmen, die Benzinpreise sind ein Thema, ebenso die Renten. Viele wissen am Ende des Monats nicht, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Die Situation ist schon etwas deprimiert. Ob daraus aber eine Hinwendung zur Spiritualität folgt, ist eine andere Frage. Ich habe den Eindruck, dass es den Menschen zunächst um ihre ganz konkrete, auch materielle Lebensqualität geht.
Noll: Könnte die katholische Kirche von dieser Sinnsuche trotzdem profitieren?
Römer: Die Kirche profitiert zurzeit sicher von ihrem Papst. Er ist in Frankreich relativ populär und wird sehr positiv wahrgenommen. Aber das heißt nicht automatisch, dass die Menschen deshalb stärker den Lehren der Kirche folgen. Ich habe beispielsweise im französischen Radio einen katholischen Arzt gehört, der sagte, dass er in der Frage der Sterbehilfe nicht unbedingt auf den Papst hören würde. Das halte ich für ziemlich typisch. Es gibt Menschen, die sagen: Ich bin katholisch. Aber das bedeutet nicht, dass sie sich an Enzykliken oder kirchlichen Dokumenten orientieren. Der Katholizismus gehört für sie eher zu einer Familien- oder Sinntradition.
Noll: Also eine Art Kulturkatholizismus?
Römer: Ja. Menschen fühlen sich der katholischen Kirche verbunden, ohne regelmäßig sonntags in die Messe zu gehen. Das kann man durchaus mit Deutschland vergleichen, auch wenn die religiöse Situation in Frankreich anders ist.
Noll: Gleichzeitig wird auf der politischen Rechten wieder stärker ein katholisch geprägtes Frankreich beschworen. Was hat das mit Religion zu tun?
Römer: Da geht es häufig um ein fantasiertes katholisches Frankreich, um eine Rückkehr in die 1950er-Jahre, als angeblich alles geordnet war: Der Priester im Dorf sagt, was richtig ist, die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder, der Mann geht arbeiten, und sonntags sitzt die Familie nach dem Kirchgang gemeinsam am Tisch.

Das ist ein nostalgisches Gesellschaftsbild, das mit Katholizismus vermischt wird. Es geht um eine Vergangenheit, die es in dieser Form vielleicht gar nicht gegeben hat. Diese Vorstellung spricht bestimmte Menschen an. Aber ich glaube nicht, dass sie der katholischen Kirche als Institution besonders zugutekommt.
Noll: Und wie verhält sich die Amtskirche dazu?
Römer: Die Amtskirche reagiert darauf eher etwas geniert. Natürlich gibt es innerhalb der Kirche unterschiedliche Strömungen. Eine Minderheit betont wieder stärker die katholische Identität. Man sieht beispielsweise wieder mehr junge Priester mit römischem Kragen oder schwarzer Soutane. Das war lange weniger üblich. Die meisten Bischöfe sind aber eher liberal und wollen mit der Gesellschaft arbeiten. Es gibt auch viele engagierte Katholiken, die sich für Minderheiten und Arme einsetzen. Gleichzeitig ist der Kirche bewusst, dass es keine Rückkehr zu einem triumphierenden Katholizismus geben wird, in dem 80 oder 90 Prozent der Franzosen praktizierende Katholiken sind.
Noll: Welche gesellschaftliche Macht besitzt die katholische Kirche überhaupt noch?
Römer: Natürlich meldet sie sich zu ethischen Fragen zu Wort. Bei der Debatte über die Sterbehilfe gab es Politiker, die ihre Haltung auch mit katholischen Überzeugungen begründet haben. Da kamen Argumente zum Schutz des Lebens vor, die man als christlich bezeichnen kann. Aber die Kirche ist deshalb kein Machtfaktor. Sie hat ihre Position vertreten, ohne meines Erachtens massiv politischen Einfluss auszuüben. Auch bei Wahlen wären sehr deutliche Stellungnahmen der Kirche, wie man sie aus anderen Ländern kennt, in Frankreich schwer vorstellbar.
Noll: Auch katholische Privatschulen sind sehr gefragt. Ist das nicht ein Indiz für eine Rückkehr des Katholischen?
Römer: Nicht unbedingt. Diese Schulen sind schon lange beliebt. Viele Eltern schicken ihre Kinder dorthin, weil sie sich eine gute Ausbildung und mehr Disziplin versprechen. Ich kenne auch Kollegen und Kolleginnen, die ihre Kinder auf katholische Privatschulen geschickt haben, ohne selbst katholisch zu sein.

Unterricht über Religion oder Lebensfragen ist dort heute zudem häufig freiwillig. Die Schulen helfen der Kirche natürlich, gesellschaftlicher Akteur zu bleiben. Aber daraus folgt nicht, dass die Schülerinnen und Schüler anschließend überzeugte Katholiken werden.
Noll: Frankreich gilt als das Land der Laïcité. In Deutschland versteht man darunter häufig: Religion soll möglichst aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Ist das ein Missverständnis?
Römer: Zum Teil. Die Laïcité war ursprünglich durchaus auch gegen die Macht der katholischen Kirche gerichtet. Es ging darum, dass die katholische Kirche die Gesellschaft nicht regieren kann und darf. Das Grundprinzip lautet aber vor allem: Der Staat mischt sich nicht in religiöse Angelegenheiten ein und unterstützt keine Religion. Gleichzeitig garantiert er die freie Religionsausübung. Religion wird in Frankreich allerdings sehr viel stärker als Privatsache verstanden als in Deutschland. Dass man etwa beim Einwohnermeldeamt seine Religion angibt, wäre hier völlig undenkbar.
Noll: Ist es ein Problem, dass dadurch auch das Wissen über Religion verloren geht?
Römer: Ja, das halte ich für ein Problem. Einerseits wird alles, was mit Religion zusammenhängt, im staatlichen Bereich weitgehend tabuisiert. Andererseits kann man Religion natürlich nicht völlig ausblenden. Die Schule muss den Kindern auch etwas über die Anfänge und die Geschichte des Christentums vermitteln, gerade über die katholische Religion, die Frankreich stark geprägt hat. Darin liegt ein gewisser Widerspruch: Man sagt einerseits, über Religion spricht man nicht, muss andererseits aber religiöses Wissen vermitteln. Mit diesem Problem beschäftigt sich Frankreich schon lange.
Noll: Ganz konsequent ist die Trennung ohnehin nicht. Der Staat unterhält historische Kirchen, Privatschulen werden subventioniert. Und in Elsass und Moselle gilt das Trennungsgesetz von 1905 gar nicht.
Römer: Genau. Dort gilt das Konkordat weiter. In Straßburg gibt es beispielsweise staatlich finanzierte katholische und protestantische theologische Fakultäten. Viele Franzosen wissen gar nicht, dass es diese Sonderregelung gibt.

Für Deutsche ist sie leichter zu verstehen, weil sie eher dem deutschen Modell der Zusammenarbeit von Staat und Kirche ähnelt. Interessant ist aber: Auch dort geht die religiöse Praxis zurück. Es gibt dort nicht wesentlich mehr praktizierende Katholiken als im übrigen Frankreich.
Noll: Der Papst beendet seine Reise ausgerechnet in Metz. Warum ist dieser Ort so symbolträchtig?
Römer: Metz ist für die europäische Geschichte eine wichtige Stadt und zugleich ein Ort, an dem das Verhältnis von Kirche und Staat anders organisiert ist als im übrigen Frankreich. Das zeigt auch, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, wie Staat und Kirche miteinander umgehen können. Ob diese Überlegungen tatsächlich hinter der Entscheidung für Metz standen, weiß ich nicht. Aber die Stadt hat natürlich eine besondere symbolische Bedeutung für die europäische Geschichte.
Noll: Die neue Aufmerksamkeit für den Katholizismus findet gleichzeitig vor dem Hintergrund der schweren Missbrauchsskandale statt. Wie stark haben sie die moralische Autorität der Kirche beschädigt?
Römer: Sehr stark. Die Kirche hat nach einigem Zögern begonnen, die Fälle aufzuarbeiten, aber der Schaden ist nicht vorbei. Auch das Bild des Priesters hat sich dadurch in der Gesellschaft stark verändert. Besonders schwerwiegend war in Frankreich der Fall Abbé Pierre.

Er war eine Art Idol und galt als Symbol für soziales Engagement. Als die Vorwürfe gegen ihn bekannt wurden, wurde mit diesem Kult sehr radikal gebrochen. Ich habe aber den Eindruck, dass auf der Führungsebene der französischen Kirche inzwischen der Wille vorhanden ist, solche Fälle aufzuarbeiten und nicht einfach einen beschuldigten Priester an einen anderen Ort zu versetzen.
Noll: Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit der Bibel und haben sich selbst als Agnostiker und „ewigen Zweifler“ beschrieben. Kann man sein Leben lang nach Gott forschen, ohne zu wissen, ob es ihn gibt?
Römer: Natürlich. Man muss sich für die Frage interessieren – und für die Texte, die als Heilige Schrift gelten. Sonst wäre es schwierig, sein wissenschaftliches Leben damit zu verbringen. Aber Glaube kann sich aufbauen, wieder verloren gehen und neu entstehen. Deshalb bin ich skeptisch, wenn Menschen vorschnell eingeteilt werden: Der glaubt, der glaubt nicht, der ist ein guter Christ und der andere nicht. Vielleicht ist genau das auch etwas, was die Kirche lernen kann: Menschen nicht von vornherein einzuordnen und zu sagen: Wenn du nicht glaubst, brauchst du gar nicht erst zu uns zu kommen. Am Collège de France erlebe ich viele Menschen, die einfach verstehen wollen, was in der Bibel steht. Manche sagen mir, sie hätten einen schrecklichen Katechismusunterricht gehabt und wollten es nun einmal anders hören. Andere sagen: Ich habe überhaupt keine Ahnung, was in dieser Bibel steht. Sie kommen also aus ganz unterschiedlichen Gründen – aber sie kommen, weil sie etwas verstehen wollen und weil sie suchen.
Noll: Herr Römer, vielen Dank für das Gespräch.
Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung des Franko-viel-Podcasts #112 – Papst Leo XIV. zu Besuch – Wird Frankreich katholischer? – Franko-viel – Der Frankreich-Podcast vom 23. September 2026.
Unser Gast

Thomas Römer ist ein deutsch-schweizerischer Bibelwissenschaftler. Seit 2007 lehrt er am Collège de France in Paris, wo er den Lehrstuhl „Milieux bibliques“ innehat. Seit 2019 ist er zudem Administrator des Collège de France. Zuvor war er Professor für Hebräische Bibel an der Universität Lausanne. Römer forscht vor allem zur Entstehung der Hebräischen Bibel und zur Religionsgeschichte des antiken Israel.
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